Fatales Signal

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Der Frauenfußball hat beim Hamburger SV Tradition, die Abteilung existiert seit mehr als 40 Jahren, in den vergangenen neun Jahren spielten die Hanseatinnen ohne Unterbrechung in der Ersten Liga, 2010/11 schafft das Team als Vierter gar die beste Platzierung aller Zeiten. Doch nur ein Jahr später liegt der Frauenfußball in der Hansestadt in Scherben.

Für die kommende Saison 2012/13 hat der Verein seine Bewerbung für die Erste und Zweite Liga zurückgezogen. Nach „Abwägung der wirtschaftlichen Möglichkeiten“ sei man zu dem Entschluss gekommen, die Bewerbung „aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen“ zurückgeben zu müssen, hieß es seitens des HSV. Denn die Frauen-Abteilung hatte einen Mini-Anteil daran, dass in der vergangenen Saison ein Minus von fünf Millionen Euro erwirtschaftet wurde.

Vereinshoheit
Die Entscheidung, innerhalb eines Vereins Schwerpunkte zu setzen, gilt es grundsätzlich zu respektieren. Es obliegt der Einschätzung der Entscheidungsträger, die finanziellen Mittel im Gesamtverein auf den Männerfußball zu konzentrieren. In Wolfsburg geht man einen anderen Weg, dort erachtet man den Frauenfußball, obwohl er ebenfalls keinen Gewinn abwirft, als sinnvolle Ergänzung und hat sich gerade erstmals für die Champions League qualifiziert. In München ist das Budget der Frauenfußball-Abteilung zwar nicht üppig, aber immerhin doch so ordentlich, dass der DFB-Pokalsieg heraussprang.

Scheinheilige Begründung
Die Erklärung des HSV-Vorstandsvorsitzenden Carl Jarchow, es sei „keine Entscheidung gegen den Frauenfußball im HSV“ ist jedoch unsinnig und scheinheilig. Denn ginge es wirklich alleine darum, „nach zwei defizitären Geschäftsjahren im kommenden Geschäftsjahr mit einem ausgeglichenen Haushalt abzuschließen“, müsste man den Rotstift wohl nicht beim Frauenfußball und seinen einigen Hunderttausend Euro Jahresbudget ansetzen, sondern erneut beim hochbezahlten Profikader.

Der Lizenzspieleretat liegt bei rund 35 Millionen Euro, allein der neu verpflichtete Torhüter René Adler wird rund 2,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen, ein Vielfaches der Summe, die der HSV jährlich in den Frauenfußball investiert hat. Und man würde sich kaum den Luxus leisten, zur Feier des 125-jährigen Bestehens des Vereins am 29. Juli ein Spiel gegen den FC Barcelona in der Hamburger Arena auch nur in Erwägung zu ziehen – für eine Antrittsgage der Katalanen von rund einer Million Euro.

Frauenfußball - Banner beim HSV-Spiel
Fans bekunden ihren Unmut über die HSV-Pläne © Joachim Deetz / girlsplay.de

Frauenfußball auf dem Abstellgleis
Mit etwas gutem Willen wäre der Spielbetrieb der Frauen sicherlich aufrechtzuerhalten gewesen, das finanzielle Defizit lieferte jedoch einen guten Vorwand, das Bundesligateam einzustampfen. Bereits mit dem Abschied von Vorstandsmitglied und Ex-Torhüterin Katja Kraus im März 2011 hat der Frauenfußball beim HSV die Rückendeckung verloren.

Die Abmeldung der Zweiten Mannschaft war vor der Saison bereits ein Fingerzeig, wohin der Weg führen würde. Sich als Gesamtverein gegen den Frauenfußball zu entscheiden ist eine Sache, die Öffentlichkeit aber für dumm verkaufen zu wollen eine andere, mit der man sich im Verein Sympathien verscherzt hat.

Signalwirkung
Für den Frauenfußball in Hamburg bleibt zu hoffen, dass die schwierige Suche nach einem Sponsor doch noch von Erfolg gekrönt sein wird, so dass ein Neustart auf eigenen Beinen etwa als 1. FFC Hamburg möglich ist. Verdient hätten es sich die Spielerinnen und alle Beteiligten im Umfeld allemal, von deren Herzblut sich mancher HSV-Profi eine Scheibe abschneiden könnte.

Die Entscheidung ist aber auch ein fatales Signal für den Breitensport und die mehr als 30 anderen HSV-Abteilungen von Badminton bis Volleyball, die sich nicht mehr sicher sein können, nicht auch irgendwann einmal auf dem Altar des Profifußballs geopfert zu werden.

Mein Leben als Hope Solo
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SheldonUlfSpeedy75FeeZaunreiter Neueste Kommentartoren
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SGS
SGS

Sehr guter Artikel!

100% agree!

Ruhrschnellweg
Ruhrschnellweg

Sehr guter Artikel, der zurecht auf die Gestaltungshoheit hinweist, aber die – gelinde – schräge Argumentation hinweist, die auch keine gute Kunde für andere Abteilungen des HSV bedeutet.

Es kann sein, dass der FF hierzulande eine schwierige Zeit vor sich hat. Nicht zuletzt die CL hat gezeigt, dass andere taktisch und technisch mindestens aufgeschlossen haben und die athletische Überlegenheit ist auch weg. Man hat darüber hinaus bei der WM mehr als nur Titel und Olympia-Quali vergeigt…

intersoccer
intersoccer

Treffender Kommentar. Die Scheinheiligkeit der Erklärungen des Vorstands lässt wirklich Wut in mir hochkochen. Ich hoffe sehr, dass sich für den Hamburger FF eine Perspektive finden lässt, ohne Abhängigkeit von Vorständen, die den Breitensport für das Profitum ab die Wand fahren.

speedcell
speedcell

schöner artikel, der vielleicht mal ein HSV vorstandsmitglied liest und mal anfängt nachzudenken was sie da eigentlich angerichtet haben. ich denke dabei vor allem an die spielerinnen, die vor (wich,bagehorn) und während (yaren) der saison geholt wurden. sie haben wahrscheinlich schon ihr leben auf hamburg ausgerichtet und müssen sich gezwungener massen neu orientieren. nur gut,dass es verein wie jena gibt,die fussball und studieren verbinden und eine gute anlaufstelle sein könnten.

Chefchen
Chefchen

passt doch irgendwie zum HSV. Trends verschlafen und hinterher jammern das nix funktioniert. Die Mädels tun mir leid aber Qualität findet auch andere Vereine

ballander
ballander

wo bleibt die stimme von steffi jones?

hopkins
hopkins

Stimmt. Diese Arroganz und Scheinheiligkeit ist die Krönung. Wie immer: Erst bei den anderen sparen bevor man an sich selbst spart. Glanzleistung Vorstand HSV! Ob dieses eingesparte Geld dafür ausreicht einen neuen „überbezahlten Abzocker“ zu finanzieren????

Sheldon
Sheldon

Auch hier nochmal: Der letzte Abschnitt trifft es eigentlich sehr gut. Hamburg sollte erst einmal beweisen, dass sie fähig sind, sich selbst über Wasser zu halten und nicht immer nur am Tropf des Hauptvereins hängen. Andererseits sehe ich diesen Artikel als sehr subjektiv aus der Sicht des Frauenfußballs. Statt zu meckern, dass der Männerfußball den Frauenfußball nicht länger subventionieren will, sollte man jetzt mal darüber nachdenken, wie man den Frauenfußball langfristig finanziell unabhängig machen kann. Der HSV geht für mich nur einen konsequenten Schritt. Frauenfußball ist ein teures Hobby, wenn man sich anschaut, wieviel Geld Wolfsburg oder Frankfurt für minimalen… Weiterlesen »

ballander
ballander

@ sheldon:

„Denn man muss auch bedenken: Kein Titel, beste Platzierung Platz 4 in der Bundesliga, kein Pokalfinale, da ist es doch klar, dass der FF eine untergeordnete Rolle einnimmt.“

dieser logik folgend: hsv männer kein titel, aktuell platz 14 in der ersten liga, kein pokalfinale. die männer können den frauen nicht mal das wasser reichen!

Nicole Kriebel
Nicole Kriebel

„Warum müssen die Frauen dafür bluten weil die Männer nix auf die Reihe kriegen???? Die einen bauen Mist und die anderen müssen dafür ihren Kopf hinhalten?!? Ist doch voll fürn Arsch!!!! Gefällt mir mal sowas von gar nicht!!!!“

Sheldon
Sheldon

Nur noch ein Nachsatz in Sachen Wirtschaftslehre: Hamburg versucht jetzt, seine ganzen finanziellen Reserven auf den Profifußball zu konzentrieren. Aus einem Grund: Mit einer erfolgreichen Saison im Profifußball könnte Hamburg all seine finanziellen Sorgen los sein. Das kann der Frauenfußball nicht. Frauenfußball würde immer ein verlustreiches Geschäft für den HSV bleiben, da das, was hier hinein investiert würde, niemals zurückgezahlt werden könnte. Im Männerfußball reicht dazu schon die einmalige Qualifikation für die Europa League und man wäre finanziell wieder in den schwarzen Zahlen. Das sollte man auch mal bedenken, bevor man hier wahllos um sich schlägt, dass nämlich das, was… Weiterlesen »

Sheldon
Sheldon

@ballander: Das ist nicht die Bilanz dieser Saison, sondern die Bilanz aller Spielzeiten zusammengerechnet! Der HSV stand noch vor ein paar Jahren im Halbfinale der Europa League!

slartie
slartie

Der ewige Fluch von einem Herren-Profiverein abhängig zu sein. Das gleiche Schicksal kann auch durchaus den Wolfsburgerinnen in Zukunft passieren, oder den Bayern-Frauen. Wenn der Hauptverein keinen Sinn mehr sieht, im FF zu investieren, sieht es für die entsprechenden Abteilungen düster aus. Leider, aber es gibt auch genug Beispiele, wie Frauenfußball auch ohne einen Traditionsverein im Rücken funktionieren kann. Man beachte die SGS oder den SC 07 in der ersten, den HSV Borussia, SiFi und Magdeburg aus Liga 2, die immerhin mit, für sie bescheidenen Mitteln, doch einige Erfolge erzielen können und dabei nicht vor der drohenden Insolvenz stehen. Vielleicht… Weiterlesen »

intersoccer
intersoccer

Danke ballander, du hast die (wie ich finde) oft widersprüchlichen Argumente von sheldon super sichtbar gemacht! 😉
Ich kann zwar nachvollziehen, dass eine Vereinssparte sich langfristig selbst tragen muss. Aber es geht doch bei unserer Empörung vorallem auch darum, wie der Rückzug vonstatten gegangen ist. Die Spielerinnen, Fans und engagierten Ehrenamtlichen im Verein nicht mal vor dem letzten Heimspiel zu informieren und die Möglichkeit eines vernünftigen Abschieds zu bieten, ist einfach takt- und respektlos. Aber trotzdem auch danke an sheldon, du hälst die Diskussionen hier immer super am laufen und über manche Ansätze kann man ja manchmal durchaus nachdenken 😉

ballander
ballander

fehlte nur noch, dass jarchow verkündet: „die hsv-frauen sollen sich selbst um eine anschlussverwendung kümmern.“ sein fdp-parteichef rösler hat insoweit in sachen schlecker ja kein blatt vor den mund genommen und seine frauenfeindlichkeit offen zelebriert.

waiiy
waiiy

Von den reinen Zahlen her betrachtet hat Sheldon natürlich nicht Unrecht. Aber es ist eben auch nicht von der Hand zu weisen, dass eben Sportarten wie Leichtathletik, Volleyball, Tischtennis und Frauenfußball nicht so viel kosten wie der Männerfußball. Dafür haben sie eben auch nicht die Einnahmen. Wie es vom Imageschaden her aussieht, kann man schlecht beurteilen, da ja eben auch nicht ein so hoher Werbeeffekt von diesem Team ausgegangen ist, wenn man die Zuschauerzahlen betrachtet. Sollte beispielsweise Wolfsburg nächste Saison durchgehend 5.000 Zuschauer haben, der NDR sich richtig hinter die Live-Übertragungen klemmen und die Mannschaft weit in der CL kommen,… Weiterlesen »

frosti
frosti

Man muss dies – leider – alles realistisch sehen: Es ist und bleibt das Schicksal des Frauenfußballs, dass er eine Randsportart ist und ich sehe auch keinen Weg wie sich die Frauen aus dieser Rolle lösen könnten. Man muss da nur die Bedeutung der Frauenligen in anderen Ballsportarten betrachten. Selbst die Vereine der 1. Bundesliga werden mit echten, aus dem Frauenfußball heraus generierten Einnahmen über Zuschauer,TV-Verwertungsrechte, Werbung, u.ä. niemals einen echten Profibetrieb finanzieren können, bei dem die Spielerinnen so viel verdienen, wie es der Zeitaufwand durch Training, Anreisen zu Spielen, etc. und der Verzicht auf eine ernsthafte Berufsausbildung rechtfertigt. Financial… Weiterlesen »

Schenschtschina Futbolista
Schenschtschina Futbolista

Mir stößt diese eindeutige Contra-Entscheidung absolut sauer auf! Und wenn man bedenkt, dass einige von den HSV-Profis mit ihren Profigehältern ohne weiteres ein eigenes FF-Team finanzieren könnten, wenn denn das Interesse bzw. der Wille dazu da wäre, abgeben hätten sie wenigstens was können! Das trifft übrigens auf die Mehrheit unserer BL-Spitzenverdiener aus allen Vereinen zu! Mir kam sofort in Erinnerung, dass der FC Santos kürzlich seine erfolgreiche FF-Mannschaft ebenfalls in die Wüste geschickt hatte, um den Jungprofi mit dem Irokesenhaarschnitt namens Neymar halten zu können – seltsame Blüten, die da der Fussball so treibt bzw. seine angeblichen Gönner und Macher!… Weiterlesen »

Fuxi
Fuxi

@Sheldon Betrachte es im Gesamtzusammenhang. Denn mit dem Frauenfußball auf Bundesligaebene verliert der HSV auch innerhalb des Verbandes an Bedeutung, schließlich stellen sie nächste Saison nur noch drei U-Nationalspieler – alle A-Herren und Frauen (drei davon spielen Donnerstag mit der U23 gegen Schweden…) sind dann raus. Diese Bedeutung wird beispielsweise berücksichtigt, wenn es um die Vergabe von A-Länderspielen geht. Nehmen wir an, beim DFB hätte man erwogen, 2013 wieder ein A-Länderspiel in der Imtech Arena auszutragen (2012 findet dort keines statt). Und nun verzichtet der Verband darauf. Das heißt, der HSV spart 100.000 bis 150.000 Euro ein, verliert dabei aber… Weiterlesen »

kleinschwarz
kleinschwarz

Sauerei! (Mehr kann ich zum Rückzug des HSV aus dem Frauenfussball nicht sagen.)