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2012

Claudio Marcone: „Im Kopf planen wir für die Champions League“

Frauenfußball-Bundesligist FCR 2001 Duisburg muss in der kommenden Saison die hochkarätigen Abgänge von Simone Laudehr, Alexandra Popp und Luisa Wensing verkraften, doch Sportdirektor Claudio Marcone ist im Interview mit Womensoccer überzeugt, dass Duisburg auch in der kommenden Saison eine schlagkräftige Truppe auf die Beine stellen wird.

Womensoccer: Herr Marcone, vor der Saison hat Trainer Marco Ketelaer Platz 4 als Saisonziel ausgegeben, derzeit liegt Ihr Team voll im Soll. Fällt die Zwischenbilanz also positiv aus?

Claudio Marcone: Ich würde sagen, ja. Alles ist zwar noch möglich, aber wir haben es noch in den eigenen Händen, Erster oder Zweiter zu werden. Wir planen im Kopf für die Champions League , aber man muss natürlich auch ehrlich sein und sagen, dass unser Kader sehr schmal ist. Das hat man in Wolfsburg gesehen, wo die Spielerinnen platt waren, und wir zudem noch auf Simone Laudehr verzichten mussten. In der Hinrunde hatten wir noch das Glück, dass die Liste verletzter Spielerinnen praktisch leer war. Aber wenn in der Rückrunde ein oder zwei Spielerinnen ausfallen und der Terminkalender voll ist wie zuletzt, als zahlreiche Spielerinnen zu ihren Nationalmannschaften abgestellt waren, wird es eng.

Womensoccer: Rächen sich jetzt die Abgänge zahlreicher Nachwuchsspielerinnen in den vergangenen Jahren, wie etwa Marina Hegering oder Turid Knaak?

Marcone: Diese Namen könnte man ergänzen um Marith Prießen, Sharon Beck oder Eunice Beckmann . Sie hätten zwar sicherlich Mühe, momentan in der Startelf zu stehen, aber sie wären gute Ergänzungsspielerinnen, wenn sie von der Bank kommen. Dieses Bild widerspiegelt sich auch in unserer zweiten Mannschaft, da muss man für jeden Punkt ein Lob aussprechen, den die Mannschaft erreicht. Da zeigt sich, wie letzten Sommer geplant worden ist; ob man 11, 15 oder 22 erstligataugliche Bundesligaspielerinnen hat. Aber ich schaue nach vorne, die Gegenwart ist wichtig und die Zukunft umso wichtiger, daran arbeiten wir täglich und fokussiert.

Womensoccer: Die Mannschaft wird durch die Abgänge von Simone Laudehr, Alexandra Popp und Luisa Wensing eine Menge an Substanz verlieren. Wie wollen Sie dies kompensieren?

Marcone: Das ist so! Doch ich bin mit sehr guten Spielerinnen in Kontakt, die auch die Qualität unserer Abgänge haben. Aber es ist nicht einfach, sie zu überzeugen, dass der FCR auch nächste Saison hier ein Topteam hinstellen wird. Wenn wir jetzt bereits einen Champions-League-Startplatz sicher hätten, könnten wir natürlich ganz anders vermelden; denn es würde natürlich helfen, sollten wir Erster oder Zweiter werden. Wir sind mit deutschen Auswahlspielerinnen in Kontakt, auch mit Spielerinnen aus dem nahen Ausland oder den USA. Da muss man nicht zwingend eine Nationalspielerin holen; denn aufgrund des Systems in den USA sind die Nationalspielerinnen nicht unbedingt die besseren Spielerinnen. Auf unserer Liste stehen weit über 50 Namen, mit denen ich bereits intensive persönliche Gespräche geführt habe; der FCR ist nicht untätig.

Womensoccer: Ihre Kapitänin Annike Krahn wurde zuletzt mit einem möglichen Wechsel nach Schweden in Verbindung gebracht. Gibt es da bereits eine Tendenz?

Marcone: Es ist noch keine Entscheidung gefallen, aber wir sind uns sehr nahe. Für Annike ist verständlicherweise wichtig, Planungssicherheit zu haben. Sie weiß, mit welchen Spielerinnen wir in Kontakt sind, um ihr zu helfen, eine Entscheidung zu treffen. Mir ist es persönlich auch wichtig, dass wir ehrlich miteinander umgehen. Wenn eine Spielerin Wünsche hat, die wir nicht erfüllen können, müssen wir das auch klar sagen. Aber ich denke positiv, wir kennen ihre berufliche Orientierung für die Zukunft, in welcher wir Annike sehr gerne begleiten möchten, um Sie in unserem Team halten zu wollen.

Womensoccer: Und wie sieht es bei Ali Riley und Rebecca Moros aus, die bei Ihnen mehrere Wochen im Probetraining waren?

Marcone: Beide kennen unser Angebot, deswegen hat Ali auch in Malmö nur einen bis Anfang Juli befristeten Vertrag unterschrieben. Becca ist in den USA und evaluiert mehrere Angebote. Beide würden sehr gerne zu uns kommen, aber es liegt natürlich auch an uns, ihnen die Champions League anbieten zu können. Becca ist eine nicht minder gute Fußballerin als Ali, aber im Vergleich zu Ali eine stille Arbeiterbiene. Becca ist auch eine herausragende Fußballerin, die locker in der US-Nationalmannschaft spielen könnte.

Womensoccer: Es deutet sich also an, dass in Duisburg in der kommenden Saison eine multikulturelle Truppe spielen wird.

Marcone: Für mich sind das einfach die Alternativen. Klar hätte ich am liebsten die deutsche U20-Nationalmannschaft in Duisburg versammelt, welche ab der Saison 2012/13 den anderen drei Topclubs in der Frauen- Bundesliga die Stirn bietet. Aber wenn nicht alle Positionen mit deutschen Spielerinnen besetzt werden können, dann haben wir als Verein kein Problem, ein multikulturelles Element einfließen zu lassen. Wir haben ja heute schon 12 internationale Spielerinnen, etwa aus Japan, den Niederlanden, Portugal oder Italien.

Womensoccer: Im DFB-Pokal -Halbfinale in Frankfurt stand zum ersten Mal Lieke Martens in der Startformation, Rückkehrerin Elena Hauer wurde in der Verlängerung eingewechselt. In der Bundesliga sind beide erst ab dem 1. Juli spielberechtigt. Was ist da schiefgelaufen?

Marcone: Beides sind ähnlich gelagerte Fälle, doch es liegt mir fern schmutzige Wäsche zu waschen; alle Beteiligten kennen die Wahrheit und diese gehört zur Kategorie „Internas“.

Womensoccer: Kann man denn eine sportliche Zielsetzung für die kommende Saison ausgeben, solange man die Zusammenstellung des Kaders nicht kennt?

Marcone: Wir haben in dieser Saison 2011/12 drei große Ziele: Mit der Erstliga-Mannschaft wollen wir uns für die Champions League qualifizieren, mit der zweiten Mannschaft in der 2. Frauen-Bundesliga verbleiben und die U17 in die Juniorinnen-Bundesliga bringen. Entsprechend könnten wir als FCR dann auch weiterhin attraktive Spielerinnen holen oder motivieren zu uns zu kommen, sowohl für die Erste als auch für die zweite Mannschaft. Wir müssen als Club attraktiv sein, denn wir haben nicht das Geld, das in Frankfurt oder Wolfsburg vorhanden ist. Sollten wir uns aber für die Champions League qualifizieren, werden wir nicht nur teilnehmen, sondern auch Ambitionen haben. Da werden wir einen Kader brauchen, der breit genug ist und die Qualität hat. Sollte in Zukunft nur das Geld regieren und die Top-Spielerinnen nicht für den FCR verfügbar sein, hätten wir als Club auch kein Problem damit, mit jungen Talenten zu arbeiten und zur Ausbildungsakademie der Frauen-Bundesliga zu werden, wo sich die Spielerinnen in jungen Jahren (ab 15 aufwärts) zwei, drei oder vier Jahre Ausbildung und Erfahrung in der Bundesliga holen und dann dem „Geld“ folgen. Was jedoch nicht heißen soll, dass eine junge, talentierte FCR-Mannschaft nicht erfolgreich sein kann.