Eli Landsem: “Wir müssen ganz neu anfangen”
In der EM-Qualifikation trifft die norwegische Nationalmannschaft am Samstag auf Bulgarien, am Mittwoch auf Ungarn. Einen erneuten Ausrutscher darf sich das Team nicht leisten, denn mittlerweile ist die EM-Teilnahme in Gefahr. Der Weltmeister von 1995 steckt in der Krise, Nationaltrainerin Eli Landsem spricht gar von einem Neuanfang. Wie der aussieht und wie sie ihre Mannschaft zurück in die Weltspitze führen will, erzählt sie im Gespräch mit Womensoccer .
Die Lage in Ihrer Qualifikationsgruppe ist überraschend schwierig. Wie schätzen Sie sie ein? Wir sind mit unserer Leistung bislang nicht zufrieden. Und die Partie gegen Nordirland (1:3) gehört zu diesen Spielen, von denen du neun aus zehn gewinnst – nur war dies das zehnte. Island zu Beginn war besser als wir. Wir mussten kämpfen, aber haben einen neuen Weg eingeschlagen.
Bei der WM ist Ihre Mannschaft erstmals in der Gruppenphase ausgeschieden, dann die Niederlagen in der EM-Qualifikation. Wie sieht es da mit dem Selbstbewusstsein aus? Das ist natürlich nicht so gut, wie es sein sollte. Aber wir haben auch mit Verletzungen zu kämpfen – vor, während und nach der WM. Und wenn man in Norwegen nicht aus allen Spielerinnen wählen kann, hat man keine Chance.
Reflektieren die Verletzungen nicht in gewisser Weise die Lage der Mannschaft? Ja, und sie reflektieren die Situation des Frauenfußballs in Norwegen. Die Spielerinnen arbeiten oder studieren Vollzeit. Dann rennen sie zum Training und rennen zum nächsten Termin. Ich denke, das ist ein Grund, warum wir so viele Verletzungen haben: die Köpfe sind immer voll. Und wenn man trainiert, aber nur 80 Prozent geben kann, verletzt man sich. Die Spielerinnen sind zu beschäftigt.
Sind die Stipendien, die seit einigen Monaten ausgegeben werden, eine Reaktion darauf? Ja. Um die zu bekommen, müssen die Spielerinnen weniger arbeiten oder ihr Studium verlängern, damit sie mehr Zeit für Fußball haben.
Wie viele Spielerinnen werden derzeit gefördert und nach welchen Kriterien? Die Spielerinnen müssen mir zeigen, dass sie dem Fußball höchste Priorität einräumen. Ich habe sieben Spielerinnen nominiert, die mehrere Tage in der Woche zusammenarbeiten und auch Training vom norwegischen Sportverband ( Anm.: Pendant zum DOSB ) bekommen. Außerdem haben wir regionale Trainingszentren in Oslo, Bergen und Trondheim. So ziehen wir die besten Spielerinnen zwei- oder dreimal wöchentlich zusammen.
Wo genau liegt die Verbesserung im Vergleich zu vorher? Es ist individuelleres Training. Wir testen die Spielerinnen und sehen so, welche Art von Training sie benötigen – egal, ob athletisch, technisch, taktisch oder mental. Vorher war das Training etwas allgemeiner: von allem etwas. Jetzt gehen wir auf jede individuell ein. Außerdem hoffe ich, dass wir bald Videoanalysen im Internet haben, sodass Spielerinnen und Trainer online alle Spiele sehen und die Leistung analysieren können, um stärker auf jede einzelne Spielerin eingehen zu können.
Ist die Zahl der Stipendien beschränkt? Ja, vom Norwegischen Sportverband und dem Fußballverband bekommen haben wir insgesamt 15 zur Verfügung. Ich kann also noch weitere acht ausgeben, aber es auch stoppen, wenn die Spielerinnen die Anforderungen nicht erfüllen.
Welche Anforderungen sind das? Sie müssen wie Spitzensportlerinnen leben; den anderen zeigen, wie sie leben, wie sie trainieren, was sie essen und das regelmäßig dokumentieren.
Warum haben Sie diesen Weg gewählt? Aufgrund der Auswertung der letzten Saison. Wir mussten herausstellen, wo unsere Defizite zu den Spitzenmannschaften liegen: Verletzungen, Fitness, Technik, Taktik, möglicherweise eine andere Teamstruktur. Das haben wir evaluiert und wissen nun, woran wir arbeiten müssen. Und wir haben die Spielerinnen gefragt, ob sie bereit sind, den Weg mit uns zu gehen. Sie müssen härter arbeiten, denn wir müssen ganz neu anfangen.
Gibt es denn auch Veränderungen im Trainerstab? Ja, wir haben fast den ganzen Stab ausgetauscht. Ich habe einen neuen Assistenten, und wir arbeiten jetzt mit einem Athletiktrainer. Außerdem besteht eine sehr gute Kooperation mit dem Norwegischen Sportverband. Sie helfen uns mit Trainern und wir können alles bekommen, was wir brauchen – auch Mentaltraining. Aber am Ende geht es immer ums Geld, daher müssen wir aus jeder Krone alles rausholen.