Konzeptloser Kick, taktischer Offenbarungseid

Von am 10. Juli 2011 – 16.58 Uhr 120 Kommentare

Man hätte wohl kaum enttäuschender aus der Frauenfußball-WM ausscheiden können, als es die DFB-Elf gegen Japan getan hat. Gegen eine gute, aber keineswegs überragende Mannschaft rannten die deutschen Spielerinnen sang- und klanglos ins Verderben – konzeptlos, ideenlos und ohne jede Kreativität.

„So ist das eben wenn die Nummer zwei der Welt auf die Nummer vier trifft. Da entscheiden Nuancen“, redete sich Bundestrainer Silvia Neid das WM-Aus nach der 0:1-Niederlage gegen Japan schön.

Kein Konzept
Denn trotz einer Torschuss-Statistik von 23:9 zugunsten der deutschen Mannschaft fühlte sich der Sieg der Japanerinnen am Ende nicht unverdient an. Denn die Aktionen der DFB-Elf wirkten über die gesamte Spielzeit eher zufällig, als einem spielstrategischen Konzept geschuldet. Dass das Team im Vorfeld der WM eine dreimonatige Vorbereitung genossen hatte, war auf dem Spielfeld nicht zu bemerken.

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Überraschungsmoment fehlt
Die japanische Auswahl war erwartet laufstark und kompakt in der Defensive. Keine echte Überraschung, doch die DFB-Elf über fand über 120 Minuten trotz körperlicher Überlegenheit keine Mittel gegen die Asiatinnen. Immer wieder rannten die DFB-Spielerinnen auf das gegnerische Tor an, doch die spielerischen Mittel fehlten, um mit Überraschungsmomenten oder schnellen Flankenläufen Löcher in die Abwehr zu reißen.

Trauer im deutschen Team

Almuth Schult (li.), Simone Laudehr und Linda Bresonik trauern © Zetbo / Framba.de

Durchschaubares Spiel
Melanie Behringer kämpfte unermüdlich, führte ihre Freistöße aber wie ein Roboter aus, im Mittelfeld vermisste man Akzente, die vielleicht eine Fatmire Bajramaj hätte setzen können, die schon im Spiel um Platz 3 bei Olympia in Peking die Japanerinnen mit zwei Toren in Angst und Schrecken versetzt hatte. Doch ihr blieb ein Einsatz genauso verwehrt, wie etwa Birgit Prinz, die möglicherweise die gegnerische Verteidigungslinie aus dem Gleichgewicht hätte bringen können. Doch die Nummer zwei und Nummer drei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres wurden von der Welttrainerin des Jahres verschmäht.

Keine stimmigen Wechsel
Es wäre zu einfach, die Probleme im deutschen Spiel auf das frühe verletzungsbedingte Aus von Kim Kulig zurückzuführen, die überraschend durch Bianca Schmidt und nicht durch Lena Goeßling ersetzt wurde. Die kam dann erst in der zweiten Halbzeit für Linda Bresonik, die im defensiven Mittelfeld agierten musste, auf einer Position, die sie in der Nationalmannschaft schon lange nicht mehr eingenommen hatte und dennoch bis zu ihrer Auswechslung ordentlich löste. Ein verschenkter Wechsel, denn Goeßling hätte Kulig auch gleich auf der Doppel-Sechs ersetzen können. Auch Alexandra Popp kam viel zu spät, um dem festgefahrenen Spiel noch frische Impulse verleihen zu können.

Unter Wert geschlagen
Darüber hinaus muss sich Silvia Neid ankreiden lassen, Birgit Prinz ein unrühmliches Ende ihrer Karriere verschafft zu haben. Daran können auch die hemdsärmeligen Bestrebungen, Prinz ein Abschiedsspiel zu verschaffen, nichts ändern. „Ich habe mich fit gefühlt, aber die Trainerin hat anders entschieden“, verbarg Prinz nur unverhohlen ihren Unmut. Eine besonders gute Figur machte Neid weder gegen Japan noch zuvor. Was bleibt, ist eine WM, die trotz dreier Siege in vier Spielen einen faden Beigeschmack hinterlässt, denn bei diesem Turnier wäre mehr drin gewesen.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

120 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Könnte nicht, falls silvia Neid auch der Ansicht wäre, dass sie durchaus ein Anteilchen an der schlechten Performance haben könnte und dass ein Neuanfang zwar nicht für sie, aber für den Sport dienlich wäre, Steffi Jones das Team trainieren? Sie hat mit Sicherheit Empathie, Fusball kann sie auch und soweit ich weiss auch den nötigen Schein.

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  • Striker sagt:

    @Rainer: bitte nein, nicht noch eine alte ehemalige Spielerin ohne jegliche Trainererfahrung. Keine DFB Trainerin hat jemals einen Verein trainiert, deswegen ist die DFB-Riege doch so realitätsfremd. Wenn man wirklichen Fortschritt will, muss man von diesem Quotenunsinn runter und Qualität verpflichten.

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  • waiiy sagt:

    @Rainer:

    Vom menschlichen Auftreten und Menschenverstand her ist Steffi Jones sicher richtig gut. Aber ihr fehlt halt die Trainererfahrung und die pädagogische Erfahrung. Aber wie wäre es als Teamchef mit einem erfahrenen Trainer? Mehmet Scholl wäre wirklich klasse dafür, aber wohl eher nicht zu haben. Wir sollten mal an Uli Hoeneß schreiben… 😉

    waiiy

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  • Detlef sagt:

    @Michael,
    tolle Idee!!!
    Dann würde man auch erfahren, ob die Spielerinnen wirklich so überzeugt von Frau Bundesneid sind, wie sie es vor der WM immer wieder in die Kameras und Diktierlöcke geflötet haben!!!

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  • nike75 sagt:

    IMO muss sich der Frauenfussball inklusive DFB auch überlegen, wo sie hin wollen – setzen sie mehr auf die sportliche Seite oder mehr auf die Vermarktung? Beides zusammen wird mMn kaum funktionieren, weil der Kontrast zwischen BL-Alltag und dem vermakrtungstechnischen Medienhype zu Großereignissen zu groß ist.

    Die Spielerinnen, die vor allem Fussball spielen wollten und mit dem Medienrummel eher wenig anfangen können, „sterben“ langsam aus und nun müssen sich die jungen Wilden überlegen, ob sie beides unter einen Hut bekommen.

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  • laasee sagt:

    @nike

    The DFB has got FF wrong.

    The basis of the MF National Team is the Bundesliga clubs and the strong league.
    In FF the Frauen Bundesliga has been neglected and the National Team has been given priority.
    It is impossible to build a house starting with the roof.

    The German people have already shown that FF has a positive future.
    Now it is time for the DFB to show good leadership and help develop the BuLi.

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  • henry sagt:

    @waiiy:
    was hat den mehmet scholl als trainer herausragendes geleistet, wenn ich fragen darf?

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @henry
    Da ich Mehmed Scholl ins Spiel gebracht hatte, erlaube ich mir mal, Dir Fragen zu stellen!
    Was an Herausragendem hat denn für eine Frau Neid als BT gesprochen? Wieviel erfolgreiche Jahre als Trainerin einer Vereinsmannschaft mit welchen Titeln hatte sie da bereits hinter sich als sie die Natio übernahm?
    Das männliche Pendant kann da so einiges vorweisen, wie auch ein Scholli, bei dem hinzukommt, ein sehr offener, umgänglicher Typ zu sein, der auch jetzt noch am Ball so einiges vormachen kann, was ich in noch keinem Training bei Fr. Neid feststellen konnte.

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  • Ralf sagt:

    Mein lieber Scholli, … sind das Gedankengänge hier! 🙂

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  • Schlafwagenfussball sagt:

    @Schenschtschina Futbolista

    das kann man aus meiner Sicht sachlich leider so nicht stehen lassen-sorry, falls ich falsch liegen sollte. Also auf den Mehmet gehe ich jetzt mal nicht ein- der ist ein klasse Typ, aber hat soweit ich weiß, noch gar keine Titel als Trainer geholt. Bei Neid ist die Bilanz wirklich da, bevor sie 2005 von der Assistentin zur hauptamtlichen Trainerin wurde. Sie hatte unter anderem immerhin als U-19 Trainerin 2004 die WM gewonnen und noch ein paar Europameisterschaften. Und eben Assistentin der sehr erfolgreichen Tina Theune. Das war schon eine Leistung. Außerdem war der Frauenfußball zu Beginn ihrer Trainerzeit noch in einer ganz anderen Phase, da konnte man sich überhaupt nicht in dem Maße profilieren. Sie war im Nachwuchsbereich des DFB nach ihrer aktiven Laufbahn als Spielerin (auch da war sie sehr erfolgreich) tätig und nicht im Vereinsfußball. Silvia Neid als Trainerin 2005 war eine gute Entscheidung. Hätte Sie nach der EM 2009 aufgehört, wäre sie als eine der erfolgreichsten Trainerin der Welt in die Geschichte eingegangen. Danach hat sie total abgebaut. Also so sehr ich sie kritisiere, sie hat auch objektiv wirklich viel geleistet, auch wenn uns das im momentanen Frust gar nicht schmeckt…

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  • henry1 sagt:

    ups, habe ich mich da wirklich so geirrt, dann bitte ich um entschuldigung richtung waiiy und schenschtschina futbolista wegen der verwechslung.
    dennoch sehe ich mehmet scholl nicht als den überfliegertrainer an, auch wenn er ein dufter typ ist, das reicht einfach nicht. loddar ist auch ein dufter typ.
    hat schon mal jemand über steffen freund nachgedacht (ausser mir)? was seine U17 jungs gerade in mexico gespielt haben, war DER HAMMER!!
    taktisch, technisch, strategisch allererste sahne! und jetzt kommt mir bitte keiner mit „das hätten die jungs auch ohne übungsleiter so gespielt“. und noch was Herr Freund ist beim DFB angestellt.

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @Schlafwagenfussball
    Sieh doch mal genau hin, es war die Rede von Herausragendem, was die Einnahme dieser BT-Position rechtfertigt! Ich habe das in Richtung Trainererfolge bei Vereinsmannschaften präzisiert und das auch primär am männlichen Pendant und nicht unbedingt an Scholli festgemacht, der ja noch ein sehr junger Trainer ist und bislang wohl „nur“ die 2. des FCB trainiert hat.
    Die Trainerkarriere sollte doch auf Vereinsebene einsetzen und auf den dort erzielten Erfahrungen/Erfolgen basieren, und das kann ich bei Fr. Neid so nicht feststellen.
    Mir liegt es fern irgendwem seine Eignung abzusprechen, nur wenn man nach Scholls Qualifizierung für diesen Posten in der nachzulesenden Art+Weise (s. henry) fragt, sollte man diese auch beim Ist-Zustand kennen, ansonsten bleibt doch die Vergleichbarkeit auf der Strecke!

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  • berggruen1 sagt:

    @SF: Franz Beckenbauer hatte nie eine Vereinsmannschaft trainiert, als er 1984 Nationaltrainer wurde; auch Rudi Völler wurde meines Wissens ohne Vereinstrainer gewesen zu sein, Nationaltrainer; auch Jürgen Klinsmann war vor seiner Tätigkeit als Nationaltrainer kein Vereinstrainer. Vereinstrainer wurden sie alle erst NACH der Nationalmannschaft. Alle drei haben entweder sehr oder doch zumindest ansehnlich guten Fußball spielen lassen und waren erfolgreich. Selbst Berti Vogts, nicht unbedingt Maßstab filigraner und schneller Fußballtechnik, war als Nationaltrainer erfolgreich – und nur dort, hat er jemals einen Verein trainiert?
    Erich Ribbeck hingegen war vor der NM Vereinstrainer, seine Zeit als Trainer der Nationalmannschaft ist jedoch sehr bescheiden.
    Ottmar Hitzfeld, ein bekanntermaßen großartiger Vereinstrainer, hat in der Schweiz auch so seine Probleme (die Fußballer sind in der Breite auch nicht schlechter als er sie in seinen Vereinen vorgefunden hat) und auch Otto Rehagel, wenn man von dem sehr überrschenden Erfolg bei der EM absieht, ist nur mäßig erfolgreich als Nationaltrainer.

    Tina Teuhne war keine Vereinstrainerin…

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Alles richtig, berggruen1, aber wo ist der Bezug zum hier Diskutierten?
    Sicher ist es so, dass auch ehem. Profifussballer ohne Trainererfahrung Erfolge eingefahren haben, was auch durchaus für den gen. Scholl sprechen würde.
    Aber gehe doch mal chronlogisch die Diskussion durch, dann wirst Du feststellen, dass im Zusammenhang mit der Scholl-Alternativnennung nach dessen Herausragendem, sprich nach Referenzen gefragt wird und bei Fr. Neid (die fehlt auch in der Auflistung!) vermeidet man eine dbzgl. Positionierung!
    Aber, ist Dein Beitrag nun kontra oder pro Neid? Ich lese ihn eher als völlig unparteiisch!

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  • laasee sagt:

    Scholl is a nice idea but for credibility the next coach must be active in FF.

    Only Bernd Schroder and MVT are really qualified.
    In MF, winning CL is the ultimate test of a club coach.
    The same principle should apply for FF.

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  • berggruen1 sagt:

    @SF: 1. Ja, ich bin relativ unparteiisch.
    2. Nun, Du hast gefordert („Ich habe das in Richtung Trainererfolge bei Vereinsmannschaften präzisiert“), der künftige Bundestrainer solle auch Vereinstrainer gewesen sein – da habe ich Gegenbeispiele aufgezählt, die durchaus erfolgreich waren.
    3. Das Herausragende aller Genannten war im Vorfeld ihres Engagements als Bundestrainer ihre persönliche Spielerkarriere (und bei ihnen ging ich davon aus, dass sie bekannt sind, die Erfolge eines Franz Beckenbauers oder Rudi Völlers als Spieler wollte ich nicht noch aufzählen).
    4. Ähnliches gilt doch auch für Frau Neid, denn so weit ich mich entsinne gelesen zu haben, war sie doch im Kader der WM 2003? Und dann als U-Trainerin und Co-Trainerin erfolgreich (steht jedenfalls in einem der vielen Blogeinträge hier)? Viele der genannten Herren hatten aber als „Herausragendem“ „nur“ die eigene Spielerkarriere vorzuweisen. Frau Neid immerhin die U-Trainerschaft und das Co-Engagement!
    5. Das spricht weder für noch gegen Frau Neid; mir persönlich ist es auch relativ gleich, ob sie bleibt oder nicht, da ich kein FF-Fan bin (in einem anderen Thread schrieb ich vom geordneten Rückzug, den ich für sinnvoll halte).
    6. Ebenso spricht es weder für noch gegen Mehmet Scholl, der mir persönlich überaus sympathisch ist (auch wenn er außer beim KSC nur bei meinem Nicht-Lieblings-Verein gespielt hat;-)); der einen unglaublich großen Fußball-Sachverstand hat; der viele taktische Fragen einfach auch dem geneigten Zuhörer vermitteln kann; der medienerfahren ist und gut „mit ihnen kann“, da er relativ pflegeleicht scheint; der das Gefühl vermittelt, auf dem Boden geblieben zu sein; ganz nebenbei ist er als Fußballer sehr erfolgreich gewesen und verfügt über die Erfahrung der empfundenen Enttäuschung und Schmach, wenn man als Titelverteidiger sang- und klanglos vier Jahre später aus dem Turnier auscheidet).
    7. Um es klar zu stellen: aus Punkt 6 kannst Du entnehmen, dass ich die Lösung Mehmet Scholl durchaus für eine mögliche halte, mir ging es nur um die Forderung, dass ein Bundestrainer vorher Erfolge (oder um es nicht immer nur an Erfolgen, was quasi ja eigentlich nur Titel sein können) bzw. ausreichend Erfahrungen als Vereinstrainer gesammelt haben muss! Als (Bundes-)Trainer muss man meiner Meinung nach nicht einmal besondere Erfolge als Spieler gehabt haben.

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @berggruen1
    Zu 2.: Nein, eine solche Forderung von mir gab es definitiv nicht! Warum auch? Ist ja nicht meine Intention.
    Ich habe mir lediglich von henry erbeten, das „Herausnehmende“ (seine Wortwahl!) von Frau Neid zu nennen, weil er auf das von Scholl anspielte.

    Es war schon richtig, als ich Dich bat, die Beiträge chronologisch durchzulesen!
    Die Frage der Verdienste eines potenziellen BT-Anwärters kann durchaus marginal, die Eignung und Autorisierung für diesen Job sollte dies aber keineswegs sein. Nachdem Babbel und Ziege genannt wurden, habe ich praktisch den Gegenvorschlag mit Mehmed Scholl eingeworfen, und wie ich in Deinen nachfolgenden, detaillierten Ausführungen lesen konnte, sind die Einschätzungen von uns Beiden in nahezu allen Punkten identisch. 🙂

    P.S.
    Herr Schröder wurde zu Wort gemeldet ->

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  • Holle sagt:

    Und wieder mal find ich, dass Schrödi den Nagel aufn Kopf trifft…

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  • Winter sagt:

    @ Holle

    Ja, er hatte bei fast allen Aussagen recht, auch wenn einige damit gar nicht oder nur sehr schlecht mit umgehen können! Es ist schon fast beängstigend!!!

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    …und dann hat er noch damit gegen den Ehrenkodex verstossen!
    Vielleicht wird er ja deswegen demnächst in Sibirien ein russ. FF-Team erfolgreich quälen? 😉

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