Chronik 2007 — 2026 8460 Beiträge 513 Transfers144 Vereine 527 Profile
WomenSoccer

2011

Bajramaj-Wechsel läutet neue Ära ein

Archivbeitrag vom 20.4.2011 — die Angaben beziehen sich auf den damaligen Stand.

Mit der Verpflichtung von Fatmire Bajramaj hat der 1. FFC Frankfurt eine neue Ära eingeläutet, die Beckhamisierung des Frauenfußballs. Denn der teuerste Einkauf der Bundesliga-Geschichte soll vor allem eines: den Wert der Marke 1. FFC Frankfurt steigern. Turbine-Trainer Bernd Schröder verfolgt die zunehmende Kommerzialisierung mit Argwohn.

Das Rauschen im Blätterwald war groß, als am vorigen Montag Bajramajs Wechsel von Potsdam nach Frankfurt offiziell verkündet wurde und sich bereits tags zuvor bei Turbine-Trainer Bernd Schröder der angestaute Ärger darüber entladen hatte, dass seine Lieblingsspielerin, eine gleichermaßen grandiose wie selbstkritische Fußballerin, vermehrt Züge eines fremdgesteuerten Marketingprodukts aufweist . Für die einen ist die Entwicklung hin zu den Mechanismen des Männerfußballs Professionalisierung und logische Entwicklung auf dem Wege zu größerer Popularität, für ein Urgestein wie Schröder ist sie der Totengräber des Frauenfußballs.

Schröder schimpft auf Dietrich und Ness „Auch wir können Angebote wie Frankfurt machen, aber ich mache hier nicht meine Philosophie kaputt“, polterte Schröder nach dem Einzug ins Champions-League-Finale in Richtung seines Erzfeindes, Frankfurts Manager Siegfried Dietrich. „Wir werden unser Geld in den Nachwuchs stecken und nicht in große Spielerinnen, von denen haben wir genug. Andere können machen, was sie wollen, wir haben unseren Stil und setzen auch weiterhin auf das duale System aus Hochleistungssport und Ausbildung“, so Schröder. Ein Preisgefecht mit Frankfurt zum Nutzen des inzwischen ungeliebten Bajramaj-Managers Dietmar Ness, den Schröder unverhohlen „Pharisäer“ nennt, wollte sich der 68-Jährige nicht liefern.

Neue Dimension Denn mit einem fünfstelligen Monatsgehalt und einem gar kolportierten sechsstelligen Handgeld für Bajramaj hätte Schröder wohl wirklich die Potsdamer Philosophie auf eine harte Probe und das Gehaltsgefüge im Team auf den Kopf gestellt. Ein Risiko, das er nicht eingehen wollte. Vorbei hingegen die Zeiten, in denen zwischen Ness und Dietrich Eiszeit herrschte und Talente wie Nadine Keßler und Josephine Henning statt wie erhofft nach Frankfurt stattdessen nach Potsdam gelotst wurden. Für Dietrich ist Schröders Verhalten typisch: „Herr Schröder lebt in seiner eigenen Welt. Es war davon auszugehen, dass er ausrastet und ohne sachlich zu bleiben seine Wut raus lässt.“

Während sonst bei Neuverpflichtungen rein die fußballerische Qualität einer Spielerin betont wird, hielt Frankfurt nach dem gelungenen Transfer-Coup nicht hinterm Berg, worum es neben dem sportlichen Aspekt vor allem geht: Um das „sehr professionelle Auftreten in den Medien und bei Sponsoren, genauso aber auch ihr Engagement als Integrationsbotschafterin des DFB und ihren Einsatz im Rahmen von sozialen Projekten.“

Vermarktungsmaschinerie anwerfen Bereits in den vergangenen Monaten lag der Fokus für Bajramaj überwiegend neben dem Fußballplatz, bei Reisen von Miami bis Kapstadt und unzähligen PR-Terminen blieb nur noch wenig Zeit für das Wesentliche: Fußball spielen und trainieren. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft, denn im Falle einer erfolgreichen WM dürfte sich daran nicht viel ändern, zumal sowohl Spielerin, Manager als auch Verein bestrebt sein werden, das riesige Vermarktungspotenzial in bare Münze zu verwandeln. Es besteht die Gefahr, dass Bajramajs sportliche Weiterentwicklung darunter leiden wird, David Beckham lässt grüßen. Frankfurts Trainer Sven Kahlert wird viel Fingerspitzengefühl brauchen, um im Umgang mit seinem neuen Schützling die richtige Tonlage zu treffen.

Droht der Bundesliga Langeweile? Doch die zunehmende Kommerzialisierung des Frauenfußballs und das Wettrüsten um Spielerinnen bringen auch Probleme mit sich. Dass sich immer mehr Nationalspielerinnen auf immer weniger Vereine, allen voran Frankfurt, verteilen und sich im FCR 2001 Duisburg einer der deutschen Topvereine aus finanziellen Gründen aus der Spitzenriege zu verabschieden droht, dürfte man auch beim DFB mit Sorge verfolgen. Denn mit dem Schwung der Heim-WM im Rücken möchte man auch die Entwicklung der Liga vorantreiben, auf ein Niveau, das zwischen dritter und vierter Männerliga angesiedelt ist. Doch dazu gehört die Spannung des sportlichen Wettkampfs, die unter den aktuellen Entwicklungen leiden könnte. Hinzu kommt, dass sich bei den von den großen WM-Stadien verwöhnten Zuschauern im Bundesliga-Alltag schnell Ernüchterung breit machen dürfte, wenn sie auf teils drittklassigen Sportplätzen mit schlechter Infrastruktur und Verkehrsanbindung ihren WM-Stars beim Kicken zuschauen sollen.

Hoffen auf Wolfsburg WM-OK-Chefin Steffi Jones, die nach der Frauen-WM ab 1. September 2011 als Direktorin die neu geschaffene Direktion Frauen- und Mädchenfußball übernehmen wird, brachte bereits vor einigen Jahren ihre Befürchtung zum Ausdruck, dass die Kluft innerhalb der Liga zu groß werden könnte. Sie forderte gar ein Solidaritätsprinzip, bei dem die Großen die Kleinen finanziell unterstützen sollten, um den sportlichen Wettbewerb am Leben zu erhalten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit andere Vereine in die Bresche springen können, wie der VfL Wolfsburg, der gleich mehrere Spielerinnen aus Potsdam und Frankfurt holte, darunter die beste Torschützin der vergangenen Saison, Conny Pohlers. Ob das reicht, um die Topteams aus Frankfurt und Potsdam dauerhaft zu ärgern, muss sich erst zeigen.

Zweckoptimismus? Duisburgs Trainer Ketelaer sieht sich für die kommenden Herausforderungen gerüstet, auch wenn seine Elf in Potsdam einen zerstrittenen Eindruck hinterließ, allen voran Inka Grings, die in der Pressekonferenz gegen ihre Mitspielerinnen giftete: „Potsdam wollte gewinnen, wir nicht.“

Ketelaer meint: „Wir werden in der neuen Saison einen guten Kader zusammen haben und entsprechend angreifen, auch wenn uns das Geld aus der Champions League es einfacher gemacht hätte. Ich gehe davon aus, dass wir alle Nationalspielerinnen halten können und bin recht zuversichtlich, dass sie weiter für uns im Einsatz sein werden. Ich denke, dass wir immer noch gut aufgestellt sind und gehe nicht davon aus, dass es existenzielle Probleme gibt.“ Doch an anderer Stelle wird offen über eine Verkleinerung des Kaders spekuliert .

Potsdam-Trainer Schröder ist sich sicher, dass der 1. FFC Turbine Potsdam die Abgänge verkraften und Frankfurt in der kommenden Saison wird Paroli bieten kann. „Wir haben 40 Jahre Erfahrung im Frauenfußball, da können sich andere 15 Spielerinnen neu kaufen, das ist noch lange keine Mannschaft.“ Schröders größte Hoffnungen ruhen dabei ausgerechnet auf einer Zweitligaspielerin, mit deren Familie er seit Jahren befreundet ist.

Vorschusslorbeeren für Hanebeck , weitere Verpflichtungen in Arbeit Patricia Hanebeck, deren Verpflichtung unter dem Druck der früh bekannt gewordenen Abgänge früher als geplant öffentlich gemacht wurde, soll den Weggang von Keßler kompensieren und die Lücke im Mittelfeld füllen. „Sie hat alles, was eine zentrale Mittelfeldspielerin braucht und sie gehört eigentlich in die Nationalmannschaft. Sie ist beim 1. FC Köln zwei Jahre in der Versenkung verschwunden, aber wenn sie sich so einbringt, wie wir uns das vorstellen, wird das eine tolle Saison und eine Spielerin, die uns sehr helfen wird“, so Schröder.

Mit zwei weiteren neuen Stürmerinnen, darunter eine europäische Topstürmerin, sowie zwei jungen Spielerinnen für Abwehr und Mittelfeld hofft Schröder, dem 1. FFC Frankfurt auch in der kommenden Saison Paroli bieten zu können. Gleich drei Spielerinnen des FCR 2001 Duisburg sowie eine von Champions-League-Finalgegner Olympique Lyonnais sollen auf der Wunschliste stehen.