Bajramaj-Wechsel läutet neue Ära ein

Von am 20. April 2011 – 22.38 Uhr 40 Kommentare

Mit der Verpflichtung von Fatmire Bajramaj hat der 1. FFC Frankfurt eine neue Ära eingeläutet, die Beckhamisierung des Frauenfußballs. Denn der teuerste Einkauf der Bundesliga-Geschichte soll vor allem eines: den Wert der Marke 1. FFC Frankfurt steigern. Turbine-Trainer Bernd Schröder verfolgt die zunehmende Kommerzialisierung mit Argwohn.

Das Rauschen im Blätterwald war groß, als am vorigen Montag Bajramajs Wechsel von Potsdam nach Frankfurt offiziell verkündet wurde und sich bereits tags zuvor bei Turbine-Trainer Bernd Schröder der angestaute Ärger darüber entladen hatte, dass seine Lieblingsspielerin, eine gleichermaßen grandiose wie selbstkritische Fußballerin, vermehrt Züge eines fremdgesteuerten Marketingprodukts aufweist. Für die einen ist die Entwicklung hin zu den Mechanismen des Männerfußballs Professionalisierung und logische Entwicklung auf dem Wege zu größerer Popularität, für ein Urgestein wie Schröder ist sie der Totengräber des Frauenfußballs.

Schröder schimpft auf Dietrich und Ness
„Auch wir können Angebote wie Frankfurt machen, aber ich mache hier nicht meine Philosophie kaputt“, polterte Schröder nach dem Einzug ins Champions-League-Finale in Richtung seines Erzfeindes, Frankfurts Manager Siegfried Dietrich. „Wir werden unser Geld in den Nachwuchs stecken und nicht in große Spielerinnen, von denen haben wir genug. Andere können machen, was sie wollen, wir haben unseren Stil und setzen auch weiterhin auf das duale System aus Hochleistungssport und Ausbildung“, so Schröder. Ein Preisgefecht mit Frankfurt zum Nutzen des inzwischen ungeliebten Bajramaj-Managers Dietmar Ness, den Schröder unverhohlen „Pharisäer“ nennt, wollte sich der 68-Jährige nicht liefern.

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Fatmire Bajramaj (Mi.) sorgt derzeit für mächtig Wirbel

Fatmire Bajramaj (Mi.) sorgt derzeit für mächtig Wirbel © Melanie Sobotta / girlsplay.de

Neue Dimension
Denn mit einem fünfstelligen Monatsgehalt und einem gar kolportierten sechsstelligen Handgeld für Bajramaj hätte Schröder wohl wirklich die Potsdamer Philosophie auf eine harte Probe und das Gehaltsgefüge im Team auf den Kopf gestellt. Ein Risiko, das er nicht eingehen wollte. Vorbei hingegen die Zeiten, in denen zwischen Ness und Dietrich Eiszeit herrschte und Talente wie Nadine Keßler und Josephine Henning statt wie erhofft nach Frankfurt stattdessen nach Potsdam gelotst wurden. Für Dietrich ist Schröders Verhalten typisch: „Herr Schröder lebt in seiner eigenen Welt. Es war davon auszugehen, dass er ausrastet und ohne sachlich zu bleiben seine Wut raus lässt.“

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Während sonst bei Neuverpflichtungen rein die fußballerische Qualität einer Spielerin betont wird, hielt Frankfurt nach dem gelungenen Transfer-Coup nicht hinterm Berg, worum es neben dem sportlichen Aspekt vor allem geht: Um das „sehr professionelle Auftreten in den Medien und bei Sponsoren, genauso aber auch ihr Engagement als Integrationsbotschafterin des DFB und ihren Einsatz im Rahmen von sozialen Projekten.“

Siegfried Dietrich (li.) und Bernd Schröder

Zwei wie Hund und Katze - Siegfried Dietrich (li.) und Bernd Schröder © Frank Scheuring / girlsplay.de

Vermarktungsmaschinerie anwerfen
Bereits in den vergangenen Monaten lag der Fokus für Bajramaj überwiegend neben dem Fußballplatz, bei Reisen von Miami bis Kapstadt und unzähligen PR-Terminen blieb nur noch wenig Zeit für das Wesentliche: Fußball spielen und trainieren. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft, denn im Falle einer erfolgreichen WM dürfte sich daran nicht viel ändern, zumal sowohl Spielerin, Manager als auch Verein bestrebt sein werden, das riesige Vermarktungspotenzial in bare Münze zu verwandeln. Es besteht die Gefahr, dass Bajramajs sportliche Weiterentwicklung darunter leiden wird, David Beckham lässt grüßen. Frankfurts Trainer Sven Kahlert wird viel Fingerspitzengefühl brauchen, um im Umgang mit seinem neuen Schützling die richtige Tonlage zu treffen.

Droht der Bundesliga Langeweile?
Doch die zunehmende Kommerzialisierung des Frauenfußballs und das Wettrüsten um Spielerinnen bringen auch Probleme mit sich. Dass sich immer mehr Nationalspielerinnen auf immer weniger Vereine, allen voran Frankfurt, verteilen und sich im FCR 2001 Duisburg einer der deutschen Topvereine aus finanziellen Gründen aus der Spitzenriege zu verabschieden droht, dürfte man auch beim DFB mit Sorge verfolgen. Denn mit dem Schwung der Heim-WM im Rücken möchte man auch die Entwicklung der Liga vorantreiben, auf ein Niveau, das zwischen dritter und vierter Männerliga angesiedelt ist. Doch dazu gehört die Spannung des sportlichen Wettkampfs, die unter den aktuellen Entwicklungen leiden könnte. Hinzu kommt, dass sich bei den von den großen WM-Stadien verwöhnten Zuschauern im Bundesliga-Alltag schnell Ernüchterung breit machen dürfte, wenn sie auf teils drittklassigen Sportplätzen mit schlechter Infrastruktur und Verkehrsanbindung ihren WM-Stars beim Kicken zuschauen sollen.

Hoffen auf Wolfsburg
WM-OK-Chefin Steffi Jones, die nach der Frauen-WM ab 1. September 2011 als Direktorin die neu geschaffene Direktion Frauen- und Mädchenfußball übernehmen wird, brachte bereits vor einigen Jahren ihre Befürchtung zum Ausdruck, dass die Kluft innerhalb der Liga zu groß werden könnte. Sie forderte gar ein Solidaritätsprinzip, bei dem die Großen die Kleinen finanziell unterstützen sollten, um den sportlichen Wettbewerb am Leben zu erhalten. Es bleibt abzuwarten, inwieweit andere Vereine in die Bresche springen können, wie der VfL Wolfsburg, der gleich mehrere Spielerinnen aus Potsdam und Frankfurt holte, darunter die beste Torschützin der vergangenen Saison, Conny Pohlers. Ob das reicht, um die Topteams aus Frankfurt und Potsdam dauerhaft zu ärgern, muss sich erst zeigen.

Marco Ketelaer

Marco Ketelaer - wohin führt der Weg des FCR 2001 Duisburg? © Sandra Kunschke / girlsplay.de

Zweckoptimismus?
Duisburgs Trainer Ketelaer sieht sich für die kommenden Herausforderungen gerüstet, auch wenn seine Elf in Potsdam einen zerstrittenen Eindruck hinterließ, allen voran Inka Grings, die in der Pressekonferenz gegen ihre Mitspielerinnen giftete: „Potsdam wollte gewinnen, wir nicht.“

Ketelaer meint:  „Wir werden in der neuen Saison einen guten Kader zusammen haben und entsprechend angreifen, auch wenn uns das Geld aus der Champions League es einfacher gemacht hätte. Ich gehe davon aus, dass wir alle Nationalspielerinnen halten können und bin recht zuversichtlich, dass sie weiter für uns im Einsatz sein werden. Ich denke, dass wir immer noch gut aufgestellt sind und gehe nicht davon aus, dass es existenzielle Probleme gibt.“ Doch an anderer Stelle wird offen über eine Verkleinerung des Kaders spekuliert.

Potsdam-Trainer Schröder ist sich sicher, dass der 1. FFC Turbine Potsdam die Abgänge verkraften und Frankfurt in der kommenden Saison wird Paroli bieten kann. „Wir haben 40 Jahre Erfahrung im Frauenfußball, da können sich andere 15 Spielerinnen neu kaufen, das ist noch lange keine Mannschaft.“ Schröders größte Hoffnungen ruhen dabei ausgerechnet auf einer Zweitligaspielerin, mit deren Familie er seit Jahren befreundet ist.

Vorschusslorbeeren für Hanebeck, weitere Verpflichtungen in Arbeit
Patricia Hanebeck, deren Verpflichtung unter dem Druck der früh bekannt gewordenen Abgänge früher als geplant öffentlich gemacht wurde, soll den Weggang von Keßler kompensieren und die Lücke im Mittelfeld füllen. „Sie hat alles, was eine zentrale Mittelfeldspielerin braucht und sie gehört eigentlich in die Nationalmannschaft. Sie ist beim 1. FC Köln zwei Jahre in der Versenkung verschwunden, aber wenn sie sich so einbringt, wie wir uns das vorstellen, wird das eine tolle Saison und eine Spielerin, die uns sehr helfen wird“, so Schröder.

Mit zwei weiteren neuen Stürmerinnen, darunter eine europäische Topstürmerin, sowie zwei jungen Spielerinnen für Abwehr und Mittelfeld hofft Schröder, dem 1. FFC Frankfurt auch in der kommenden Saison Paroli bieten zu können. Gleich drei Spielerinnen des FCR 2001 Duisburg sowie eine von Champions-League-Finalgegner Olympique Lyonnais sollen auf der Wunschliste stehen.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

40 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    Ich glaube ja schon länger, daß die WM kaum positive Nachwirkungen auf die BuLi haben wird!!!
    Es wird einen relativ überschaubaren Zeitraum geben, indem der FF keine unwesentliche Rolle in den Medien einnehmen wird, aber daß wird sich sehr schnell wieder normalisieren!!!

    Wahrscheinlich hat Rainer recht, und nach spätestens 14 Tagen, hört und sieht man nichts mehr vom FF, außer den Natiospielen!!!
    Wer schließt denn dann noch einen hoch dotierten Werbevertrag mit einer LIRA BAJRAMAJ ab, wenn die nur in ein paar wenigen Länderspielen über die Mattscheiben der TV-Geräte flimmert???
    Oder glaubt jemand, daß nach der WM alles anders wird, und ARD und ZDF regelmäßig und ausführlich über die FF-BuLi berichten werden???
    Oder Privatsender wie Sat1 und RTL, stürzen sich jetzt auf den FF, und investieren Millionen???
    Im Leben nicht!!!

    Und hier wird sich auch zeigen, was die Rieseninvestitionen von Frankfurt und Wolfsburg dann noch Wert sind!!!
    Tut mir Leid, aber bei den Summen die da genannt werden, muß ich nur den Kopf schütteln!!!
    Dann kostet ab nächster Saison das Tagesticket am Brentanobad ab 30€ aufwärts oder wie???
    Bei diesen Preisen bräuchte Mainhatten dann regelmäßig ein ausverkauftes Haus!!!

    Aber was, wenn es gar keinen Schub geben wird???
    Wenn weiterhin nur etwa 1000 Zuschauer pro Spiel kommen???

    Aber wenn die Gelder nicht durch die Zuschauer, und nicht durchs Fernsehen kommen, woher soll das Geld kommen, mit dem SiDi seine VEB Commerzbank beglücken will???

    Es fehlt an grundlegenden Dingen, um den FF auf so ein hohes Podest zu heben, wie man es angeblich beim DFB vorhat!!!
    Dem glaube ich auch noch nicht so richtig, denn wenn mehr Sponsoren-Kapital in die Liga fließt, schrumpft natürlich der Einfluß des DFB, der bisher alle seine „Wünsche“ und Forderungen mit Geldgaben durchsetzen konnte!!! Alles hing bisher am Tropf des DFB, aber je selbstständiger die Vereine werden, um so weniger lassen sie sich „erpressen“!!!
    Demnach stehen sich hier unterschiedliche Interessen gegenüber!!!

    Ich glaube auch noch nicht an einen Durchmarsch von Frankfurt, denn allein die vielen Spielerinnen müssen erst einmal integriert werden, und eine neue „Hackordnung“ muß sich etablieren!!!

    Und in Wolfsburg???
    Dort muß man überhaupt erst einmal 1000 Zuschauer ins Stadion locken!!!
    Und was kostet dann die Karte am Elsterweg???
    Wie refinanziert man dann in WOB die Investitionen in POHLERS, KESSLER, HENNING, und wer weiß wen noch???

    Und was ist jetzt mit Duisburg???
    Zerfällt der Kader dieser Spitzenmannschaft jetzt wirklich komplett, oder kann zumindest eine „Rumpfelf“ gehalten werden, um die dann Zweitligaspielerinnen aufgebaut werden???

    Und wie können die anderen Teams in diesem „Geldrausch“ noch mithalten???

    Sind am Ende die Mannschaften besser aufgestellt, die solide ihre Nachwuchsförderung weiter betreiben (wie Potsdam, München, Hamburg, Freiburg, Essen), und nicht auf einen Hype wetten, der wahrscheinlich nie eintreten wird???

    Man wird sehen!!!

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  • render sagt:

    Interview mit Lira in der Berliner Zeitung:
    https://j.mp/elpOkI

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  • laasee sagt:

    @Detlef

    I agree with your comments.

    FF needs substance and not just glitz and glamour.
    The basic elements are totally wrong.
    Playing games on a Sunday morning is no good for professional football.
    The stadiums are not for professional football but better for picnics.

    The whole package is wrong – not just in Germany but in England and other countries.
    The biggest problem is the National Federations – they are not true friends of FF.
    FF needs to stand up and take responsibilty for its own future.

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  • Hullu poro sagt:

    Kurze Frage: Wer ist mit Lulle gemeint?

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  • Mini sagt:

    Luisa Wensing vom FCR Duisburg

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  • eisbär sagt:

    @Hullu poro

    Mit Lulle ist Luisa Wensing gemeint.

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  • Philipp sagt:

    Luisa Wensing

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  • Hullu poro sagt:

    Danke!

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  • Karli sagt:

    Ich glaube fast der weggang von LB ist eine Segen für Turbine. Immer, wenn sie nicht dabei waren haben insbesondere jenny, Anja und Viola mehr Verantwortung übernommen, die Bälle gefordert. Ich hatte auch den Eindruck, ihnen macht der Fußball ohne LB mehr Spaß. Keine Frage LB ist ´ne tolle Fußballspielerin, aber Ihre effektivität zumindest in der 2. Saisonhälfte war gering. Mehr Sorgen mache ich mir um die Abwehr. Wenn´s bei ´ner 3-Kette bleibt, gibt es v.a. rechts Probleme, links würde TK das wohl machen. Trotz einer guten 2.Hälfte gegen Duisburg mag ich nicht daran glauben, dass Inka das packt.

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  • Detlef sagt:

    @KARLI,
    Auch wenn ich die Folgen von LIRAS Wechsel ganz ähnlich sehe, würde ich nun nicht von Seegen sprechen!!!
    Das würde ja so klingen, als wären wir jetzt alle froh, daß wir sie endlich los sind!!!
    Dem kann ich mich nicht anschließen, denn ich habe bis zuletzt gehofft, daß Schröder (oder LIRA selber) irgend etwas im Offensivspiel verändert, daß wieder so ein toller Angriffsfußball wie letzte Saison dabei raus kommt!!!

    Deine Sorgen die Abwehr betreffend teile ich, allerdings glaube ich schon, daß INKA ihren Weg gehen wird!!!
    Fehler muß man ihr schon zugestehen, denn daraus lernt sie ja schließlich auch!!!
    Da müssen halt die Mitspielerinnen ein Auge auf unser „Kücken“ haben, und sie unterstützen wo sie können!!!

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  • Karli sagt:

    @DETLEF
    zu LB: war rein „fußballerisch“ gemeint. Allerdings so ganz gerade war das Verhältnis zwischen Turbine und LB nicht: Erst Artikel auf der Turbine-Seite zu auslaufenden Verträgen mit dem Tenor „keine Wasserstandsmeldungen“, dann „Hurra, wir haben in der neuen Saison eine Nr.10“ (oder war die Reihenfolge sogar umgekehrt?). Wenn LB´s Weggang wirklich noch nicht entschieden war, hätte mir das an ihrer Stelle den letzten Schubs Richtung FF gegeben.
    Letztlich egal, eigentlich wollte ich nur sagen, dass der Weggang keine entscheidende Schwächung für Turbine werden wird. Wartet mal auf Natasa (!).
    zu IW: naja, dein Wort in Fußball-Gottes Ohr, viel mehr Hilfe als BP ihr gibt kann man im Frauenfußball nicht bekommen. Luisa Wensing wär schon nicht schlecht…

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  • Ralf sagt:

    Lira spielt jetzt in Frankfurt/Oder? 😉

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  • Marcel sagt:

    @Karli

    Wie Detlef ja geschrieben hat hatte Lira letzte Saison überragend gespielt und da wollte sie noch niemand missen nur weil sie jetzt den Verein wechselt ist der Tenor „naja so toll war sie ja doch nicht“.
    Find ich auch ein bisschen undankbar denn ohne sie wären wohl einige der Titel die Turbine geholt hat auf der Strecke geblieben.
    Auch die komische Theorie das Lira ihre Mitspielerinnen hemmt halt ich für abwegig und wohl eher ne tolle Ausrede das einige Spielerinnen hinter ihren Erwartungen spielen.Auch wenns stimmen würde müsste man den Spielerinnen wohl eher ans Herz legen mit dem Fussball aufzuhören wenn man so mentalschwach ist.
    Die gute Natasa ist sicher sehr talentiert aber das wird noch ein paar Jahre dauern bis sie das Level einer Lira erreicht hat.

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  • Karli sagt:

    @auch wieder richtig, was letzte Saison angeht…

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  • FFFan sagt:

    @ Markus: Respekt für diesen Artikel (aus dem man durchaus auch mehrere hätte machen können, da ja unterschiedliche Themenfelder behandelt werden)! M.E. sind es solche eigenständigen Beiträge, die die Stärke dieses Blogs ausmachen und nicht die Wiedergabe von Pressemitteilungen!

    I. „Beckhamisierung“ des Frauenfußballs?
    Die zunehmende Professionalisierung bringt es mit sich, dass die Sportlerinnen sich als ‚Marke‘ positionieren (müssen), um für die Werbewirtschaft interessant zu sein. Das halte ich grundsätzlich nicht für verwerflich. Und gerade Bajramaj ist wohl die deutsche Fußballerin mit dem größten „Glamour-Faktor“, was angeblich auch schon bei ihrem Wechsel nach Potsdam eine Rolle gespielt haben soll (so wurde zumindest spekuliert); dass Neuverpflichtungen des 1.FFC Frankfurt häufig auch unter Vermarktungsgesichtspunkten getroffen werden, ist ohnehin nichts Neues.
    Die Kurnikowa des Fußballs? Das erscheint mir dann doch weit übertrieben. Bajramaj und auch Crnogorcevic, für die ähnliches gilt, sind in erster Linie Fußballspielerinnen und erst in zweiter Linie, wenn überhaupt, Models. Das unterscheidet sie von Models wie Filiz Koc, die nebenbei Fußball spiel(t)en. Deshalb befürchte ich auch trotz des zu erwartenden Werbe- und Medienrummels nach einer evtl. erfolgreichen WM nicht, dass die sportliche Leistung dauerhaft darunter leidet.

    II.“Sittenverfall“ im Frauenfußball?
    Bernd Schröders Rundumschlag wegen des Bajramaj-Transfers ist für mich nicht nachvollziehbar. Soweit ersichtlich, ist hier doch alles korrekt abgelaufen. Der Vertrag läuft aus, also dürfen ihr andere Vereine ein Angebot machen (in Schröders Worten: sie „anbaggern“). Einer vorherigen Anfrage an den bisherigen Verein bedurfte es nicht. Und wie kommt Schröder überhaupt dazu, sich als Sittenwächter aufzuspielen? Warum darf dieser Mensch ungestraft andere Leute als „Pharisäer“ titulieren? Wieso schreitet da niemand ein? Viel schlimmer als die Aussagen des Potsdamer Trainers im ZDF-Morgenmagazin war die geradezu devote Haltung des Moderators! Und die Hofberichterstattung in der MAZ verdient eh nicht die Bezeichnung Journalismus…

    III. Langeweile in der Bundesliga?
    Im Gegensatz zu Rainer rechne ich nicht mit einem „Durchmarsch“ des 1.FFC Frankfurt. Den sicherlich namhaften Zugängen (Kulig, Crnogorcevic, Bajramaj, Schumann) stehen ja auch einige Abgänge gegenüber (Pohlers, Krieger, Ullrich). Sollten auch noch Prinz und Hingst ihre Karriere beenden, wäre der Kader nominell sogar schwächer besetzt als der diesjährige, sofern dies nicht noch durch zusätzliche hochkarätige Neuverpflichtungen kompensiert wird. Und selbstverständlich muss sich die neuformierte Mannschaft erst einmal finden. Eine Ansammlung von Nationalspielerinnen ist nicht automatisch ein Spitzenteam. Natürlich wird der FFC Topfavorit auf den Meistertitel sein, aber konkurrenzlos sind die Hessinnen keineswegs. Mit Turbine Potsdam ist auf jeden Fall weiterhin zu rechnen, vielleicht auch endlich mal mit dem VfL Wolfsburg, der seit Jahren viel investiert hat. Und es wäre auch voreilig, den FCR Duisburg jetzt schon abzuschreiben. Ich freue mich jedenfalls auf eine hoffentlich spannende Bundesligasaison 2011/12!

    IV. Duisburg: Umbruch oder Zusammenbruch?
    Durch eine finanzielle ‚Schieflage‘ stehen dem FCR, so scheint es, schwere Zeiten bevor. Droht gar ein Ausverkauf der in den letzten Jahren so erfolgreichen Mannschaft? Zahlreiche Nationalspielerinnen (Grings, Bresonik, Laudehr, Popp, Fuss) haben ja noch einen Vertrag über die laufende Saison hinaus. Wenn es finanziell machbar ist, sollten diese Leistungsträgerinnen gehalten und um sie herum mit talentierten jüngeren Spielerinnen eine neue Mannschaft aufgebaut werden. Gerade Nachwuchsspielerinnen wie Popp und Wensing dürfen nicht abgegeben werden, das wäre ein fatales Signal.
    Was die ‚irritierenden‘ Äußerungen vom vergangenen Sonntag betrifft: wir wissen, dass Inka Grings extrem ehrgeizig ist und im Frust über eine Niederlage schon mal Sätze sagt wie „wir haben uns nicht als Mannschaft präsentiert“ (so geschehen nach der Niederlage in Wolfsburg). Das ist nicht schön, aber auf die Goldwaage legen sollte man diese Worte nicht.

    V. Quo vadis Turbine Potsdam?
    Bisher war man bei Turbine immer stolz auf die „Philosophie“ dieses Vereins, auf teure ‚Stareinkäufe‘ zu verzichten und stattdessen den Nachwuchs selbst auszubilden oder zumindest junge, noch relativ unbekannte Talente zu entdecken und zu ‚veredeln‘. Nationalspielerinnen von einem direkten Konkurrenten abzuwerben, überließ man gern den Kapitalisten aus Frankfurt und Wolfsburg. Der Bajramaj-Coup von 2009 galt als seltene Ausnahme. Da müssen die neuen Töne schon sehr erstaunen, wonach man vorhabe, der nationalen und internationalen Konkurrenz im großen Stil „europäische Spitzenspielerinnen“ abspenstig zu machen. Jugendkonzept ade? Gemach! Die hier kolportierten Namen dürften überwiegend falsch sein. Dass Turbine Altstars wie Grings oder Smith an die Havel holt, könnt ihr knicken! Eine Lotta Schelin, das wäre vielleicht etwas anderes, aber auch daran glaube ich nicht. Die Schwedin gehört in Lyon zu den Top-Verdienerinnen und dürfte in Potsdam wohl das Gehaltsgefüge sprengen. Dann schon eher jüngere, noch entwicklungsfähige Spielerinnen wie Necib, Thomis oder Le Sommer, wenn es denn unbedingt jemand von OL sein soll…
    Eine europäische Spitzenstürmerin der Zukunft hat der Deutsche Meister aber vielleicht ohnehin schon seinen Reihen: im CL-Finale ist sie zwar noch nicht spielberechtigt, aber in den nächsten Jahren könnte sich N.Andonova zu einer der besten Fußballerinnen des Kontinents entwickeln. Und das wäre dann ganz im Sinne der Vereinsphilosophie.

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  • FF-observer sagt:

    Sittenverfall im Frauenfußball:

    FIFA-Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielern
    18 Sonderbestimmungen hinsichtlich Verträgen zwischen Berufsspielern und Vereinen

    „3. Beabsichtigt ein Verein, einen Berufsspieler zu verpflichten, so muss dieser
    Verein vor der Aufnahme von Verhandlungen mit dem Spieler dessen aktuellen
    Verein schriftlich von seiner Absicht in Kenntnis setzen. Ein Berufsspieler darf
    einen Vertrag mit einem anderen Verein nur abschliessen, wenn sein Vertrag
    mit dem bisherigen Verein abgelaufen ist oder in den folgenden sechs Monaten
    ablaufen wird. Ein Verstoss gegen diese Bestimmung zieht angemessene
    Sanktionen nach sich.“

    Übernahme dieser Vorschriften in die Spielordnung des DFB

    § 22 der DFB-Spielordnung

    „Beabsichtigt ein Verein, einen Vertragsspieler zu verpflichten, so muss dieser
    Verein vor der Aufnahme von Verhandlungen mit dem Spieler dessen Verein
    schriftlich von seiner Absicht in Kenntnis setzen. Ein Vertragsspieler darf einen
    Vertrag mit einem anderen Verein nur abschließen, wenn sein Vertrag mit dem
    bisherigen Verein abgelaufen ist oder in den folgenden sechs Monaten ablaufen
    wird. Ein Verstoß gegen diese Bestimmung wird als unsportliches Verhalten
    gemäß § 1 Nr. 4. der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB geahndet.“

    Vor der Aufnahme von Verhandlungen mit der Spielerin (nicht vor einer grundsätzlichen Anfrage bzgl. Wechselabsicht) ist deren aktueller Verein immer schriftlich in Kenntnis zu setzen (reine Informationspflicht, nicht Zustimmung einholen), unabhängig davon, ob die Restvertragslaufzeit noch sechs Monate, sechs Wochen oder sechs Tage beträgt.
    Bei einer Spielerin mit laufendem Vetrag bedarf es zur „WAHRUNG DER VERTRAGSSTABILITÄT ZWISCHEN BERUFSSPIELERN UND VEREINEN“ also stets der vorherigen Information.

    In der FBL wollen das nur zwei Vereine nicht begreifen.

    Aber für Herrn Schröder gibt’s auch nur die Schein-Heilig-Sprechung (s. Transfer Yuki Nagasato von Tokio via Jena nach Potsdam).

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  • mainpower sagt:

    @FFFan
    Guter Kommentar, aber Deine Einschätzung von N. Andonova kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe beim U 20 Länderpokal letzte Woche ein Spiel der Branderburger (Potsdamer) gesehen. Da waren wirklich ein paar talentierte Mädels dabei. Auch wenn man ein Spiel nicht zum Maßstab nehmen sollte, aber von europäischer Spitzenklasse war bei Andonova noch nicht mal im Ansatz etwas zu erkennen.

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  • Marcel sagt:

    @ mainpower

    Echt ?
    Wusste gar nicht das Ausländerinnen am Länderpokal teilnehmen dürfen.
    Was die Klasse von Natasa angeht naja zumindest wurde sie ja mal zur besten Spielerin einer U19-Em gewählt.
    Ich glaub aber auch das sie noch ein bisschen gehemmt ist wegen der neuen Umgebung und Sprache für sie, wirkt auf mich auf jedenfall noch ein bisschen verschüchtert.

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  • laasee sagt:

    @FFFan

    I agree with your comments. I would only add:

    Bajramaj : Is she World Class or just a Barbie? The WM will show which it is. For her and SiDi the WM is massive.

    Frankfurt : If she has a Flop WM then that will create potential problems at Main. High profile players have to show up on the football field and not just in the photo-shoot studio.

    FCR – Inka and the other players on contracts hold a key position in the future of the club. The players could accept reduced wages of deferred wages in exchange for greater influence/control in the management of the club. Which could result in a change of Directors.

    Turbine – Will still be Germanys top club next season. The decoration on the cake may have gone but the cake still tastes very good.

    Buli – A revolution is needed. There has to be a genuine desire to create a more level competition. Also a single league Buli-2 is long overdue.

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  • Der Hamburger sagt:

    @ Markus: Vielen Dank für deinen kritischen und nachdenklich stimmenden Artikel, durch den du mich auf einige für mich neue Hintergrundinformationen und Deutungen aufmerksam gemacht hast. Diese Form des kritischen und investigativen Journalismus unterscheidet sich wohltuend von der linientreuen Propaganda der „Märkischen Allgemeinen“ aus Potsdam (vgl. z.B. den Artikel über „Schröders Reizthemen“ vom 19.4. 2011 in der o.g. Zeitung).
    Wenn tatsächlich ein sechsstelliges Handgeld vom FFC gezahlt worden ist, fände ich das – und jetzt näher ich mich Schröders Sprachgebrauch an – irgendwie unanständig und sittenwidrig. Werden wirklich schon so hohe Summen in einer Randsportart wie dem FF nur für einen Vereinswechsel gezahlt? Ist es plausibel, dass ein Berater wie Dietmar Ness an vier Transfers im FF tatsächlich 50000€ verdient oder ist das eine der vielen unwahren Übertreibungen von Schröder? Liras neues Gehalt wird sich vermutlich zu einem größeren Teil aus Sponsoreneinnahmnen zusammen setzen. Man kann nur hoffen, dass sie trotz der Aktivitäten mit Sponsoren das Fußballspielen nicht vernächlässigt. In Potsdam soll sie nach eigenen Angaben jeden Tag bis zu drei PR-Termine nach der Winterpause gehabt haben. Das ist definitv zu viel. Sie sollte ihr großes Talent nicht verschleudern, nur um kurzfristig mehr Geld zu verdienen. Man muss außerdem kritisch beobachten, ob Siggi den sportlichen Interssen des FFC genug Platz einräumt neben seinen eigenen wirtschaftlichen Interessen als Investor des Clubs.

    Das Thema der Politik und Ökonomie des FF ist interessant und wichtig. Ihr (Nora,du und Kollegen) könnt vielleicht immer mal wieder Themen wie Gehälter der Spielerinnen (und Trainer), Handgeld, Berater, die finanziellen Probleme des FCR und der WPS, die Vermarktung von Fußballspielerinnen von Mia Hamm bis zu Marta und Lira, das Marketing der Natio und die wirtschaftliche Chancenungleichheit in der Buli aufgreifen. Steffis Vorschlag einer Art Solidaritätsabgabe der großen Vereine an die kleinen oder Schröders Idee einer Gehaltsobergrenze für Mannschaften (wie der „salary cap“ in der NBA) finde ich bedenkenswert. Die Buli braucht mehr Wettbewerb. Allerdings müssen die kleineren Vereine auch noch mehr in die Pflicht genommen werden (vom DFB) oder aus Eigeninitiative viel mehr tun als bisher.

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