Schaulaufen statt Erkenntnisgewinn
„Nigeria wird uns in allen Belangen fordern“, so die Einschätzung von Bundestrainerin Silvia Neid vor dem Duell gegen den Afrikameister. Doch es kam alles ganz anders. Der Gegner taugte gerade mal als Sparringspartner und lieferte nur wenige Aufschlüsse über Schwachstellen im deutschen Team.
„Die haben doch nur geblufft“, so die erste ungläubige Einschätzung von Torhüterin Nadine Angerer nach dem unerwartet hohen 8:0-Erfolg gegen die Nigerianerinnen, gegen die man sich in der Vergangenheit zumeist schwer tat. „Die haben nicht geblufft, sonst hätten sie sich auf dem Feld nicht so angeschrien“, meinte hingegen Fatmire Bajramaj. Ob Bluff oder nicht, die Bundestrainerin konnte mit der Leistung ihres Teams hoch zufrieden sein, wusste aber das Ergebnis richtig einzuschätzen. „Nigeria wird sich hier im Sommer anders präsentieren.“
Nigeria als Sparringspartner Der erst vor gut zwei Wochen frisch gekürte Afrikameister wirkte von Beginn an wie ein Boxer, der nur gekommen ist, um sich die Antrittsprämie abzuholen. „Wir haben früh drei Tore gemacht, so dass ich das Gefühl hatte, dass Nigeria keine große Lust mehr hatte“, so Neid. Und Kerstin Garefrekes fügte an: „Die hatten massive Probleme mit dem Untergrund, sind viel gerutscht und hatten kein gutes Schuhwerk, das hat es für uns einfacher gemacht.“
Müdigkeit und Kälte Nigerias ernüchterte Trainerin Eucharia Uche schien das Desaster schon vorher geahnt zu haben: „Es war ein einseitiges Spiel, vieles ist gegen uns gelaufen. Ich hätte diese Einladung nicht angenommen, denn nach der Afrika-Meisterschaft waren wir ziemlich müde. Außerdem hatten wir Probleme mit dem Wetter. Aber wir wollten dieser Einladung unsere Ehre erweisen und Deutschland nicht enttäuschen.“ Dies taten sie dann allerdings mit ihrer Spielweise, denn schon nach wenigen Minuten war die Partie entschieden.
Konsequente Chancenverwertung Die deutsche Elf präsentierte sich im Vergleich zum Länderspiel gegen Australien verbessert, nahm früh das Heft in die Hand, bestach durch Zweikampfstärke und verwertete die sich bietenden Torchancen konsequent. „Wir haben heute viel besser gespielt und als Team hervorragend zusammengearbeitet“, erklärte Neid. Und so kann die deutsche Elf nach den Erfolgen gegen Kanada, Australien und Nigeria zufrieden ins neue Jahr gehen. „Unser Ziel war es, die Länderspiel in diesem Jahr alle zu gewinnen, das ist uns gelungen“, so das positive Fazit von Garefrekes. Dennoch weiß auch sie, dass noch viel Luft nach oben ist.
Lob für Faißt, Hingst und Goeßling Ein besonderes Lob von der Bundestrainerin erhielt Verena Faißt, die ihr erstes Spiel über 90 Minuten in der Nationalmannschaft bestritt. „Sie hat mir schon im Training gut gefallen, deswegen durfte sie auch beginnen. Sie hat alle Vorgaben umgesetzt und sie ist eine Spielerin mit sehr vielen Perspektiven.“ Auch Ariane Hingst und Lena Goeßling hob Neid hervor: „Hingst war besonders stark auf der Sechserposition und hat gut mit Laudehr gearbeitet, gut in die Tiefe gespielt und ihre Mitspielerinnen gecoacht. Goeßling war sehr aufmerksam und hat die langen Bälle gut erkannt.“
Leicht und locker Die starke Inka Grings musste wegen Leistenproblemen, die sie sich bei ihrem Weitschusstor zuzog, früh das Feld räumen, ihr Einsatz im Bundesligaspiel gegen Bayern München am Sonntag ist in Gefahr. Die Frankfurterinnen konnten hingegen nahezu über die gesamte Spielzeit zeigen, dass sie die gute Form auch mit in die DFB-Elf genommen haben. „Natürlich ist es einfacher, als Tabellenführer zur Nationalmannschaft zu kommen. Spaß am Fußball hatte ich immer, aber wenn es mit Siegen belohnt wird, ist es natürlich noch mit einer anderen Lockerheit und Leichtigkeit verbunden.“
Halbes Jahr Länderspielpause Fast ein halbes Jahr lang wird es nun dauern, bis am 21. Mai 2011 das nächste Länderspiel auf dem Programm steht, da man sich dazu entschlossen hat, nicht am Algarve Cup teilzunehmen. „Wir nehmen daran nicht teil, weil wir im April mit der Vorbereitung beginnen. Wir mussten uns entscheiden, wir hätten nur vier Wochen Vorbereitungszeit gehabt, aber es ist besser, wenn die Saison früher endet“, so Neid. Die Testspielgegner fürs kommende Jahr stehen noch nicht fest. „Wir wollten erst einmal abwarten, wer in unserer Gruppe ist, und uns dann um entsprechende Gegner kümmern.“
Kampf um den Platz im Kader Im kommenden Jahr wird man mit 22 Feldspielerinnen und 4 Torhüterinnen in die WM-Vorbereitung gehen, ehe später der 21 Spielerinnen umfassende WM-Kader aus 18 Feldspielerinnen und 3 Torhüterinnen benannt werden wird. Auch wenn der überwiegende WM-Kader in Neids Hinterkopf schon feststeht, werden die letzten zu vergebenden Plätze heiß umkämpft sein. „Es liegt an den Spielerinnen, wir werden sie weiterhin beobachten, es gibt viele, die noch gute Chancen haben.“
Auch Zweitligaspielerinnen haben Chance Sogar die Nominierung von Zweitligaspielerinnen ist offenbar nicht ausgeschlossen, wie die Nachnominierung von Torhüterin Almuth Schult vom Magdeburger FFC gezeigt hat. „Schult ist nicht umsonst U20-Weltmeisterin geworden, deswegen haben wir sie nachnominiert. Für uns ist primär die Leistung wichtig, und wie sie sich weiterentwickeln könnte. Für uns hat sie Perspektive, wenn sie weiter hart an sich arbeitet“, erklärt Neid.