1. FFC Frankfurt: Das Imperium schlägt zurück

Von am 22. November 2010 – 13.48 Uhr 25 Kommentare

Nach zwei mageren Jahren hat der 1. FFC Frankfurt erstmals wieder die Tabellenspitze der Bundesliga erklommen und sich mit dem klaren 4:1-Sieg gegen Meister 1. FFC Turbine Potsdam nicht nur neuen Respekt verschafft, sondern sich endgültig in der Beletage des deutschen Frauenfußballs zurückgemeldet.

„Das ist schon ein besonderer Moment“, freute sich Frankfurts Trainer Sven Kahlert, der sich aber der Euphorie des Moments nicht vollends hingeben wollte: „Abgerechnet wird nach 22 Spielen.“

Prinz und Garefrekes bärenstark
Denn trotz der starken Leistung seines Teams, in dem routinierte Spielerinnen wie Birgit Prinz oder die von einer Knieprellung wiedergenesene Kerstin Garefrekes den Spaß am Fußballspielen neu entdeckt haben und auch junge Kräfte wie U20-Weltmeisterin Dzsenifer Marozsan überzeugten, fiel der Sieg ein wenig zu hoch aus. Frankfurt hatte in den fünf Minuten vor der Pause eine kritische Phase zu überstehen und musste zufrieden sein, nicht mit einem Rückstand in die zweite Halbzeit zu gehen.

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Frankfurt wackelt, aber fällt nicht
Nach dem Ausgleich von Nadine Keßler, die einen Fehler von Gina Lewandowski gnadenlos bestrafte, hatten sowohl Fatmire Bajramaj als auch Anja Mittag gegen kurzzeitig indisponierte Frankfurterinnen die Führung auf dem Fuß, doch beide ließen beste Chancen aus. „Da hätten wir uns nicht beschweren dürfen, wenn wir mit einem 1:2 oder 1:3 in die Pause gegangen wären“, räumte Kahlert ein. Doch in der zweiten Halbzeit spielte Frankfurt seine ganze Routine und Klasse aus und ließ dem Gegner, allem voran dem gegnerischen Mittelfeld, auch dank großer physischer Präsenz nur wenig Luft zum Atmen.

Vom Jäger zum Gejagten
„Unser Team ist körperlich in einem guten Zustand“, so Kahlert. Gespannt sein darf man allerdings, wie der 1. FFC Frankfurt nun in den kommenden Wochen mental mit der neuen Situation umgeht. „Wir waren Jäger, doch jetzt sind wir die Gejagten.“ Begünstigt wurde der Frankfurter Erfolg auch durch einige fragwürdige taktische Maßnahmen auf Seiten des Meisters.

Torhüter-Rotation geht nach hinten los
So musste sich Turbine-Trainer Bernd Schröder zähneknirschend eingestehen, sich in der Wahl seiner Torhüterin an diesem Tag verzockt zu haben. „Schumann war unter der Woche im Training wesentlich besser“, versuchte der 68-Jährige zu rechtfertigen, warum er ihr überraschend den Vorzug vor Anna Felicitas Sarholz gegeben hatte. Doch er räumte ein: „Es sind Tore in einer Zone gefallen, wo Sarholz vielleicht gestanden hätte und sich andere nicht ran getraut hätten. Aber Schumann hat das Vertrauen gehabt, auch wenn es nicht so gelaufen ist.“ Das permanente Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel hat inzwischen bei beiden Torhüterinnen Spuren hinterlassen und wird auf Dauer wohl nicht den gewünschten Erfolg zeitigen.

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Taktik geht nicht auf
Die Entscheidung, die nervenstarke Sarholz auf die Bank zu verbannen, erwies sich an diesem Nachmittag als Bumerang. Denn Schumann hielt zwar in der ersten Halbzeit einige Male glänzend, leistete sich aber neben anderen Schnitzern unter anderem den Fauxpas den Eckball zu unterlaufen, der zum vorentscheidenden 1:3 führte. Schwer nachzuvollziehen war auch, warum Bajramaj vom linken auf den rechten Flügel wechselte, obwohl sie in der Anfangsphase Frankfurts Außenverteidigerin Meike Weber schier schwindlig spielte. „Unsere Spielerinnen spielen nicht positionsgebunden“, versuchte Schröder die Rochade auf die andere Seite zu verteidigen.

Potsdam zu grün hinter den Ohren
Schröder gratulierte Frankfurt zum verdienten Sieg und erklärte: „Wir haben in der zweiten Halbzeit zu viele individuelle Fehler gemacht, die durch die routinierten Frankfurter Spielerinnen provoziert wurden, das muss man anerkennen. Daran sieht man, dass wir noch etwas grün sind. Wir haben uns zu weit zurückdrängen lassen und unser Mittelfeld war nicht mehr präsent genug.“ Doch eine Entscheidung in der Meisterschaft ist noch lange nicht gefallen. „Man hat gesehen, welches Potenzial beide Teams haben“, so Schröder.

FFC Frankfurt

Der 1. FFC Frankfurt bejubelt das 4:1. © Nora Kruse // ff-archiv.de

Dietrich: „Liga ist attraktiver geworden“
FFC-Manager Siegfried Dietrich durfte sich darüber freuen, dass sein Team durch den Sieg einer Teilnahme an der Champions League in der kommenden Saison einen gewaltigen Schritt nähergekommen ist. Und auch im Sinne der Liga zog er ein positives Fazit: „Die Bundesliga ist heute ein Stückchen spannender geworden. Es ist schön, dass da vorne auch noch zwei, drei andere Teams mitspielen, dadurch ist die Liga attraktiver geworden.“

Tore aus der Konserve kein Grund zum Ärgernis
Und er ließ sich auch nicht dadurch die Laune verderben, dass die Liveübertragung des Spitzenspiels durch Schaltungen zur Ankunft von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel unterbrochen wurde, die Tore der ersten Halbzeit gar nur als Konserve nachgereicht wurden. „Es ist ein Glück, dass sich der HR für diese Liveübertragung entschieden hat. Ich habe Verständnis für diese Entscheidung, es wird nicht jeden Tag jemand Weltmeister. Man wird trotzdem alle Emotionen des Spiels gesehen haben und ich denke, vielleicht hat auch mancher Formel-1-Fan Spaß am Frauenfußball gewonnen.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

25 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    @Markus,
    Schröder beurteilt seine Spielerinnen schon immer nach seinem persönlichen Eindruck beim Training!!!
    Es ist auch nicht das erste Mal, daß er sich dabei vertan hat
    Mit dieser „Strategie“ hat er aber all die Erfolge erzielt, die bei TURBINE auf dem Wimpel stehen!!!
    Die Situation Schmetz-Längert, sehe ich etwas anders als die Situation SCHUHMANN-SARHOLZ!!!

    Schmetz war immer die bessere Torhüterin bei den Bayern-Ladies!!!

    Bei TURBINE schwanken die Leistungen der beiden Torhüterinnen immer noch, was auch ihrer Jugend zuzuschreiben ist!!!

    FELIX ist für mich gefühlt nervenstärker als DESI!!!
    DESI wiederum ist wohl (nach Aussage von Heinrichs) die Fleißigere beim Training!!!

    Diese Patt-Situation, gibt es wohl momentan bei keinem anderen Klub!!!
    Am ehesten noch mit der Situation von Rottenberg und Holl zu vergleichen, damals bei Frankfurt!!!
    Da hat aber immer Rotti den Vorzug bekommen, obwohl für mich Holl damals schon besser war!!!

    Auch bei TABEA schwanken die Leistungen!!!
    In Hamburg war sie schwach, dafür gegen Bayern sehr gut!!!
    Sonntag fand ich sie eigentlich gar nicht so schlecht!!!
    Und gegen so einen starken Gegner wie Frankfurt, spielt Potsdam ja auch nicht alle Tage!!!

    Der Fehler beim 0:1 beginnt schon außen, wo niemand Behringer beim Flanken stört!!!
    Dann ist TABEA sicher etwas zu spät gegen Prinz, und DESI kann die Flanke auch nicht entschärfen, Bums, drin isser!!!

    Schröder meinte wohl nach dem Spiel, daß wir das Spiel in Hälfte Eins verloren hätten!!!
    Dem kann ich eigentlich nur bedingt zustimmen!!!
    Klar hätte Potsdam noch vor der Pause in Führung gehen müssen!!!
    Aber warum die TURBINEN dann in Hälfte Zwei (wie LIRA es formulierte), mit dem Fußball spielen aufgehört haben, bleibt wohl nicht nur für mich ein Rätsel!!!
    Gerade nach dem Hinspiel, wo sie sogar in Unterzahl einen Rückstand umgebogen hatten, war dies nicht zu begreifen!!!
    Haben sie mit ihrer Gegenoffensive gewartet, bis wieder eine TURBINE vom Platz fliegt???

    @Webcam,
    Das Potsdam Sand im Getriebe hat, davon rede ich schon die ganze Saison!!!
    Dafür kassiere ich auch sehr oft so dumme Sprüche wie „Jammern auf hohem Niveau“!!!
    Aber selbst mit knirschendem und quietschendem Kraftverteiler, hätte Potsdam über den Kampf wieder zu ihrem Spiel finden können!!!
    Für mein Gefühl haben sie sich zu zeitig in ihr Schicksal ergeben, und Frankfurt damit eingeladen!!!

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  • Markus Juchem sagt:

    @Detlef: Mit der Torhüterinnen-Rotation will man sich doch nur vor einer klaren Entscheidung drücken. Inoffiziell ist die Frage doch längst geklärt, wer die Nr. 1 im Potsdamer Tor ist. Aber aus moralischen und pädagogischen Gründen meint Schröder offenbar zu diesem Mittel greifen zu müssen. In München war es ähnlich: Der lang gedienten Schmetz wollte man in ihrer letzten Saison nicht gleich reinen Wein einschenken, obwohl man hinter vorgehaltender Hand von Beginn an auf die Karte Längert gesetzt hat.

    Beim 0:1 hat Bajramaj Behringer aus den Augen verloren und war dann zu spät zum Stören dran. Ich fand auch die zweite Halbzeit die klar schwächere von Potsdam, da spielte nach dem neuerlichen Rückstand wohl Frust rein, dass man an diesem Tag keine Mittel gegen den Gegner gefunden hat.

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  • Detlef sagt:

    @Markus,
    ich glaube Schröder hatte noch nie ein Problem damit, einer Spielerin deutlich ins Gesicht zu sagen, daß ihre Leistung nicht reicht!!!
    Einige Fakten mögen ja gegen DESI sprechen, aber der alte Trainerfuchs weiß, was er an ihr hat!!!

    Er hat ja auch nach dem Spiel in Herford, und wohl jetzt auch in Frankfurt, sehr klare Worte in der PK gefunden, wo er DESI klar als Problemfall darstellte!!!
    Wenn denn FELIX wirklich so viel besser wäre, würde DESI keine Chance mehr bekommen!!! (frage mal bei GAGA nach)
    Und ich glaube, daß diese Rotation auch mehr anstachelt, als verunsichert!!!

    Langfristig weiß aber auch Schröder, daß er nicht beide Torhüterinnen wird halten können!!!
    Deshalb wäre es sehr unklug von ihm, die „Bessere“ von Beiden darüber im Unklaren zu lassen, mit wem er in Zukunft rechnet!!!

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  • Jan sagt:

    Sicher: Bei 2 Aktionen, die zu Toren führten, hätte ein Torwart besser handeln können. Dennoch sollte man D.Schumann da nicht so viel Schuld zuschieben. Was wäre denn gewesen, wenn DESI eben jene 2 Tore verhindert hätte? Erstens hätte sich Turbine ob solch einer knappen Niederlage nur noch mehr geärgert. Zweitens wäre womöglich T.Kemme wegen des blöden verursachten Elfmeters eine große Schuld zugewiesen worden. – Nein! Da müssen sich schon alle Turbinen „an die eigene Nase fassen“. Und so klang’s ja auch in den Interviews B.Schröders u. L.Bajramajs heraus.

    Torwart-Rotation, od. Spieler-Rotation allg., finde ich übrigens gar nicht so verwerflich. Denn Wettkampfpraxis ist etwas ganz wichtiges; etwas, was man im Training so eigtl. gar nicht üben kann, vor allem mental – und das in jeder Sportart. Als Torwart kannst Du 3 Glanzparaden zeigen, aber dann einen einzigen Bock bauen – schon bist du der Schuldige. Als Stürmer kannst du drei 100%ige versemmeln – aber dann den entscheidenden rein machen – und schon bist du der Held. – Schon bissl ungerecht, gell?

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  • Webcam sagt:

    Die Torhüterinnenfrage ist sehr wichtig und vielschichtig, sicher. Ich denke aber auch nicht, dass hier der entscheidenden Knackpunkt lag. TP mag einige Minuten gehabt haben, in denen eine Führung verdient war, aber der gesamte Auftritt von Frankfurt war schon sehr überzeugend.

    @Ulf: An Frankfurt sieht man, wie lange es dauern kann, bis man wieder zu einem wirklich stabilen Selbstbewusstsein, der nötigen Aggressivität und Spielstärke findet. Punktuell bringt Duisburg immer mal wieder gute Leistungen, sicher, aber das Team steht eben in wieder wieder längere Zeit auf dem Schlauch und läuft Rückständen hinterher. Das ist nicht das gleiche Selbstvertrauen, auf das Frankfurt derzeit mit einigem Recht bauen kann.

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