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2010

Turbine Potsdam: die unerträgliche Schwere des Seins

Während der 1. FFC Frankfurt am Sonntag mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit zu einem 5:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg kam , verteidigte der 1. FFC Turbine Potsdam beim Hamburger SV mit einem 1:0-Sieg nur mühsam den Platz an der Sonne. Zwei Wochen vor dem wegweisenden Duell der beiden Topteams ist beim Meister Sand im Getriebe.

Turbine-Trainer Bernd Schröder konnte auf dem Rasen des Wolfgang-Meyer-Stadions sein Glück kaum fassen. „Ich war fast sicher, dass wir heute nicht gewinnen“, räumte er nach dem knappen Erfolg bei den Hanseatinnen ein und Hamburgs Schweden-Import Antonia Göransson war maßlos enttäuscht: „Wir haben ein großartiges Spiel gezeigt, wurden aber nicht belohnt. Aber wir wissen jetzt, was für ein gutes Team wir haben und was wir erreichen können.“

Turbine besticht mit Effizienz Hinter den Beteiligten lagen 90 packende, wenngleich nicht immer hochklassige Minuten, in denen der HSV seinem übermächtigen Gegner auch ohne die wegen eines Außenbandrisses fehlende Kim Kulig mit viel Einsatz, Kampfgeist und Disziplin über die gesamte Spielzeit Paroli bot. Eine einzige Unaufmerksamkeit leistete sich die starke HSV-Abwehr, der eingewechselte Joker Yuki Nagasato nutzte sie per Kopf eiskalt zum Siegtreffer.

Ballverluste und individuelle Fehler Noch einmal hat der 1. FFC Turbine Potsdam den Kopf aus der Schlinge gezogen, doch zwei Wochen vor dem Gipfeltreffen am Brentanobad muss man sich in Potsdam ein wenig Sorgen machen. Denn zahlreiche Ballverluste und Fehler belegten einmal mehr, dass der Meister und Champions-League-Sieger weiterhin auf der Suche nach seiner Bestform ist. Nur mit der individuellen Klasse seiner Spielerinnen wird man gegen das derzeit bestens funktionierende Team der Frankfurterinnen nur schwer bestehen können. Doch vielleicht braucht Turbine auch Spitzenspiele, um seine Topform abrufen zu können.

Experiment Viererabwehrkette gescheitert „Das Einzige, was derzeit stimmt, ist die Abwehr, alles andere wackelt“, analysierte Schröder. Im Hinblick auf das Topspiel sah sich der 68-Jährige gar zu einem ungewöhnlichen Experiment gezwungen. In der ersten Halbzeit ließ er Turbine mit einer ungewohnten Viererabwehrkette auflaufen. Die Idee: Beim Spitzenspiel gegen die offensivstarken Frankfurterinnen wollte man statt mit drei nur mit zwei Stürmerinnen zu Werke gehen. Doch bereits zur Halbzeit brach Schröder den Feldversuch ab.

Das kreative Element fehlt Die Abwehr um Josephine Henning, Babett Peter, Inka Wesely und Bianca Schmidt machte ihre Sache zwar gut, doch im Mittelfeld klaffte eine Riesenlücke. Die beiden Stürmerinnen hingen in der Luft, weil weder Nadine Keßler, Viola Odebrecht noch Kapitänin Jennifer Zietz derzeit in der Lage sind, sie effektiv in Szene zu setzen. Und so wird es auch in Frankfurt bei der gewohnten 3-4-3-Formation bleiben.

Die Last der Erwartung Die Rolle des Gejagten scheint den Turbinen immer weniger zu schmecken. „Jede Mannschaft spielt gegen uns mit 150 Prozent, ob Saarbrücken oder Essen – die Spielerinnen kämpfen um ihr Leben, damit muss man umgehen können“, so Schröder. Die Leichtigkeit im Turbine-Spiel ist weg, die Spielerinnen setzen sich selbst unter Druck, die Erwartungshaltung ist hoch.

Müdigkeit bei den jungen Spielerinnen „Wir sind keine Übermannschaft, Frankfurt hat die besseren Einzelspielerinnen“, scheint Schröder gar einer möglichen Enttäuschung vorbeugen zu wollen. Hinzu kommt, dass der Akku bei den jungen Spielerinnen, wie etwa Tabea Kemme, durch die Einsätze bei der U20-WM und U17-WM leer ist, die Weltmeisterschaften den Rhythmus der jungen Sprösslinge gehörig durcheinandergewirbelt haben.

Schröder dennoch zuversichtlich Geht es nach dem Turbine-Trainer, dann findet ein nicht minder wichtiges Schlüsselspiel bereits eine Woche vor dem eigentlichen Spitzenspiel statt, denn ein Sieg gegen Bayern München am kommenden Sonntag würde Turbine als Spitzenreiter an den Main fahren lassen. „Wenn wir mit einem Punkt Vorsprung nach Frankfurt fahren, dann gewinnen wir auch“, ist sich Schröder sicher.

Reisestrapazen Bereits heute ist der Turbine-Tross wieder unterwegs, auf einer rund zehnstündigen Busreise geht es zum Achtelfinal-Rückspiel der Champions League von Potsdam in den Wienerwald zum SV Neulengbach (Mittwoch, live ab 19 Uhr auf Eurosport). Bei einem Sieben-Tore-Vorsprung hat man das Rückspiel in den Köpfen wohl bereits abgehakt. Und außerdem meint Schröder: „In der Champions League spielen wir locker.“