Schweden: Starkes Jahr, enttäuschende EM
Die schwedische Presse und die Fans sparten nach dem 1:3 ihrer Auswahl gegen Norwegen im Viertelfinale der Frauenfußball-Europameisterschaft nicht mit Kritik. Bereits am Abend wurde die Forderung nach dem Rücktritt von Trainer Thomas Dennerby laut. Nach dem Ausscheiden in der Vorrunde bei der WM 2007, der Niederlage im Viertelfinale bei den Olympischen Spielen 2008 im Viertelfinale gegen Deutschland war Dennerby auch bei seiner dritten internationalen Mission als Cheftrainer gescheitert.
Dabei hatte es vor dem Turnier so gut wie selten ausgesehen. Der Sieg beim Algarve-Cup im Frühling, das überzeugende 3:1 gegen Brasilien bei der Einweihung der neuen Nationalarena für Frauenfußball in Göteborg und nicht zuletzt die souveräne Qualifikation für die EM mit acht Siegen ohne Gegentor hatten den Erfolgsdruck im eigenen Land beträchtlich ansteigen lassen. Auch ausländische Experten räumten den Schwedinnen ob der im Vorfeld erzielten Ergebnisse gute Chancen ein, bei der EM ganz weit zu kommen.
Warnschuss vor dem Turnier Den Warnschuss gab es jedoch bereits am 19. August, beim letzten Vorbereitungsspiel, ausgerechnet gegen jene Norwegerinnen, die schließlich auch die EM-Träume der schwedischen Elf zunichte machten. Beim 0:1 in Enköping wirkte die Innenverteidigung mit Sara Larsson und Charlotte Rohlin bisweilen erschreckend konfus und vorne ging kaum etwas für Kosovare Asllani und Lotta Schelin.
Dennoch: die schwedischen Medien schwadronierten bereits über das kommende Halbfinale gegen Deutschland. TV-Experte Pontus Kåmark (Mitglied der Herrenauswahl, die bei der WM 1994 in den USA den dritten Platz belegte) war einer derjenigen, der sich weit aus dem Fenster lehnte: “Wir sind auf jeder einzelnen Position besser besetzt als Norwegen. Ich tippe 3:0.” 3:0 war dann auch tatsächlich zwischenzeitlich der Spielstand - für Norwegen, das lediglich noch den Ehrentreffer durch Victoria Sandell Svensson hinnehmen musste.
Norwegen heiß gemacht Am Sonntag vor dem Spiel hatte ich in Helsinki Gelegenheit, mit Anneli Giske, Ingvild Stensland und Isabell Herlovsen über das bevorstehende Duell mit den Nachbarn aus dem Osten zu sprechen und die Augen der Norwegerinnen signalisierten eine fröhliche und entschlossene Kampfbereitschaft. Anneli Giske sagte: “Wir werden denen einen heißen Kampf liefern und sind ganz scharf darauf, weiterzukommen.”
Die Bürde des Favoriten schien bleischwer auf den Schwedinnen zu liegen, Norwegen machte gekonnt die Räume eng, von Schwedens Star Lotta Schelin war (wieder) nur wenig zu sehen. Nach dem 1:0 durch einen von Stina Segerström abgefälschten Schuss von Elise Thorsnes, brach die schwedische Mannschaft endgültig zusammen. “Wir bedanken uns auch bei der schwedischen Presse. Wir haben vor dem Spiel die Zeitungen im Internet gelesen und es hat uns ungeheuer motiviert, dass die uns keine Chance gaben”, sagte Thorsnes nach dem Spiel. Auch Norwegens Coach Bjarne Berntsen schlug in die gleiche Kerbe: “Ich bin wohl zu alt für das Internet. Aber meine Spielerinnen sind ständig bei Facebook und da haben sie gesehen, dass die Schwedinnen den Mund sehr voll genommen haben.”
Schweden überschätzt Kein Wunder, dass Isabell Herlovsen kämpferisch sagte: “Wir sind bereit, die Schwedinnen blau und gelb zu schlagen.” Schweden hatte sich selber überschätzt und war sicher auch von den meisten Experten überschätzt worden. Russland und Italien hatte man relativ leicht im Schongang schlagen können und damit den besten Turnierstart seit den 90er-Jahren hingelegt. Gut gespielt hatte man dabei jedoch bestenfalls phasenweise.
Lotta Schelin war ein Schatten ihrer selbst. Der Wechsel nach Lyon vor Jahresfrist scheint ihr nicht gut getan zu haben. In Frankreich gibt es nicht die wöchentlich harte Konkurrenz, der sie in Schweden ausgesetzt war und in den USA ausgesetzt gewesen wäre. Thomas Dennerby hielt an ihr fest und auch an Nachwuchstalent Kosovare Asllani, die ebenfalls weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb.
Dennerby fand kein Mittel Der inzwischen 50-jährige Kriminalbeamte Dennerby hat viel davon gesprochen, dass er sich bemüht habe, seinen Spielerinnen Mut zu machen, dass sie auch gegen vermeintlich starke Gegner Erfolg haben können. In den Freundschaftsspielen war das auch gelungen und umgesetzt worden. Aber die Engländerin Eniola Aluko sagte mir nach dem Spiel Englands gegen unerwartet starke Russinnen: “Du spielst gegen diese Teams in Freundschaftsspielen und dann kommst du hierher und das ist dann was ganz Anderes.” Simpel, aber wahr.
Wo Dennerby seinen Spielerinnen Mut einflößen wollte, ist es Berntsen offenbar gelungen, in den Norwegerinnen ein Feuer zu entfachen. Mut ist wichtig, aber dazu gehört dann auch für den Trainer, mal die eine oder andere arrivierte Spielerin auf die Bank zu setzen, wenn sie nicht ihre Leistung bringt.
Bitteres Ende für Sandell Svensson Bitter ist das frühzeitige Ausscheiden vor allem für Kapitänin Victoria Sandell Svensson, die nun mit 32 ihre internationale Karriere beendet, um sich mehr der Familie widmen zu können. Ihr edelstes Metall im Trophäenschrank bleibt somit die Silbermedaille der WM 2003 in den USA. Nachfolgerin von Sandell Svensson wird nun die 24-Jährige Mittelfeldspielerin Caroline Seger (Linköpings FC), “eine der besten Spielerinnen, mit denen ich in meiner Karriere zusammengespielt habe”, so Sandell Svensson.
Thomas Dennerby wird wohl im Amt bleiben. “Ich will weitermachen”, sagte er kämpferisch und trotzig der Presse am Tag nach der Niederlage. Sein Vertrag wurde im Mai diesen Jahres auch vor Auslaufen bereits bis über die Weltmeisterschaft in Deutschland verlängert und die Schweden entlassen für gewöhnlich auch nicht ihre Trainer.
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