Angerer-Wechsel sorgt für hitzige Diskussionen

Von am 19. Dezember 2008 – 14.24 Uhr 22 Kommentare

„Das ist nur ein mit Geld zusammengewürfelter, gekaufter Haufen. Das ist keine Herausforderung für mich“, sagte Nationaltorhüterin Nadine Angerer 2001 verächtlich über den 1. FFC Frankfurt nach ihrem Wechsel vom FC Bayern München zum 1. FFC Turbine Potsdam. Frankfurt und Angerer – das schien für viele bis gestern unvorstellbar.

Auf der einen Seite die hessische Metropole mit ihren geschniegelten Bankern, auf der anderen eine unkonventionelle 30-jährige junge Frau, die man laut Frankfurter Rundschau modisch „eher in der Londoner Clubszene vermutet“ und die gerne mit dem Rucksack durch Afrika tourt und dort später einmal ein Gästehaus, eine Tauch- oder Torwartschule eröffnen will.

Die Verpflichtung Angerers zum 1. Januar 2009 hat nicht nur deswegen für emotionale und geteilte Reaktionen gesorgt. Für Verein und Spielerin macht sie jedoch Sinn, auch wenn man dafür in Frankfurt billigend in Kauf nehmen muss, dass sich in der Öffentlichkeit der Ruf verfestigt, nicht gerade eine Nachwuchsschmiede des deutschen Frauenfußballs zu sein.

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Das Karriereende von Torhüterin Silke Rottenberg hat den Weg für den Wechsel Angerers von Djurgården an den Main frei gemacht. Da die neue US-Profiliga WPS terminlich mit der Europameisterschaft 2009 kollidiert, musste Angerer ihren Traum von einem Engagement in den USA erst einmal auf Eis legen.

Und da FFC-Manager Siegfried Dietrich Angerer (wie auch Ariane Hingst) seit 2007 persönlich managt – was selbst Frauenfußball-Insidern bis vor kurzem unbekannt war -, ging die Formel 1+1=2 für die Frankfurterinnen bestens auf. Eine aus beiderlei Sicht folgerichtige Entscheidung.

Sportlicher Gewinn
Angerer ist für den 1. FFC Frankfurt sportlich ein Gewinn, ihren beiden Teamkolleginnen im Tor, Stephanie Ullrich und Alisa Vetterlein, ist sie qualitativ einen weiten Schritt voraus. Als WM-Heldin 2007 lässt sie sich zudem bestens in Richtung WM 2011 im eigenen Land öffentlichkeitswirksam vermarkten.

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Dietrichs Hands-on-Mentalität ist zudem dazu angetan, die durch die Rückschläge der vergangenen Monate etwas nervös gewordenen Sponsoren zu beschwichtigen. Für die Karriereplanung Ullrichs und Vetterleins ist sie aber ein Rückschlag, denn beide hatten mit dem Rottenberg-Rücktritt vor Augen die Nummer-1-Position im Visier, die ihnen nun dauerhaft verwehrt ist.

Logische Wahl
Für Angerer war Frankfurt nach der Entscheidung, Schweden zu verlassen, eine logische Wahl, da der Weg in die WPS zunächst verbaut ist, andere internationale Ligen neben Schweden und Deutschland sportlich noch nicht auf Augenhöhe sind und sich Dietrich mit einem Angerer-Wechsel zu einem Bundesliga-Konkurrenten ins eigene Fleisch geschnitten hätte.

Für die Frauenfußball-Bundesliga und auch für die weitere Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland ist die Rückkehr Angerers nach Deutschland allemal ein Gewinn, denn Angerer, aussichtsreiche Kandidatin bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres, hat sich zu einem der bekannten Gesichter des Sports entwickelt.

Identifikationsprobleme
Doch viele Frankfurter Fans haben Probleme damit, dass nun eine weitere ehemalige Spielerin des 1. FFC Turbine Potsdam in den eigenen Reihen steht. Sie ist nach Conny Pohlers, Petra Wimbersky, Karolin Thomas, Ariane Hingst und Stephanie Ullrich seit 2006 bereits die sechste Ex-Turbine, die nun in Frankfurt spielt. Sich mit den Feindbildern von einst anzufreunden, fällt nicht jedem leicht.

Kritik an Frankfurter Nachwuchsarbeit
Während Potsdam, Duisburg und auch München viel Lob für ihre Nachwuchsarbeit ernten, standen zuletzt in den beiden deutschen Auswahlmannschaften zur U17-WM in Neuseeland und der U20-WM in Chile nur zwei Frankfurter Spielerinnen – Svenja Huth und Alisa Vetterlein. Die Angerer-Verpflichtung gießt weiteres Öl ins Feuer der Kritiker.

Frankfurts scheidende Torhüterin Rottenberg meinte etwa erst kürzlich: „Nadine Angerer ist zweifellos für jeden Verein eine Bereicherung, sie ist aktuell die beste Torhüterin. Allerdings würde man durch eine mögliche Verpflichtung beim 1. FFC das angefangene Personalkonzept über den Haufen werfen, denn mit Stephanie Ullrich und Alisa Vetterlein hat man ja gerade erst zwei ambitionierte Torhüterinnen verpflichtet.“

Handlungsbedarf
Doch aus Frankfurter Sicht wäre es fahrlässig gewesen, eine auf dem Markt befindliche Angerer nicht zu verpflichten. Denn will man im Konzert der Großen in Europa dauerhaft und regelmäßig mitmischen, wird man auch in Zukunft namhafte und hochkarätige Spielerinnen verpflichten müssen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Das zeigt auch die internationale Entwicklung bei Teams wie Olympique Lyon, Arsenal oder Umeå IK. Weitere Verpflichtungen dürften folgen, wie FFC-Manager Dietrich andeutet: „Wenn es charakterlich und sportlich passt, dann machen wir noch was.“

Die oft gescholtene Frankfurter Einkaufspolitik hat sich in der Vergangenheit als Erfolgsmodell erwiesen hat. Den finanziellen Vorsprung gegenüber anderen nationalen Teams hat man sich im vergangenen Jahrzehnt hart erarbeitet, andere bestehende und zukünftige Frauenfußball-Bundesligisten werden in den kommenden Jahren nachziehen und einen ähnlichen Weg gehen müssen, wollen sie national und international bestehen.

Richtige Mischung finden
Man mag diese Entwicklung bedauern und mehr mit Teams sympathisieren, die verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen. Doch allein mit Eigengewächsen wird man im härter werdenden Wettbewerb der Zukunft wohl kaum einen Blumentopf gewinnen können.

Von dieser idealisierenden Vorstellung über den Frauenfußball gilt es sich zu verabschieden. Die Topvereine werden in den kommenden Jahren viel Fingerspitzengefühl brauchen, wenn es darum geht, die richtige Mischung und Balance zu finden, zum Wohle des Vereins und seiner Anhänger gleichermaßen. 

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

22 Kommentare »

  • Manne sagt:

    Ja, das Eine schliesst ja das Andere nicht aus ….

    Und um beim Thema Nadine Angerer zu bleiben: für mich ist das eben keine (notwendige) Verstärkung und eine unnötige „Zurückstufung“ von Ullrich und Vetterlein (die persönlichen managerialen Verstrickungen will ich mal nicht kommentieren). Im Gegensatz dazu stellt eine Ariane Hingst sicherlich eine Verstärkung dar.

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  • Pinguin sagt:

    Zuzustimmen ist dem Artikel in der FAZ (danke für den Hinweis, brandy74!) sicher darin, dass den finanzkräftigen Männerfußballclubs zugehörige Frauenteams sicher dann die Zukunft gehören wird, wenn die großen Vereine zB. zur Imageverbesserung rund um die WM 2011 ein bisschen in die Portokasse greifen und international „einkaufen gehen“. Bislang ist das zum Glück noch nicht so, im Gegenteil ist der Nachwuchsaufbau beim FCB, HSV, VfL W., Werder, Bayer L. u.a. ja prima, aber das Beispiel Lyon zeigt vermutlich, wo’s lang geht, und dann wird auch der FFC Frankfurt nicht mithalten können.
    Schaunmermal, was die Zukunft bringt.

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