Mangelnde Kaltschnäuzigkeit kostet DFB-Elf Finale

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Sehr überrascht habe ich zur Kenntnis genommen, wie hart Eure Kritik am unglücklichen Ausscheiden der deutschen U19-Nationalmannschaft im Elfmeterschießen gegen Norwegen ausgefallen ist. Denn bis auf die 20 Minuten nach dem Ausgleich bot die Elf von Trainerin Maren Meinert in meinen Augen eine überzeugende Vorstellung.

Angefangen von der starken Viererkette in der Defensive, die die schnellen norwegischen Spitzen so gut wie nicht zur Entfaltung kommen ließen, über die technisch brilliante Julia Šimic bis zu den nimmermüden Stürmerinnen Kim Kulig und Marie Pollmann – auch Tribünengast und WM-OK-Chefin Steffi Jones war von dem Geschehen auf dem Rasen angetan.

Was dem Team im vierten kräftezehrenden Spiel innerhalb von zehn Tagen allerdings gegen Norwegen wie schon im Spiel gegen Schweden und auch in Ansätzen gegen England fehlte, war die letzte Kaltschnäuzigkeit. So brauchte die deutsche Mannschaft zu viele Chancen, um Treffer zu erzielen. Beste Tormöglichkeiten blieben ungenutzt, angefangen vom Pfostenschuss von Lisa Schwab in der ersten Halbzeit bis zur Riesenchance von Šimic zu Beginn der Verlängerung. 

Hinzu kam das Pech, dass die sonst fehlerfrei agierende Torhüterin Desirée Schumann nach einem Rückpass von Josephine Henning die in ihrem Rücken lauernde Norwegerin Elisa Ida Enget übersah, die die Situation blitzschnell erkannte und aus dem Nichts mit der ersten norwegischen Torchance den Ausgleich erzielte. „Ich habe sie wirklich nicht gesehen“, so die enttäuschte Potsdamer Keeperin, die per Messenger und Mail nach dem Spiel von ihren Freunden getröstet wurde und nun erst mal mit der besten Freundin zum Schnorcheln in Ägypten abtauchen wird.

Unerfahrenheit bei großen Turnieren
Es gilt zu bedenken, dass 15 der 18 DFB-Spielerinnen in Frankreich ihr erstes großes Turnier gespielt haben, nur Jana Burmeister, Lisa Schwab und Šimic waren schon bei der U19-EM im Vorjahr auf Island dabei, saßen dort aber überwiegend auf der Bank. Sicherlich können die meisten der Spielerinnen auf Erfahrung in der Bundesliga verweisen, doch vier schnelle Spiele auf hohem Niveau in Folge innerhalb kurzer Zeit mussten sie dort noch nie bestreiten. Sowohl Assistenztrainerin Bettina Wiegmann und auch Cheftrainerin Maren Meinert bekräftigten im Verlauf des Turniers, dass die Trainingsintensität und das Trainingsangebot in der Bundesliga erhöht werden muss.

Über 120 Minuten investierten die deutschen Spielerinnen im Halbfinale mehr in die Partie als der Gegner, der sich mit geschickter Verteidigung und etwas Glück ins Elfmeterschießen rettete. Die gleißende Sonne tat ihr Übriges und so war es kein Wunder, dass sich die DFB-Spielerinnen durch die Verlängerung quälten, obwohl sie auch dort noch genug Chancen hatten, das Spiel zu entscheiden. „Wir waren ganz schön müde“, sagte Šimic, als sie in der Lobby des Mannschaftshotels zusammen mit ihren Teamkolleginnen am späten Abend noch einmal die Bilder der Verlängerung über den TV-Bildschirm flimmern sah.

Wer fährt zur U20-WM?
Alle 18 Spielerinnen haben im Turnier eine starke Leistung geboten und bereits jetzt steht fest, dass einige von ihnen auch dem Kader angehören werden, der im November zur U20-WM nach Chile reist. Wer das sein wird, ist allerdings noch unklar. Erst bei einem großen U20-Lehrgang im September wird die Entscheidung darüber fallen, wer die Südamerika-Reise antreten darf.

Das Aufstehen am heutigen Morgen dürfte noch schwer gefallen sein, bevor es per Bus auf die gut dreistündige Fahrt zum Flughafen Paris Charles de Gaulle ging. Doch schon bald wartet auf die Teilnehmerinnen das erste Bundesliga-Training. Luft nach oben ist sicherlich noch bei allen Spielerinnen vorhanden, doch die EM-Erfahrung hat die Spielerinnen schon jetzt auf ein höheres Niveau gehievt.

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HaraldSantMax DiderotMarkus Juchemoliist Neueste Kommentartoren
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ViolA
ViolA

ich hab die viele kritik auch nicht verstanden… das tempo war wirklich nicht schlecht – vor allem im vergleich zu dem einiger bundesligisten. und gespielt haben sie auch sehr gut – wir dürfen bei all dem ihr alter nicht vergessen und können ihre leistung natürlich nicht mit dem der a-natio vergleichen die über weit mehr spielerfahrung verfügt. sie haben sich viele wirklich sehr gute möglichkeiten herausgespielt, haben den ball gut zirkulieren lassen (vor allem in der 1. hz) und haben nie aufgegeben zu kämpfen was uns anscheinend durch alle jahrgänge hinweg auszeichnet. bemerkenswert fand ich auch den ideenreichtum und die… Weiterlesen »

Max Diderot
Max Diderot

Ich möchte meine gestrige Kritik am Spiel der deutschen U19-Mannschaft erneuern. Mir ist es unverständlich, weshalb dem Spiel der DFB-Elf das Attribut schnell verliehen wird. Ich würde es in einem bestimmten räumlichen Bereich eher als wenig konstruktiv und in dessen Folge auch hysterisch bezeichnen. Beispiel: Der offensive Mittelfeldpart war für mich in der deutschen Equipe nicht zu erkennen. Folglich wurden Bälle in der Hälfte der Gegnerinnen so gut wie gar nicht gehalten oder quer gepasst. Vielmehr wurde das Spielgerät schnell in die Spitze gespielt ohne eine erkennbare Antizipation der Stürmerin. Die Folge war, dass die beiden Offensivkräfte der Deutschen zumeist… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

Max, bei allen Spielerinnen ist sicherlich noch deutlich Luft nach oben, das wissen sie auch. Aber wir sprechen ja auch von einer U19, die bei diesem Turnier vor allem eines sollte – Erfahrungen sammeln. Gerade in dieser Altersstufe ist der Lernprozess noch einmal sehr groß. Und so gesehen war die Niederlage gestern sicherlich eine lehrreiche, wenngleich bittere Erfahrung, Ich fand das Tempo der Partie dennoch hoch (bedenkt man auch noch die sommerlichen Temperaturen) und man darf nicht vergessen, dass Deutschland gestern nicht gegen irgendeine Mannschaft gespielt hat. Ich würde den Spielstil der Norwegerinnen nicht als limitiert bezeichnen, aber gestern haben… Weiterlesen »

Ikrit
Ikrit

Nur zur Info:
Da hat sich ein klitzekleiner Fehler eingeschlichen, der Rückpass der zum Gegentor führte kam nicht von Verena Faißt sondern von Josephine Henning!

Ansonsten noch Kompliment an meine Saarbrücker Kollegen auf der Tribüne, die über 120 Minuten ordentlich Rambazamba gemacht haben (Ich sag nur: „Ohne Saarbrücken wär hier gar nix los!“) 😉

Markus Juchem
Markus Juchem

Hallo Ikrit, danke für die Korrektur. Mir hatten 2 oder sogar 3 Spielerinnen gesagt, dass der Rückpass von Verena kam… Ich bessere es aus.

Max Diderot
Max Diderot

Markus, es ist nicht meine Absicht, die jungen Damen in irgendeiner Art und Weise an den virtuellen Pranger stellen zu wollen. Deshalb vermied und vermeide ich es auch, Namen in Verbindung mit von mir genannten negativen Beispielen zu nennen. Wie ich an anderer Stelle auch schon schrieb, fehlt es mir an Beispielen, da ich in der gestrigen Fernsehübertragung erstmalig in diesem Jahr ein U19-Spiel der Damen sah. Diese mangelnde Konstruktivität im offensiven Bereich erscheint mir als die große Unbekannte im Frauenfußball. Aktuell will ich die U17 davon ausnehmen, deren Auftreten in der Schweiz ich als sehr nachhaltig und beeindruckend empfand.… Weiterlesen »

Svenja
Svenja

Ob das deutsche Spiel nun gut war oder verbesserungswürdig, Deutschland war die dominierende Mannschaft und bis auf das Glückstor und ein, zwei weiteren Chancen hatten die Norwegerinnen nicht viel zu melden. Das Tempo war ansehnlich, wie auch schon bei der U17 EM wo ich wirklich überrascht war. Aber schlussendlich sind die Mädels am Anfang ihrer fußballerischen Karriere und Luft nach oben ist immer.

schmiddi
schmiddi

Auch hier und heute möchte ich mich der Meinung von Max anschließen.

Markus spricht vom Kräfteverschleiß bei 4 Begegnungen in 10 Tagen.
Hierzu sei noch einmal kurz angemerkt, dass die U17-EM im laufenden Spielbetrieb der Bundesliga stattfand!
Die Leistungsträgerinnen des Teams haben somit nach ihrem Bundesligaspiel am Sonntag die Reisestrapazen auf sich genommen, am Dienstag ein Halbfinale gespielt, Freitags ein Finale und standen am darauffolgenden Sonntag ihren Vereinen in der Bundesliga wieder zur Verfügung.

Hab noch ein wenig im Blog geblättert. Aufschlußreich bezüglich der Spielstärke der U17 ist das Interview von Ralf Peter, welches er bereits nach der erfolgreichen Quali gegeben hat:

https://www.womensoccer.de/2008/04/14/ralf-peter-unsere-erste-elf-koennte-in-der-bundesliga-mithalten/

schmiddi

oliist
oliist

@schmiddi Erstens spielte die U17 nur ZWEI Matches in ihrem Wettbewerb.Das darauffolgende Bundesligamatch kann sich ja wohl nicht mysteriöserweise auf das Finale auswirken.Zusätzlich ist das Tempo der vorrausgegagenden Bundesligapartie wohl kaum mit dem einer U-EM zu vergleichen,also somit weit weniger Kräfte verbrauchend. Zweitens stehen,wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt,mehr Spielerinnen der U19 als die der U17 als A-Spielerinnen in ihren Bundesligamannschaften. Da wir alle hier,ausser Markus,die drei anderen Spiele dieser U19 nicht sehen konnten,ist es also sehr schwer hier ein Gesamtbild zu erstellen. Wars Erschöpfung,ein schlechter Tag,harmonieren die Spielerinnen der U19 schlicht nicht so gut,wie die der U17?Ich… Weiterlesen »

Sant
Sant

Wie vor kurzem eine Presse schrieb, ist Maren Meinert vorbereitet, die Gegner „Norwegen“ auf Video zu studieren!! Die deutschen Spielerinnen kannten die Stärken / Schwächen von Nordländerinnen schon. Zu klar dominierte Deutschland das Spiel – einige Chancen wurden verspielt! Sie hätten in der ersten HZ mit 3-0 führen können und haben vor allem Norwegen nicht eine Torchance zugelassen. Nach der Pause änderte sich die Formation der Norweger von 4-3-3 zu 4-5-1. Die gut aufgelegte Ida Elise Enget blieb und traf zum 1-1 Ausgleichstor! 😉 Danach kam Deutschland mehrfach gefährlich vor das norwegische Tor. Die Abwehr kämpfe tapfer bis letzte Minuten,… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

Hallo Sant, die Deutschen haben einfach versäumt, die Tore zu machen, in der zweiten Halbzeit waren die Norwegerinnen nach der taktischen Umstellung nicht mehr ganz so anfällig wie in der ersten Halbzeit.

Aber insgesamt doch ein glücklicher Finaleinzug. Ich glaube, dass es heute gegen Italien sehr schwer wird, die 30 Extraminuten im Halbfinale dürften sich negativ bemerkbar machen.

Markus Juchem
Markus Juchem

In einem bisher enttäuschenden Finale der U19-EM steht es zur Pause zwischen Italien und Norwegen 0:0. Beide Teams zeigen nur wenig Erbauliches, keine Mannschaft geht ein Risiko ein, Torchancen blieben auf beiden Seiten bisher die Ausnahme. Schade, dass wir heute nicht die deutsche Elf sehen können.

Sant
Sant

Hallo MJ, na ja, sie sind schon vor mehrere Tage müde, weil sie seit April keine Pause wegen Toppserien und Pokalspiele bis Ende Juni (fast viele englische Wochen) gemacht haben, genauso wie die Frauenmannschaft am 01.Juli zuhause gegen die USA mit 0-4 verlor, kein Wunder.

Schade, dass sie das nicht geschafft hat – Italien hat auch nicht besser gespielt, nur Elfmeter hat ihr geholfen. Trotzdem herzlichen Glückwunsch! 😉

Markus Juchem
Markus Juchem

Ich würde schon sagen, dass Italien heute die bessere Mannschaft war, Norwegen hatte keine echte Torchance und die Spielerinnen waren extrem müde. Trainer Jarl Torske war von der Leistung seiner Mannschaft sehr enttäuscht, er nahm nur die Torhüterin und Maren Mjelde von seiner Kritik ist. Er hat ein paar ganz interessante Dinge auf der Pressekonferenz gesagt. Das kannst Du nachher auf uefa.com nachlesen, ich bereite das gerade auf.

Max Diderot
Max Diderot

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, lässt sich gerne in den Medien als il cavaliere, der Ritter, titulieren. Nicht ganz frei von den ihm eigenen Gaga-Anfällen neigt er aber auch schon einmal dazu, anderen Regierungen Ratschläge erteilen zu wollen. Wenig ritterlich erschien sein jüngster Fauxpas, als er dem spanischen Kabinett vorwarf, es sei ein wenig rosa. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass ihm der Frauenanteil in der Regierung seines Kollegen Zapatero missfiel. Was das mit dem Erfolg der italienischen U19-Damen bei der aktuellen EM zu tun hat? Nichts! Und trotzdem bleibt zu hoffen, jetzt da die europäische Frauenfußball-Karte wieder ein… Weiterlesen »

Sant
Sant

Interessant! Was er klar sagte, finde recht gut. Nicht nur er, auch die Klubs und NFF werden sie auf jeden Fall mehr fördern und eine bessere Ausbildung geben. Vor einige Monate las ich Berichte, Röa wollte den Nachwuchs besser fördern, denn er ist die Zukunft des Vereins wie Kolbotn. Ich möchte mich irgendwann mit einer Spielerin darüber unterhalten.

Harald
Harald

@Max Diderot:

Schmunzelnd fällt mir dazu ein, daß das maillot jaune der italienischen Landesrundfahrt ja in rosa ausfällt. Und zum primo cavaliere des Milanese AC schweig ich mal lieber *fg*