Das Pokalfinale muss weg aus Berlin

Von am 18. April 2008 – 7.32 Uhr 22 Kommentare

Jedes Jahr, wenn sich im Kalender wieder einmal das DFB-Pokalfinale nähert (dieses Jahr wegen der UEFA EURO 2008™ besonders früh), wird eine Frage unter Frauenfußball-Interessierten heiß diskutiert. Soll das DFB-Pokalfinale der Frauen auch in Zukunft als Vorspiel des Männerfinales in Berlin stattfinden? Oder besser an einem anderen Ort in einem kleineren Stadion ausgetragen werden?

Noch immer hat die Bundeshauptstadt in Sachen DFB-Pokalfinale eine magische Strahlkraft im Männer- wie im Frauenfußball gleichermaßen („Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“). Dabei ist die Tradition, dieses sportliche Ereignis in Berlin auszutragen, noch gar nicht so alt. Erst seit 1985 ist das Berliner Olympiastadion regelmäßiger Schauplatz des Endspiels. 

Eine damals umstrittene Entscheidung, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als Kompensation dafür traf, Berlin nicht als Spielort für die Männer-Europameisterschaft 1988 in Erwägung zu ziehen, um die eigene Bewerbung nicht zu gefährden. Denn über die Zugehörigkeit (West-)Berlins zur Bundesrepublik gab es damals geteilte Meinungen in den osteuropäischen UEFA-Ländern, um deren Stimmen man fürchtete. 

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Das Festhalten an Berlin hat für den Frauenfußball seinen Preis, denn bis heute ist das Frauen-Endspiel nicht aus dem Schatten des Männerfinales herausgetreten. Dabei ginge es auch anders.

Befürworter des Doppelfinales freuen sich, dass dem Frauenfußball abgesehen von großen Turnieren der A-Nationalmannschaft zumindest an einem Tag im Jahr verstärkte Aufmerksamkeit zuteil wird. Das Stadion ist bestens gefüllt, und selbst die Medien, die sonst eher einen großen Bogen um den Frauenfußball machen, sehen sich an diesem Tag genötigt, wenigstens im kleinen Stil über das Frauenfinale zu berichten. Doch sollte man wirklich dauerhaft damit zufrieden sein, von der Mehrheit des Publikums weiterhin als lästiges Anhängsel wahrgenommen zu werden?

Frauenfinale zu schade als Warm-up
Beim Endspiel im vergangenen Jahr waren zu Beginn des Frauenfinales rund 5.000 Zuschauer im Stadion, die sich mit Gesängen auf das bevorstehende Männerfinale einstimmten. Das Geschehen auf dem Rasen nahmen sie, wenn überhaupt, nur am Rande wahr. Diese Zuschauerzahl hätte an einem anderen Ort locker übertroffen werden können, bedenkt man etwa, dass in diesem Jahr das Halbfinale zwischen Zweitligist TuS Köln rrh. und Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Saarbrücken mehr als 4.000 Zuschauer ins Stadion lockte. 

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Mag sein, dass eine Handvoll Leute das Frauenfinale am Nachmittag als Einstimmung zum Männerfinale am TV-Gerät verfolgen, die sonst kein Frauenfußball-Spiel anschauen würden. Mehr zur Zeitüberbrückung denn aus echtem Interesse. Helfen die der Entwicklung des Frauenfußballs weiter? 

Plädoyer für einen anderen Spielort
Ein eigener Standort für das Frauenfinale, ob fest oder wechselnd, böte langfristig größere Chancen. Nicht etwa ein großes Stadion wie die Arena AufSchalke, die im vergangenen Jahr in die Diskussion gebracht wurde, sondern eher ein kleines, feines Schmuckkästchen, in dem etwa 10.000 bis 15.000 Zuschauer Platz finden würden und über die Jahre eine eigene unverwechselbare Atmosphäre entstehen könnte. Zuschauerzahlen ähnlich den Auftritten der Nationalmannschaft sollten heute auch bei einem DFB-Pokalfinale machbar sein. 

Mit wachsendem Zuschauerinteresse könnte man dann später immer noch einen Umzug in ein größeres Stadion in Erwägung ziehen. Der Frauenfußball hat inzwischen einen Stellenwert und eine Größenordnung erreicht, die eine Abspaltung anders als in der Vergangenheit inzwischen sinnvoll erscheinen lässt. Auch einige Journalisten würden diesen Schritt begrüßen, denn aufgrund der begrenzten Platzkapazität bleibt so manchem Frauenfußball-Journalisten der Zutritt zur Veranstaltung auch in diesem Jahr verwehrt. Das würde bei einem eigenständigen DFB-Pokalfinale nicht passieren. 

Mehr echte Fans im Stadion
Zudem könnte dann für die TV-Übertragung eine zuschauerfreundlichere Zeit gefunden werden als 16.30 Uhr am Samstagnachmittag, die Spielerinnen würden von den Zuschauerrängen aufrichtiges Interesse entgegengebracht bekommen, denn die echten Frauenfußball-Fans, die heute nur in geringem Maße eine Chance haben, an eine Eintrittskarte zu kommen, würden in größerer Anzahl Zutritt zum Stadion erhalten. 

Manch einer mag entgegenhalten, dass die Zahl derer, die nur für ein Frauen-Pokalfinale ins Stadion gehen deutlich kleiner ist, doch eine Veranstaltung mit 10.000 echten Frauenfußball-Fans sollte auch den beteiligten Vereinen und Spielerinnen mehr wert sein, als eine Schattenkulisse von 70.000. 

DFB-Pokalfinale mit Verlängerung
Auch organisatorische Pannen würden dann der Vergangenheit angehören, etwa wie im vergangenen Jahr, als die Pressekonferenz und die anschließenden Interviews stattfanden, als Herbert Grönemeyers Stimme bereits durch das weite Rund schallte und der Anpfiff des Männerfinales kurz bevorstand. Und zuguterletzt müsste man dann auch nicht auf das spannungsgeladene Element einer möglichen Verlängerung verzichten, nur um den Anstoß des Männerfinales kalkulierbarer zu machen. 

Von einem individuelleren Umgang mit einem der wichtigsten Ereignisse im nationalen Frauenfußball würden alle profitieren; Spielerinnen, Vereine und Fans gleichermaßen.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

22 Kommentare »

  • Ruhrschnellweg sagt:

    Ich schließe mich zahlreihen Vorrednern an.

    Ich sehr da nicht die großartige Plattform oder die große Bühne, sondern ein viel zu leeres zu großes Stadion. Mittlerweile ist anscheinend viel zu viel Event drumherum, da kommen die anderen Fans erst zu „ihrem“ Spiel – das muss nicht mal böse gemeint sein, aber wer guckt sich die Vorgruppe beim Konzert gern an, ist man deswegen da?

    Ich plädiere allerdings für wechselnde Spielorte, warum nicht? Da können sich Orte, die nicht ganz so häufig im Fokus stehen profilieren und Veranstaltungen drumherum basteln. Gibt genügend Standorte mit ordentlichen Stadien in Deutschland…

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  • Max Diderot sagt:

    Ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Agentur SportA hat mir heute eine Antwort auf meine Email, die die Frage aufwarf, ob und gegebenenfalls wie viele ausländische Sendeanstalten das DFB-Pokalfinale 2008 der Damen übertragen, gesandt. Leider wurde dieses Match nur in Deutschland ausgestrahlt.

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