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2007

Heftige WM-Nachwehen in Norwegen

Es war der frühe Abend des 30. September diesen Jahres, als sich die USA und Norwegen bei der WM in China im Spiel um den dritten Platz gegenüberstanden. Damals vereinte die beiden Mitfavoriten, den ersehnten Finaleinzug verpasst zu haben. Jetzt, anderthalb Monate später, vereint sie etwas ganz anderes, ebenso unerfreuliches. Die WM und ihr Verlauf haben Spuren hinterlassen, Risse treten offen zutage.

Zugegeben, die norwegische Situation ist (noch?) von kleinerer Dimension als der skandalöse Umgang mit Torfrau Hope Solo beim Bronzemedaillengewinner aus Amerika . Doch auch im Land der Fjorde ist man weit entfernt von Friede, Freude, Eierkuchen.

Schon nachdem der letzte Abpfiff in Shanghai ertönt war, begannen die Einschätzungen über die Gründe für die deutlichen Niederlagen in Halbfinale und kleinem Finale weit auseinanderzudriften. Trainer Bjarne Berntsen hatte in erster Linie athletische Defizite ausgemacht: “Wir müssen physisch sehr viel stärker werden. Wir können hervorragenden Fussball spielen, so lange wir konditionell voll auf der Höhe sind, aber jeder hat gesehen, welche Schwierigkeiten wir in den Begegnungen gegen andere Spitzenmannschaften hatten.”

Berntsen erntet Widerspruch von Führungsspielerinnen

Eine Position, der Führungsspielerinnen wie Ingvild Stensland und Solveig Gulbrandsen vehement und öffentlich widersprachen. Stensland forderte, die Mannschaft müsse sich vor allem “im Spiel mit dem Ball verbessern, und zwar sowohl technisch als auch taktisch.” Auch Gulbrandsen sah in konditionellen Problemen allenfalls ein kleines Puzzleteil, “dabei gab es technisch und taktisch noch viele andere Schwächen.”

Was damals noch als bemerkenswert offene Diskussionskultur zu interpretieren gewesen sein mag, darf aus heutiger Sicht als Vorläufer einer ernsthaften Krise angesehen werden, die nach dem gesundheitlich begründeten Rückzug von Torjägerin Ragnhild Gulbrandsen auch zum Rücktritt einer der erfahrensten Nationalspielerinnen geführt hat. Lise Klaveness gab am Montag bekannt, nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen zu wollen, und reagierte damit auf Berntsens Entscheidung, sie nicht für die restlichen EM-Qualifikationsspiele zu berücksichtigen.

Schon am Flughafen in Oslo nach der Rückkehr aus China hatte Berntsen die 26-Jährige, die seit 12 Jahren fester Bestandteil norwegischer Auswahlmannschaften war, über ihre Nichtberücksichtigung für die nächsten Spiele informiert, weil Klaveness nicht in das norwegische Spielsystem passe. Resigniert gab Klaveness nun zu Protokoll, sie habe alles versucht, um hinsichtlich Athletik und fußballerischer Fähigkeiten besser Berntsens Vorstellungen zu entsprechen, doch: “Sich anpassen - ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll.”

Ragnhild Gulbrandsen wirft Berntsen schlechten Stil vor

Was für Außenstehende noch als persönliches Einzelschicksal abgetan werden könnte, hat nun die Kritik an Berntsens Führungsstil anwachsen lassen. Torjägerin Ragnhild Gulbrandsen, die nach ihrem Rücktritt keine Rücksicht auf eigene Interessen mehr nehmen muss, setzte sich erstaunlich deutlich für ihre ehemalige Teamkollegin ein und kritisierte Berntsens Umgang mit Klaveness in einem Interview mit dem norwegischen Fernsehsender NRK scharf .

Berntsen habe Probleme mit Spielerinnen, die ein gewisses Maß an Unabhängigkeit suchten und sich mit ihrer Erfahrung das Recht herausnähmen, gewisse Entscheidungen auch kritisch zu hinterfragen. Seine soziale Kompetenz ließe in manchen Situationen zu wünschen übrig: “Du kannst nicht jeden gleich behandeln. Spielerinnen wie Lise muss man auf und neben dem Platz Freiheiten lassen.”

Norwegen vor Umbruch - auch Zukunft von Camilla Huse offen

Ohne die beiden Stürmerinnen Klaveness und Gulbrandsen steht die norwegische Offensivabteilung damit mitten in der EM-Qualifikation vor einem Umbruch. Auf jungen Kräfte wie Isabell Herlovsen wird schon bald viel Verantwortung lasten. Zudem bleibt abzuwarten, wie sich der öffentlich ausgetragene Streit um Berntsens Verhalten auf das Mannschaftsklima auswirken wird.

Ob Camilla Huse, die in China ein erfolgreiches WM-Debüt feierte, dies noch aus nächster Nähe mitbekommen wird, ist offen. Die 28-Jährige zeigt sich unsicher, ob sie den Anforderungen, die die Nationalmannschaft, ihr Verein Kolbotn IL, ihr Beruf als Lehrerin und nicht zuletzt ihre Rolle als Mutter einer sechsjährigen Tochter an sie stellen, gewachsen ist. Für das EM-Qualifikationsspiel gegen Russland am 27. Oktober ist sie nominiert. Doch eine Entscheidung darüber, ob Norwegen binnen einem Monat eine dritte WM-Fahrerin verliert, dürfte bald fallen.