Bitte keine Vergleiche mehr!
Nein, ich will nicht nur meckern. Es ist gut und es freut mich, dass gestern Abend ARD und ZDF den Empfang der Weltmeistermannschaft live übertragen haben. Parallel. Sowas kennt man eigentlich nur von Papstbesuchen oder königlichen Hochzeiten.
Man darf sich darauf durchaus etwas einbilden, denn es ist ein Indiz dafür, dass Frauenfußball eine so große Masse begeistern kann, dass sich die Sender diese gute Quote einfach nicht entgehen lassen wollen. Das kann man getrost als einen Erfolg bezeichnen, es ist die verdiente Belohnung für harte und erfolgreiche Arbeit. Und für das dauernde Ankämpfen gegen Vorurteile.
Doch diese Übertragungen zu verfolgen, war auch aufschlussreich. Sie sagten viel aus über den derzeitigen Stand des Frauenfußballs in der Gesellschaft und über das, was wir in den nächsten Jahren erwarten dürfen. Etwas Medienkritik, aber nicht nur. Ein persönlicher Kommentar zur WM.
Was den Erfolg aufwerten soll, ist das krasse Gegenteil
Nein, es verhielten sich gestern nicht alle so unverblümt-ungeschickt wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der die frischgebackenen Weltmeisterinnen im Frankfurter Kaisersaal mit den Worten “Macht den Männern weiter Druck, damit sie auch wieder Erfolge feiern” zu weiteren Siegen ermuntern wollte. Mittel zum Zweck, nennt man das wohl. Da weiß man, woran man ist.
Über diese Phase sind die meisten Fernsehreporter glücklicherweise schon hinaus. Doch trotzdem kleben die Vergleiche mit dem Männerfußball an dieser Sportart wie eine Klette. Dass Birgit Prinz nach dem Finale den Triumph einen Moment lang ganz in Ruhe und in sich gekehrt genießen wollte, habe etwa an Franz Beckenbauer 1990 erinnert. Mh. Nadine Angerer ist jetzt eine “Titanin”, sie kommt ganz nach Oliver Kahn. Aja.
Es ist wohl tatsächlich, so schwer ich mich darin hineinversetzen kann, der Glaube, die Erfolge der Frauenmannschaft würden dadurch aufgewertet, in einem Atemzug mit einem Franz Beckenbauer genannt zu werden. In Wahrheit ist es das Gegenteil, weil es offenbart, dass es augenscheinlich nicht ausreicht, einfach nur Weltmeisterinnen zu feiern, einer Birgit Prinz oder einer Nadine Angerer einfach nur zu ihren Leistungen zu gratulieren. Das geht einfach nicht. Noch nicht? Hoffentlich.
Der Erfolg ist nicht mehr oder weniger wert, es ist schlicht ein großer Erfolg
Selbst seriöse Medien, die im 21. Jahrhundert angekommen sind, kommen nicht umhin, immer wieder diese Vergleiche anzustellen. Steffen Dobbert in der ZEIT hat Recht , wenn er das Missverhältnis der Beachtung in der Öffentlichkeit beklagt und darauf hinweist, dass nur im Fußball die Schusskraft einer Frau mit der eines Mannes verglichen wird. In der Leichtathletik ist es ganz selbstverständlich, dass die Frauen eben langsamer laufen.
Doch sein Kollege Ulrich Dehne ist noch nicht so weit. Er lässt es sich nicht nehmen, die Erfolge miteinander zu vergleichen: “Der zweite und der dritte Platz von Ballack und Co. bei den vergangenen Weltmeisterschaften ist sportlich mehr wert als die beiden WM-Siege der Frauen hintereinander.”
Warum, erklärt er mit Argumenten, die seine Unkenntnis offenbaren. Es sei eben einfach schwieriger, bei den Männern Weltmeister zu werden. Nur fünf Länder gebe es neben Deutschland, die ein “respektables Niveau” bieten: Norwegen, Schweden, USA, Brasilien und China. Dass etwa Frankreich gar nicht dabei war, Australien den deutschen Finalgegner Brasilien am Rande einer Niederlage hatte, Kanada in Gruppe C nur haarscharf scheiterte und Australien und Norwegen das Leben verdammt schwer gemacht hat, dass Nordkorea und nicht Schweden in Gruppe B weiter kam - alles Fortschritte, die er unter den Tisch kehrt.
Am Ende bekommt er die Kurve und schließt: “Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!” Richtig, möchte man ihm zurufen. Natürlich ist die Leistungsdichte im Männerfußball noch höher, aber deshalb ist der Titelgewinn nicht mehr und nicht weniger wert. Die Rahmenbedingungen sind andere. Und das bedeutet auch, dass zahlreiche Nationalspielerinnen noch ganz andere Zeiten erlebt haben. Als die Medienberichterstattung dieser WM vollkommen unvorstellbar war. Als die Widerstände immens waren. Dehne weist sogar selber darauf hin, dass in vielen Ländern die gesellschaftliche Akzeptanz fehlt. Der Versuchung, den Wert der Erfolge miteinander zu vergleichen, erliegt er dennoch.
Man kann es mit Sarkasmus nehmen, wie es Ariane Hingst und Nadine Angerer während der Siegesfeier in einem gespielten Interview getan haben. Hingst: “Und, macht ihr nach dem Spiel denn auch den Trikottausch?” Angerer: “Und duscht ihr denn auch mit eurem Torwarttrainer?” Ganz so schlimm ist es meistens nicht mehr, aber es ist die richtige Einstellung, sich von dieser Borniertheit nicht beeindrucken zu lassen. Zu zeigen, für wie beschränkt man dieses Denken hält.
Jogi Löw 2008 wie Birgit Prinz 2007?
Und doch werde ich erst dann aufhören, mich darüber aufzuregen, wenn beispielsweise im nächsten Jahr, sollten die deutschen Männer dann Europameister werden, ein in sich gekehrter Jogi Löw darauf angesprochen wird, dass das alles ein bisschen an Birgit Prinz 2007 erinnerte. Oder dass ein Per Mertesacker in der Abwehr genauso kompromisslos zu Werke geht wie eine Annike Krahn. Wäre doch auch eine Form der Anerkennung für die Männer, oder? Nein? Aha.
Also der Römer-Empfang. Es ließ sich viel daran ablesen, was man in die nächsten Jahre mitnehmen kann. Es gibt eine Basis derer, die sich wirklich für den Frauenfußball interessieren, die die Spiele mit ehrlichem Interesse verfolgen. Die Zahl derer ist seit der WM 2003 gestiegen, und sie kann weiter wachsen.
Hier müssen die Vereine ansetzen, müssen unaufhörlich dafür werben, wo ihre Weltmeisterinnen zu sehen sind, denn es stimmt: in der Öffentlichkeitsarbeit tut sich etwas, doch sie ist in vielen Fällen noch stark verbesserungswürdig. DFB-Präsident Theo Zwanziger ist ein Glücksfall für den Frauenfußball und man darf sich sicher sein, dass er auch in den kommenden Jahren einiges bewegen wird. Es gilt, die Leute weiter in Kontakt mit dem Frauenfußball zu bringen. Nur so können Vorurteile abgebaut und Interesse für den Sport geweckt werden.
Denn die Vorurteile sind weiterhin immens, darüber kann die politisch korrekte Behandlung des Themas von offizieller Seite aus nicht hinwegtäuschen. Darüber kann und sollte auch ein gigantischer Empfang wie der gestrige nicht hinwegtäuschen. Bei einer WM spielt eine Nationalmannschaft und ein solcher Empfang ist ein Event. Beides liebt die Volksseele.
Der Stammtisch ist noch immer nah
Dabei zeigte die TV-Übertragung des Empfangs unfreiwillig so deutlich wie irgend möglich, wo nach wie vor das Haupthemmnis für eine schnellere Entwicklung des Frauenfußballs liegt. Ob man das Fernsehen verfolgt oder mal einen Blick in allgemeine Fußball-Foren im Internet wirft, wo Frauenfußball nur bei der WM mal zum Thema wird. Da ist der Stammtisch sehr nah. Anerkennung liest man da bisweilen auch. Aber vor allem ist es immer noch irgendwie komisch, dass 22 Frauen genau das machen, was sonst die Männer tun.
Fußball in Deutschland ist weiterhin vor allem Männersache, es gilt weiterhin eine beträchtliche Spießigkeit zu überwinden. Emanzipation dauert, und jedem, der gedanklich schon viel weiter ist, kommt das unerträglich lange vor. Das politisch korrekte Verhalten zeigt, dass es nicht mehr schick ist, sich negativ über Frauenfußball zu äußern.
Emanzipation ist eine Geduldsprobe - die richtigen Maßstäbe sind wichtig
Das ist natürlich gefährlich, weil man sich nicht der Illusion hingeben darf, damit sei echte Anerkennung verbunden. Aber es ist dennoch ein kleiner Erfolg, dass es eben nicht mehr schick ist. Ein kleiner, wenn auch unbefriedigender. Geglückt ist die Emanzipation jedoch freilich erst dann, wenn die Verkrampftheit aus dem Umgang mit dem Frauenfußball gewichen ist.
Das sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die im Frauenfußball Aktiven operieren. Sie entlassen niemanden aus der Verantwortung, die Möglichkeiten besser auszureizen. Aber sich ihrer zu vergegenwärtigen, hilft, die Maßstäbe richtig zu setzen.