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2007

Nadine Angerer: Alles oder nichts

Manchmal liegen Erfolg und Misserfolg im Leben einer Sportlerin nah beieinander. Nadine Angerer bildet da keine Ausnahme. Als Deutschlands neue Torhüterin Nummer Eins im letzten Vorrundenspiel gegen Japan Stürmerin Eriko Arakawa rüde mit dem Knie voraus von den Beinen holte und die Japanerin verletzt den Platz verlassen musste, hätte sie sich über einen Platzverweis nicht beschweren dürfen.

Doch sie hatte Glück und konnte im WM-Viertelfinale gegen Nordkorea erstmals im Turnierverlauf ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und zeigen, dass sie mehr als nur eine würdige Vertreterin von Silke Rottenberg ist, nachdem sie in den drei Vorrundenspielen zuvor nicht gefordert worden war und sich schon über mangelnde Arbeit beklagte.

Mit ihrer Parade gegen den Drehschuss der Nordkoreanerin Ri Un Gyong verhinderte sie in der zweiten Halbzeit den Ausgleich der Asiatinnen und somit drohendes Ungemach. DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger verlieh der von der Technischen Studiengruppe der FIFA zur „Spielerin des Spiels“ gekürten 28-Jährigen ob ihrer Paraden nach der Partie sogar das Prädikat „Weltklasse“.

Das lange Warten hat sich gelohnt

Eine Menge Genugtuung für eine, die elf Jahre und sieben Turniere darauf warten musste, Silke Rottenberg zu überflügeln, die aufgrund eines Muskelfaserrisses in der Wade nach überstandenem Kreuzbandriss kurz vor der WM das Nachsehen hatte. Sportlich ist Angerer mit Rottenberg schon seit geraumer Zeit auf Augenhöhe, doch momentan ist sie dabei, auch in punkto Souveränität und Ausstrahlung Boden auf Rottenberg gut zu machen.

Es kann also nicht verwundern, wenn sie auf dem Platz mit auffälligen Aktionen ein wenig PR in eigener Sache betreibt. So auch gegen Nordkorea, als sie in der ersten Halbzeit nach einem Zusammenstoß die verdutzte Kim Yong Ae zusammenfaltete und von Annike Krahn und ihrer früheren Teamkollegin bei Turbine Potsdam, Ariane Hingst, gebremst werden musste. Oder auch bei einem schmerzhaften Zusammenstoß mit Nordkoreas Spielführerin Ri Kum-Suk in Halbzeit zwei, wo sie Kopf und Kragen riskierte.

“Das ist meine Art, offensiv zu spielen, da kommt es gelegentlich zum Crash. Aber es war keine unfaire Aktion dabei”, sagt Angerer.

„Ich freue mich, dass ein paar Bälle aufs Tor gekommen sind, das gibt Sicherheit“, so Angerer, die es sichtlich genießt, im Rampenlicht zu stehen, wenngleich sie die Lobeshymnen des DFB-Präsidenten ein wenig verlegen zur Kenntnis nahm. Wie damals im ersten UEFA-Pokalfinale 2005 bei Djurgården, als Potsdams Trainer Bernd Schröder in einem seltenen Anflug von Großmut Angerers Leistung Weltklasse bescheinigte.

Dabei genoss Angerer in der Vergangenheit bei den Fans nicht uneingeschränktes Vertrauen, da sie sich gelegentlich Patzer leistete, wie etwa bei der 0:1-Niederlage gegen China im März 2006 in Homburg, wo sie einen Eckball der Chinesinnen unterschätzte. Auch in der Saison 2004/2005 waren ihr im Verein einige Flüchtigkeitsfehler unterlaufen.

Fokus voll auf WM gerichtet

Doch heute merkt man, mit welcher Freude und welchem Eifer sie bei ihrem ersten großen Turnier bei der Sache ist. Seitdem die 28-Jährige ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen hat und im EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande im April ihr Comeback feierte, hat sie sich noch mehr ins Training reingehängt und sich gezielt auf die WM vorbereitet. Nun ist sie der Rückhalt ihres Teams und erntet die Früchte ihrer Arbeit.

Im Halbfinale gegen Norwegen am kommenden Mittwoch (live ab 14.00 Uhr in ARD und Eurosport) wird wieder eine ganze Menge Adrenalin durch die Venen der Spielerin fließen, die einst als Stürmerin begann. Und sie wird sich erneut ohne Zögern ins Getümmel stürzen – denn es kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.