Anna Blässe: „Es ging mir die ganze Zeit nicht gut“
Das Thema „Anna Blässe“ hat bei den Leserinnen und Lesern von Womensoccer.de hohe Wellen geschlagen. 22 Reaktionen auf unseren Artikel „Anna Blässe und die verlorene Unschuld“ belegen, dass der Gesprächsbedarf zu den Umständen ihres Wechsels vom Hamburger SV zum VfL Wolfsburg nach wie vor hoch ist.
Grund genug für uns, einmal bei der Spielerin selbst nachzufragen und auch ihre Agentur profipartner24 zu Wort kommen zu lassen.
Viel Wirbel gab es in den vergangenen Monaten um die Abwanderungsgelüste von Anna Blässe. Die Meinungen über das Verhalten der 20-Jährigen, die es trotz eines bestehenden Dreijahresvertrags aus der Hansestadt wegzog, gingen auseinander. Eine gefühlte Mehrheit lehnte die Vorgehensweise der Neu-Wolfsburgerin ab.
Mündliche Vereinbarung sorgt für Zündstoff
Doch der bisher öffentlich nicht bekannte Knackpunkt der Auseinandersetzung zwischen Blässe und dem HSV birgt gewaltigen Zündstoff. Denn: Laut Blässe und Dietmar Neß, dem Ansprechpartner ihrer Agentur profipartner24, existierte eine mündliche Vereinbarung mit dem früheren HSV-Abteilungsleiter Hartmut Engel, die der Spielerin bei den Vertragverhandlungen in Aussicht stellte, den Verein jederzeit verlassen zu dürfen, wenn sie sich in Hamburg nicht wohl fühlen würde.
Ein Angebot, das sämtliche HSV-Spielerinnen im Rahmen einer speziellen „HSV-Philosophie“ erhielten. „Damals war der Fall Tanja Wörle ziemlich aktuell“, erinnert sich Blässe gegenüber Womensoccer.de . „Es war ein großer Schritt für mich in die Millionenstadt Hamburg zu gehen, aber ich wollte es einfach probieren. Ich habe das alles unterschätzt“, gesteht sie ein.
Problem: Die mündliche Vereinbarung wurde nicht schriftlich fixiert. „Ich habe mir das dummerweise nicht in den Vertrag reinschreiben lassen. Ich will mich gar nicht als Unschuldsengel hinstellen, natürlich habe auch ich Fehler gemacht. Es war mein erstes Angebot aus der Bundesliga, da war ich so froh und dachte, ich muss sofort zuschlagen.“ Im Verein bestreitet man die Existenz der Vereinbarung nicht, doch diese hätte nur für die ersten drei Monate gegolten. „Entgegen den Aussagen des Vereins wurde keine Frist gesetzt. Diese wurde weder mündlich noch schriftlich geäußert“, so Blässe.
Kaum in Hamburg fingen die Probleme für Blässe bereits an. „Nachdem ich gewechselt bin, war ich gleich verletzt. Es ging mir die ganze Zeit nicht gut, ich bin mit der Umstellung nicht klar gekommen.“ Hinzu kamen private Probleme. „Meine Eltern haben sich getrennt, ich hatte gar keinen Einblick mehr, was in der Familie passiert. Mein 8-jähriger Bruder hat unter der Trennung gelitten, das hat mir weh getan.“ Hinzu kam: „Eine Beziehung in Frankfurt hat sich verfestigt, das hat die Sache noch erschwert. Das konnte ich alles nicht wissen, als ich unterschrieben habe.“
Doch vor allem fühlte sie sich in der Großstadt unwohl. Jedes freie Wochenende fuhr sie heim zu ihren Eltern nach Weimar. „In Hamburg auf der Couch kam ich mir vor wie im Trainingslager und nicht wie zuhause. Ich dachte, das legt sich mit der Zeit, aber es ist nie richtig gut geworden.“ Dabei hatte sportlich alles gepasst, Probleme mit der Mannschaft gab es keine.
Mit der Zeit stellten sich auch gesundheitliche Probleme ein. „Ich habe zehn Kilo abgenommen und war beim Arzt, weil ich so erschöpft war.“ Nach und nach schlug sich die schlechte Grundstimmung auch auf ihre Leistung nieder. „Um Weihnachten herum habe ich dem Trainer gegenüber angedeutet, dass es mir zunehmend schwer fällt.“
Ein klein wenig kann Blässe den Unmut des HSV verstehen. „Ich habe nie großartig über meine Situation geredet. Ich bin ein Mensch, der nicht gerne über Probleme spricht, sondern erst, wenn ich es mit mir selbst ausgemacht habe.“ Und auch wenn einzelne HSV-Spielerinnen wussten, wie unglücklich sie wirklich war, informierte sie erst im Juni die Vereinsführung klar und deutlich, dass sie weggehen will. „Der Trainer hat gesagt: ‚Reisende soll man nicht aufhalten. Ich will keine 20-Jährige kaputt machen.’“
Psychologe und Sonderurlaub
Ganz kampflos wollte sich der HSV dann dennoch nicht geschlagen geben. Doch auch die letzten Angebote des HSV konnten Blässe nicht mehr umstimmen. „Sie wollten mir einen Psychologen zur Seite stellen und mir häufiger Sonderurlaub gewähren. Ich wusste das Angebot zu schätzen und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, aber ein Psychologe hätte nicht die Ursache behoben, und ich wollte auch nicht, dass ich eine Extrawurst bekomme. Auch andere haben schwere Zeiten oder familiäre Probleme.“ Die Entscheidung aus Hamburg wegzugehen, stand seit Juni fest. „Ich hatte auch schon meine Ausbildungsstelle gekündigt.“
Enttäuscht ist sie, dass vom Verein nicht mehr Unterstützung kam. „Ich war nach den Gesprächen so fertig, dass ich drei Tage ins Krankenhaus musste. Mein rechter Arm war taub und ich konnte auf einem Auge nichts mehr sehen.“ Ein stressbedingter Migräneanfall, wie die Diagnose der Ärzte ergab. „Da hat sich kaum eine Spielerin und schon gar kein Verantwortlicher gemeldet“, so Blässe über den Vorfall Anfang Juli. „Beim Nordic Cup war Gerd Hein mit dabei, der hat mich links liegen lassen und nur ‚Hallo’ und ‚Tschüß’ gesagt.“
Blässe glaubt, dass das Verhalten des HSV beeinflusst von der kritischen Personalsituation war. „Das spielte sicherlich mit rein“, glaubt sie und kann sich eine Kritik nicht verkneifen: „Der Verein ist dafür zuständig, sich rechtzeitig darum zu kümmern, dass eine Mannschaft nicht so in Not gerät. Wenn Spielerinnen zum Probetraining kommen, dann muss man sich auch mehr um diese Spielerinnen kümmern. Es freut mich, dass sie jetzt Verstärkung aus Israel haben. Ich habe nichts gegen den HSV.“
Enttäuscht ist sie auch darüber, dass das Thema in die Öffentlichkeit getragen wurde. „Ich habe mich extra zurückgehalten und wollte alles intern klären. Danach war das nicht mehr vertretbar. Wäre ich geblieben und hätte ein schlechtes Spiel gemacht, hätte ich mich immer rechtfertigen müssen.“
Nun will sie das Thema HSV ganz hinter sich lassen und sich der neuen Aufgabe in Wolfsburg stellen. „Die ersten Tage waren schön, aber auch stressig wegen der Wohnungssuche und der Behördengänge.“ In Wolfsburg fühlt sie sich schon nach kurzer Zeit wohl.
„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass das mit Wolfsburg geklappt hat. Ich habe das Gefühl, hier gehe ich durch Weimar. Jeder grüßt, es ist ein kleiner Ort. Und nach Frankfurt und Weimar spare ich jeweils 200 Kilometer ein. Ich bin den Verantwortlichen des VfL sehr dankbar, dass sie sich so unfassbar um mich bemüht haben.“
Im schlimmsten Fall wäre sogar eine Rückkehr nach Jena nicht ausgeschlossen gewesen, hätte sich auf die Schnelle kein Erstligaverein gefunden. „Es ging mir nicht um Fußball, mein Leben war einfach nicht mehr schön. Für mich kamen nur Potsdam, Frankfurt und Wolfsburg in Frage.“
Und nach Aussagen von Neß kann sie dort sogar ohne Zeitverlust ihre Ausbildung fortsetzen. „In Wolfsburg wird äußerst professionell gearbeitet, dort hält man sich auch an mündliche Absprachen. Sie haben für Anna über Nacht einen Ausbildungsplatz organisiert. Ähnlich wie bei Shelley Thompson. Anna ist ganz bewusst dorthin gegangen.“ Eine schriftlich fixierte Ausstiegsklausel hat Blässe aber auch in Wolfsburg nicht.
Neß wehrt sich dagegen, dass die Beraterzunft in ein negatives Licht getaucht wird. Die Zusammenarbeit mit Anna entstand zum Ende der vergangenen Saison. „Der Wunsch des Athleten steht für uns im Mittelpunkt. Wir holen uns jeweils professionelle Partner dazu, um zu gewährleisten, dass die Sportler optimal betreut werden.“ Neben Anna Blässe und Shelley Thompson werden im Bereich Frauenfußball auch Lira Bajramaj, Nathalie Bock, Annemieke Kiesel und Andrea Lenart von profipartner24 betreut.
Gespannt ist Blässe auf das Wiedersehen mit dem früheren Verein in der 2. Runde des DFB-Pokals, das ihr die Auslosung bescherte. „Ich werde ‚Hallo’ sagen und wer mich grüßen will, der wird das tun. Ich bin gespannt, was die Spielerinnen über mich denken. Denn ich habe mich von ihnen gar nicht richtig verabschieden können.“