Anna Blässe und die verlorene Unschuld
Das monatelange Tauziehen um Stürmerin Anna Blässe hat ein Ende. Die 20-Jährige wechselt für die Rekordablösesumme von 20.000 Euro vom Hamburger SV zum Ligakonkurrenten VfL Wolfsburg und erhält einen Zweijahresvertrag. Was auf den ersten Blick wie ein normaler Vereinswechsel aussehen mag, ist bei genauerem Hinsehen gleich in zweierlei Hinsicht bedeutend.
Zum einen dokumentiert er, wie sich im Frauenfußball nach und nach Tendenzen wie im Männerfußball ausbreiten, wo unterschriebene Verträge – Rafael van der Vaart lässt grüßen - nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie verfasst wurden. Zum anderen zeigt auch das Verhalten des VfL Wolfsburg, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Der Frauenfußball hat seine Unschuld verloren.
Bis zuletzt versuchten die Verantwortlichen des HSV Blässe für einen Kompromiss zu gewinnen und sie zu überzeugen, wenigstens noch die laufende Saison für die Hanseatinnen zu bestreiten. Dann hätte man sie für die Saison 2008/2009 aus ihrem Vertrag herausgelassen. Doch auch dieser Versuch scheiterte.
Ein nicht gerade begeisterter HSV-Trainer Achim Feifel meint gegenüber Womensoccer.de : „Auch im Frauenfußball sind inzwischen überall Berater am Werk, die bei den Vereinswechseln mitkassieren. Und manche Spielerinnen, die vielleicht noch nicht über so eine Persönlichkeit verfügen, sind dann manchmal auch falsch beraten.“
Obwohl sie in Hamburg einen laufenden Vertrag bis 2009 hatte, bat Blässe „aus privaten Gründen“ um die Freigabe. Als der Verein ablehnte, erschien sie nicht mehr zum Training. Dennoch sitzt der Verein am kürzeren Hebel, denn eine unzufriedene, motivationslose Spielerin, die es wegzieht, bringt Unruhe ins Team und hilft sportlich nicht weiter.
Auch Viola Odebrecht zieht es beim SC 07 Bad Neuenahr bereits kurz nach Vertragsunterschrift wieder weg, Turbine Potsdam soll ganz oben auf der Wunschliste stehen. Und auch hier dürfte es nur eine Frage der Zeit und des Geldes sein, bis die frühere Nationalspielerin wieder im Potsdamer Trikot auflaufen wird.
In Wolfsburg freut man sich über die Verstärkung. Trainer Bernd Huneke erklärt: „Ich bin froh, dass beide Vereine sich einigen konnten. Mit Anna Blässe haben wir eine Verstärkung bekommen, die weitere Qualität in unseren Kader bringt. Die Spielerin ist flexibel einsetzbar. Wir sind nun gut aufgestellt.“ Bleibt nur abzuwarten, wie lange bei Blässe die neue Liebe Wolfsburg hält.
20.000 Euro war den Niedersachsen die Verpflichtung letztendlich wert, viel mehr, als man ursprünglich ausgeben wollte. „Natürlich würden wir eine Entschädigung zahlen, aber die muss im Rahmen bleiben“, sagte Huneke noch kürzlich.
Aus der „Entschädigung“ wurde die höchste Ablösesumme, die je im deutschen Frauenfußball gezahlt wurde. Ein erster Anhaltspunkt, wie der Frauenfußball in wenigen Jahren funktionieren wird, wenn immer mehr finanzstarke Großklubs den Sport für sich entdecken werden, um ihn auf lange Sicht als neue Einnahmequelle zu erschließen.