Die Schwächen schonungslos aufgezeigt bekommen

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Diskussionsbedarf bei der deutschen Frauenfußball-NationalmannschaftDie Überschrift mag es suggerieren, doch nein: wir wollen uns nicht an einer Schwarz-Weiß-Malerei Marke „Gegen die Schweiz hui, gegen Norwegen pfui“ beteiligen. Das wäre grober Unfug, schließlich traf der amtierende Weltmeister heute beim 2:2 in Mainz auf den Weltranglistenvierten und damit auf einen ganz heißen Kandidaten auf den WM-Titel. Für Markus und mich, da sind wir uns einig, sogar WM-Favorit Nummer eins.

Man kann und sollte daher klar konstatieren, dass die Norwegerinnen ein „ganz anderes Kaliber“ als die letzten Gegner waren, wie auch die Bundestrainerin neidlos anerkannte. Hier spielte vor allem in der ersten Halbzeit – noch vor den vielen Wechseln, die den Spielfluss störten – eine Mannschaft mit einem Format, das nur ganz wenige WM-Teilnehmer aufweisen können. Den Respekt vor dieser Mannschaft und dem modernen Offensivfußball, den sie bot, sollte man bei aller berechtigten Kritik an der deutschen Mannschaft nicht verlieren.

Doch klar wurde auch, dass der Titelverteidiger gegen den besten Gegner der letzten Wochen und Monate seine Schwächen schonungslos aufgezeigt bekam. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diese Abwehr, das wurde nicht erst heute – heute aber umso krasser – deutlich, wird nicht nur gegen Mannschaften wie Norwegen bei der WM arge Probleme bekommen.

Zentrales Mittelfeld nicht existent

Sie bekommt diese Probleme auch – nicht nur, aber auch -, weil das zentrale Mittelfeld bei der deutschen Mannschaft fast nicht existent ist, wenn Linda Bresonik oder auch die zuletzt so starke Simone Laudehr ausfallen. Heute agierte eine Doppelsechs mit Saskia Bartusiak und Renate Lingor, die die Viererkette entlasten soll. Dabei gibt es nur ein Problem: weder Bartusiak noch Lingor sind klassische Sechser.

Beide Sechser finden ihren Platz im Spielsystem nicht, wenn sie auf einen Gegner treffen, der nicht – wie etwa die völlig überforderten Tschechinnen oder Schweizerinnen – rein auf die Defensive bedacht ist. Ob eine Simone Laudehr anstelle von Bartusiak oder Lingor mehr hätte ausrichten, dürfen wir getrost ins Reich der Spekulation verweisen. Gegen einen so starken Gegner musste bzw. konnte sie sich noch nie beweisen.

Die klassische Sechs kann keine ausfüllen

Doch auch Laudehr ist keine klassiche Defensivspielerin, das war aus dem erweiterten Kader nur Britta Carlson. Diese füllte diese Rolle bei der EM nahezu perfekt aus, hielt Lingor den Rücken frei. Lingor wiederum, auch das wurde heute nur noch deutlicher als zuvor aufgezeigt, ist nicht in der körperlichen Verfassung, die es ihr ermöglichen würde, ein so großes Laufpensum zu absolvieren, mit dem sie neben den Defensivaufgaben einer Sechs auch noch die Rolle der Spielgestalterin übernehmen könnte. So versucht sie beiden Ansprüchen gerecht zu werden und scheitert dabei kläglich.

Renate Lingor im FormtiefEine verfahrene Situation, die mit dem nominierten Spielerreservoir im Mittelfeld nur schwer zu lösen ist. Ein eklatantes Defizit, über das die letzten Spiele, in denen man sich die Freiräume nicht erst schaffen musste, in denen es nicht galt, über aggressives Pressing den Ball zu erobern, weggetäuscht haben mögen. Für mich die Wurzel aller Probleme. Denn wenn das zentrale Mittelfeld, das Herzstück einer Mannschaft, ohne jeglichen Einfluss bleibt, hat das Auswirkungen auf alle anderen Mannschaftsteile.

Offensive mit guten Spielzügen, aber kaum bedient

Nimmt man die Außenpositionen, gibt es nur wenig zu meckern. Kerstin Garefrekes und vor allem erneut Melanie Behringer haben ihre Sache gut gemacht. Sie haben nach vorne bewegt, was möglich war, und phasenweise durchaus gefällig mit ihren Offensivkolleginnen Birgit Prinz, Anja Mittag oder später auch Petra Wimbersky kombiniert. Das ist ein Fortschritt zum Algarve Cup. Denn damals lief auch im Kombinationsspiel nach vorne nichts zusammen.

Schlechtes Zweikampfverhalten, enorme Defizite im Stellungsspiel

Jetzt, dieses Manko bleibt leider immer noch, kommen sie nur viel zu selten zum Zuge. Und wenn, dann meistens auch nur, indem sie selber die Bälle erobern. Der Rest der Mannschaft, von der Viererkette bis zur Doppelsechs, ist hinten zu beschäftigt, um sich ins Offensivspiel einschalten zu können. Das Zweikampfverhalten, das monierten Trainerin Neid wie Spielführerin Prinz gleichermaßen, lässt arg zu wünschen übrig, durch falsches Stellungsspiel fielen beide Tore.

Das fiel vor allem beim zweiten Tor der Norwegerinnen durch Ragnhild Gulbrandsen (28.) auf, als es „keine Absprache“ (Neid) gab und Kerstin Stegemann die Abseitsstellung gleich dreier Norwegerinnen aufhob. Nadine Angerer im Tor wehrte zwar zunächst noch tapfer ab, hatte letztlich aber keine Chance.

Anders beim 0:1 durch Leni Larsen Kaurin in der 1. Minute, wo die Keeperin eine Teilschuld trifft. Eine Flanke der Norwegerin geriet unerwartet zum Torschuss, das Leder senkte sich über die Potsdamerin ins Tor. Dabei stand sie etwas zu weit vor der Torlinie. Allerdings darf Larsen Kaurin gegen Sonja Fuss auch niemals so frei zum Flanken kommen. Doch die Duisburgerin hatte erst noch zurückeilen müssen. Auch hier fehlte es dann an der Abstimmung, hätte eine andere Spielerin ihre Position einnehmen müssen. Fehler, die nicht passieren dürfen, wenn Kleinigkeiten entscheiden können. Ob in der 1. oder 120. Minute.

Auch die Innenverteidigung schwächelt

Dass die Innenverteidigung um Sandra Minnert und Ariane Hingst auch gerade nicht ihre besten Tage durchlebt, fällt vor allem bei weiten hohen Bällen auf. Aber auch im Eins-zu-Eins-Spiel – so verlor vor dem 2:1 der Gäste etwa Ariane Hingst den entscheidenden Zweikampf gegen Lene Storløkken, durch den sich die Mannschaft von Bjarne Berntsen das entscheidende Übergewicht verschaffen konnte. Doch letztlich ist die Innenverteidigung oftmals nur das letzte Glied in einer Kette von Fehlern.

Licht und Schatten also in der deutschen Mannschaft. Viel Schatten im Defensivverhalten, aber im Offensivspiel war nicht alles schlecht. So bewies Anja Mittag, obwohl sie leicht angeschlagen war, aufsteigende Form und bestätigte Melanie Behringer ihre starken Leistungen aus den letzten Spielen. Die eingewechselten Petra Wimbersky und Fatmire Bajramaj brachten viel Schwung in die Partie und zeigten, dass sie auch im direkten Zusammenspiel gut miteinander harmonieren. Beides gute Alternativen. Bajramaj als Joker, um ein Spiel zu beleben. Und Wimbersky, die ist möglicherweise mehr als eine Alternative, denn dass sie einen unnachahmlichen Torriecher besitzt, muss sie niemandem mehr beweisen.

Zwei Mannschaftsblöcke ohne Bindung zueinander

Doch zwischen diesen beiden Blöcken, dem defensiven und dem offensiven, fehlt jegliche Bindung. Das muss sich entscheidend ändern, um sich nicht allein auf Fehler des Gegners oder Konter verlassen zu müssen, wie es heute der Fall war. Bei einem WM-Spiel ist nämlich auch für Norwegens Trainer Berntsen die Testphase vorbei. Doch auch mit fröhlicher Wechselei in Halbzeit zwei. Norwegen hat seine Ansprüche auf eine WM-Medaille eindrucksvoll untermauert. Bei ihnen ist eine Struktur im Spiel erkennbar, die der deutschen Mannschaft gegen Gegner auf diesem Niveau noch fehlt.

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Detlef
Detlef

Eine sicherlich richtige Einschätzung des heutigen Spiels!!! Bis auf eine „große“ Kleinigkeit!!! NORWEGEN zum WM-Favoriten Nummer Eins zu machen, ist ja schon fast eine Absolution für das schlechte Spiel unseres Teams!!! Jeder darf natürlich seinen WM-Favoriten haben, und die Norwegerinnen sind (gerade mit dieser guten Leistung heute) sicher auch nicht chancenlos!!! Aber Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, schlimmer als heute, kann es ja gar nicht werden!!! Die Norwegerinnen sind (schon traditionell) ein Team, dass sehr viele Chancen ungenutzt lässt!!! Diesem Klischee, blieben sie auch heute treu!!! Ich behaupte aber, dass Teams wie Schweden, China und vor allem die USA,… Weiterlesen »

Ruhrschnellweg
Ruhrschnellweg

Ich stimme insbesondere der bewertung des Mittelfeldes zu! Und leider wurden die Erwartungen erfüllt: geht es gegen eine engagierte, bessere Mannschaft, dann wird aufgedeckt…
die Überschrift stimmt!

Katja Öhlschläger
Katja Öhlschläger

@ Detlef Nö, das hat gar nichts mit dem heutigen Spiel zu tun. Heute haben die Norwegerinnen nur das bestätigt, was wir ihnen zutrauen. Schau mal hier: WM-Tipps (1) WM-Tipps (2) Das war weit vor dem heutigen Spiel. 😉 Ich denke, es war offensichtlich, dass bei den Norwegerinnen in der zweiten Halbzeit das Austesten verschiedener Varianten wichtiger als das Ergebnis war. Sie wären sicherlich noch zu einer anderen zweiten Halbzeit in der Lage gewesen. Und die Chancenauswertung war für norwegische Verhältnisse auch mehr als passabel. Meine Einschätzung ist, dass die Norwegerinnen auf Grund ihrer Athletik, ihres modernen Kurzpassspiels, mit dem… Weiterlesen »

Crackfly
Crackfly

Ich kann immer nur sagen, Bresonik und Laudehr ins Mittelfeld, dann gibts auch die Bindung zwischen offensive und defensive, da beide, beides können und sich recht gut ergänzen. Ausserdem würd ich gern mal eine Krahn anstelle einer Hingst sehen, auch wenn beide vom spielertypen ähnlich sind. Wie hieß es doch so schön: „Annike ist eine der besten Prellböcke der Liga!“ Auch solch zerstörerische Spielerinnen sind manchmal von Vorteil. Immerhin passieren ihr eher Abspielfehler im langen Pass und Rausdreschen auf die Ränge, als dass sie über, oder neben den Ball haut.

Detlef
Detlef

Wie schon erwähnt, jeder darf seine Favoriten haben!!! Also ich fand die Chancenverwertung bei Norwegen furchtbar!!! Wenn man mal das 0:1 weglässt, da es sich wohl eher um „Glück“, also keine echte Chance handelt, haben sie gerade einmal 1 Tor aus 6-7 klaren Torchancen gemacht!!! Passabel ist für mich was anderes, auch für Norwegen!!! Sicher können sie noch viel besser spielen, aber ihr zweiter Anzug scheint noch nicht richtig zu passen!!! Sie haben sich heute selber schwach gewechselt!!! Was mir am meisten Kopfzerbrechen macht, sind unsere routinierten Abwehrspielerinnen, wie ARI, Minni und Stege, also die, auf die man sich eigentlich… Weiterlesen »

Sandra
Sandra

…und eine Bianca Rech – die als linker Außenverteidiger zuletzt sowohl defensiv als auch offensiv gute Leistungen zeigte wird nicht nominiert!!!

werkselfe
werkselfe

rech ist ja nicht die einzige, die aus unerfindlichen gründen zuhause bleibt, die dem team mehr als weiterhelfen würde. so langsam sollte selbst frau neid mal klar werden, dass die doppel-6 im deutschen team nicht klappt und offensiv-gute spielerinnen dort verschwendet werden. wobei das ganze sicherlich dadurch getoppt werden wird, dass linda bresonik garantiert als LV spielen MUSS. die IV hat keinerlei abstimmung, stege hat sicherlich auch schon besser gespielt, idgie ein totalausfall, bartusiak mitläuferin, mittag, auf deren technik immer verwiesen wird kann den ball noch nicht mal sauber annehmen, geschweige denn trifft sie das tor, also liegt ein großteil… Weiterlesen »

Sonja
Sonja

Ich stimme der Analyse zu. Im Angriff ist die Natio gut aufgestellt. Im Mittelfeld hat mir Lingor gestern überhaupt nicht gefallen, Bartusiak war unauffällig. Dazu hat die Abstimmung in der Abwehr erschreckend oft nicht gepasst. Aber so hat dieser Test gezeigt, woran man noch arbeiten muss. Eine verpatzte Generalprobe soll ja bekanntlich Glück bringen. Auch die Frauen Natio ist eine Turniermannschaft, deshalb Daumen drücken! Ich bin mir sicher, dass das Team trotz allem weit kommen wird.

schmidt
schmidt

Es war ein Himmelssturz, der sich nicht erst im Norwegenspiel gezeigt hat!

Drei Dinge, fing Frau Neid an bei der Aufstellung des Nationalteams unter anderem auch im Spiel gegen Norwegen zu beachten:

dass sie zur rechten Zeit die richtige Spielerin auf der rechten Stelle einsetzen vermag,
dass alles wohlbegründet ist und sie alles vermag zu erklären ,
dass sie alles zur Vollkommenheit ausgeführt hat.

Wohl dem, der oder die immer noch glaubt, sie habe alles recht bedacht!

Traumfee99
Traumfee99

Also ich denke, mal sollte das nicht zu hoch bewerten, wenn die WM beginnt, läuft es bestimmt wieder besser und die deutschen Frauen kämpfen dann wieder richtig…da bin ich mir sicher !
Ein Beispiel : Bei den U 19 Nationalspielerinnen; das Turnier in La Manga lief es garnicht gut….und dann sind sie doch Europameister geworden…und vielleicht werden die deutschen Damen ja auch wieder Weltmeister.

Rainer
Rainer

Drücke den Norwegerinnen die Daumen, dass sie weit kommen. Bente Nordby wäre ein toller Abschluss ihrer einzigartigen Karriere zu gönnen. Am gleichen Abend spielten auch Dänemark und Schweden. Die Schwedinnen gewannen 2:1 in Farum in der Nähe von Kopenhagen. Fazit dieser Begegnung: Dänemark ist stärker als geglaubt und viel besser als beim 0:4 in Deutschland. Schweden wechselte in der zweiten Halbzeit Hanna Ljungberg ein, die BEIDE Tore machte. Nach fast einem Jahr Länderspielpause scheint sie wieder rechtzeitig fit zu werden. Hervorragendes Zusammenspiel mit Victoria Svensson. Zwischenzeitlich Ausgleich für Dänemark durch Merete Pedersen. Ein Unentschieden wäre gerecht gewesen. Dänemark hat durchaus… Weiterlesen »