Rechs Nichtnominierung ein echter Paukenschlag
Drei Tage früher als erwartet hat Bundestrainerin Silvia Neid heute ihren Kader für die Weltmeisterschaft vom 10. bis 30. September in China bekannt gegeben . Aus dem zuvor 26-köpfigen Kader wurden Torfrau Ulrike Schmetz, Abwehrspielerin Bianca Rech (beide FC Bayern München), die Mittelfeldspielerinnen Britta Carlson und Navina Omilade (beide VfL Wolfsburg) sowie Conny Pohlers (1. FFC Frankfurt) gestrichen. Ein persönlicher Kommentar.
Wie ging es Euch, als ihr ganz gespannt den neuen Kader angeklickt und in Windeseile überflogen habt? Sind „meine“ Favoriten dabei, wieviele Stürmerinnen fahren mit, wer fehlt – danach habe ich geschaut. Die meisten Entscheidungen, die ich erkennen konnte, waren nicht überraschend. Dass etwa Ulrike Schmetz bei den Torfrauen gegen Uschi Holl den Kürzeren zieht, wäre auch ohne die Muskelverletzung der Münchnerin das zu erwartende Ergebnis gewesen. Bitter allerdings für die 27-Jährige, dass sie wie schon vor der EM 2005 verletzungsbedingt verhindert ist.
Dass es im Mittelfeld Navina Omilade und Britta Carlson erwischt, davon konnte und musste man nach den letzten beiden Länderspielen ebenso ausgehen. Omilade, die erst für Célia Okoyino da Mbabi nachnominiert worden war, kam gegen Dänemark lediglich zu einem Kurzeinsatz und blieb dort blass. Auch in den Monaten zuvor hatte die Neu-Wolfsburgerin keine wichtige Rolle im Nationalteam gespielt. Diese Entscheidung ist daher nachvollziehbar und meinem Eindruck nach richtig.
Jugend gehört im Mittelfeld das Vertrauen
Britta Carlson war in den letzten Jahren zu einer festen Größe im Nationalteam herangewachsen. Der sehnlichste Wunsch der in früheren Jahren von vielen Verletzungen gebeutelten Mittelfeldspielerin, doch endlich von mehr oder weniger schwerwiegenden Blessuren verschont zu bleiben, erfüllte sich dann ausgerechnet in der WM-Saison nicht. Beim Algarve Cup gegen Dänemark im März bestritt sie das letzte Länderspiel. In welchem Maße sie der Mannschaft jetzt wieder eine Hilfe sein kann, konnte bzw. durfte sie bei den letzten beiden Länderspielen nicht unter Beweis stellen.
Dass sie, obwohl sie sich gegen Tschechien über die gesamte zweite Halbzeit hinweg mit Annike Krahn warmgelaufen hatte, nicht zum Einsatz kam, war deshalb ein klares Indiz dafür, dass ihre WM-Chancen allenfalls minimal waren. Das Mittelfeld ist daher die Position, in der Neid der Jugend viel Vertrauen schenkt, hat sie mit Lira Bajramaj sowie Simone Laudehr doch zwei noch sehr unerfahrene Spielerinnen nominiert. Auch für Melanie Behringer wird es das erste große Turnier im A-Team – nach konstant gutem und frechem Spiel führte an der Freiburgerin allerdings auch kein Weg vorbei.
Laudehr hatte sich nachdrücklich empfohlen , während Bajramajs Leistungen im Nationaldress schwankten. Auf jeden Fall eine gewagte Entscheidung, vor diesem Hintergrund eine Führungsspielerin wie Carlson zu Hause zu lassen.
Verzicht auf Pohlers sportlich unverständlich
Im Sturm traf es Conny Pohlers , was spätestens nach Pohlers‘ Kommentar in Gera, sie glaube nicht an eine Nominierung , und nach Neids distanziert vorgetragener Begründung, warum sie Pohlers in Magdeburg noch für fünf Minuten gebracht habe – viele Verwandte im Stadion – keinem mehr den Mund vor Erstaunen offen stehen lässt. Sportlich schwer nachvollziehbar, wies doch selbst „Chancentod“ Pohlers zuletzt eine wesentlich bessere Trefferquote im Nationalteam auf als etwa die nominierte Sandra Smisek. Möglicherweise aber, nachdem Omilade und Pohlers im Unfrieden von Potsdam geschieden waren und zuletzt nicht das beste Verhältnis zu ihren ehemaligen Mitspielerinnen offenbarten, eine bewusste Entscheidung, um einen möglichen Konfliktherd in China zu vermeiden.
Rech hatte zuletzt starke Spiele gezeigt
Regelrecht baff erstaunt und ungläubig aber musste ich feststellen, dass auch Bianca Rech , vorbehaltlich keiner weiteren Verletzungen, die Reise nach China nicht antreten wird. Eine Entscheidung, die mich offen gestanden ein wenig fassungslos macht, nachdem die Münchnerin in den letzten Monaten zu den konstantesten und besten Spielerinnen gehörte, die, wenn eingesetzt, als linke Außenverteidigerin auch dem Offensivsspiel wichtige Impulse verlieh.
Noch nach dem Länderspiel im April gegen die Niederlande war Rech für uns die Gewinnerin der Partie und erntete auch von der Bundestrainerin viel Lob. In Wales konnte sie diese Leistung mindestens bestätigen. Mehr als die Alternativen auf dieser Position, etwa Sonja Fuss oder Babett Peter beim Vier-Nationen-Turnier und Algarve Cup, ähnelte ihre Spielweise am ehesten der von Kerstin Stegemann auf der rechten Seite, die Kerstin Garefrekes auf dem rechten Flügel so gut unterstützt, dass Garefrekes auch dadurch erst selbst Torgefahr entwickeln kann.
Schwerer Schlag für die kämpferische Außenverteidigerin
Für die 26-Jährige ein schwerer Schlag, nachdem sie 2003 nach eine Reihe von Verletzungen den Sprung auf den WM-Zug verpasst hatte. Diesmal sollte es endlich klappen, Rech hatte für ihr großes Ziel Extraschichten absolviert und sah sich nach zwei Kreuzbandrissen 2004 und 2005 auf einem guten Weg. Mit Recht. Umso bitterer dürfte diese Nachricht für sie jetzt gewesen sein.
Zumal Konkurrentin Saskia Bartusiak zwar im Verein überzeugen konnte, im Nationalteam jedoch nur zu drei Kurzeinsätzen kam. Auch Babett Peter hatte in China und Portugal solide Leistungen abgeliefert, allerdings nie das Offensivspiel so beleben können wie Rech. Dennoch – ihre Vielseitigkeit und 12 Länderspiele gegenüber drei Spielen von Bartusiak sprechen für die Potsdamerin. So gut wie nichts spricht nach meinen Eindrücken der letzten Monate im direkten Vergleich von Bartusiak und Rech aber für Bartusiak und gegen Rech. Ein echter Paukenschlag.