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2007

Tanja Walther: “Sexismus und Homophobie müssen thematisiert werden!”

An diesem Wochenende fand in Leipzig der erste DFB-Fankongress statt. Etwa 420 Teilnehmer, die 50 Vereine vertraten, debattierten über so vielfältige Themen wie Stadionverbote, Fankultur und Fanbetreuung . Das Themenforum 4 widmete sich dem Schwerpunkt der Anti-Diskriminierung. Tanja Walther befasst sich seit Jahren mit den Themen Sexismus und Homophobie (siehe der von ihr verfasste Text „Kick it out – Homophobie im Fußball“ ), worüber sie im Rahmen des Fankongresses informierte.

Das bot uns die Möglichkeit, mit ihr ein ausführliches Gespräch zu diesen häufig tabuisierten, totgeschwiegenen Themen zu führen. Im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews spricht Walther über Ängste sowie Medien- und Verbandsstrukturen, die homosexuelle Fußballerinnen wie Fußballer von einem Coming-Out abhalten. Und sie plädiert mit Nachdruck dafür, diese Punkte zu thematisieren, um zu einem selbstverständlich(er)en Umgang zu gelangen.

Das Interview hat noch gar nicht begonnen, da fragt mich Tanja Walther:

Sprechen wir eigentlich über Sexismus oder Homophobie? Das ist immer schwierig. Denn Schwule trifft immer eine andere Diskriminierung als Lesben, weil Lesben immer auch als Frauen diskriminiert werden. Ein Kuddelmuddel und oftmals schwierig, das auseinander zu halten.

Womensoccer: Auffällig war vorhin in der Begrüßungsrede von DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass er in seiner Aufzählung diskriminierter Minderheiten diese beiden Punkte nicht genannt hat, obwohl sie Gegenstand im Arbeitsforum „Anti-Diskriminierung“ sind…

Walther: Ja, natürlich hat man das vorhin gemerkt. Ganz brav hat er es noch geschafft, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu nennen, aber die beiden anderen Punkte, die jetzt konsequenter Weise hätten folgen müssen – Sexismus und Homophobie -, kamen dann nicht mehr. Ich denke, da haben viele einfach schon ein Problem damit, diese Begriffe auszusprechen.

Aber Herr Zwanziger weiß auch, dass wir in unserer Anti-Diskriminierungs-AG eine Erklärung vorbereitet haben, die Anti-Rassismus-Paragraphen in Anti-Diskriminierungs-Paragraphen umzuwandeln, wo auch Sexismus und Homophobie aufgeführt werden ( Anm.: diese Erklärung wurde auf dem Fankongress einmütig angenommen ). Er muss es also in irgendeiner Form schon einmal gelesen haben.

Womensoccer: Wir haben einerseits den Männerfußball, wo Aktive und Verantwortliche - ohne mit der Wimper zu zucken - behaupten, es gäbe keine schwulen Fußballer, während es im Frauenfußball ein offenes Geheimnis ist, dass viele Spielerinnen lesbisch sind. Die Voraussetzungen sind also anders, dennoch wird das Thema bei Frauen wie Männern totgeschwiegen und lebt kein/e SpielerIn Homosexualität offen aus. Wie kann man das erklären?

Walther: Ich denke, bei den Männern ist es eine existenzielle Angst, die durchaus gerechtfertigt ist. Zumindest im Profisport wäre das für jeden, der sich outet, bestimmt ein tierisches Problem. Sogar bei Hertha BSC Berlin, die ihren schwul-lesbischen Fanclub Hertha-Junxx nach Kräften unterstützen, teilt man die Meinung, dass es nach einem Outing Probleme in der Mannschaft gäbe.

Bei den Frauen habe ich immer das Gefühl, es wurde ihnen schon so lange erzählt, dass sie das nicht publik machen dürfen. Die einzige und drastischste Konsequenz wäre ja, man könnte nicht mehr Fußball spielen. Aber die Existenz hängt nicht daran, so viel verdienen die meisten ja nicht.

Es sind irrationale Ängste, die kaum erklärbar sind, aber genauso funktionieren wie bei den Männern. Eine Angst vor etwas, was man nicht greifen kann – vergleichbar mit dem Coming-Out vor den Eltern. Mögen die mich dann noch? Das ist kein existenzielles Problem, aber wenn es einen trifft, ist es elementar.

Womensoccer: Was denken Sie, wer hier die treibende Kraft ist, in dieser Entwicklung nicht weiter zu kommen? Sind das Verbände, Vereine, Manager, die Spielerinnen selber?

Walther: Ach, das ist ein Gesamtkunstwerk. Fußball ist in dem Bereich nicht so weit wie die Gesellschaft. In der Politik ist es mittlerweile ja auch okay, dass der Bürgermeister von Berlin schwul ist, was am Anfang noch ein großes Ding war. Jetzt redet da aber auch kein Mensch mehr darüber.

Beim Fußball wird aus vielen Ecken Druck aufgebaut. Zum einen ein Trainer, der einen komischen Kommentar macht, oder Vereinsvorstände, die ihre Spielerinnen anhalten, ihre Homosexualität zu verstecken, weil sonst vielleicht die ganzen Mädchen nicht mehr zum Training kämen und die Eltern Angst bekämen, ihre Kinder würden gleich lesbisch, wenn sie dort hingehen. Das sind Medien- und Verbandsstrukturen, die Homosexualität ausklammern und nicht thematisieren.

Womensoccer: Oftmals heißt es ja, wir leben in einer offenen Gesellschaft, warum solle man über eine Selbstverständlichkeit, zumal Privatsache, reden. Aber wäre es nicht erst dann tatsächlich selbstverständlich, wenn eine lesbische Spielerin ebenso offen über ihre Freundin reden kann wie beispielsweise Nia Künzer über ihren Freund?

Walther: Auf jeden Fall. Wenn einfach keine große Geschichte mehr daraus gemacht wird. Wenn ich z.B. gefragt werde, ob ich verheiratet bin und dann, wenn ich sage, dass ich eine Freundin habe, das Gespräch normal weiter geht und niemand sagt: Oh Gott, mit der will ich jetzt nichts mehr zu tun haben, sonst werde ich vielleicht auch so…

Womensoccer: … die Angst vor „Ansteckung“…

Walther: …richtig, da sind wir ja auch an dem Punkt, was Diskriminierung überhaupt ist. Mich irritiert das jedenfalls enorm, wenn dadurch plötzlich ein Gespräch abgebrochen wird. Manchmal ist das Unsicherheit, manchmal wirklich Homophobie. Aber diese Unsicherheit lässt sich meines Erachtens nur über Information abbauen.

Womensoccer: Man muss es thematisieren?

Walther: Genau, nur so kann es selbstverständlich werden.

Den zweiten Teil des Interviews lest Ihr am Dienstag. Dann wird Tanja Walther einschätzen, mit welchen Konsequenzen ein Coming-Out einer Fußballerin heutzutage verbunden wäre.