Tanja Walther: “Sexismus und Homophobie müssen thematisiert werden!”

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Tanja Walther mit ihrer Arbeit An diesem Wochenende fand in Leipzig der erste DFB-Fankongress statt. Etwa 420 Teilnehmer, die 50 Vereine vertraten, debattierten über so vielfältige Themen wie Stadionverbote, Fankultur und Fanbetreuung. Das Themenforum 4 widmete sich dem Schwerpunkt der Anti-Diskriminierung. Tanja Walther befasst sich seit Jahren mit den Themen Sexismus und Homophobie (siehe der von ihr verfasste Text „Kick it out – Homophobie im Fußball“), worüber sie im Rahmen des Fankongresses informierte.

Das bot uns die Möglichkeit, mit ihr ein ausführliches Gespräch zu diesen häufig tabuisierten, totgeschwiegenen Themen zu führen. Im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews spricht Walther über Ängste sowie Medien- und Verbandsstrukturen, die homosexuelle Fußballerinnen wie Fußballer von einem Coming-Out abhalten. Und sie plädiert mit Nachdruck dafür, diese Punkte zu thematisieren, um zu einem selbstverständlich(er)en Umgang zu gelangen.

Interview mit Tanja Walther (Teil 2)
Interview mit Tanja Walther (Teil 3)

Das Interview hat noch gar nicht begonnen, da fragt mich Tanja Walther:

Sprechen wir eigentlich über Sexismus oder Homophobie? Das ist immer schwierig. Denn Schwule trifft immer eine andere Diskriminierung als Lesben, weil Lesben immer auch als Frauen diskriminiert werden. Ein Kuddelmuddel und oftmals schwierig, das auseinander zu halten.

Womensoccer: Auffällig war vorhin in der Begrüßungsrede von DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass er in seiner Aufzählung diskriminierter Minderheiten diese beiden Punkte nicht genannt hat, obwohl sie Gegenstand im Arbeitsforum „Anti-Diskriminierung“ sind…

Walther: Ja, natürlich hat man das vorhin gemerkt. Ganz brav hat er es noch geschafft, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu nennen, aber die beiden anderen Punkte, die jetzt konsequenter Weise hätten folgen müssen – Sexismus und Homophobie -, kamen dann nicht mehr. Ich denke, da haben viele einfach schon ein Problem damit, diese Begriffe auszusprechen.

Aber Herr Zwanziger weiß auch, dass wir in unserer Anti-Diskriminierungs-AG eine Erklärung vorbereitet haben, die Anti-Rassismus-Paragraphen in Anti-Diskriminierungs-Paragraphen umzuwandeln, wo auch Sexismus und Homophobie aufgeführt werden (Anm.: diese Erklärung wurde auf dem Fankongress einmütig angenommen). Er muss es also in irgendeiner Form schon einmal gelesen haben.

Womensoccer: Wir haben einerseits den Männerfußball, wo Aktive und Verantwortliche – ohne mit der Wimper zu zucken – behaupten, es gäbe keine schwulen Fußballer, während es im Frauenfußball ein offenes Geheimnis ist, dass viele Spielerinnen lesbisch sind. Die Voraussetzungen sind also anders, dennoch wird das Thema bei Frauen wie Männern totgeschwiegen und lebt kein/e SpielerIn Homosexualität offen aus. Wie kann man das erklären?

Walther: Ich denke, bei den Männern ist es eine existenzielle Angst, die durchaus gerechtfertigt ist. Zumindest im Profisport wäre das für jeden, der sich outet, bestimmt ein tierisches Problem. Sogar bei Hertha BSC Berlin, die ihren schwul-lesbischen Fanclub Hertha-Junxx nach Kräften unterstützen, teilt man die Meinung, dass es nach einem Outing Probleme in der Mannschaft gäbe.

DFB-FankongressBei den Frauen habe ich immer das Gefühl, es wurde ihnen schon so lange erzählt, dass sie das nicht publik machen dürfen. Die einzige und drastischste Konsequenz wäre ja, man könnte nicht mehr Fußball spielen. Aber die Existenz hängt nicht daran, so viel verdienen die meisten ja nicht.

Es sind irrationale Ängste, die kaum erklärbar sind, aber genauso funktionieren wie bei den Männern. Eine Angst vor etwas, was man nicht greifen kann – vergleichbar mit dem Coming-Out vor den Eltern. Mögen die mich dann noch? Das ist kein existenzielles Problem, aber wenn es einen trifft, ist es elementar.

Womensoccer: Was denken Sie, wer hier die treibende Kraft ist, in dieser Entwicklung nicht weiter zu kommen? Sind das Verbände, Vereine, Manager, die Spielerinnen selber?

Walther: Ach, das ist ein Gesamtkunstwerk. Fußball ist in dem Bereich nicht so weit wie die Gesellschaft. In der Politik ist es mittlerweile ja auch okay, dass der Bürgermeister von Berlin schwul ist, was am Anfang noch ein großes Ding war. Jetzt redet da aber auch kein Mensch mehr darüber.

Beim Fußball wird aus vielen Ecken Druck aufgebaut. Zum einen ein Trainer, der einen komischen Kommentar macht, oder Vereinsvorstände, die ihre Spielerinnen anhalten, ihre Homosexualität zu verstecken, weil sonst vielleicht die ganzen Mädchen nicht mehr zum Training kämen und die Eltern Angst bekämen, ihre Kinder würden gleich lesbisch, wenn sie dort hingehen. Das sind Medien- und Verbandsstrukturen, die Homosexualität ausklammern und nicht thematisieren.

Womensoccer: Oftmals heißt es ja, wir leben in einer offenen Gesellschaft, warum solle man über eine Selbstverständlichkeit, zumal Privatsache, reden. Aber wäre es nicht erst dann tatsächlich selbstverständlich, wenn eine lesbische Spielerin ebenso offen über ihre Freundin reden kann wie beispielsweise Nia Künzer über ihren Freund?

Walther: Auf jeden Fall. Wenn einfach keine große Geschichte mehr daraus gemacht wird. Wenn ich z.B. gefragt werde, ob ich verheiratet bin und dann, wenn ich sage, dass ich eine Freundin habe, das Gespräch normal weiter geht und niemand sagt: Oh Gott, mit der will ich jetzt nichts mehr zu tun haben, sonst werde ich vielleicht auch so…

Womensoccer: … die Angst vor „Ansteckung“…

Walther: …richtig, da sind wir ja auch an dem Punkt, was Diskriminierung überhaupt ist. Mich irritiert das jedenfalls enorm, wenn dadurch plötzlich ein Gespräch abgebrochen wird. Manchmal ist das Unsicherheit, manchmal wirklich Homophobie. Aber diese Unsicherheit lässt sich meines Erachtens nur über Information abbauen.

Womensoccer: Man muss es thematisieren?

Walther: Genau, nur so kann es selbstverständlich werden.

Den zweiten Teil des Interviews lest Ihr am Dienstag. Dann wird Tanja Walther einschätzen, mit welchen Konsequenzen ein Coming-Out einer Fußballerin heutzutage verbunden wäre.

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Detlef
Detlef

Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Frauen hier schon wesentlich weiter sind!!! Glaubt wirklich noch irgend jemand in diesem Land, dass Homosexualität ansteckend ist???
In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich???

Denker
Denker

Vielleicht wäre die passendere Frage, wie naiv du durchs Leben läufst, Detlef? Selbstverständlichkeit ist doch noch lange nich erreicht; oder kann eine lesbische Spielerin ihre Freundin auf einen Empfang eben so problemlos mitnehmen, wie eine heterosexuelle Spielerin ihren Freund?

Satine
Satine

Danke für das Interview. Es gibt mittlerweile, auch angestoßen durch Artikel in Zeitschriften wie „RUND“ ein höheres Medieninteresse an Themen wie Homophobie und Sexismus. Es hieß auch lange, dass man nichts gegen Rassismus im Fußball tun kann und auch wenn ich hier nicht sagen will, dass man den abgeschafft hat, so hat sich die Lage doch gebessert, oder nicht? @Detlef: Ich erkenne Sarkasmus, wenn er mich anspringt. 🙂 Ich kann mir manche Vorurteile genauso wenig erklären. Was den Frauenfußball angeht, dachte ich, dass Spielerinnen nicht so sehr unter dem Druck stehen, heterosexuell sein zu müssen, wie in Männermannschaften. Vorstand und… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

@Denker, ich hatte nicht geschrieben, dass es schon selbstverständlich wäre, dass sich lesbische Spielerinnen öffentlich outen!!! Dazu gehört auch im FF immer noch eine große Überwindung, vor allem dann, wenn es sich um Nationalspielerinnen handelt!!! Ist man wirklich NAIV, wenn man sich darüber wundert, dass in einer Randsportart, die selten bis gar nicht in den Medien statt findet, sich kaum eine Akteurin traut, ihre Neigungen zuzugeben??? Weil sie dann befürchten muss, dass sie nicht für die NATIO nominiert wird, obwohl jeder weis, dass Frau Neid diese Dinge aus eigenem Erleben kennt!!! Als FF-Fan ist es mir doch völlig egal, wen… Weiterlesen »

Mosan
Mosan

Ich halte es auch für sehr wichtig, dass man von Seiten des DFB eine klare Stellung bezieht, anstatt es wie eine tolerante Duldung aussehen zu lassen. Gerade jetzt, wo immer mehr Mädchenmannschaften enstehen und der Frauenfußball an Momentum gewonnen hat, wird es Zeit sich nicht von anzüglichen Klichees oder Kalauern der Boulevardpresse den Ton diktieren zu lassen. Es würde allen Beteiligten von Trainern bis Eltern sicher helfen, wenn man an der Statementfront für ein aufgeklärtes Bild sorgt.

Schuchi
Schuchi

Ich möchte mein/unser Problem einmal von Vorstandsseite beschreiben: Großer Fußballverein mit insgesamt 34 Mannschaften (davon 5 Teams mit weiblichen Mitgliedern). Frauen spielen in der Landesliga. Anteil der Spielerinnen mit lesbischer Neigung >50 %. Hohe Wertstellung des Frauenteams im Verein (allein aus sportlicher Sicht). Gründung eines Fördervereins mit Schwerpunkt Mädchen- und Frauenfußball. Durschschnittsalter der Mädchen/Frauen in der Seniorenmannschaft ist 19 Jahre. Trainer der Frauen ist ein ausgebildeter Trainer mit B-Lizenz (UEFA). Mittlerweile 3 Spielerinnen in Nachwuchsmannschaften des DFB gebracht. Hohes fußballerisches Können der Frauen. Rahmenbedingungen für die Frauen hervorragend. Die Mädchen/Frauen zeigen offen ihre gegenseitige Zuneigung. Es ist im Verein absolut… Weiterlesen »

Hastenichgesehn
Hastenichgesehn

@Schuchi Das beschriebene Problem ist aus meiner Sicht eher ein Problem des Jugendalters, als ein Problem aufgrund von „lesbischen Neigungen“, wie es hier nahegelegt wird. Ich denke, dass es Konkurrenz und Eifersucht immer mal in Gruppen gibt- bei Männern wie Frauen, bei Jungs wie Mädchen. Es ist sicher nicht schön, wenn sich die Leute im Team gegenseitig so fertig machen und ausgrenzen. Aber das ist dann eher ein soziales Problem, wo es um Akzeptanz und gegenseitige Wertschätzung insgesamt geht. Ein Thema, welches u. a. auch an Schulen aktuell ist. Vielleicht kann bei dem beschriebenen Team mal was ganz anderes helfen,… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

Sehe ich ähnlich wie Hastenichgesehn!!!
Es ist hier wohl weniger ein Problem der sexuellen Neigung, als vielmehr ein disziplinarisches!!! Da Schuchi von FRAUENTEAM schrieb, nehme ich an, dass dieses keine TEENAGER mehr sind!!!
Hier muss das Trainerteam, und die Vereinsführung mal „REINEN TISCH“ machen!!!
Übrigens sehr gute Idee mit dem „sozialen Trainingslager“!!!
Fußball ist ein Mannschaftssport!!! Und wenn sich die Leute nicht zusammenraufen können, dann müssen halt ein paar gehen, BASTA!!!
Sie müssen sich ja nicht alle mögen, aber wenigstens respektieren müssen sie sich!!!

Schuchi
Schuchi

Das Team besteht weitgehend aus Teenagern (17-20 Jahre alt). Ich sehe es auch so, dass auf keinen Fall die Neigung der Spielerinnen an dem KuddelMuddel schuld ist. Es sind die damit einhergehenden Eifersüchteleien, Clickenbildung, Ausgrenzung Andersdenkender etc.. Konsequenzen hat es gestern nach einer Mannschaftsaussprache gegeben. Eine Spielerin wurde suspendiert. Mit ihr geht noch eine weitere Leistungsträgerin. Das muss man dann halt auch ertragen können. Nach der Maßnahme spielte die Mannschaft und kämpfte bis zum Umfallen (3:2-Sieg). @Detlef hat m.E. auch Recht, dass die Mädels sich zumindest respektieren müssen. Die Seminaranregung von @Hastenichtgesehen habe ich sofort aufgegriffen und werde diese mit… Weiterlesen »

schmidt
schmidt

Es ist gut so!
Wer sich zu seinen privaten Neigungen nicht stellen will oder kann, kann halt es auch lassen darüber offen zu reden. Vielleicht sind auch die Persönlichkeit, das Selbstbewusstsein noch nicht so entwickelt oder stabil in der Öffentlichkeit, Familie, Freunde und Arbeitswelt offen damit umzugehen.
Was ist denn eigentlich dabei es offen auszusprechen, wenn Stolz, Freude und Selbstsicherheit auf sich und seine Neigungen manifestiert sind. Diese Stärke kann sich dann wiederum absolut auf die individuelle sportliche Leistung positiv auswirken.
Der aktuell amtierende Bürgermeister Berlins sagte mal:
„Es ist gut so!“

schmidt
schmidt

Das hat viel mit Offenheit zu tun.
@Schuchi
Auch ich empfehle eine Supervision mit Coaching.
Der Club könnte hier handeln. Er braucht auch neben der Offenheit und Ehrlichkeit das Gespräch mit klaren Aufgaben, Zielen und Vorgaben. Dann finden alle wieder auch die nötige Ruhe um erfolgreich sportlich arbeiten zu können.

Hastenichgesehn
Hastenichgesehn

Da ich erstmal direkt auf die Frage von Schuchi geantwortet habe, hier noch meine Ergänzung konkret zu dem Interview mit Tanja Walther: Ich finde es klasse, dass es Frauen wie Frau Walther gibt, die sich so für die Themen Sexismus und Homophobie, speziell im Fussball engagieren, um es immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen und dort zu diskutieren. Ich danke daher auch für das Interview. Es ist wichtig, dass dies thematisiert wird, damit sich im Fussball auch weiterhin diesbezüglich die Einstellungen und Praktiken verändern. Fussball und Gesellschaft sind schon sehr miteinander verwoben und beeinflussen sich wechselseitig, da die Fussballfangemeinde… Weiterlesen »

Katja Öhlschläger
Katja Öhlschläger

@ Hastenichgesehn

Herzlichen Dank für die netten Worte. Wir bleiben natürlich am Thema dran.

Testwriter
Testwriter

Eine sehr wichtige Sache ist, dass Sexismus und Homosexualität (m, wenn nicht geoutet) zusammen ein großes Problem geben. So Männer, die sich aus z.B. finanziellen Gründen nicht outen (Ruf, Firma, Position usw.) ihren Frust dann auf Frauen übertragen, diese wissen oft nichts von der Homosexualität und es kommt zu eigenartigen Phänomenen. Wie viele Zuhälter sind ungeoutete Homosexuelle? Diese Frage sollten wir uns erst mal stellen, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, wo aus allem Geld gemacht wird. Männer, die Frauen ansprechen und Interesse signalisieren, dann aber ganz andere Absichten verfolgen. Es gibt natürlich Frauen, die drauf reingefallen sind und dann vielleicht… Weiterlesen »

Charly
Charly

@Detlef: Es ueberrascht mich auch dass einige Leute immer noch von „Ansteckung“ reden. Ich musste eigentlich lachen als ich den Ausdruck im Artikel gelesen habe.

Leider ist es hier in den USA nicht anders mit offener Akzeptanz von „out of the closet“ Spieler/innen. In beiden Laendern wird soviel von Toleranz und Anti-Diskriminierung geredet aber bei der Homosexualitaet hoert es dann wohl auf. Das erscheint mir doch eher eine Hochform der Heuchelei zu sein.
Mein Fazit:
Artikel 1 GG: „Die Wuerde des Menschen ist unantastbar.“