„Wir werden bei der WM ganz vorne mitmischen“
Ingvild Stensland , Abwehr- und Mittelfeldspielerin in der norwegischen Nationalmannschaft, ist eine der Schlüsselfiguren im Team von Trainer Bjarne Berntsen. Vor wenigen Monaten wechselte sie von Kolbotn in die schwedische Liga nach Göteborg. Derzeit bereitet sie sich auf ihr Comeback nach einer Knieverletzung vor.
Im Interview mit Womensoccer.de versprüht die 25-Jährige puren Optimismus, spricht über die WM-Chancen, ihre Fußball-Leidenschaft und warum sie sich gegen ein Engagement in Deutschland entschieden hat.
Womensoccer.de: Frau Stensland, Sie hatten ein tolles Jahr 2006, hat sich davon etwas ins Jahr 2007 mitnehmen lassen?
Ingvild Stensland: Alle positiven Erfahrungen lassen sich mitnehmen. Wir haben in Kolbotn letztes Jahr wirklich nicht erwartet, dass wir ins Halbfinale des UEFA-Pokals kommen würden. Wir hatten eine Menge Respekt vor Frankfurt, aber wir haben zwei gute Partien gespielt. Danach waren wir möglicherweise schon zu satt, als es in die Spiele gegen Umeå ging.
Warum sind Sie denn aus Kolbotn weg, wenn es dort so gut lief?
Ich war dort fünfeinhalb Jahre und ich bin dreimal Meisterin geworden. Ich habe einfach eine neue Herausforderung gesucht, deswegen bin ich in die schwedische Liga nach Göteborg gewechselt, wo ich mit Lotta Schelin zusammen spiele. Ich spiele dort auf einer neuen Position im Mittelfeld.
Und nächstes Jahr geht es dann gleich weiter in die neue U.S.-Profiliga?
Für mich war das jetzt erst einmal der nächste Schritt. Aber wer weiß, das wäre vielleicht schon etwas für mich, vielleicht spiele ich dort noch ein Jahr. Obwohl ich sagen muss, dass ich Flugangst habe und der Flug in die USA schon sehr lange dauert.
Es gab auch Angebote aus Deutschland, warum gerade Schweden?
Ich war schon in Frankfurt und Potsdam, das sind großartige Vereine mit tollen Spielerinnen. Aber in Schweden stimmt für mich das Gesamtpaket. Ich bin auch näher an meiner Familie dran, als ich das in Deutschland der Fall wäre. Außerdem verstehe ich die schwedische Sprache und ich kenne einige Leute.
In der Vergangenheit waren Sie als Abwehrspielerin gefürchtet. Hatten Sie denn auch Angst vor manchen Stürmerinnen?
Es gibt eine Menge gute Stürmerinnen, wie Birgit Prinz, Abby Wambach oder auch Viktoria Svensson. Gegen diese Spielerinnen ist es immer eine besondere Herausforderung.
Thema Nationalmannschaft: Beim Algarve Cup gab es Hochs und Tiefs, wo steht Norwegen wenige Monate vor der WM?
Ich denke, wir sind in einer guten Verfassung. Es gilt bis zur WM an den Details zu arbeiten. Wir müssen einfach noch mehr Spiele bestreiten, aber der Teamgeist stimmt und es war gut für das Selbstvertrauen, in Portugal Deutschland zu schlagen. Das war uns lange nicht mehr gelungen.
Ist die mangelnde Chancenverwertung nach wie vor das Hauptproblem?
Das ist wirklich unser großes Problem, denn in der Defensive sind wir stark. Wir haben auch im Sturm tolle Spielerinnen, aber wir schießen nicht genug Tore.
Wie lautet die Zielsetzung für die WM?
Unser erstes Ziel muss es sein, Gruppensieger zu werden und uns dann für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Dann muss man einmal sehen, aber wir werden schon ganz vorne mitmischen. Wir müssen vor dem Tor noch entschlossener werden und auch die Laufwege verbessern. Wir brauchen einfach noch ein bisschen Zeit zusammen. Wir haben großes Potenzial und es kommen auch viele junge Spielerinnen nach.
Was für ein Turnier erwarten Sie in China?
Ich denke, früher kam es mehr auf starke Individualisten an, bei der WM in China wird man als gesamtes Team stark sein müssen. Es ist vielleicht noch wichtiger als früher, das erste Spiel zu gewinnen. Ich erwarte ein sehr ausgeglichenes, hart umkämpftes Turnier.
An welche Teams denken Sie dabei insbesondere?
Mit Nordkorea und Gastgeber China wird zu rechnen sein. Auch Australien ist stark, sie spielen ein bisschen wie England. Ich war auch von der Stärke Japans überrascht, wir haben im Februar gegen sie gespielt und verloren. Viele Teams werden Probleme mit dieser Mannschaft Probleme haben. Das ist eine gute Mannschaft, die erst einmal geschlagen werden muss. Brasilien hat enorm viele Talente, über Marta muss man schon gar nichts mehr sagen. Es gibt viele gute Teams inzwischen und es reicht nicht mehr, ein paar gute Spielerinnen im Team zu haben.
Wie wichtig ist für Sie die bessere finanzielle Unterstützung des Verbands?
Sehr wichtig. Viele Spielerinnen haben Kinder und einen Vollzeitjob, jetzt können sie in Teilzeit arbeiten. Man kann jetzt zweimal am Tag trainieren und man hat trotzdem noch Zeit für Freunde und Familie. Das war früher anderes, da hatte man einmal Training pro Tag und die Zeit war schon sehr knapp.
Sie sind in einer richtigen Fußballfamilie aufgewachsen. Erzählen Sie uns ein bisschen mehr.
Ich habe zwei ältere Schwestern, die Fußball gespielt haben und mein Vater war Trainer, so dass es ganz natürlich war, dass ich mit dem Fußball spielen angefangen habe. Meine Mutter hat immer gesagt: „Du bist im Stadion aufgewachsen, nicht zuhause.“ Sie hat mir immer etwas zu essen mitgegeben, denn ich bin meist schon früh um 9 Uhr los und abends um 9 Uhr war ich dann zurück. Und ich habe vom Fußball immer noch nicht genug, das ist wirklich eine Leidenschaft. Ich liebe es, gute Spiele im Fernsehen zu sehen, obwohl ich nicht der Typ bin, der sie groß analysiert. Ich schaue mir alle Spiele an, egal ob bei den Männern oder Frauen.