Ist Greg Ryan noch zu halten?

Von am 29. September 2007 – 1.51 Uhr 8 Kommentare

Greg Ryan50 Spiele lang blieben die USA unter der Führung von Trainer Greg Ryan ohne Niederlage. Der Nachfolger von April Heinrichs hatte sich in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit den Ruf erworben, die schwierige Übergangsphase nach dem Abgang von Mia Hamm und anderen Stars perfekt gemeistert zu haben.

Und doch wird ihn seine Fehlentscheidung, vor dem mit 0:4 sang- und klanglos verlorenen WM-Halbfinale gegen Brasilien Torhüterin Hope Solo gegen Briana Scurry auszutauschen, möglicherweise den Job kosten.

Gleich reihenweise haben sich die Kritiker auf Ryan eingeschossen. Wie Peitschenhiebe prasselt es auf den 50-Jährigen ein, von früheren Trainern, Spielerinnen und den Medien. Die „New York Times“ spekuliert offen über seine Ablösung, „USA Today” schreibt: „Die Welt vergisst nie ein Glücksspiel, das schief gegangen ist.“ Der Forth Worth Star aus Ryans Heimat Texas fordert: „Es ist ein bisschen traurig für Greg Ryan, aber dieser Typ muss gehen.“

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Der U.S.-Verband versucht zu retten, was noch zu retten ist, und opfert seinem Trainer die offizielle Website unter dem Titel „Ryan responds“ als Bühne der Selbstdarstellung. In einer selbstherrlichen Art sondergleichen weist Ryan jede Kritik von sich und versucht stattdessen seinen Kopf aus der immer enger werdenden Schlinge zu ziehen, indem er versucht, Torhüterin Hope Solo an den Pranger zu stellen und den Medien als Bauernopfer zu liefern.

Nicht im Geringsten hinterfragt Ryan sich und seine Entscheidung, die Leistung Scurrys im Halbfinale lobt er in den Himmel. Wie ein Buchhalter hatte Ryan versucht, den Erfolg zu planen und Scurry für Solo ins Tor gehievt. Weil die 36-Jährige zuvor in 12 Spielen gegen Brasilien nie verloren und acht Mal zu Null gespielt hatte. Und es war Scurry, die im Juni beim 2:0-Sieg gegen die Brasilianerinnen im Tor stand, als Solo wegen des Todes ihres Vaters fehlte. Seitdem hatte Scurry jedoch nicht mehr gespielt, Solo war hingegen zuvor bei der WM fast 300 Minuten ohne Gegentreffer geblieben und hatte nach ihrem Patzer im Nordkorea-Spiel fehlerfrei gehalten. Mit Solo im Tor verloren die USA zuletzt ein Länderspiel im Jahr 2002.

Emotionaler Querschläger

Mit seiner unverständlichen Entscheidung hat Ryan nur 48 Stunden vor dem schweren Halbfinalspiel unnötig Öl ins Feuer gegossen, Unruhe in die Mannschaft gebracht und die Emotionen unter den Spielerinnen geschürt. In zahlreichen Medien wird die Entscheidung von Ryan als größter Fehltritt der amerikanischen Fußballgeschichte gewertet, der sogar das schlechte Abschneiden der Männermannschaft bei den Weltmeisterschaften 1998 und 2006 in den Schatten stellen würde.

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Doch schlimmer als der Fehler selbst dürfte wiegen, dass zumindest die halbe Mannschaft nicht mehr hinter Ryan steht. Kein Wunder, bedenkt man, wie beliebt Hope Solo im Team ist. Der frühere U.S.-Trainer Tony DiCicco brachte es im Fernsehsender ESPN 2 auf den Punkt: „Ich denke, er hat einiges an Glaubwürdigkeit verloren.“

Eine gemeinsame Zukunft von Ryan und Solo im Nationalteam ist derzeit undenkbar. Ryan distanziert sich in der Öffentlichkeit von Solo, weil diese nach dem Spiel ihrem Ärger Luft gemacht hat und mit der Tradition brach, dass Spielerinnen, die nicht gespielt haben, nicht mit den Medien sprechen.

Solo wehrt sich

„Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Fußball auskennt, weiß, dass diese Entscheidung ein Fehler war“, giftete Solo ins Mikrofon des kanadischen Fernsehsenders CBSSports. Zudem unterstellte sie, zwei der vier Gegentreffer verhindern hätte können. Sicherlich keine charmante Art, sich gegen ihre Teamkollegin zu stellen, aber Solos Frust ist nachvollziehbar. U.S.-Pressemann Aaron Heifetz hatte noch vergeblich versucht, Solo am Interview zu hindern. Sekunden danach fauchte sie Heifetz an: „Sag Du mir nie wieder, was für Interviews ich geben kann.“

Der U.S.-Coach versucht nun von seinen eigenen Fehlern abzulenken, wenn er Solo generell die Teamfähigkeit abspricht: „Die Spielerinnen haben sich immer gegenseitig unterstützt, und ich würde mich freuen, wenn sich diese Gepflogenheit fortsetzen würden. Es ist ein persönlicher Code. Man kann nur hoffen, dass sich die Spielerinnen in Zukunft gegenseitig unterstützen werden.“ Und Ryan ergänzt nicht besonders überzeugt: „Ich mache meinen Job weiter, sie ihren. Ich hoffe, wir kriegen die Dinge geregelt“, was in etwa so viel heißen dürfte, als dass Solo nicht mehr zum Einsatz kommen wird, so lange Ryan Trainer ist.

Prominente Missgriffe

Folgenschwere Trainerentscheidungen hat es in der Fußball-Geschichte schon häufiger gegeben. Ob Ottmar Hitzfeld 1999, der im Champions-League-Endspiel gegen Manchester United Lothar Matthäus vom Platz nahm und Thorsten Fink brachte, dessen verunglückter Befreiungsschlag in der Nachspielzeit die Bayern-Niederlage einleitete.

Oder Englands Trainer Bill Ramsey, der bei der WM 1970 im WM-Viertelfinale gegen Deutschland seinen Regisseur Bobby Charlton vom Feld nahm und nach 2:0-Führung noch 2:3 verlor. Und auch José Pekerman leitete im Vorjahr im WM-Viertelfinale gegen Deutschland mit der Auswechslung von Mittelfeldregisseur Juan Roman Riquelme die Niederlage ein, bevor er selbst zurücktrat.

Zurück zu Ryan. Man darf gespannt sein, welche Torhüterin am Sonntag im Spiel um Platz 3 gegen Norwegen auf dem Feld stehen wird. Möglicherweise wird sogar die dritte Torhüterin Nicole Barnhart Spielpraxis erhalten, denn weder Scurry noch Solo scheinen unter den gegebenen Umständen erste Wahl zu sein.

Mit welcher Motivation werden die entzauberten Amerikanerinnen zu Werke gehen? Kristine Lilly hat auf jeden Fall schon einmal vorgebaut und vorsorglich verkündet, sie sei müde. Allerdings erwartet man in den USA, dass das Team noch einmal vollen Einsatz zeigt, um den dritten Platz zu sichern. Zweifel sind angebracht.

Das Schlusswort soll dem Trainer gehören: „Es wird immer Kritiker geben. Vielleicht gibt es da draußen auch jemanden, der es besser macht, aber ich versuche immer mein Bestes.“

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

8 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    Möglicherweise war es ein Fehler von Ryan, seine Torhüterin zu wechseln!!! Aber er ist der Trainer, er stellt das Team so auf, wie er es für richtig hällt!!!
    Hat es wirklich nur an der Torfrau gelegen, dass die Amis so emotionslos agierten??? Oder brodelte da schon länger etwas im Topf, was nun zum Ausbruch kam???
    Es zeugt sicher nicht von sportlicher Größe, wenn ein Team seinen Choach so auflaufen lässt!!! Ich hätte ihnen da mehr Proffessionalität zugetraut!!! Wenn Ryan gehen muss, dann sollte der amerikanische Verband auch den Großteil der Spielerinnen sperren!!! Es gibt sicher viele Talente, mit denen ein neuer Trainer in zwei bis drei Jahren wieder eine schlagkräftige Truppe zusammen hat!!!
    Ryan täte sicher gut daran, die eigenen Fehler auch zuzugeben!!! Niemand ist vollkommen, auch ihm müssen Fehler zugestanden werden!!! Aber wenn er versucht, alles auf Andere abzuwälzen, macht er sich unglaubwürdig, und ist damit nicht mehr tragbar!!!
    In der Vergangenheit, half den US-Girls oft ihr STOLZ und ihr PATRIOTISMUS, um das Team zusammenzuhalten!!! Eine kleine Prise davon, hätte ihnen gegen Brasilien sicher genügt, ihr Gesicht nicht zu verlieren!!! Sie haben bei dieser WM, viele Sympathien verloren, und es wird viel Zeit kosten, diese wieder zurückzugewinnen!!!

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  • Rainer sagt:

    Ich habe gerade die Pressekonferenz mit Ryan gehört. Hope Solo wird morgen nicht einmal im Stadion dabei sein. Ihre Entschuldigung reicht nicht aus, so Ryan, sie müsse jetzt jeden Tag zeigen, dass iohre Loyalität dem Team gehöre.
    Andererseits lobte er Solo als eine erstklassige Torhüterin, verteidigte aber seine Entscheidung Scurry gegen Brasilien auflaufen zu lassen: „Sie ist auf der Linie die beste Torhüterin der Welt, um Schüsse abzuwehren.“
    Hope Solo schreibt einen Brief an ihre Fans auf ihrer My Space-Seite (http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendID=119877178), der schon 445 Kommentare hat. Sie sagt, sie habe nie Scurry kritisieren wollen (sie sagte, sie hätte das 2-0 und 4-0 von Marta gehalten) und sie habe schon einige Konsequenzen einstecken müssen nach ihrer Äusserung.
    Ich denke mal, wenn Ryan Trainer bleibt, wird Solo nicht mehr auflaufen dürfen. Viel hängt vom morgigen Spiel gegen Norwegen ab. Gibt es da noch eine Niederlage, dann wird Ryan kaum zu halten sein. Obsiegen die US-Girls, dann ist Solo das Opfer.
    Wie auch immer, Detlef hat sicher Recht: Im amerikanischen Team brodelt es. Hope ist sehr beliebt bei den Mannschaftskameradinnen, vom Teamgeist ist zur Zeit sicher wenig zu spüren.

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  • Markus Juchem sagt:

    Wenn Scurry so eine überragende Torhüterin ist, frage ich mich, warum er sie nicht schon von WM-Beginn hat spielen lassen?

    Einen Fehler zu machen ist eine Sache, aber die Hetzkampagne, die Ryan gerade gegen Hope Solo fährt, ist einfach nur noch widerwärtig. Und da will Ryan etwas von Teamgeist erzählen… Pfui!

    Angeblich steht ja die Mannschaft hinter der Entscheidung, dass Solo morgen nicht spielt (klar, wer nicht spurt, fliegt ebenfalls!).

    Für mich disqualifiziert Ryan sich mit seinem momentanen Verhalten, auch zukünftig die Nationalmannschaft zu trainieren. Mag sein, dass ihn ein Sieg morgen noch einmal rettet, wir werden sehen. Über sein Schicksal wird wohl eh in erster Linie Nike als Geldgeber des Teams nächste Woche entscheiden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie „very amused“ sind über den Imageverlust des U.S.-Teams.

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  • Ruhrschnellweg sagt:

    Die Weltklasse-Torhüterin hätte auf der Linie das 2. und das 4. Tor halten können: da hat Solo recht. Und das 1:0 hat sie trefflich vorbereitet, in dem sie sich hartnäckig weigerte bei den Eckbällen zuvor zum Ball zu gehen, bis es dann zum 3.Eckball kam…

    Solos Äußerungen sind bestimmt nicht besonders kollegial, aber selten habe ich für eine Spielerin/einen Spieler mehr Verständnis gehabt.
    Ryan ist der Archetyp des selbstherrlichen, „unfehlbaren“ Trainers, der nur deshalb scheitert, weil „die auffem Platz“ zu doof“ sind.

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  • Detlef sagt:

    @Markus,
    Du machst es Dir aber zu leicht, die Schuld allein bei Ryan zu suchen!!!
    Sicherlich darf man seine Torhüterin, der man bis zum Viertelfinale noch das Vertrauen schenkte, nicht so verbal angreifen!!!
    Aber sie war auch nicht mehr so sicher zuletzt, und machte einige Fehler!!! Ich glaube aber nicht, dass Greg Ryan noch lange Trainer der USA bleiben wird!!!

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  • Markus Juchem sagt:

    Es geht mir gar nicht so sehr um den Torhüterwechsel selbst (der in meinen Augen aber zweifelsfrei ein Fehler war), sondern um die Art, im Nachhinein damit umzugehen. Ryan hätte viel Glaubwürdigkeit gewinnen können, wenn er zu seinem Fehler gestanden hätte, anstatt mit einer Ansammlung leerer Floskeln zu glänzen.

    Sich jetzt selbst durch die Demontage von Solo und die Überhöhung von Scurry reinwaschen zu wollen, ist einfach ein ganz mieser Stil und dürfte auch dem Verband und dem Sponsor zu denken geben. Also ich würde einem solchen Trainer keine Träne hinterher weinen.

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  • Detlef sagt:

    Damit hast Du sicherlich recht!!!
    Deshalb glaube ich auch nicht, dass Ryan noch lange im Amt bleibt, selbst wenn er WM-Dritter wird!!!
    Aber was meinst Du zur Leistung der Mannschaft???
    Grenzt es nicht schon fast an „Landesverrat“ sich so gleichgültig und emotionslos bei einer Weltmeisterschaft zu präsentieren???
    Und das als einer der TOP-Favoriten!!!
    Müssten Lilly, Wambach und all die anderen US-Megastars, nicht wesentlich proffessioneller mit dieser Krise umgehen???
    Ryan war sicher kein guter Psychologe, mit dem Torhüterinnenwechsel noch zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen!!!
    Aber auf dem Platz standen andere, und die haben wohl genug Potential, mit Kampf und Trotz, so eine Klatsche abzuwenden!!!

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  • Max Diderot sagt:

    Unabhängig der Intentionen des amerikanischen Trainers, warum und weshalb er die Torhüterposition kurzfristig anders disponierte, zeigt diese post-fußballerische-Srewball-Comedy doch einzigartig, wie fragil ein gruppendynamischer Prozess in der Fremde verlaufen kann. Oder wie hieß es bei Truffaut: „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Nicht die Reaktion auf das Geschehene dürfte die Schlagzeilen beherrschen, vielmehr sollte doch zuerst die Frage geklärt werden, und dies möglichst Teamintern, was den Coach ursächlich dazu bewogen hat, seiner (Stamm-) Torhüterin das Vertrauen zu entziehen. Die von ihm bisher gelieferten Erklärungsmuster sind mir zu fadenscheinig. Irgendwo muss doch vorher etwas geschehen sein, das seine Autorität, seinen Status, untergrub – vermute ich.
    Vielleicht sollte sich die gute Hope Solo in ein Anti-Agressionsseminar begeben, wo sie lernen könnte, dass die eigene Sichtweise nicht zwangsläufig auch die der übrigen Mitspielerinnen sein muss. Und Greg Ryans Handeln scheint Groucho Marx nacheifern zu wollen :“Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“.

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