VARum nur?

Von am 13. Juni 2019 – 13.20 Uhr 57 Kommentare

Im März 2018 genehmigte der International Football Association Board (IFAB) die Einführung des Videobeweises. Doch was zu größerer Fairness im Sport führen soll, verkommt bei der Frauenfußball-WM in Frankreich zu einem ärgerlichen Akt der Willkür.

Kontrovers und willkürlich: VAR bei der WM in Frankreich war bisher keine Erfolgsgeschichte © imago / PanoramiC

Anzeige

Als „historischen Schritt für größere Fairness im Fußball“ bezeichnete der IFAB die Einführung des Videoschiedsrichter-Assistenten (VAR) im vergangenen Jahr.

Ziel des Videobeweises soll sein, irreguläre Tore zu identifizieren, die Verwechslung von Spielerinnen zu vermeiden, rotwürdige Tätlichkeiten zu entlarven und korrekte Elfmeterentscheidungen zu ermöglichen. Doch Problem des VAR ist in den bisherigen WM-Tagen von Frankreich vor allem seine willkürliche Anwendung.

Beim Spiel Frankreich gegen Norwegen traf die Norwegerin Ingrid Syrstad Engen, nachdem sie den Ball geklärt hatte, die Französin Marion Torrent unabsichtlich am rechten Knie. Nach Einschätzung von Videoschiedsrichter Felix Zwayer im Videoraum ein Fall für VAR, Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus zeigte auf den Elfmeterpunkt, nachdem sie zuvor die Situation nicht als elfmeterwürdig eingestuft hatte. Und sorgte damit maßgeblich für den Erfolg der Französinnen.

Das Handspiel der Nigerianerin Desire Oparanozie wurde nicht geahndet © Screenshot ZDF

Handspiel nicht geahndet

Nur wenige Stunden zuvor war Nigerias Führungstreffer gegen Südkorea trotz VAR-Checks anerkannt worden, obwohl Nigerias Spielerin Desire Oparanozie beim Eigentor der Südkoreanerin Kim Doyeon dem Ball zweifelsfrei mit der Hand den letzten Touch gegeben hatte.

Statt der einzig korrekten Entscheidung, den Treffer abzuerkennen und Operanozie mit der Gelben Karte zu verwarnen, zeigte Schiedsrichterin Anastasia Pustovoytova zur Überraschung aller auf den Anstoßkreis. „Dieses Tor dürfte nicht gegeben werden. Wer diesen Treffer gibt, hat im Videoraum nichts verloren“, meinte ZDF-Kommentator Béla Réthy süffisant.

Fragwürdige Szenen bleiben oft ungeprüft

Der Videobeweis soll laut IFAB die durch „klare und offensichtliche Fehler“ oder durch „ernsthafte verpasste Zwischenfälle“ verursachte Unfairness reduzieren, doch genau das will ihm in diesen Tagen bisher nicht so recht gelingen. Stattdessen wird VAR zum Emotionskiller, der den rasanten Spielen Frankreich gegen Norwegen und Spanien gegen Südafrika jeweils beim Stand von 1:1 den emotionalen Stecker zog. Das in Bezug auf Handspiel und Elfmeter absurde und wohl am Reißbrett entstandene praxisferne Regelwerk erhält durch VAR eine neue Dimension der Lächerlichkeit und führt zu nicht weniger kontroversen Diskussionen als in der Vergangenheit. Zahlreiche andere, oft fragwürdigere Spielszenen werden gar nicht erst überprüft.

Die Abseitsstellung der Italienerin Barbara Bonansea war nur mit Hilfe von Kalibrierungslinien zu erkennen © Screenshot ZDF

Millimeterentscheidung

Als „klarer und offensichtlicher Fehler“ wurde so auch eine Abseitsstellung der Italienerin Barbara Bonansea in der Anfangsphase des Spiels Italien gegen Australien eingestuft, die allerdings erst nach mehrminütiger Überprüfung und Einblendung von Kalibrierungslinien auf dem Spielfeld „offensichtlich“ wurde, sprich mit freiem Auge kaum zu erkennen war. Dem italienischen Treffer wurde die Anerkennung verweigert. Formell mag das eine richtige Entscheidung gewesen sein, dem Fußball erweist man mit derartigen Entscheidungen eher einen Bärendienst und solche Spielszenen dürfte auch der IFAB bei der Genehmigung des Videobeweises kaum gemeint haben.

VAR in jetziger Form unbrauchbar

Die Regelhüter des IFAB sollten sich für die Zukunft Gedanken über eine Modifizierung des VAR-Einsatzes machen: Nur auf Intervention der beteiligten Teams selbst und nicht auf Basis von Willkür und Gutdünken sollte er zum Einsatz kommen. Pro Spiel und Team sollte die Anzahl möglicher VAR-Interventionen beschränkt sein, um eine inflationäre Verwendung zu unterbinden und nur wirklich bei „klaren und offensichtlichen Fehlern“ oder bei „ernsthaften verpassten Zwischenfällen“ zum Einsatz zu kommen. Das funktioniert in anderen Sportarten, wie etwa Eishockey und Tennis, wesentlich besser, als im Fußball.

Markus Juchem (51) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

Kommentar schreiben