VfL Wolfsburg: die neue Leichtigkeit des Seins

Von am 20. Mai 2013 – 13.35 Uhr 27 Kommentare

Weder die Ausfälle von Alexandra Popp und Verena Faißt, noch die Fauxpas von Josephine Henning und Torhüterin Jana Burmeister vermochten den VfL Wolfsburg am Sonntag auf dem Weg zum Double zu stoppen. Und nun planen die Wölfinnen im Finale der UEFA Women’s Champions League gegen Olympique Lyon am Donnerstag den dritten Streich.

Wolfsburgs Mittelfeldspielerin Anna Blässe schlenderte nach dem dramatischen 3:2-Sieg gegen den 1. FFC Turbine Potsdam im DFB-Pokalfinale cool, lässig und ungerührt durch die Mixed Zone des Kölner RheinEnergieStadions. Ihr Team hatte gerade nach dem erstmaligen Gewinn der Deutschen Meisterschaft eine Woche zuvor auch zum ersten Mal den DFB-Pokal geholt. Doch zum Abheben und Feiern ist keine Zeit.

Das Tripel im Visier
Der „Sprintertyp nur aus Muskeln“, wie Blässe von ihrer Teamkollegin Conny Pohlers beschrieben wird, schien mit den Gedanken schon beim nächsten Highlight zu sein, wenn es am Donnerstag an der Londoner Stamford Bridge gegen Olympique Lyon um die europäische Krone gehen wird und das Team die Chance hat, ein historisches Tripel zu holen.

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VfL Wolfsburgs Anna Blässe im Duell mit Genoveva Anonma

VfL Wolfsburgs Anna Blässe (re.) im Duell mit Genoveva Anonma © Nora Kruse / ff-archiv.de

Ist Lyon zu knacken?
„Der Meistertitel war schon ein Traum, der Pokaltitel die Kür. Jetzt haben wir zwei Titel in der Tasche und können selbstbewusst nach London reisen. Wir haben keine Verlängerung gespielt und sind nicht übermäßig belastet“, blickt Blässe mit einer neuen Leichtigkeit des Seins dem ultimativen Saison-Highlight gegen einen übermächtig erscheinenden französischen Gegner entgegen, der 2010 zum letzten Mal ein Spiel verlor.

Überraschender Wechsel im Tor
Doch der VfL Wolfsburg lässt sich derzeit durch nichts aus der Bahn werfen. Der grippebedingte Ausfall von Verena Faißt wurde mit Maren Tetzlaff gut kompensiert und auch das verletzungsbedingte Fehlen von Alex Popp tat dem geordneten Wolfsburger Spiel kaum einen Abbruch. Dazu kam der kurzfristige Wechsel auf der Torhüterinnen-Position von Alisa Vetterlein zu Jana Burmeister.

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Menschlich schwere Entscheidung
„Das war menschlich die schwerste Entscheidung, die ich in den letzten fünf Jahren treffen musste“, so Trainer Ralf Kellermann. „Es ist mir sehr schwer gefallen, aber im ganzen Trainerteam waren wir der Überzeugung, dass das richtig ist, heute mit Jana zu spielen, die vor zwei, drei Wochen in Potsdam ein richtig klasse Spiel gemacht hat und sehr viel Ruhe bei hohen Bällen ausstrahlt. Das war keine Entscheidung gegen Alisa Vetterlein, sondern eine Entscheidung für Jana Burmeister.“ Doch Burmeister, die erst am Nachmittag in der Teambesprechung von ihrer Nominierung erfuhr, wirkte alles andere als souverän.

Offener Schnürsenkel als Kuriosum
Erst sorgte sie für die kurioseste Situation des Nachmittags, als sie mit dem Ball in den Händen den Strafraum verließ, um sich von Lena Goeßling den offenen Schnürsenkel binden zu lassen. Zum Glück für Burmeister brachte der anschließende Freistoß nichts ein und in der Schlussphase hatte sie ebenfalls himmlischen Beistand, als sie etwas planlos im Strafraum umherirrte und Ada Hegerberg nur den Pfosten traf, anstatt die Wolfsburgerinnen in eine Verlängerung mit ungewissem Ausgang zu zwingen.

Potsdam erst am Ende stark
„Das war ärgerlich“, so Turbine-Kapitänin Tabea Kemme. „Da hätten wir zurückkommen können, aber insgesamt hat Wolfsburg das besser gemacht. Glückwunsch.“ Und auch Turbine-Trainer Bernd Schröder meinte: „Zum Schluss war es eng, wenn wir noch zehn Minuten gehabt hätten, hätte es andersrum ausgehen können. Ich hätte gerne die Verlängerung gesehen.“ Doch es ist in dieser Saison auch ein Zeichen Wolfsburger Stärke, sich durch schwierige Situationen nicht vom Konzept abbringen zu lassen.

Jana Burmeister

Jana Burmeister erhielt überraschend den Vorzug vor Alisa Vetterlein © Nora Kruse / ff-archiv.de

Keßler und Odebrecht vorbildlich
Auch der Fehler von Josephine Henning, der zum Foul an Patricia Hanebeck und den zweiten Potsdamer Treffer durch Yuki Ogimi führte, sorgte nur kurzfristig für Verunsicherung. Hinzu kommt, dass die Führungsspielerinnen mit vorbildlichem Charakter vorneweg marschieren. Ob Nadine Keßler, die wochenlang mit einer Handmanschette spielen musste, oder Viola Odebrecht, die sich seit Wochen mit Knieproblemen herumschlägt – alle beißen auf die Zähne. „Davor ziehe ich den Hut, das ist der Charakter den wir brauchen, das sind Führungsspielerinnen“, so Kellermann.  Gespannt sein darf man, welche Elf Kellermann nun am Donnerstag aufs Feld schicken wird, um die „beste Mannschaft der Welt“ zu stoppen.

Faißt-Einsatz unwahrscheinlich, Tetzlaff nicht spielberechtigt
Zumal sich ein Engpass auf der linken Außenverteidigerinnenposition abzeichnet. Denn ein neuerlicher Ausfall von Verena Faißt ist wahrscheinlich und Maren Tetzlaff ist nicht einsatzberechtigt, weil sie nicht für die Champions League gemeldet wurde. „Wir hatten ihr nach ihrer Kreuzbandverletzung nicht zugetraut, dass sie so schnell wieder auf dieses Niveau kommen kann“, so Kellermann.

Popp und Jakabfi wieder fit
Doch es gibt auch Erfreuliches zu vermelden: Denn Alex Popp wird bis Donnerstag wieder fit sein und Zsanett Jakabfi gab im DFB-Pokalfinale nach ihrer rund zweimonatigen Verletzungspause ihr Comeback.  Obwohl sie bisher im Training noch keine Spielform absolvieren konnte, sondern nur am Ball und im läuferischen Bereich gearbeitet hat, deutete sie an, dass sie gegen Lyon bereits wieder ein wichtiger Baustein sein kann. „Man hat gesehen, was für ein belebendes Element sie ist“, so Kellermann, der meint: „Was am Donnerstag passiert, ist nur noch Kopfsache. Mit dem Teamgeist, den wir die ganze Saison gezeigt haben, sind wir nicht chancenlos.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

27 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    @enthusio 6 H2O,
    Natürlich gehört Glück auch dazu, um sowohl eine komplette Saison, als auch ein KO-Spiel am Ende siegreich zu gestalten!!!
    Gerade das DFB-Pokalfinale hat dies ja sehr eindrucksvoll gezeigt, wie eng Sieg und Niederlage beieinander liegen können!!!
    Gerade einmal 2 Zentimeter sollen beim Pfostentreffer von ADA gefehlt haben, wie sie später ärgerlich meinte!!!
    Eine Verlängerung hätte wohl eher TURBINE in die Karten gespielt!!!

    Natürlich reicht Glück allein dazu aber auch nicht aus!!!
    WOB war sowohl in der Meisterschaft, als auch in der Pokalentscheidung in Köln das spielerisch bessere Team!!!
    Kellermann hat ja bereits angekündigt, in London keinen Angsthasenfußball spielen zu wollen!!!
    Er kann auch gar nicht anders, als sein Heil in der Flucht nach vorn anzutreten, denn „zu Null“ werden die Wölfinnen ganz sicher nicht spielen!!!
    Dafür ist deren Abwehr, auch wegen des Ausfalls von Faißt, der angeschlagenen JOSI, und der Umstellung von Goessling auf VIOLAS Position sicher auch nicht stark genug!!!

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  • Jan sagt:

    @FFFan
    Ja, Partisanentaktik trifft’s wohl nicht genau. Eigtl. meinte ich: Um einen schier überstarken Gegner (ob Sport od. Krieg) besiegen zu können, braucht es keine übliche sondern eine überlegene Strategie; in der Historie meist eine, die noch nicht od. nicht mehr in den Lehrbüchern steht. In Lehrbüchern haben sich ja viele Ideen angesammelt – die alle irgendwann mal neu waren. Doch all diese akkumulierten Ideen dürften gegen Gegner wie Lyon kaum ausreichen. Da gilt es im Grunde, wirksame neue Ideen zu entwickeln.

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  • Sven sagt:

    Es ist schon sehr beschämend, dass um das Männerfinale so viel Wirbel gemacht wird und über das Frauenfinale in der Presse so wenig geschrieben wird, dass man meinen könnte, es findet gar nicht statt.

    Weder NDR noch WDR oder sonst wer überträgt dieses Spiel live, weder im TV noch im Radio und selbst kein französischer Radiosender, soweit mir bekannt und lang und breit vorher gesucht, überträgt das Spiel.

    Der NDR beteuert auf meine Nachfrage, dass sie es gerne übertragen hätten, aber ich glaube, der NDR hat sich auch kein bißchen bemüht, weil es aus der Antwort so hervor geht.

    Schade.

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  • Markus Juchem sagt:

    @Sven: Es wird doch auf Eurosport übertragen.

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  • Ralf sagt:

    🙂 … Na siehste. Alles schick!

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  • Altwolf sagt:

    Wahnsinn diese Wölfinnen!Einfach unglaublich.

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  • karl sagt:

    Ich haette nicht gedacht dass Wolfsburg auch erfolgreich Catenaccio spielen kann. Heute haben sie den Beweis geliefert, Bravo 🙂

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