Militär-WM statt Bundesliga – falsches Signal zur falschen Zeit

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Viel war in den vergangenen Tagen seit dem Titelgewinn der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft in China davon die Rede, die Frauenfußball-Bundesliga müsse in Zukunft professioneller werden. „Die Bundesliga muss auch endlich was tun“, sagte etwa Turbine Potsdams Torhüterin Nadine Angerer kürzlich im Interview. „Die Zeit für den Frauenfußball ist so günstig wie nie“, erklärt ihr Trainer Bernd Schröder.

Und doch muss man sich dieser Tage verwundert die Augen reiben. Gleich mehrere Bundesligavereine leisten sich den Luxus, Schlüsselspielerinnen für die Militärweltmeisterschaft in Indien abzustellen. Gründe mögen die betreffenden Vereine anführen können, doch die Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt ist dennoch mehr als fragwürdig, setzt sie doch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ein Signal in die falsche Richtung. Denn genau jetzt geht es darum, für Nachhaltigkeit zu sorgen und die Gunst die Stunde zu nutzen, auf den Fußballplätzen die besten deutschen Spielerinnen aufzubieten.

So hat etwa Aufsteiger Wattenscheid 09 seine beste Spielerin, Kerstin Stegemann, freigestellt, um die deutsche Bundeswehrmannschaft bei der 4. CISM Militärweltmeisterschaft in Hyderabad vom 14. bis 20. Oktober zu betreuen. Die Bundesligapartie beim FCR 2001 Duisburg scheint man schon im vorab als Niederlage verbucht zu haben, denn nur so ist der Schritt zu erklären.

Freiwilliger Verzicht auf Schlüsselspielerinnen

Bayern München hat sich nach der überraschenden Nicht-Nominierung von Bianca Rech für die Weltmeisterschaft möglicherweise moralisch verpflichtet gefühlt, seine wichtige Abwehrspielerin von ihren Bundesligaverpflichtungen für die Titelkämpfe in Indien zu entbinden. Und auch der SC 07 Bad Neuenahr verzichtet ohne Not auf seine wichtige Defensivkraft Eva Augustin, die beim Bundesligaspiel in Potsdam genauso fehlen wird, wie beim DFB-Pokalspiel bei Wacker München in der kommenden Woche.

Wieder einmal macht Meister 1. FFC Frankfurt vor, was es heißt, professionell im Sinne des Vereins zu handeln. So wurde etwa Silke Rottenberg, die neben Stegemann als Trainerin in Indien hätte weilen sollen, und auch Stürmerin Conny Pohlers die Reise nach Hyderabad untersagt, da der Verein zu UEFA-Pokal-Spielen in Belgien weilt. Rein spekulativ bleibt, ob die Frankfurter Führung an einem reinen Bundesligaspieltag die Spielerinnen freigegeben hätte. Möglicherweise, aber nicht zwingend, erinnert man sich daran, dass Birgit Prinz im April sogar die Teilnahme am Spiel einer FIFA-Weltauswahl verboten wurde, weil der Verein ein Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg zu bestreiten hatte.

Im Erstligafußball der Männer undenkbar

Ein Blick über den Tellerrand zum Männerfußball sei in diesem Fall erlaubt. Wie würde wohl Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß reagieren, wenn vor einem Bundesligaspieltag Miroslav Klose um die Freigabe für die Militärweltmeisterschaft bitten würde? Gerne etwa hätte Mario Himsl, seit 2005 Trainer der Bundeswehr-Nationalmannschaft bei den Männern, Bayern Münchens Spieler Christian Lell zur Militär-WM mitgenommen, auf den er jedoch „schweren Herzens verzichtet.“ Naiv meint Himsl: „Wir versuchen bei den Bundesligisten publik zu machen, dass es diese Möglichkeit gibt.“

Solange Frauenfußball-Bundesligisten ihre Spielerinnen lieber bei der Militärweltmeisterschaft spielen lassen, wo in der indischen Hitze bis zu vier Partien innerhalb von sechs Tagen ausgetragen werden müssen und Schlüsselspielerinnen möglicherweise mit einer Verletzung zurückkehren, darf man sich nicht wundern, wenn die Frauenfußball-Bundesliga von der Öffentlichkeit nicht mit der erwünschten Ernsthaftigkeit betrachtet wird.

Letzte Aktualisierung am 12.11.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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Max Diderot
Max Diderot

Selbst die FIFA propagiert ja, dass die Zukunft des Fußballs weiblich sei. Aber möglicherweise ist es ja so, dass die einberufenen Spielerinnen und Spieler ihre Akkreditierung primär als eine Möglichkeit ansehen, sich bei einem internationalen Wettbewerb zu präsentieren. Bei dem Vergleich, Herren- zu Damenliga, habe ich so meine Probleme. Nach meinem Kenntnisstand beinhaltet der Männerkader überwiegend Akteure auch dem Oberligabereich oder darunter liegenden Spielklassen. Selbst dort soll ja, so die zirkulierten Beträge richtig sind, stellenweise mehr an Aufwendungen gezahlt werden als in den höchsten Klassen des femininen Fußballs. Einige der kickenden Dame haben ja auch daraus die entsprechenden Schlüsse gezogen… Weiterlesen »

Idgie-Jonsi-Fan
Idgie-Jonsi-Fan

Finde ich total korrekt wie die Frankfurter handeln. Schließlich will man sich nach Rekordmeisterschaften endlich auch international beweisen. Und eine „Militär“-Weltmeisterschaft ist nun wirklich nichts wovon die Öffentlichkeit viel (wenn überhaupt) puplic macht.

Ich sehe das genauso, dass die anderen Bundesligisten endlich ähnlich professionell strukturiert und handeln werden müssen wie der 1. FFC Frankfurt. Erst dann bekommen den Frauen endlich ihren schon lange verdienten Lohn für ihre erbrachten Leistungen und Schweiß.

nina
nina

miroslav klose ist kein militärsportler, sondern profifussballer, insofern hinkt der vergleich.
die bundeswehr ermoeglicht es sportlerInnen, unter guten bedingungen zu trainieren und ihren lebensunterhalt zu bestreiten. das muss man nicht gut finden, ist aber fuer viele sportlerInnen wichtig, weil sie sich sonst nicht auf dem niveau sportlich betaetigen koennten.
das man dafuer eine gegenleistung, wie abstellung fuer diese veranstaltung, bieten muss, wundert mich nicht.
bis zum profisport ist eben noch ein weiter weg.

Christian
Christian

Das sehe ich ganz anders als Markus! Die Spielerinnen und damit die Vereine können froh sein, daß es die Einrichtung von Sportförderkompanien gibt. Alle paar Jahre (die letzte Frauen-Militär-WM war wohl 2004) mal ein paar Spierinnen – auch namhafte – zur WM abzustellen, muß m.E. für die Bundesliga drin sein. Denn unprofessionell wäre es meiner Meinung nach den Förderer Bundeswehr zu verprellen. Bei der CISM steht Conny Pohlers übrigens auf der Teilnehmerliste. Diese Liste mag überholt sein, Connys Mitwirken schien aber zumindest geplant gewesen zu sein. Das Mitwirken am UEFA Cup stellt für mich eine vertretbare Ausnahme dar. Ob Frankfurt… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

@Christian Findest Du nicht, dass der Zeitpunkt unglücklich gewählt ist? Ein Verein hat in erster Linie seine eigenen Interessen zu verfolgen, ich finde es also in keinster Weise unsolidarisch, wenn ein Verein wie Frankfurt eine Spielerin nicht freistellt, so er nicht dazu verpflichtet ist. Eine derartige Verpflichtung zu einer Abstellung für eine Militär-WM gibt es aber meines Wissens nach nicht. Davon abgesehen, empfinde ich es persönlich sogar als Wettbewerbsverzerrung für die Bundesliga, aber das ist ein anderer Punkt. Ich gebe Dir ja Recht, wenn Du die Fußballerinnen als „Feierabend-Profis“ bezeichnest. Doch wenn man derartige Signale nach außen sendet, darf man… Weiterlesen »

Bernhard
Bernhard

>

Dafür ist Stephan Fürstner in Indien. Den würde das FCB-Regionalliga-Team dringend benötigen.

Detlef
Detlef

Ich gebe Christian absolut recht!!! Wer bei der Bundeswehr angestellt ist, verdient ja auch seine Brötchen hier!!! Die Bundesliga ist ja „NUR“ Amateursport!!! Wenn ihr Brötchengeber also eine Weltmeisterschaft bestreiten soll, darf der doch auch erwarten, dass seine „Befehlsempfänger“ sich bei ihm revanchieren!!! Ohne die Bundeswehr, gebe es für den FF, noch weniger Möglichkeiten, in Deutschland professionell zu trainieren!!! Sie schafft vielerorts erst die Rahmenbedingungen dafür, diesen Sport intensiv zu betreiben!!! Das Militär ist quasi ein großer Sponsor des FF!!! Und ist es nicht viel besser, dafür Steuermittel auszugeben, als irgendwo in der Welt Krieg zu spielen??? Solange die FF-Vereine… Weiterlesen »

Christian
Christian

Den Zeitpunkt bestimmen die Veranstalter der CISM und nicht der DFB oder die Bundeswehr. Wirklich ungünstig wäre er, wenn es zum Bundesligaendspurt ginge. Eine arbeitsvertragliche Verpflichtung zur WM-Teilnahme gibt es wohl nicht. Es ist wohl eher eine „moralische“ Verpflichtung, Treu und Glauben o.ä. Wettbewerbsverzerrung? Nunja, wenn ich eine ausländische Nationalspielerin in meinen Reihen habe, bin ich auch verpflichtet sie an von der FIFA festgelegten Länderspieltagen frei zu stellen. Wer keine Spielerinnen abstellen will, der braucht ja keine ausl. Natiospielerinnen oder Sportsoldatinnen verpflichten… Wenn die Vereine gemeinsam etwas für den FF und die Marke Bundesliga tun wollen, dann müssen sie an… Weiterlesen »

Christian
Christian

PS: Mein Beitrag bezieht sich auf jenen von Markus. Leider hatte ich Probleme mit dem senden.

Markus Juchem
Markus Juchem

@Christian Wenn ich eine ausländische Nationalspielerin zu einem FIFA-Termin freistelle, ist das eine Verpflichtung, keine Möglichkeit. Bei der Militär-WM ist die Abstellung ein Kann, kein Muss. Das ist der Unterschied. Glaubst Du wirklich, es hilft der Marke Bundesliga, wenn man gönnerhaft bzw. aus einer moralischen Verpflichtung heraus, Spielerinnen freistellt? Zum Thema Wettbewerbsverzerrung: Ich denke schon, dass Saarbrücken am vergangenen Woche auch gerne gegen Wattenscheid ohne Kerstin Stegemann gespielt hätte. Dann hätte man die Partie (rein spekulativ natürlich) möglicherweise gewonnen. Für mich ist es am 4. Spieltag eine genauso große Wettbewerbsverzerrung wie am 20. Eventuell hätte man die Abstellungen in ein… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

@Markus, Du hast geschrieben „Ich glaube nicht, dass die Bundesliga davon profitieren würde, wenn Deutschland Militär-Weltmeister wird.“ Ich möchte Dir da wiedersprechen!!! WARUM eigentlich nicht??? Wenn die Herren der Bundeswehr einen WM-Titel in der Hand halten, fällt es ihnen in Zukunft sicher leichter, über noch viel mehr Sponsoring der FF-BuLi zu entscheiden!!! Das hilft dann auch direkt den Vereinen der Buli, wenn diese sich nicht in Unkosten stürzen müssen, um ihre Spielerinnen zu halten!!! Ich glaube, Du hast es noch nicht richtig verinnerlicht, dass die Bundeswehr ein bedeutender Sponsor des FF in Deutschland ist!!! So einen potenten Partner, verärgert man… Weiterlesen »

Fuxi
Fuxi

Diesen Absatz finde ich interessant:

Gerne etwa hätte Mario Himsl, seit 2005 Trainer der Bundeswehr-Nationalmannschaft bei den Männern, Bayern Münchens Spieler Christian Lell zur Militär-WM mitgenommen, auf den er jedoch „schweren Herzens verzichtet.“

Denn Bundesligaprofi Änis Ben-Hatira vom HSV wird bei der Militär-WM in Indien dabei sein.

Von wegen „sowas gäb’s nicht beim Männerfußball“.

Max Diderot
Max Diderot

Interessante Diskussion. Möglicherweise werden wir uns in einigen Jahren, sollte sich die Professionalisierung des Frauenfußballs in Deutschland weiter entwickelt haben, köstlich über den Umstand amüsieren, dass eine Zeit lang eine Institution diesen unterstützte, die nicht zwangsläufig dafür bekannt ist, das Banner femininer Leidenschaft voran tragen zu wollen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Teilnahme der Sportlerinnen und Sportler an den CISM-Wettkämpfen doch freiwilliger Natur. Davon ausgenommen sind jene, die sich, beispielsweise an den Sportschulen der Bundeswehr, als Zeitsoldaten verpflichtet haben. Dieser Personenkreis umfasst alle, die arbeitsrechtlich der Bundeswehr angehören. Anders ist es bei den Sportförderkompanien. Hier ist die… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

@Fuxi

Ich habe ja nirgendwo geschrieben, dass es so etwas im Männerfußball nicht geben würde. Es sind ja darüber hinaus auch einige Zweitligaspieler mit bei der Militär-WM, etwa von 1860 München, oder auch Regionalligaspieler, wie Bernhard schon angemerkt hat.

Aber Du willst doch nicht wirklich sagen, dass Ben-Hatira beim HSV einen vergleichbaren Stellenwert hat wie etwa eine Kerstin Stegemann in Wattenscheid oder eine Bianca Rech bei Bayern München bei den Frauen?

Von 9 Bundesligaspielen hat Ben-Hatira in dieser Saison genau eines bestritten, als Einwechselspieler mit einem rund halbstündigen Kurzauftritt. Dieser Vergleich hinkt also meines Erachtens gewaltig.

Markus Juchem
Markus Juchem

@Detlef Ich möchte der Militär-Weltmeisterschaft und auch nicht dem CISM mit seiner fast 60-jährigen Geschichte und seinen mehr als 100 angeschlossenen Mitgliedsnationen zunahe treten. Und doch behaupte ich, dass von 10 willkürlich in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt angesprochenen Passanten 8-9 nicht wissen würden, dass es überhaupt eine Militär-WM gibt. Ich denke, dass diese Veranstaltung öffentlich nur von einschlägigen Fachkreisen wahrgenommen wird. Deswegen meine ich, dass von dieser Seite aus auch kaum positive Akzente kommen können. Ob die Bundeswehr aufgrund eines Erfolgs ihr Engagement im Frauenfußball erhöhen würde, halte ich für spekulativ, und ehrlich gesagt nicht für besonders wahrscheinlich. Klar… Weiterlesen »

nadine
nadine

In diesem Zusammenhang ein sehr interessantes Interview mit T. Schulte, Wattenscheids Trainerin, zum Thema von „Steges“ derzeitiger Abwesenheit.

Titel des Artikels: Wattenscheid ist sauer auf den DFB

Zu finden hier:

Detlef
Detlef

@Markus, welche Beweggründe die drei Vereine bewog, ihre Spielerinnen freizustellen, kann ich nicht genau sagen!!! Natürlich ist für uns FF-Fans in Deutschland, die Bundesliga wichtiger, als die Militär WM in Indien!!! Das sehen natürlich die Vereine ganz genau so!!! Und natürlich will jeder Klub, aus seinem Kader das Optimum herausholen!!! Aber ich halte es für ziemlich arrogant, dass man das Geld und die Unterstützung der Bundeswehr zwar gerne in Anspruch nimmt, wenn diese aber die Dienste der Spielerinnen braucht, einfach die Teilnahme verbietet!!! Dies betrifft ja eigentlich nur den FFC Frankfurt, denn alle anderen Vereine, haben ihre Spielerinnen ja freigestellt!!!… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

@Nadine,
der Artikel bestätigt meine Antwort an Markus wohl sehr anschaulich!!!
Die Kritik gilt aber nicht nur dem DFB, sondern auch dem FFC Frankfurt!!! Beide betonen immer wieder laut und deutlich, dass man den FF viel mehr fördern muss!!! Und dann verprellt man ausgerechnet die Institution, die dies schon seit sehr vielen Jahren mit Eifer tut!!!

Christian
Christian

@ Detlef

Meisterschaft und UEFA-Cup sind für mich zwei verschiedene Schuhe.

Stand Conny Pohlers nicht in der Weltauswahl? Das ist doch auch ein Privileg!
Ich schätze mal, daß sie lieber für Frankfurt im UEFA-Pokal erfolgreich ist, als an der Militär-WM teil zu nehmen.

Detlef
Detlef

@Christian,
das mag sicher im Viertel-, Halb-, und erst recht im Finale so sein, aber gegen Weezemal, Rejkjavik, und Everton ????
Da kann man einen Trip nach Indien schon vorziehen!!!
Und bitte nicht den Frankfurter Kader vergessen!!!