Militär-WM statt Bundesliga – falsches Signal zur falschen Zeit

Von am 12. Oktober 2007 – 12.37 Uhr 34 Kommentare

Viel war in den vergangenen Tagen seit dem Titelgewinn der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft in China davon die Rede, die Frauenfußball-Bundesliga müsse in Zukunft professioneller werden. „Die Bundesliga muss auch endlich was tun“, sagte etwa Turbine Potsdams Torhüterin Nadine Angerer kürzlich im Interview. „Die Zeit für den Frauenfußball ist so günstig wie nie“, erklärt ihr Trainer Bernd Schröder.

Und doch muss man sich dieser Tage verwundert die Augen reiben. Gleich mehrere Bundesligavereine leisten sich den Luxus, Schlüsselspielerinnen für die Militärweltmeisterschaft in Indien abzustellen. Gründe mögen die betreffenden Vereine anführen können, doch die Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt ist dennoch mehr als fragwürdig, setzt sie doch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ein Signal in die falsche Richtung. Denn genau jetzt geht es darum, für Nachhaltigkeit zu sorgen und die Gunst die Stunde zu nutzen, auf den Fußballplätzen die besten deutschen Spielerinnen aufzubieten.

So hat etwa Aufsteiger Wattenscheid 09 seine beste Spielerin, Kerstin Stegemann, freigestellt, um die deutsche Bundeswehrmannschaft bei der 4. CISM Militärweltmeisterschaft in Hyderabad vom 14. bis 20. Oktober zu betreuen. Die Bundesligapartie beim FCR 2001 Duisburg scheint man schon im vorab als Niederlage verbucht zu haben, denn nur so ist der Schritt zu erklären.

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Freiwilliger Verzicht auf Schlüsselspielerinnen

Bayern München hat sich nach der überraschenden Nicht-Nominierung von Bianca Rech für die Weltmeisterschaft möglicherweise moralisch verpflichtet gefühlt, seine wichtige Abwehrspielerin von ihren Bundesligaverpflichtungen für die Titelkämpfe in Indien zu entbinden. Und auch der SC 07 Bad Neuenahr verzichtet ohne Not auf seine wichtige Defensivkraft Eva Augustin, die beim Bundesligaspiel in Potsdam genauso fehlen wird, wie beim DFB-Pokalspiel bei Wacker München in der kommenden Woche.

Wieder einmal macht Meister 1. FFC Frankfurt vor, was es heißt, professionell im Sinne des Vereins zu handeln. So wurde etwa Silke Rottenberg, die neben Stegemann als Trainerin in Indien hätte weilen sollen, und auch Stürmerin Conny Pohlers die Reise nach Hyderabad untersagt, da der Verein zu UEFA-Pokal-Spielen in Belgien weilt. Rein spekulativ bleibt, ob die Frankfurter Führung an einem reinen Bundesligaspieltag die Spielerinnen freigegeben hätte. Möglicherweise, aber nicht zwingend, erinnert man sich daran, dass Birgit Prinz im April sogar die Teilnahme am Spiel einer FIFA-Weltauswahl verboten wurde, weil der Verein ein Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg zu bestreiten hatte.

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Im Erstligafußball der Männer undenkbar

Ein Blick über den Tellerrand zum Männerfußball sei in diesem Fall erlaubt. Wie würde wohl Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß reagieren, wenn vor einem Bundesligaspieltag Miroslav Klose um die Freigabe für die Militärweltmeisterschaft bitten würde? Gerne etwa hätte Mario Himsl, seit 2005 Trainer der Bundeswehr-Nationalmannschaft bei den Männern, Bayern Münchens Spieler Christian Lell zur Militär-WM mitgenommen, auf den er jedoch „schweren Herzens verzichtet.“ Naiv meint Himsl: „Wir versuchen bei den Bundesligisten publik zu machen, dass es diese Möglichkeit gibt.“

Solange Frauenfußball-Bundesligisten ihre Spielerinnen lieber bei der Militärweltmeisterschaft spielen lassen, wo in der indischen Hitze bis zu vier Partien innerhalb von sechs Tagen ausgetragen werden müssen und Schlüsselspielerinnen möglicherweise mit einer Verletzung zurückkehren, darf man sich nicht wundern, wenn die Frauenfußball-Bundesliga von der Öffentlichkeit nicht mit der erwünschten Ernsthaftigkeit betrachtet wird.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

34 Kommentare »

  • Christian sagt:

    @Detlef
    Ich denke, ein gewichtiger Punkt für Pohlers ausgerechnet nach Frankfurt zu wechseln, ist die Möglichkeit im UEFA Cup zu spielen. Wenn sie beim 1. FFC nicht auf der Ersatzbank versauern möchte sondern sich im Gegenteil auch für die Natio empfehlen will, dann muß sie jede Gelgenheit bei Frankfurt beim Schopfe packen. Und genau so schätze ich ihren Ehrgeiz ein.

    Wie „leicht“ Frankfurt das Miniturnier gefallen ist, kann ja jeder an den Spielergebnissen und -verläufen ablesen. Und einen der beiden last-minute-Siegen verdankt Frankfurt eben jener Conny Pohlers. 😉

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  • Markus Juchem sagt:

    Hans-Peter Agreiter, Abteilungsleiter für Frauen- und Mädchenfußball bei der SG Wattenscheid 09, hat freundlicherweise in einem eigenen Beitrag für Womensoccer.de die Gründe seines Vereins erläutert, Kerstin Stegemann für die Militär-WM freizustellen.

    Zum Beitrag von Hans-Peter Agreiter

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  • Bernd sagt:

    @ Christian

    Weshalb sind UEFA-Cup und Bundesliga „zwei verschiedene Schuhe“? Beides ist gleichermaßen ernstzunehmen. Sonst entspricht man dem medial vermittelten Bild, demzufolge die Nationalmannschaft in der Wichtigkeitsskala vor UEFA-Cup und Bundesliga kommt. Das erscheint mir kontraproduktiv.

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  • Christian sagt:

    @ Bernd
    Entschuldigung, ich dachte zumindest diese von dir als „Wichtigkeitsskala“ genannte Bedeutungsrangfolge wäre hier Konsens. Wenn wir uns jetzt mal auf den Vereinsfußball beschränken, so wirst du doch wohl nicht abstreiten wollen, daß der UEFA Cup in der Hierarchie genauso über der Bundesliga steht, wie diese über der 2. Liga, oder?

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  • Bernd sagt:

    Das sehe ich nicht so. Für einen Verein, dessen Mannschaft in Bundesliga und UEFA-Cup spielt, ist die Bundesliga das Kerngeschäft. Hier gilt es sich zu präsentieren. Der UEFA-Cup hingegen ist ein Zuschussgeschäft, solange man nicht maximale Erfolge einfährt. Im Frauenfussball ist er zudem nur für einen (maximal 2) der 12 Bundesligisten relevant und sollte daher gegenüber der Bundesliga realistisch nur als Sahnehäubchen angesehen werden. Die Entwicklung der Bundesliga steht über allem. Da schließe ich mich dem Autor an.

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  • Detlef sagt:

    @Christian,
    CONNY hat bereits bewiesen, dass sie wieder Tore schießen kann!!!
    Ich glaube nicht, dass Frau Neid, oder Frau Ballweg in Belgien waren!!!
    Und im Fernsehen, wird ja die Gruppenphase auch nicht übertragen!!!
    Also wie soll CONNYs Leistung von Bedeutung gewesen sein???
    Sie hat, und wird weiter, ihre Chance beim Schopfe packen, allerdings befürchte ich, dass sie trotzdem für Frau Neid keine Rolle mehr spielen wird, egal wie viele Tore sie erzielen wird!!!

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  • Christian sagt:

    @ Markus

    Mmh, irgendwie habe ich anscheinend bei diesem Thema schon von Anfang an Schwierigkeiten, deine Aussagen richtig zu verstehen. Zuletzt dachte ich, du siehst den Widerspruch zwischen der Aussage von Herrn Agreiter einerseits und Frau Schulte andererseits („Möchten“ – „Müssen“)…

    Ich habe die Aussagen aus Wattenscheid übrigens so (falsch?) verstanden, daß man schon vor geraumer Zeit an den DFB herangetreten war und um eine Spielverschiebung gebeten hatte und dann von der Absage überrascht war (Zitat Schulte aus dem MAZ-Interview: „Ich ärgere mich über die Art und Weise, wie der DFB mit uns umgegangen ist. Erst ist er ausgewichen, dann hat er unseren Antrag auf Spielverlegung mit einem einzigen Satz abgeschmettert.“).
    Ich habe eh den Eindruck, daß der DFB der Militär-WM für die Frauen keine richtige Bedeutung beigemessen hat. Indiz dafür ist für mich auch, daß in der ersten DFB-News zur Militär-WM nur von den deutschen Männern die Rede war. Erst jetzt, da die Männer ausgeschieden sind, die Frauen aber das Endspiel erreicht haben, finden sie Beachtung.

    Und zum Schluß: Bist es nicht gerade du, der so hohe Ansprüche an Professionalität im FF stellst? Dein ganzer Artikel ist ja auch keine Frage sondern Feststellung („falsches Signal zur falschen Zeit“, „verwundert die Augen reiben“, „leisten sich den Luxus“, „Die Bundesligapartie beim FCR 2001 Duisburg scheint man schon im vorab als Niederlage verbucht zu haben, denn nur so ist der Schritt zu erklären.“ etc.).

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  • Christian sagt:

    Entschuldigung, meine Antwort gehört eigentlich zu dem anderen Beitrag. 😉

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  • Ulrich Strobel sagt:

    also ich finde es richtig, dass die Damen, die vom Steuerzahler als
    Sportsoldatinnen( Zeitsoldaten) ausgehalten werden, auch etwas der Bundeswehr zurückgeben.
    Der Vergleich mit den Männern hinkt, und man muß leider feststellen,
    dass der Autor wenig Ahnung von der Bundeswehr hat.
    Die Bundesligaspieler der Männer sind in der Regel keine Zeitsoldaten.
    Die Männer sind Wehrpflichtige, die ihren Grundwehrdienst ableisten müssen( Zwangsdienstleistende). Für Frauen gibt es in Deutschland
    keine Wehrpflicht, sondern diese sind freiwillig zur Bundeswehr gegangen, um als sogenannte Sportsoldatinnen finanziell abgesichert zu sein. Wehrpflichtige männliche Fußballer werden von der Bundeswehr schlecht bezahlt (Wehrsold) und sind der Bundeswehr
    gegenüber nicht verpflichtet sondern ihrem Verein.
    Also bitte erst informieren dann schwätzen.

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  • Markus Juchem sagt:

    Hallo Herr Strobel,

    vielen Dank für Ihre persönliche Meinung. Ein bisschen mehr Respekt und Höflichkeit würde Ihnen aber gut zu Gesicht stehen, finden Sie nicht?

    Vielleicht werfen Sie vorab einmal einen Blick auf unsere Leitlinien, dann freuen wir uns über weitere kompentente Meinungen.

    Einen angenehmen Abend wünscht
    Markus Juchem

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  • oliist sagt:

    Soweit ist es in Deutschland gekommen.Frauen lassen sich von der Bundeswehr aushalten und die Männer werden von der Bundeswehr förmlich ausgebeutet während sie sich allesamt den Hintern für Deutschland aufreißen.Tst,tst,tst. 😉
    So einfach kann die Welt sein.

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  • streitkraeftebasis.de sagt:

    Die Spielerinnen in Ede sind zum teil nachgereist oder wie z.B. Stege zum Bundesligaspiel gependelt.
    Keine Spitzensportlerin hat ein Spiel ihres Vereins versäumt!
    Deutschland ist übrigens mit einem 3:0 gegen Frankreich Militärweltmeister geworden.
    Tore: Stege, Bianca Rech und Adriane Gründig.

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  • suplo sagt:

    Da gratuliere ich den neuen (Militär-) Weltmeistereinnen ganz herzlich.

    @Markus Juchem
    Ich unterstütze auch die Meinung, dass man immer zuerst dem Arbeitgeber verpflichtet ist.
    Bei vielen unserer Mädels ist dies nun einmal der Staat, vertreten durch die Sportförderung der Bundeswehr, der Polizei u.a. Und das ist auch gut so. Ohne diese Unterstützung würden viele Sportarten, inkl. dem Frauenfußball, wesentlich schlechter dastehen.

    Wenn die Vereine ihre Spielerinnen zukünftig selbst finanzieren können, werden auch sicher keine Abstellungen zur Militär-WM mehr notwendig sein.

    Bis dahin freue ich mich auf jeden Fall auch über diese Erfolge mit den Sportlerinnen. Und manch anderer sollte vielleicht seine Abneigung gegen das Militär zurückstellen, sich mitfreuen und auch von diesem Teil des FF berichten. 🙂

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  • oliist sagt:

    ^ Womit dann tatsächlich fast alle Titel in deutschen Händen sind.
    Es ist einfach toll heute ein Fan des (deutschen)FF zu sein.
    Goldmedaille mit den hübschen Ringen darauf,ich hoffe du bist schon blitzblank poliert. 🙂

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