Home » DFB-Frauen, Frauen-EM 2017

Pauline Bremer: „Ich muss an meinen Schwächen arbeiten“

Von am 16. September 2015 – 22.28 Uhr 11 Kommentare

Bei der Frauenfußball WM in Kanada kam Pauline Bremer nur zu einem zehnminütigen Kurzeinsatz gegen Norwegen. Doch jetzt ist der Blick der DFB-Nationalstürmerin ganz nach vorne auf die EM-Qualifikation und das Olympische Frauenfußball Turnier 2016 in Rio de Janeiro gerichtet. Mit dem Wechsel zu Olympique Lyon und frischem Selbstbewusstsein will die 19-Jährige nun auch in der Nationalelf durchstarten, wie sie im Exklusiv-Interview mit Womensoccer vor den Spielen gegen Ungarn am Freitag (16 Uhr, ZDF) und am Dienstag in Kroatien (18 Uhr, ARD) verriet.

Womensoccer: Frau Bremer, Ihr in Rom lebender Onkel war alles andere als begeistert, dass sie bei der Frauenfußball WM in Kanada nicht mehr Einsatzzeit erhalten und nur gegen Norwegen zehn Minuten gespielt haben. Ging es Ihnen ähnlich?

Pauline Bremer: Ich bin eben noch eine junge Spielerin, die Jüngste im Team. Von daher konnte ich verstehen, dass die Trainerin [Silvia Neid] mehr auf die Erfahrung der Älteren gesetzt hat. Das war ihre Entscheidung und ich habe auch außerhalb des Platzes versucht, das Team so gut wie möglich zu unterstützen. Es war eine tolle Erfahrung, erstmals mit der A-Nationalmannschaft an einem so großen Turnier teilzunehmen. Alles war viel größer und professioneller als bei der U20-WM ein Jahr zuvor, auch wenn die Abläufe ähnlich waren.

Womensoccer: Nach dem WM-Aus ist eine große öffentliche Diskussion um die Leistung der deutschen Mannschaft entbrannt. Wie ist Ihre persönliche Einschätzung?

Pauline Bremer: Wir haben trotz allem eine sehr gute WM gespielt, auch wenn es am Ende unglücklich war, gegen die USA und gegen England zu verlieren. Ich denke, dass es trotzdem eine gute Leistung ist, zu den Top 4 der Welt zu gehören. Wir werden aus diesem Turnier unsere Schlüsse ziehen, aber wir schauen jetzt nach vorne, denn jetzt zählen nur noch die EM-Qualifikation und Olympia, auch wenn wir die WM sicherlich noch auswerten werden.

Womensoccer: War es denn wirklich nur das Glück, das gegen die USA gefehlt hat?

Pauline Bremer: Die USA waren ein sehr starker Gegner, der im Spiel gegen uns eine sehr gute Leistung gezeigt hat. Wir hätten auch 1:0 in Führung gehen können, haben aber den Elfmeter nicht verwandelt. Es war ein hochklassiges Spiel, das immer auf der Kippe stand und in beide Richtungen hätte ausgehen können. Wir können daraus nur lernen.

Womensoccer: Welche Erwartungen und Ziele knüpfen Sie an die EM-Qualifikation und die Nationalmannschaft?

Pauline Bremer: Wir wollen in der EM-Qualifikation natürlich so früh wie möglich den 1. Platz sichern und uns so schnell wie möglich qualifizieren. Wir wollen an unseren Schwächen arbeiten, um bestmöglich auf Olympia vorbereitet zu sein. Ich persönlich will mich weiter zeigen und im Training mein Bestes geben, dann sehen wir, was dabei herauskommt.

Womensoccer: Für eine Spielerin, die gerade zu Olympique Lyon, einem der weltweit besten Teams, gewechselt ist und dort am vergangenen Sonntag erstmals in der Startformation stand, klingt das ziemlich defensiv.

Pauline Bremer: Den Anspruch, mich zu zeigen und zu möglichst vielen Einsatzzeiten zu kommen, habe ich sowieso. Das war in Potsdam schon so, und das ist auch in Lyon nicht anders, auch wenn ich weiß, dass ich noch Schwächen habe, an denen ich arbeiten muss. Aber natürlich will ich mich auch in den Lehrgängen der Nationalmannschaft beweisen.

Pauline Bremer will in der Nationalelf durchstarten

Pauline Bremer will in der Nationalelf durchstarten © Nora Kruse / ff-archiv.de

Womensoccer: Welche Schwächen sind das denn?

Pauline Bremer: Die größten Defizite habe ich noch in der Technik, was den ersten Ballkontakt angeht. Da kann ich sicherlich noch gut daran arbeiten. Ohne Ballkontrolle steht einem sofort die Gegenspielerin auf den Füßen. Das Training in Lyon wird mich hier sehr viel weiter bringen, da jede Spielform sehr schnell ist und man schnelle Entscheidungen treffen muss. Aber es sind auch Eigendisziplin und Eigeninitiative gefragt, dass man auch mal eine halbe Stunde früher zum Trainingsplatz kommt, oder mal länger bleibt, um noch ein extra Schuss- oder Passtraining zu machen. Man muss selbst einfach noch mehr tun.

Womensoccer: Wie gefällt es Ihnen den bisher in Lyon?

Pauline Bremer: Meine Eindrücke sind sehr positiv. Ich bin vom Team gut aufgenommen worden. Und ich bin auch vom hohen Niveau im Training beeindruckt. Es macht sehr viel Spaß, täglich mit diesen Topspielerinnen zu trainieren. Die Stadt gefällt mir auch sehr gut. Meine frühere Potsdamer Teamkollegin Ada Hegerberg hat mir vor allem am Anfang sehr geholfen, wenn ich zum Beispiel etwas auf Französisch nicht verstanden habe. Aber ich hatte ja in der Schule sechs Jahre Französischunterricht und verstehe schon sehr viel und komme gut klar damit.

Womensoccer: Und sportlich läuft es ja derzeit auch rund. Zuletzt standen Sie sogar in der Startformation und haben ihr erstes Tor in der Liga geschossen.

Pauline Bremer: Der Ligastart ist gelungen. Wir haben in drei Spielen drei Siege geholt und viele Tore geschossen. So kann es von mir aus gerne weitergehen. Der Einsatz in der Startformation kam für mich überraschend, wobei der Trainer [Gérard Prêcheur] darauf achtet, dass jede Spielerin Spielpraxis bekommt. Da wird dann auch mal eine Lotta Schelin geschont, gerade in den Wochen, in denen auch mit der Nationalmannschaft viele Spiele zu bestreiten sind, so wie jetzt in der EM-Qualifikation. Von daher lässt unser Trainer dann schon mal rotieren. Und es ist ja bekannt, dass einen die Gegner in Frankreich nicht so sehr fordern.

Pauline Bremer im Duell mit Amel Majri

Pauline Bremer (li.) im Duell mit der Französin Amel Majri © Nora Kruse / ff-archiv.de

Womensoccer: Es ist eher ungewöhnlich, dass eine 19-Jährige ins Ausland wechselt. Wie kam es zu dem frühen Schritt?

Pauline Bremer: Ich wollte schon immer mal ins Ausland, viele machen das ja schon während der Schulzeit. Für mich hat das gut gepasst, da ich ja gerade in Potsdam mein Abitur gemacht hatte. Die Möglichkeit nach Lyon zu wechseln, hat sich kurzfristig ergeben und diese Chance, ein neues Land kennen zu lernen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich wollte auch eine neue Sprache und Kultur kennen lernen und auch das Training dort hat mich gereizt. Ich hatte nicht sehr viel Zeit, mir das zu überlegen, das musste ja noch vor der WM geregelt werden. Es war eine schnelle, aber durchdachte Entscheidung. Der ganze Verein ist sehr professionell, es wird gerade ein neues Stadion gebaut, in das wir nächstes Jahr umziehen und dort ist wirklich etwas im Gange.

Womensoccer: Was ist denn der größte Unterschied zu Potsdam?

Pauline Bremer: Der größte Unterschied ist, dass Lyon auch ein Männerverein ist und es dort sehr professionell zugeht. Dort arbeiten sehr viele Leute, in Potsdam war alles etwas familiärer. Wir spielen die Topspiele wie gegen Paris im Stadion der Männer, das Trainingsgelände ist auch das gleiche. Wir nutzen zwar nicht dieselben Plätze, aber es liegt alles ziemlich nah beisammen, so dass man auch gelegentlich den männlichen Kollegen über den Weg läuft. Wir bekommen auch Tickets für die Spiele der Männer, ich war schon häufiger im Stadion. Man fühlt sich zugehörig.

Womensoccer: Hatten Sie gar keine Angst vor der großen Konkurrenz dort?

Pauline Bremer: Ich hatte natürlich auch Bedenken, aber der Reiz und die Herausforderung mit Topstars zusammen zu spielen, war größer, sich dort messen und durchsetzen zu müssen. Das hat mich eher motiviert und ich bin sehr zufrieden, dass ich diesen Schritt gemacht habe.

Womensoccer: Dass Sie auf einem guten Weg sind, untermauert auch die Verleihung der Fritz-Walter-Medaille in Gold. Sind solche Auszeichnungen als Bestätigung wichtig?

Pauline Bremer: Das ist auf jeden Fall ein schöner Bonus, auch wenn es nicht das Wichtigste ist, eine solche Medaille zu gewinnen. Es hat mich aber sehr gefreut und es ist eine große Ehre, auch wenn Teamerfolge wichtiger sind. Ohne eine Mannschaft kann man solche Auszeichnungen gar nicht gewinnen.

Womensoccer: Eine abschließende Frage zur Nationalmannschaft: Bald wird Steffi Jones Nachfolgerin von Silvia Neid als Bundestrainerin. Kennen Sie Steffi Jones denn schon gut?

Pauline Bremer: So richtig kannte ich sie bisher nicht. Ab und zu war sie aber zur Begrüßung oder Gratulation bei der U20-Nationalmannschaft. Ich finde es gut, dass sie jetzt schon dabei ist. So kann sie sich alles anschauen, die Mannschaft kennen lernen, und schon einmal die Abläufe hier als Trainerin wahrnehmen, bevor sie das Amt übernimmt. Das ist eine gute Sache.

Tags: ,

Markus Juchem (48) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

11 Kommentare »

  • enthusio sagt:

    Das Training mit den vielen Stars in Lyon scheint Pauline Bremer sehr gut bekommen zu sein. Sie hat ja heute gegen Ungarn sehr druckvoll, zielstrebig und dynamisch gespielt und sich mit drei Toren selbst belohnt.
    Mit ihrer Berufung in die Startformation hat Silvia Neid alles richtig gemacht.

    Im übrigen ist das oben abgedruckte Interview mit ihr sehr aufschlussreich. Ich halte sie für eine fussballtechnisch sehr begabte und – wie man dem Interview entnehmen kann – auch sehr intelligente Spielerin. Man darf wirklich auf ihre weitere sportliche Entwicklung gespannt sein.

    (Nebenbei: Für dieses Interview habe ich „LaterPay“ mit Sicherheit nicht bereut.)

    (-1)
  • holly sagt:

    @ enthusio, naja ob man an diesem Gegner festmachen kann ob Pauline sich in Lyon so sehr verbessert hat, mag ich bezweifeln.
    So haben wir sie schon oft spielen sehen wenn sie fit war. Gegen einen Gegner der keine Gegenwehr leistet sieht man schnell gut aus.

    (5)
  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Stimmt, holly, als dies in den Raum gestellt wurde, habe ich nur müde gelächelt und abgewunken! Schlussendlich ist ihre OL-Einsatzzeit (beim zuletzt 8:0-Sieg und 90min. Einsatzzeit 0 Tore!) mehr als überschaubar und ihre Leistung dennoch etwa adäquat der der U20-WM gewesen. 2…3 Lapsusse waren auch ihr auch unterlaufen, was ich aber keinesfalls zu hoch hänge – da hatten andere deutlich mehr.
    Kritisieren muss ich das Verhalten von Alex Popp, die nach dem 3. Bremer-Tor unbedingt mit ihr gleichziehen wollte und folgerichtig reihenweise Dinger versiebte. Das Ganze war so auffällig und hat mit mannschaftsdienlicher Spielweise absolut nichts am Hut, da ist der Ehrgeiz an der falschen Stelle gewesen!

    (-3)
  • enthusio sagt:

    @ holly:

    Silvia Neid scheint nach den Trainingseindrücken jedenfalls schwer beeindruckt von ihr gewesen zu sein. Bei der WM-Vorbereitung hatte sich Pauline Bremer ja offensichtlich nicht für einen Einsatz empfehlen können.

    http://tv.dfb.de/video/stimmen-zum-spiel-gegen-ungarn/12176/

    (3)
  • Markus Juchem sagt:

    @Schenschtschina Futbolista: Beim 8:0-Sieg hat sie ein Tor geschossen und drei vorbereitet. 😉
    http://www.dfb.de/news/detail/pauline-bremer-trifft-bei-lyon-sieg-130735/

    (1)
  • tpfn sagt:

    Pauli’s Leistung fusste logischerweise noch auf Turbines Ausbildung. In einem halben Jahr kann man evtl mal schauen was Lyon so bewirkt hat. Da sollte man aber nicht den Fehler machen Spiele in der französischen Liga zum Vergleich ranzuziehen.

    (2)
  • holly sagt:

    @enthusio, bei der Wm war Pauline soweit ich weiss auch eine von denen die nicht fit/gesund waren.
    Wenn man fit ist präsentiert man sich natürlich anders.
    Aber nach so kurzer Zeit zu sagen das eine Spielerin sich so sehr positiv in einem neuen Verein entwickelt halte ich für ausgeschlossen.
    @tpnf, vielleicht ist das eher die Ausbildung von Göttingen. Die haben immerhin 7 Jahre lang die Grundlagen gelegt. Potsdam hat da den geringsten Anteil dran.

    (-1)
  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @Markus
    Das die DFB-Seite nicht korrekt berichtet ist ja nicht neu!
    Schau in den Link, scrolle bis ganz unten, da ist in der Rubrik Buts keine Tornennung für Bremer.
    => http://www.olweb.fr/fr/article/ol-feminin-68819.html
    Auszug:
    Buts : Boishardy (17′ CSC), Le Sommer (43′ et 45’+1), Henry (52′), Kumagai (68′ sp), Necib (76′), Abily (86′), Schelin (90’+2).
    Welcher Aussage ich mehr traue, ist wohl klar, auch wenn ich kein französisch beherrsche…

    (0)
  • Markus Juchem sagt:

    Dann wurde die Torschützin offenbar nachträglich korrigiert. Auch die OL-Website hatte zunächst Bremer als Torschützin geführt.

    (0)
  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @Markus
    Auch dieser Aussage kann ich guten Gewissens widersprechen, weil der OL-Bericht bereits kurz nach dem Spieltag genauso ausgesehen hat, d.h. zumindest bei den Torschützen gab es keine Veränderung!
    Bereits zu diesem Zeitpunkt schrieb ich in einem weiteren Beitrag, es war wohl in dem zu Wang Fei, davon. Allerdings habe ich dort ein 9:0 draus gemacht gehabt.

    (1)
  • Herr Schulze sagt:

    Voilà: Dieser Link auf You-tube zeigt, dass Bremer beim 7-0 dem Ball die Richtung ins Tor gegeben hat, man aber Abily als Torschützin bestimmt hat.
    Bremer-Fans kommen auch bei den Toren 1 bis 3 voll auf ihre Kosten. Avec plaisir!
    ,

    https://www.youtube.com/watch?v=Zvn_OO092N4

    (2)

Kommentar schreiben

Add your comment below. You can also subscribe to these comments via RSS

Seien Sie nett. Bleiben Sie beim Thema. Kein Spam.

You can use these tags:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar