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Wörle gegen Kellermann: Uneinig vor dem Gipfel

Von am 11. September 2015 – 0.00 Uhr 2 Kommentare

Bereits am 3. Spieltag der Allianz Frauen-Bundesliga kommt es heute Abend um 18 Uhr (live auf Eurosport) zum Kräftemessen zwischen dem Deutschen Meister FC Bayern München und dem Vizemeister und DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg. Die beiden Trainer Thomas Wörle und Ralf Kellermann standen Womensoccer in einem ausführlichen Exklusiv-Interview Rede und Antwort. Und waren dabei nicht immer einer Meinung.

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Dabei sprechen Wörle und Kellermann nicht nur über das Spitzenspiel, Kaderverstärkungen und die Verletztenmisere, sondern auch über die wachsende Kritik an der zunehmenden Dominanz von München und Wolfsburg, die Ligakonkurrenten 1. FFC Frankfurt und 1. FFC Turbine Potsdam, bayerisches Understatement und die Planungen für die Zukunft.

Womensoccer: Mit welchen Erwartungen gehen Sie in das Spitzenspiel?

Thomas Wörle (Trainer FC Bayern München): Wir freuen uns auf das Kräftemessen mit dem VfL Wolfsburg, der wohl neben Olympique Lyon derzeit in Europa die beste Mannschaft besitzt. Es wird ein hoch interessanter Vergleich, denn Wolfsburg hat sich auf seinem hohen Niveau noch einmal unglaublich verstärkt, nicht nur mit 18-jährigen Nachwuchsspielerinnen, sondern mit erfahrenen, gestandenen Topspielerinnen. Das ist die stärkste Wolfsburger Mannschaft, die es je gab. Wir werden eine außerordentlich starke Leistung brauchen, um als Kollektiv Wolfsburgs hohe individuelle Qualität zu kompensieren und Ihnen Paroli zu bieten.

Ralf Kellermann (Trainer VfL Wolfsburg): Natürlich möchte jeder von uns dieses Spiel gewinnen. Aber beide Mannschaften haben auch Respekt voreinander. Ich bin gespannt, welches Team sein Spiel durchbringen kann und ob die Spielerinnen auch schon in einem Topspiel funktionieren und ihre Leistung abrufen können. Unabhängig vom Ergebnis wollen wir hinterher sagen können, wir haben ein gutes Spiel und einen Schritt nach vorne gemacht. Aber wir werden nicht abwarten und schauen, wie der Gegner agiert, das entspricht nicht unserem Naturell. Wir sind in München, um zu punkten.

Womensoccer: Der FC Bayern München und der VfL Wolfsburg hatten beide einen gelungenen Saisonstart.

Wörle: Wir haben aus den ersten beiden Partien das Optimum an Punkten geholt, aber es ist sicherlich noch Luft nach oben, gerade wenn man an die erste Halbzeit gegen Potsdam denkt, wo uns noch der Rhythmus gefehlt hat. In Köln sind wir wieder einen kleinen Schritt vorangekommen, auch wenn wir dort hätten höher gewinnen müssen.

Kellermann: Unterm Strich stehen trotz der Nachwehen der WM und der zerstückelten Vorbereitung sechs Punkte und 10:0-Tore und wir haben in beiden Spielen gut gespielt, gegen Bremen aber zu wenig aus unseren Chancen gemacht. Es hat sich aber schon im Trainingslager und den Testspielen angedeutet, dass die Integration der neuen Spielerinnen zügig funktioniert hat. Selbstverständlich war dieser Start nicht, aber jetzt kommen erst die Spiele gegen Teams auf Augenhöhe.

Lisa Evans, Thomas Wörle und Nicole Rolser

Bayern-Trainer Thomas Wörle (Mi.) mit seinen beiden Neuzugängen Lisa Evans (li.) und Nicole Rolser (re.) © Karsten Lauer / FCB Frauenfußball

Womensoccer: Bedauern Sie, dass es bereits so früh in der Saison zu diesem Topspiel kommt?

Wörle: Natürlich können wir wie auch der VfL Wolfsburg zu diesem Zeitpunkt aufgrund der WM-Abstellungen noch nicht auf Topniveau sein, aber über den Spielplan habe ich mir gar keine großen Gedanken gemacht. Wir hatten ja bereits am ersten Spieltag ein Topspiel gegen Potsdam und mussten den Spielplan so annehmen.

Kellermann: Nach einer WM wünscht man sich vielleicht, dass es später zu diesen Spielen kommt, aber der Spielplan muss auch ausgewogen sein. Mir ist lieber, am 3. Spieltag gegen Bayern, Frankfurt oder Potsdam zu spielen, als nach Champions-League-Spielen oder Abstellungsfristen. Vor unserem nächsten Auswärtsspiel in Frankfurt spielen wir am Donnerstag in Serbien und kommen am Abend von dort nicht mehr nach Hause. Da ist es angenehm, dass wir uns in einem normalen Wochenrhythmus auf das Bayern-Spiel vorbereiten konnten.

Womensoccer: Sind denn beide Mannschaften gleichermaßen von den WM-Nachwehen betroffen?

Kellermann: Thomas Wörle fehlen Hochkaräter, uns fehlen Nadine Keßler, Luisa Wensing und Caroline Graham Hansen, das sind schon gravierende Ausfälle. Beide Teams mussten die gleichen Kröten schlucken, hatten die gleichen Voraussetzungen und die gleiche Zeit der Vorbereitung. Das ist für keine Mannschaft ein Vor- oder Nachteil.

Wörle: Wir und Wolfsburg hatten die meisten Abstellungen für die WM. Die Ausfälle von Lena Lotzen, Mana Iwabuchi und Vero Boquete treffen uns hart, aber anderen geht das genauso. Wir haben eine harte Bundesligasaison hinter uns, jetzt kommt die EM-Qualifikation und die Belastungen bleiben hoch. Es gibt nur wenige Pausen, aber das können wir nicht ändern, wir müssen das so gut wie möglich annehmen.

Womensoccer: Sie haben Ihre Teams zur neuen Saison noch einmal namhaft verstärkt.

Kellermann: Man muss den Kader betrachten und schauen, welche Spielerinnen man zur Verfügung hat. Nadine Keßler hat letzte Saison nur 30 Minuten gespielt und fehlt uns immer noch. Fakt ist aber, dass wir einen sehr guten Kader haben. Wir spielen mit Frankfurt, Potsdam und Bayern um die Meisterschaft mit. Wir freuen uns, wenn Thomas Wörle sagt, wir hätten den stärksten Kader aller Zeiten, denn dann haben wir in den letzten Jahren vieles richtig gemacht. Fakt ist aber auch, dass sich Bayern im letzten und diesem Jahr noch einmal erheblich verstärkt hat, sie brauchen sich nicht zu verstecken. Und wenn eine Mannschaft ohne Niederlage Deutscher Meister wird, dann geht sie genauso wie wir als Favorit in die Saison.

Wörle: Wir haben uns noch einmal verstärkt, aber der Kader, der auf dem Papier steht, ist ein anderer als der, der uns derzeit zur Verfügung steht. Uns fehlen einige namhafte Spielerinnen wie Lotzen, Iwabuchi, Boquete, Romert oder Baunach und gegen Potsdam hing das Spiel am seidenen Faden. Es hätte auch ein Remis oder eine Niederlage geben können und wir haben Potsdam definitiv nicht beherrscht. Auch wenn wir auf nationaler Ebene in der vergangenen Saison einen Überraschungscoup landen konnten, haben wir zuletzt beim Valais Cup gegen Lyon trotz des Sieges aufgezeigt bekommen, wie groß der Qualitätsunterschied zur internationalen Spitze noch ist, zu der ich Lyon, Paris und Wolfsburg zähle.

Womensoccer: Herr Wörle, können Sie die Kritik an Ihnen wegen Ihrem Understatement und Ihrer Tiefstapelei verstehen?

Wörle: Ich versuche nur die tatsächlichen Kräfteverhältnisse realistisch einzuordnen. Wir werden auch in der Zukunft bodenständig und bescheiden weiterarbeiten.

Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann

Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann hat Bayern München auf dem Favoritenzettel © Karsten Lauer / girlsplay.de

Womensoccer: Wie schätzen Sie das ein, Herr Kellermann?

Kellermann: Ich kann darüber nur schmunzeln. Ich merke ja, dass die Öffentlichkeit auch eine andere Wahrnehmung hat. Letztes Jahr hat es gut geklappt, dass er so Druck von seiner Mannschaft genommen hat. Aber in dieser Saison nimmt ihm das wirklich kaum noch jemand ab, wenn ich mir den Kader von Bayern München anschaue, das ungeschlagen Deutscher Meister geworden ist. Da kann man sich ruhig mal offensiv zu seinem Top Kader bekennen. Sicherlich ist es aber für Bayern eine neue Situation, wenn es eine Dreifachbelastung gibt und die Champions League dazu kommt. Man wird erst einmal Erfahrungen sammeln müssen in Sachen Belastung und Trainingssteuerung, das hatten wir 2013 auch.

Womensoccer: Die anderen Vereine und die Öffentlichkeit beklagen immer mehr die wachsende Dominanz von Bayern München und VfL Wolfsburg, die mit den Männervereinen im Rücken ganz andere Möglichkeiten haben. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Wörle: Es ist sicherlich unbestritten, dass wir gelegentlich einen Vorteil haben, wenn wir auf die Strukturen unserer Männervereine zurückgreifen können. Auf der anderen Seite habe ich kein Verständnis dafür, wenn man behauptet, dass wir, die Frauenabteilung des FC Bayern München, finanziell größere Möglichkeiten hätten, als unsere Konkurrenten, denn das ist aktuell nicht der Fall. Der VfL Wolfsburg ist für mich die klare Nummer 1 in Deutschland. Sie haben die besten finanziellen Voraussetzungen und sind zudem personell wie strukturell stark aufgestellt. Im Vergleich zu uns hat der VfL einige Jahre Vorsprung, das darf man nicht vergessen. Auch Frankfurt und Potsdam sind nach wie vor sehr gut aufgestellt und haben aufgrund jahrelanger nationaler wie internationaler Erfolge ebenfalls Vorsprung. Das sind Vereine, die in mehrerlei Hinsicht über all die Jahre gewachsen sind. Wir wollen und müssen uns im Kreis dieser traditionellen Topteams erst noch etablieren.

Kellermann: In Sachen Infrastruktur kann ich das nachvollziehen. Natürlich profitieren wir, Bayern oder auch Freiburg davon, dass wir die Ressourcen des Gesamtvereins mitnutzen können, von daher haben wir Topbedingungen. Aber über unser angeblich höheres Budget wundere ich mich immer wieder. Gerade erst ist eine japanische Weltmeisterin von Wolfsburg nach Frankfurt gewechselt. Sicherlich ist es für Wolfsburg und Bayern einfacher als für reine Frauenfußball-Clubs, dieses Budget aufrechtzuerhalten, denn als reiner Frauenfußball-Club muss man deutlich mehr Anstrengungen unternehmen, um auf diesem Level zu bleiben. Aber Spielerinnen gehen auch nicht nur nach Frankfurt oder Potsdam, weil dort die Stadt so schön ist. Und es ist natürlich immer sehr einfach zu sagen, dass der VfL Wolfsburg ja VW hat.

Womensoccer: Haben junge Spielerinnen in Ihren immer stärker werdenden Kadern überhaupt noch eine Chance?

Kellermann: Bei den Topvereinen ist es extrem schwierig, aus der U17 kommend direkt in der 1. Mannschaft Fuß zu fassen, dort fehlt eine Entwicklungsstufe. Die Zeiten, wo reihenweise U17-Spielerinnen in der Liga durchgestartet sind, sind vorbei. Es wird immer mal vereinzelt herausragende Spielerinnen geben, die das schaffen. Aber es hat im Frauenfußball eine solche Entwicklung gegeben, dass es schon allein körperlich nicht funktionieren kann. Man kann nur den Weg über die Ausleihe oder die 2. Mannschaft gehen. Aber wenn ich mir Spielerinnen wie Ewa Pajor oder Synne Jensen ansehe, muss ich sagen, dass die Qualität der jungen Spielerinnen im Ausland ähnlich hoch ist, wie in Deutschland. Gerade Jensen hatte ja nicht mal die eigene Nationalmannschaft auf dem Schirm, aber wir trauen ihr viel zu. Oder wer kannte Tessa Wullaert? Ich hatte sie bereits seit zwei Jahren beobachtet und wir haben zugegriffen, als wir sie ablösefrei haben konnten.

Wörle: Da es im Frauenfußball keine A-Jugend gibt, ist der Übergang für Spielerinnen im Alter von 16 oder 17 Jahren in einem Verein mit gewissen Ansprüchen nicht leicht. Bei diesen Vereinen braucht eine junge Spielerin aus meiner Erfahrung heraus zwei bis drei Jahre, bis sie soweit ist. Das ist in der Regel so und man darf von den Mädchen nicht zu viel erwarten, es braucht Zeit. Aber es gibt natürlich auch Top-Talente, die es früher schaffen. Bei uns trainieren Ricarda Walkling oder Jenny Gaugigl komplett mit der ersten Mannschaft mit und spielen aktuell in unserer guten zweiten Mannschaft. Bei Isabella Hartig haben wir den Weg gewählt, sie an einen anderen guten Verein wie Hoffenheim auszuleihen. Wir werden sehen, wie schnell sie sich dort entwickelt.

Zweikampf zwischen Leonie Maier und Lena Goeßling

Bayern Münchens Leonie Maier (li.) im Duell mit Wolfsburgs Lena Goeßling © Karsten Lauer / girlsplay.de

Womensoccer: Was halten Sie beide von den Freitagabend-Spielen?

Wörle: Sportlich ist das für uns ein guter Zeitpunkt, das Spiel auszutragen und ich denke, es können auch viele Zuschauer zu diesem Termin ins Stadion kommen.

Kellermann: Unabhängig vom Termin finde ich es wichtig, dass es einen Wiedererkennungswert gibt. Wenn das jetzt am Freitagabend um 18 Uhr ist, ähnlich wie beim Montagsspiel in der 2. Liga bei den Männern, dann ist es gut. Das ist mir lieber, als mal am Freitag um 18 Uhr, mal Samstag um 11 Uhr oder um 13 Uhr zu spielen. Der Freitag ist aufgrund der vielen englischen Wochen allerdings nicht immer umsetzbar. Aber wenn man es schafft, regelmäßig zur gleichen Zeit das Topspiel an einem bestimmten Tag und Zeitpunkt anzusetzen, ist das gut. Auch eine etwas längerfristige Planung würde den Vereinen helfen, aber womöglich sind dem DFB wegen der Übertragungsrechte ein wenig die Hände gebunden.

Womensoccer: Herr Wörle, in puncto Karriereplanung, hätten Sie nicht Lust den Fußball-Lehrer zu machen und vielleicht Assistenztrainer der Nationalmannschaft unter Steffi Jones zu werden.

Wörle: Natürlich gibt es noch interessante Entwicklungsschritte wie die Fußball-Lehrer-Ausbildung, die ich in der Zukunft angehen möchte. Aber aktuell denke ich nicht darüber nach, ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Ich bin sehr glücklich, hier beim FC Bayern München in einem tollen Verein und mit einer charakterstarken und sehr talentierten Mannschaft arbeiten zu können.

Womensoccer: Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Kellermann?

Kellermann: Mein Vertrag als Trainer läuft 2016 am Ende der Saison aus, nicht jedoch der als Sportlicher Leiter. Die Gespräche über eine Verlängerung sind in vollem Gange. Trotz der Titelgewinne habe ich immer noch genug Motivation, hier in Wolfsburg meinen Weg weiterzugehen. Ich habe aber das mittelfristige Ziel, mal etwas anderes zu machen. Ich könnte mir vorstellen als Nationaltrainer zu arbeiten, lege mich aber nicht fest, ob es dann eine Topnation sein muss, mit der man um Titel mitspielen kann, oder vielleicht auch eine Mannschaft, die man entwickeln kann. Aber aktuell ist das kein Thema.

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Markus Juchem (48) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

2 Kommentare »

  • dummkopf / football-women.com sagt:

    Umpfh, interessant. Sehr interessant sogar!
    Da möchte ich mich betont neutral äussern, aber sehr interessiert zum Thema womensoccer und laterpay stellen. Sehr interessiert, wie das angenommen wird und weitergeht.

    (Noch? 😉 ) ganz ohne pay gibt es bei football-women.com – dann dazu oder auch nicht – in der Spieltagsvorschau als Ergänzung das, was Kellermann und Wörle vielleicht richtig oder heute abend besser machen könnten.

    (0)
  • Achim, el oso sagt:

    Wie gehabt, mit Ralf Kellermann´s Worten: Hinfahren, Spielen, Gewinnen, Mund abwischen und Heimfahren. Kommt gesund wieder.

    (-1)

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