Silvia Neid auf Konfrontationskurs zur Liga

Von am 5. Juli 2015 – 3.19 Uhr 71 Kommentare

Die deutsche Frauenfußball-Nationalelf hat die WM in Kanada mit dem vierten Platz abgeschlossen. Dabei versprühte die DFB-Elf spielerisch während des Turniers nur selten Glanz. Nach der Kritik einiger Bundesligatrainer an der Arbeit von Bundestrainerin Silvia Neid und der mangelnden spielerischen Kompetenz des Teams holte Neid nach der Niederlage gegen England zum Gegenschlag gegen die Ligatrainer aus. Die Spielerinnen seinen in einem „katastrophalen Zustand“ zur WM-Vorbereitung gekommen.

Wenn in der kommenden Woche die siebte Frauenfußball-WM Geschichte ist, wird auch die Berichterstattung in den Medien schnell wieder abflauen. Und so steht zu befürchten, dass die von den Bundesligatrainern Colin Bell (1. FFC Frankfurt), Ralf Kellermann (VfL Wolfsburg) und Bernd Schröder (Turbine Potsdam) geäußerte Kritik an Bundestrainerin Silvia Neid und den unterlegenen WM-Auftritten der DFB-Elf gegen Frankreich und den USA schnell wieder in Vergessenheit gerät. Die Niederlage im Spiel um Platz 3 gegen ein kämpferisch überzeugendes, aber spielerisch durchaus limitiertes Team aus England war da nur der Tropfen auf den heißen Stein. Doch was lief falsch im deutschen Team?

Erste Warnzeichen
Die DFB-Elf offenbarte in den Spielen gegen Frankreich, die USA und auch England Defizite im spielerischen Bereich. Selten hat man in der Vergangenheit eine deutsche Mannschaft in einem wichtigen Turnierspiel so unterlegen gesehen, wie in der ersten Halbzeit gegen Frankreich. Das Erreichen des Halbfinals war eher der mangelnden Kaltschnäuzigkeit des Gegners geschuldet, denn der eigenen Stärke. Die Warnzeichen, dass Deutschland technisch und taktisch im Begriff ist, ins Hintertreffen zu geraten, sind offensichtlich. Im Halbfinale gegen die USA hatte Deutschland in der offiziellen FIFA-Statistik in 90 Minuten nur einen Schuss aufs Tor zu verzeichnen. Definitiv zu wenig für eine Mannschaft mit den Ansprüchen Deutschlands. Geht es nach Bundestrainerin Silvia Neid liegt die Verantwortung dafür vor allem bei den Bundesligatrainern.

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Silvia Neid

Bundestrainerin Silvia Neid nimmt die Ligatrainer in die Verantwortung © Nora Kruse / ff-archiv.de

Neid auf Konfrontationskurs mit der Liga
„Wir können froh sein, dass wir so weit gekommen sind“, erklärte Neid nach der Niederlage gegen England. „Die Spielerinnen kamen in einem katastrophalen Zustand zur WM-Vorbereitung. Wir hatten sie nur zehn Tage. Das war keine Vorbereitung, sondern nur Regeneration“, ging Neid öffentlich auf Konfrontationskurs. Doch als alleinige Erklärung taugen die angeblichen Fitnessdefizite der Nationalspielerinnen nicht. Immerhin reichte es für die Spielerinnen des 1. FFC Frankfurt dafür, die Champions League zu gewinnen, der VfL Wolfsburg stand im Halbfinale. In der Bundesliga gab es bis zum Ende packende Duelle der Spitzenteams zu sehen. Die Spielerinnen von Meister FC Bayern München waren ebenfalls nicht übermäßig belastet. Dass die Spielerinnen nach dem Empfinden von Neid in ihren Vereinen nur unzureichend auf die Aufgaben in der Nationalmannschaft vorbereitet werden, ist eine häufig geäußerte Kritik. So forderte sie bereits 2008, dass die Liga auf acht Teams verkleinert werden sollte, um mehr Zeit für die Nationalmannschaft zu haben. Sie und ihre Ligakollegen sollten sich nun schnellstmöglich an einen Tisch setzen, um nicht nur die offensichtlichen Unstimmigkeiten zu beseitigen, sondern auch im Sinne der Nationalelf eine gemeinsame tragfähige Lösung für den weiteren Kurs zu bestimmen.

Das Potenzial nicht ausgespielt
Formell hat die DFB-Elf mit der erfolgreichen Olympia-Qualifikation und dem Erreichen des Halbfinales ihre Ziele erreicht. Doch was bleibt, ist der fade Beigeschmack, dass mit dem Potenzial des Kaders mehr möglich gewesen wäre. Individuell zeigten viele Spielerinnen nicht die Klasse, die sie in Bundesliga- oder Champions-League-Spielen in der Vergangenheit bereits hinlänglich bewiesen haben. Lag das wirklich nur an einer kräftezehrenden Saison?

Alex Popp

Alex Popp (li.) im Spiel gegen die USA © Nora Kruse / ff-archiv.de

Streitkultur statt Rückendeckung
Eine sinnvolle Auseinandersetzung und Aufarbeitung sind daher vonnöten. Persönliche Angriffe wie die von Nadine Angerer gegen Colin Bell sind dabei genauso wenig zielführend, wie die reflexhafte Verteidigung der Bundestrainerin von DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock: „Silvia Neid hat das Gesicht unserer Frauen-Nationalmannschaft entscheidend geprägt und großartige Erfolge gefeiert und daher genießt sie auch weiterhin unser totales Vertrauen“, so Sandrock in einem Interview mit der DFB-Webseite.

Kritik muss möglich sein
Die Verdienste von Neid um die Frauenfußball-Nationalelf sind unbestritten und sollen auch durch die WM keineswegs in Frage gestellt werden. Doch sie sind und sollten auch in Zukunft kein Freibrief gegen Kritik sein, egal ob intern oder öffentlich geäußert. Das sollte auch so bleiben, sollte Neid trotz ihrer zuletzt verstärkt geäußerten Olympia-Abneigung ihr Team im kommenden Jahr in das Olympische Frauenfußball-Turnier in Rio de Janeiro führen.

Neue Herausforderungen
Im internationalen Fußball und seiner fortschreitenden Entwicklung wird es auch zukünftig nicht einfacher werden, gegnerische Abwehrriegel zu knacken. Alle Teams stehen vor der Herausforderung, erfolgversprechende Strategien und Spielsysteme zu entwickeln. So machte sich die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg auf Einladung der FIFA noch einmal die Mühe, nach Vancouver zu reisen, um am FIFA-Symposium teilzunehmen und das WM-Finale vor Ort zu schauen. Dort hätte man gerne auch die DFB-Frauenfußball-Direktorin und designierte Bundestrainerin Steffi Jones gesehen.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

71 Kommentare »

  • Andreas sagt:

    Also ich finde schon, es lohnt sich, die ganze Sache differenziert zu betrachten und jetzt nur auf SN einzuschlagen. Natürlich nervt es, dass SN in ihren Aussagen wieder vollkommen kritikresistent rüberkommt und eigene Fehler nicht zugeben will. Ich war auch irritiert, dass nach dem Rückstand gegen die USA nichts kam von SN. Da hat Bernd Schmelzer tatsächlich mal etwas wahres gesagt: „Jetzt braucht sie eine Idee“. Leider hatte sie die nicht und hat viel zu spät und zu wenig gewechselt. Das ist alles klar. Der Hinweis darauf, dass die Spielerinnen aber in einem katastrophalen Zustand ankamen und sie im Training eher nur Regeneration machen konnten, da wird schon auch was drangewesen sein. Dazu kommt dann noch der Kunstrasen, der sicherlich ein zusätzlicher Faktor war. An Simone Laudehr konnte man das ja gut sehen. Sie gehörte sicherlich zu den besten Spielerinnen, war aber eigentlich immer so nach 75 Minuten platt. Dass SN dies aber nicht während der WM öffentlich macht ist doch logisch. Damit hätte sie ihre Spielerinnen ja noch mehr runtergezogen.Und die Kritik nach der Halbfinalniederlage auf diese Weise öffentlich zu machen, war von den Buli Trainern tatsächlich kein sehr guter Stil. Ich verstehe das, weil die mediale Aufmerksamkeit halt gerade da war, aber so etwas sollte man sicher nicht vor dem Spiel um Platz 3 machen. Vom DFB hätte ich mir auch etwas sachlichere Stellungnahmen gewünscht, nicht diese reflexhaften Treueschwüre, aber zu erwarten, dass der DFB ins gleiche Horn tutet wäre auch nicht angebracht. Meine Hoffnung ist, dass man sich nach der WM an einen Tisch setzt und zum Wohle der N11 und des Frauenfußballs vernünftige Verabredungen trifft.

    Und dass man nur andere Spielerinnen hätte einsetzen müssen und alles wäre gut gewesen, so einfach war es ja dann auch nicht, wie das Spiel um Platz 3 gezeigt hat.

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  • egjowe sagt:

    Wer in der Halbzeitpause des Endspiels die Fragen und Antworten bezüglich Frau Neid von Kim Kulig und Sven Voss mitverfolgt hatte, erinnert sich bestimmt an eine Antwort:
    Ja, sie ist stur.“

    Wie es anders geht während eines Spieles
    habe ich zu dem Artikel „USA nach Gala……“
    über den japanischen Trainer geschrieben.
    Wen es interessiert.

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  • egjowe sagt:

    @wolle
    Zu Steffie Jones hatte ich am 3.7.2015 geschrieben:
    ********************************
    Ich glaube, Steffie Jones hat all die Defizite bereits erkannt und sich auch deshalb vehement dafür eingesetzt, die Position als Bundestrainerin zu übernehmen.
    Um Veränderungen durchzusetzen, muss man erst einmal am Schalthebel sitzen.
    Ich bin überzeugt, dass sie bereits ganz klare Vorstellungen/Pläne hat, die sie in dieser Position dann auch umsetzen kann/darf.
    Ob sie eine gute Trainerin wird, weiß ich nicht, kann es mir aber vorstellen, weil sie bisher jede neue Aufgabe mit Erfolg gemeistert hat.
    Eine gute Managerin ist sie allemal.
    Sie sollte allerdings schon vor den Olympischen Spielen das Ruder übernehmen.
    ***********************************
    Vielleicht findet sie ja ihren „Jogi“
    in Martina Voss-Tecklenburg,
    wenn sie den Trainerschein nicht macht.
    Gegen den Widerstand von Frau Fitschen.

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  • labersack sagt:

    @egjowe

    ich glaube….., ich bin überzeugt…..
    Welch eine Vorstellungskraft. Aber hier ist doch eindeutig der Wunsch der Vater des Gedankens.

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  • waiiy sagt:

    @dummkopf: Das war doch klar, wie der Zustand der Spielerinnen sein wird nach der Saison. Die Anzahl der Ligaspiele war vorher bekannt, die Länderspiele auch und dass im Pokal und in der CL die Spitzenspielerinnen viel aktiv sein würden, war auch ein Jahr vorher bekannt. Von daher hätte de rDFB vorher reagieren müssen, wenn man dort Weitblick gehabt hätte. Man hätte die Spielpläne von Liga oder Pokal anders stricken können. Die Teilnahme beim Algarve Cup ist auch nicht zwingend (zumal es erstmals dieses Jahr ist, dass der Sieger dort auch Weltmeister wurde). Einzig die Termine der CL konnte man nicht beeinflussen.

    Und ja, ich bin auch dafür, dass außer auf die Europa- und Weltmeisterschaften bei den Frauen auf kein anderes Turnier bei den Spielplänen achtgegeben wird. Auf Juniorenspielerinnen muss man auch mal verzichten können in einer Frauen-Liga.

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  • wolle sagt:

    @egjowe
    MVT als Co-Trainerin von Jones? Guter Witz, klar auf diesen Job hat Sie schon immer gewartet
    @waiiy „Auf Juniorenspielerinnen muss man auch mal verzichten können in einer Frauen-Liga.“
    Das trifft auf Frankfurt, den VW-Club oder Ulis Engel in München zu. Es gibt aber Gott sei Dank noch Vereine die Juniorinnen regelmäßig Spielzeiten bieten. Ich denke da aktuell an Essen oder TP. Soll man die noch dafür bestrafen?
    Bei einer U19-EM waren mal 7 Spielerinnen aus BN (u.a. Maier, Pycko, Rolser, Petzelbeger, Störzel). BN verlor die 3 Spiele während des Turniers, weil sich die Gegner weigerten die Spiele zu verlegen.
    @Andreas
    Natürlich muss man das ganze differenziert betrachten. Aber Fr Neid lädt mit Ihrem Auftreten und Äußerungen ja gerade zum „draufschlagen“ ein. Frankreich hatte eine ähnliche Vorbereitung, PSG war auch im CL-Finale. Sie haben auf mich einen fitten Eindruck gemacht, oder unterstellt Sie etwa den Buli-Trainern Sie hätten falsch trainiert. 2011 gab es eine ewig lange Vorbereitung, das Ergebnis kennen wir. Ja, der Kunstrasen war ein Vorteil für Nordamerikaner, ja Deutschland hatte im Viertelfinale mehr Körner liegenlassen als die USA. Aber kann man damit technische und taktische Mängel begründen? 2011 waren Ihre Wechsel gegen Japan ein Griff ins Clo, hat Sie deshalb gegen USA sicherheitshalber gar nicht gewechselt?

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  • doc8181 sagt:

    So Frau Neid:

    Es ist ja keinWunder, dass die Spielerinnen nicht fit sind, wenn man verletzte Spielerinnen einsetzt UND vor Ort noch nicht mal eine vernünftige medizinische Abteilung hat:

    Alexandra Popp erlitt einen Meniskuseinriss und wird am Freitag, 10. Juli, operiert. Die 24-Jährige klagte bereits seit dem Achtelfinale gegen Schweden über Schmerzen im Knie.
    „Vor Ort wurden leider nicht die notwendigen Diagnosemaßnahmen durchgeführt. Deshalb bekamen wir das Ergebnis erst jetzt nach einem MRT in Wolfsburg“, so Ralf Kellermann

    https://www.vfl-wolfsburg.de/info/frauen/aktuelles/detailseite/artikel/mehrere-wochen-pause-39097.html

    Aber Frau Neid ist natürlich auch hier wieder unschuldig…

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  • dummkopf sagt:

    zu doc

    Oh je. Emotionen immer noch so high?

    Hier gibts die all stars. Vielleicht hilft ein Rundumblick ein wenig zu kühlen.

    https://football11women.wordpress.com/2015/07/07/the-all-star-team-of-the-womens-world-championship/

    Deshalb helfen reisserische Artikel einfach nicht. Damit kommt man sinnvollen Schritten nicht näher, sondern das Gegenteil.

    Fr. Neid ist sicher genausowenig für die med. Abteilung des dfb verantwortlich, wie Pep für die von Bayern.
    Und auch nicht dafür, in Fr. Popps Schmerzzustand wundersamerweise hineinhören zu können. Da müssen schon die Spielerinnen ehrlich sein, auch wenn man sie irgendwo verstehen kann, dass sie das Spiel gg die USA bzw bei Peter die WM mitmachen wollen.
    Da haben vielleicht auch noch andere nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. Wer im Sinne des FF vorankommen will, sollte das thematisieren, und nicht Frau Neid verantwortlichen machen, dass die Griechen mit nein gestimmt haben.

    Davon wird das mit den Verletzungsmeldungen nicht besser.

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  • dummkopf sagt:

    @waiiy

    Ja. Genau.
    Da sind wir uns einig.
    Damit unterstützt du doch die richtige herangehensweise, die Spielerinnen nächstes Mal in einem besseren Zustand zur WM zu schicken, und das da die Terminplanmacher gefordert sind.

    Aber du merkst doch, dass das genau nicht im Einklang mit deinem Komm 22.16 steht, wo du das als lahme falsche Ausrede ansprichst, und Neid diesen Punkt also richtigerweise anspricht?

    Bitte sag jetzt nicht, dass nicht oder kläre mich über mein Verständnisproblem auf.

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  • Doc sagt:

    Lesen die Spielerinnen, Trainer oder anderen offiziell Beteiligten eigentlich diese Kommentare von uns?

    Falls ja….“Hallo, Steffi Jones! Bitte reißen Sie das Ruder herum und installieren eine völlig andere Struktur hinsichtlich der Nationalfrauenschaft!!! Der Weg der letzten 4 – 8 Jahre führt definitiv nicht an die Weltspitze.“

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