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Die Tops und Flops der WM-Vorrunde

Von am 19. Juni 2015 – 16.30 Uhr 4 Kommentare

36 von 52 Spielen bei der sieben Frauenfußball-WM in Kanada sind gespielt, 16 von 24 Teams sind noch im Wettbewerb, bevor es am Samstag mit dem Achtelfinale erst richtig los geht. Womensoccer beleuchtet die Tops und Flops der Vorrunde.

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Tops

Hohe Einschaltquoten
Während die Allianz Frauen-Bundesliga weder im Stadion noch bei den Eurosport-Übertragungen viele Zuschauer anlockt, sind die DFB-Frauen bei der WM in Kanada ein Zuschauermagnet. So saßen beim WM-Auftakt gegen die Elfenbeinküste 5,38 Millionen Zuschauer vor den TV-Schirmen (ZDF/Eurosport), gegen Norwegen 7,09 Millionen (ARD) und gegen Thailand zu später Abendstunde 6,52 Millionen (ZDF/Eurosport) was einem Marktanteil von 29 Prozent entsprach. Und am Samstagabend dürfte im WM-Achtelfinale (ab 22 Uhr auf ZDF und Eurosport) ein neuer Quotenrekord im Turnier aufgestellt werden.

„Down under“ mischt kräftig mit
Bei der Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland stießen die Matildas bereits überraschend bis ins Viertelfinale vor. Vier Jahre präsentiert sich die Auswahl gereift und überstand die im Vorfeld als Hammergruppe titulierte Gruppe D als Gruppenzweiter souverän. Zum Auftakt präsentierte sich aus Australien gegen die USA eine Stunde lang bei der 1:3-Niederlage als gleichwertiger Gegner, dann gab es einen ungefährdeten 2:0-Sieg gegen Nigeria. Zum Abschluss der Vorrunde war die Elf der charismatischen Stürmerin Lisa de Vanna beim 1:1 gegen Schweden das bessere Team. Das Achtelfinal-Duell gegen Brasilien verspricht reizvoll zu werden.

Anja Mittag kam in der zweiten Halbzeit und belebte mit Lena Petermann die Partie (Archivbild) © Mirko Kappes, footograph.net

Anja Mittag ist eine der Gewinnerinnen der bisherigen WM © Mirko Kappes, footograph.net

Gereifte Anja Mittag
Mit vier Treffern führt Anja Mittag derzeit die WM-Torschützinnenliste an. Doch nicht nur wegen ihrer Tore ist die DFB-Spielerin eine der bisherigen WM-Gewinnerinnen. 2011 hatte sie noch die WM-Teilnahme verpasst, lange galt sie als Spielerin, die ihre im Verein dargebotenen Leistungen nur selten im Dress der Nationalelf abrufen konnte. Ganz anders in Kanada, wo sich die 30-Jährige als gereifte Spielerin und Führungsfigur präsentiert, die auch nach ihrer Einwechslung gegen Thailand für Belebung sorgte.

Klare Qualitätssteigerung
Nach dem 10:0-Auftaktsieg der DFB-Elf gegen die Elfenbeinküste äußerten einige bereits Sorgen, dass die Aufstockung des Teilnehmerfelds von 16 auf 24 Teams zu früh kam. Weit gefehlt: Nach 36 Spielen lässt sich feststellen, dass die größere Teilnehmerzahl für Belebung gesorgt hat. So begeisterte Neuling Kamerun mit erfrischendem Offensivfußball und stellt in Gaëlle Enganamouit eine der Topspielerinnen der bisherigen WM, die Schweiz bot Weltmeister Japan die Stirn und gewann ihr zweites Spiel zweistellig und insgesamt lassen sich im physischen, technischen und taktischen Bereich bei allen Teams große Fortschritte betrachten.

Afrikanische Teams hinterlassen Duftmarke
Es hat zwar nur eines der drei afrikanischen Teams die WM-Vorrunde überstanden, dennoch schlugen sich alle besser als erwartet. So hätte wohl kaum einer Kamerun die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale zugetraut. Nigeria spielte mit seiner jungen Elf zum WM-Auftakt beim 3:3 Gegner Schweden schwindlig, auch wenn die Nigerianerinnen letztlich offensiv gegen Australien und die USA nicht mehr an ihre Leistungen anknüpfen konnten. Und die Elfenbeinküste bekam zwar beim 0:10 gegen Deutschland zum Auftakt eine Lehrstunde erteilt, zeigte aber bereits bei der 2:3-Niederlage gegen Thailand und dem 1:3 gegen Norwegen deutliche Fortschritte.

Flops

Topstars enttäuschen
Lag es an einer langen, anstrengenden Saison, am Kunstrasen und den speziellen Rahmenbedingungen, dass sich die vermeintlichen Topstars im Turnier bisher dezent zurückgehalten haben? So traten zwar Spielerinnen wie Marta oder Lotta Schelin durch eine mannschaftsdienliche Spielweise hervor, doch wirklich glänzen konnten sie genauso wenig wie Spielerinnen der Marke Louisa Necib, Christine Sinclair, Vero Boquete, Nilla Fischer oder auch dem mit viel Vorschusslorbeeren angereisten niederländischen Jungstar Vivianne Miedema. Bleibt zu hoffen, dass uns diese Spielerinnen ab dem Achtelfinale mit ihren Leistungen verwöhnen werden.

Nilla Fischer

Nilla Fischer und das schwedische Team gehören zu den Enttäuschungen des bisherigen Turniers © Nora Kruse, ff-archiv.de

Schweden zittert sich ins Achtelfinale
Zugegeben: Schweden hatte es in der Vorrunde gegen Nigeria, USA und Australien nicht gerade mit den leichtesten Gegnern zu tun und es wäre eine Laune des unfairen Turniermodus gewesen, hätten die Schwedinnen nach der Vorrunde die Heimreise antreten müssen, während in der Gruppe A die Schweiz mit zwei Niederlagen ins Achtelfinale einzog. Dennoch: Wer die hüftsteifen, schwerfälligen und blutarmen Auftritte der Schwedinnen gegen Nigeria und Australien gesehen, kann sich kaum vorstellen, dass dieses Team im Achtelfinale zum Stolperstein für die DFB-Elf werden kann.

Spanien scheidet sang- und klanglos aus
Eine fürchterliche WM-Vorbereitung gegen nur wenig starke Gegner, eine WM-Generalprobe fast zwei Monate vor WM-Auftakt und ein Kader mit großem Gefälle – WM-Neuling Spanien hat die große Gelegenheit verpasst, im eigenen Land Werbung in eigener Sache für den Frauenfußball zu machen. Gegen Costa Rica verpassten die Spanierinnen gleich zu Beginn trotz Führung einen möglichen Dreier, im entscheidenden Spiel gegen Südkorea gab es ebenfalls trotz Halbzeitführung eine Niederlage. Bleibt zu hoffen, dass Spanien zukünftig die Vorbereitung auf ein großes Turnier ernsthafter angehen wird.

Fehlentscheidungen
Während die Qualität der teilnehmenden Teams zugenommen hat, lässt sich dies von den Schiedsrichterinnen nicht gleichermaßen behaupten. So prägten zahlreiche ärgerliche Fehlentscheidungen die Vorrunde. So gab es Handelfmeter, die keine waren (China gegen Neuseeland), mehrfach klare Handspiele, die einfach übersehen wurden (Frankreich gegen Kolumbien) und Abseitstore, bei den Spielerinnen gleich mehrere Meter im Abseits standen (Elfenbeinküste gegen Thailand). Hier gilt es in Zukunft nachzubessern.

Kanada: Erwartungsdruck lähmt
Mit viel Tam-Tam und Selbstbewusstsein trat Gastgeber Kanada im Vorfeld der Heim-WM. Alles andere als ein Finaleinzug sei eine Enttäuschung ließ sich Trainer John Herdman mehrfach zitieren. Doch nach drei Spielen lässt sich feststellen: Zwei Remis und ein Sieg gegen China durch einen umstrittenen Foulelfmeter dürften der Konkurrenz nicht gerade das Fürchten gelehrt haben. Was bei der Frauenfußball-WM 2011 für Deutschland galt, scheint sich auch diesmal zu bewahrheiten. Die hohe Erwartungshaltung sorgt für mächtigen Druck und lässt die Beine schwer werden. Die Schweiz könnte davon im Achtelfinale ein Nutznießer werden.

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Markus Juchem (48) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

4 Kommentare »

  • Ruhrschnellweg sagt:

    Kann ich komplett unterschreiben! Vor allem die „Qualitätsdebatte“ zu Beginn hat sich doch wohl erledigt – natürlich außer bei denen, die eh nicht Gutes im FF sehen (wollen).

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  • Stephen sagt:

    Der umstrittene Elfmeter Kanadas gegen China wurde nicht wegen einem angeblichen Handspiel gegeben.

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  • Markus Juchem sagt:

    Danke, Stephen, korrigiert.

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  • egjowe sagt:

    prima rückschau !!

    für mich hätte die fehlentscheidung im spiel kanada-china
    ruhig drinbleiben können, auch wenn es kein handelfmeter war.

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