Buchkritik: „Mein Leben als Hope Solo“

Von am 7. Juli 2013 – 11.39 Uhr

Auf 340 spannenden Seiten beschreibt US-Torhüterin Hope Solo in ihrer Autobiografie offen und freimütig ihren steinigen Lebensweg, der sie familiäre wie sportliche Hürden gleichermaßen meistern ließ und aus ihr einen besonderen Menschen gemacht hat.

Hope Solo ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit – das wurde mir spätestens im Vorfeld der Frauenfußball-WM 2011 klar, als ich die US-Torhüterin zu einem Interview im österreichischen Leogang traf. Ihre katzenhaft wirkende Erscheinung und die funkelnden grauen Augen verleihen der charismatischen 31-Jährigen eine ganz besondere Aura, die einen schnell in ihren Bann zieht.

„Mein Leben als Hope Solo“ bei Amazon bestellen

Anzeige

Dennoch war ich mal wieder skeptisch: Muss man mit Anfang 30 eine Autobiografie schreiben? Dass Hope Solo in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen war, davon hatte man vorher gehört oder gelesen, ohne nähere Details zu kennen, dass sie eine außergewöhnlich gute Torhüterin ist, wusste man längst. Braucht es dazu ein 340-seitiges Buch?

Schicksalhafter 27. September 2007
Doch schon der kurze Prolog zieht einen in seinen Bann. „Happy Ends gibt es in meiner Familie nicht. Nur traurige Enden und frustrierende Enden oder gar kein Ende.“ Und schon taucht der Leser direkt hinein in den 27. September 2007, dem Tag, an dem Hope Solo vor dem Halbfinale gegen Brasilien bei der Frauen-WM in China von Trainer Greg Ryan unverständlicherweise auf die Bank verbannt wurde.

Hope Solo

US-Torhüterin Hope Solo ist eine lesenswerte Autobiografie gelungen © Markus Juchem / Womensoccer.de

Rauswurf aus der Nationalelf
Die USA verloren 0:4 und Solo machte nach dem Spiel aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Ihr Statement dauerte nur zehn Sekunden, doch jedes Wort traf Ryan und Torhüterin Briana Scurry im Mark. Was folgte, war Solos Rauswurf aus dem und ihre Isolation vom Team, ehe Ryans Entlassung und die Ernennung von Pia Sundhage den Weg zur Rückkehr ebneten, zu zweimal Olympischem Gold und der Auszeichnung zur besten Torhüterin bei der Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland. Es ist ein schonungslos offenes und freimütiges Buch, das Solo zusammen mit der US-Journalistin Ann Killion geschrieben hat.

Schwierige Familienverhältnisse
Darin erzählt Solo von ihrer schwierigen Kindheit und komplizierten Familienverhältnissen in Richland im Bundesstaat Washington. Vater Gerry verschwindet häufiger oder hat Probleme mit den Gesetzeshütern, weil er klaut oder unterschlägt, später wird er obdachlos, wohnt eine Zeitlang im Wald und gerät gar unter Mordverdacht. Solos Liebe zu ihrem Vater tut dies keinen Abbruch. Und auch die Beziehung zu Bruder Marcus war in frühen Jahren belastet. „Wir schubsten, schlugen, traten, kratzen uns und schrien uns Beleidigungen ins Gesicht. Wir kämpften mit den Fäusten und mit Worten.“

Schlagwörter: , ,

Sport als Ventil
Doch das schwierige familiäre Umfeld war auch der Keimboden dafür, dass Solo den Sport für sich entdeckte. „Der Sport brachte eine feste Basis und Ordnung in mein Leben, das allzu oft von Drama und Chaos bestimmt war“, heißt es im Klappentext. Und so nimmt Solo die Leser an die Hand auf ihrem Weg zur besten Torhüterin der Welt und man erfährt nebenbei viele Details über das amerikanische Sport- und Collegesystem.

Buchcover "Mein Leben als Hope Solo"

Cover der Autobiografie “Mein Leben als Hope Solo” © Edel

Blick hinter die Kulissen
Richtig spannend liest sich das Buch, wenn Solo mit ihrem ehemaligen Trainer Greg Ryan und den Weltmeisterinnen von 1999 abrechnet. So setzt sie Ryan nicht nur dem Vorwurf körperlicher Aggression aus (was Ryan nach Erscheinen des Buches umgehend dementierte), sondern spricht ihm auch die Qualität ab. „Wenn er Führungsqualitäten oder technisches Know-how besaß, hatte ich davon nie etwas mitbekommen.“ Solo thematisiert auch ihr schwieriges Verhältnis zu Kristine Lilly und Abby Wambach, mit der sie sich erst später versöhnte. Der Blick hinter die Kulissen dürfte manche Elf-Freundinnen-müsst-Ihr-sein-Illusion der Leser zerstören.

Mit harter Arbeit zum Erfolg
Das Buch lässt einen nicht nur die Person Hope Solo und ihre Entwicklung zu einer der besten Torhüterinnen der Welt besser verstehen, sondern zeigt auch mit welche beharrlicher Arbeit und Energie sich Solo ihren Platz im Fußball erarbeitet hat. Und auch ihre schwierige Beziehung zu Freund Adrian spart sie nicht aus. Darüber hinaus liefert es interessante Innensicht der Entwicklung der US-Nationalmannschaft über mehr als zehn Jahre.

Leben ohne Kompromisse
„Mein Leben als Hope Solo“ ist aber auch eine inspirierende Geschichte darüber, wie man im Leben Verletzungen und Rückschläge wegsteckt und in einer Welt voller (Schein-) Kompromisse und Diplomatie sich selbst und seinen Prinzipien treu bleibt, auch wenn dadurch das Leben komplizierter wird und unausweichlich Konfrontationen zur Tagesordnung gehören.

Genre: Bücher
Erschienen: 30.06.2013
EAN-Code: 9783841902269
Label: Edel Books
Seiten: 340 (20 Bilder)
Format (cm): 21 x 13.5 x 2
ISBN: 9783841902269
Autor: Hope Solo, Ann Killion
Ladenpreis: 17,95 €

Tags: , ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

Kommentar schreiben

Add your comment below. You can also subscribe to these comments via RSS

Seien Sie nett. Bleiben Sie beim Thema. Kein Spam.

You can use these tags:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar