Bundesliga bei US-Amerikanerinnen beliebt

Von am 29. Mai 2013 – 6.00 Uhr 5 Kommentare

US-Amerikanerinnen hat es in der Bundesliga schon in den 1990er Jahren gegeben, doch seit dem vergangenen Jahr ist ein enormer Anstieg in der Liga zu verzeichnen. Und einige Spielerinnen haben sich trotz neuer US-Profiliga zum Bleiben in Deutschland entschieden. Olaf Goldbecker von der Frauenfußballagentur Connect World Football gibt in seinem Gastbeitrag einen Einblick in die Besonderheiten des US-amerikanischen Frauenfußballs.

Um über den amerikanischen Frauenfußball zu schreiben, schwenke ich zunächst auf das Jahr 2007. Ich war beim FC Gütersloh tätig und bekam per Zufall die Möglichkeit, mit Erica Janke eine Amerikanerin zu verpflichten. Ericas Profil las sich für mich als damaligen Laien sehr interessant; was ich jedoch nicht wusste, war, dass wir eine solche Granate bekamen. Erica war mit Abstand die beste Zweitligaspielerin der Saison, und ich bin überzeugt, dass sie bei jedem Erstligisten einen Stammplatz gehabt hätte. Ihre Athletik, Schnelligkeit, Zweikampf- und Kopfballstärke waren faszinierend und stachen heraus in unserem Team, das an jungen deutschen Talenten nur so gespickt war. Sechs Jahre sind seitdem vergangen, und viel ist passiert auf dem amerikanischen Fußballmarkt.

Wunschziel: Bundesliga
Nach dem Zusammenbruch der WPS kam es zum Boom an Amerikanerinnen in Europa. Plötzlich waren 120 Spielerinnen arbeitslos, und viele von ihnen wollten im Ausland weiterspielen. Die Bundesliga ist unter den Amerikanerinnen  beliebt. Wenn Spielerinnen auf die Agentur zukommen, zählt Deutschland neben Schweden, neuerdings auch Frankreich und sprachbedingt England und Australien zu den meistgenannten Wünschen. Was viele Spielerinnen abschreckt, ist die lange Saison in Deutschland. Vor Zwölfmonatsverträgen zucken viele zusammen, denn die NWSL schafft die gleiche Spielanzahl in viereinhalb Monaten, und man ist derart lange Spielzeiten in den USA nicht gewohnt.

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Unsichere Arbeitsverhältnisse in den USA
Dennoch sind auch nach der Neugründung der Profiliga nach wie vor einige Amerikanerinnen in Deutschland geblieben – die meisten, weil es ihnen bei ihren Vereinen gefällt. Einige warten sicherlich auch die Entwicklung der Liga in den USA ab, andere haben ihre Erfahrungen mit der WPS gemacht und sehnen sich nicht nach den unsicheren Arbeitsverhältnissen in den USA zurück.

Überbezahlte Topspielerinnen
Gleichzeitig gilt aber, dass egal wie es vorher gelaufen ist, die Mehrheit der amerikanischen Spielerinnen fixiert ist auf die Profiliga, selbst wenn es finanziell in vielen Fällen in Europa mehr zu verdienen gibt. Es gibt genügend Spielerinnen, die für Probetrainings zahlen, die Flug- und Übernachtungskosten nicht scheuen, nur um eine Chance auf einen Platz in der Profiliga zu bekommen. Und das, obwohl sich finanziell die Vorgänger der NWSL nur für die oft überbezahlten Topspielerinnen rechneten, während die breite Masse komplett unterbezahlt war.

Olaf Goldbecker vermittelt US-Amerikanerinnen unter anderem in die Bundesliga.

Olaf Goldbecker vermittelt US-Amerikanerinnen unter anderem in die Bundesliga.

Mit Erfahrung vom College
Dieses Gehaltsgefüge ist den Europäern oftmals ebenso wenig bewusst wie das amerikanische Collegesystem, das es verhindert, dass Amerikaner mit jüngeren Spielerinnen arbeiten. Auch einige Profivereine monieren den „Vorteil“ der Europäer, dass die jungen Spielerinnen schon eher für die Vereine zur Verfügung stehen. Das Wort Vorteil steht in Anführungszeichen, weil es in meinen Augen ein Vorteil des amerikanischen Systems ist, dass die Spielerinnen erst so spät – in der Regel mit 21/22 Jahren – vom College kommen.

Profis verlieren Stipendium
In den USA gibt es kein Ligasystem wie in Europa. Das ist keine Spezialität im Fußball, sondern gilt für alle Sportarten. Und nachweislich fährt die USA in vielen Sportarten damit mehr als gut. Man fängt in einem der zahlreichen Jugendvereinen an zu spielen. Danach – oder auch parallel – wird an den High Schools gespielt, und das große Ziel eines jeden Spielers (und vor allem der Eltern) ist, dass man für ein möglichst gutes College entdeckt wird.

Colleges mit Frauenfußball gibt es viele, schätzungsweise um die 1 000 – von Bundesliga- bis Verbandsliganiveau. Ein Stipendium am College spart den Familien sehr viel Geld; an Eliteuniversitäten kann ein Studium 30 000 Euro pro Jahr kosten. Positiver Nebeneffekt ist eine erstklassige Berufsausbildung, denn nach wie vor gilt leider, dass sich Fußballerinnen, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, kein Geld für die Zukunft ansparen können. Die Collegeregeln besagen allerdings, dass nur Amateure zugelassen sind. Folglich verliert jemand, der als Profi spielt, sein Stipendium. Aus dem Grund wird erst das College abgeschlossen, und erst dann geht es zu den zahlenden Teams.

Mehrheit der Amerikanerinnen hört mit dem Fußball auf
Dies hat aber auf dem Platz Vorteile, denn die guten Colleges bieten eine höchst professionelle Ausbildung. Zwei Einheiten täglich stehen koordiniert mit dem Lehrplan auf dem Stundenplan, und während der Saison – die nur von September bis November dauert – werden pro Wochenende häufig zwei Spiele bestritten. Trainiert wird allerdings auch außerhalb der Saison, nur in den Semesterferien nicht. Dazu ist die Höchstdauer am College vier Jahre, so dass die Spielerinnen mit der Zeit lernen, Verantwortung zu tragen, was häufig ein Problem ist, wenn Spielerinnen zu jung nach oben gepusht werden. Die traurige Realität ist, dass pro Jahr etwa 1 500 bis 2 000 Spielerinnen von den Colleges der Division 1 der größten Collegeorganisation NCAA nach der Förderhöchstdauer abgehen, während für sie keine annähernd ausreichende Anzahl an Vereinen vorhanden ist, so dass die überwiegende Mehrheit nach dem College schlichtweg kein Fußball mehr spielt.

Amerikanerinnen bei Bundesligisten beliebt
Aus diesem Grund zieht es viele Amerikanerinnen ins Ausland, viel mehr als Spielerinnen aus anderen Nationen. Und bei den Vereinen sind sie beliebt. Das liegt daran, dass die kulturellen Differenzen gering sind und man meist „pflegeleichte“ und motivierte Spielerinnen bekommt, so dass die Anpassungsprobleme eher gering sind. Dazu erwartet man bei Amerikanern die üblichen Tugenden wie Zweikampfstärke, Kopfballstärke, Athletik und Fitness, die sich gerade mit den Qualitäten in der Bundesliga gut ergänzen. Daher gehe ich davon aus, dass auch wenn die NWSL ein Erfolg wird – was für die Entwicklung des Frauenfußballs nur zu wünschen ist – immer einige Amerikanerinnen in Deutschland spielen werden.

Olaf Goldbecker arbeitet für die schwedische Frauenfußballagentur Connect World Football, die auch auf nationaler Ebene tätig ist, ihren Ursprung aber darin hat, dass sie amerikanische Spielerinnen nach Europa vermittelt.

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5 Kommentare »

  • waiiy sagt:

    Interessant fand ich die Aussage von Megan Rapinoe, dass sie deswegen gern in Lyon ist, weil man sich in Europa aufgrund der kurzen Entfernungen und des entzerrten Spielplans von nur 1 Spiel pro Woche ein echtes „zu Hause“ einrichten kann und nicht nur auf Reisen ist, dass man abends Freundschaften pflegen oder einfach mal zu Hause sein kann. Sie strebt deshalb an, auch nach der Saison in den USA Anfang 2014 wieder zu Lyon zurückzukehren. Das ist in meinen Augen ein Pfund, mit dem man in Europa wirklich wuchern kann.

    Ich weiß leider nicht mehr genau, ob das Interview auf Eurosport kam oder ob ich es irgendwo gelesen habe. Deshalb fehlt die Quellenangabe.

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  • Antje sagt:

    Danke für den Artikel.
    Finde ich als absoluter Laie sehr interessant.

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  • FFFan sagt:

    Interessanter Artikel!

    Ich finde es immer gut, wenn Womensoccer mal ‚über den Tellerrand blickt‘ und auch andere Autoren zu Wort kommen lässt.

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  • speedy75 sagt:

    Sehr schöne Einblicke so was liesst sich gut. Wie waiiy schon richtig erkannt hat gibt es Pfunde mit dem man in Europa im Gegensatz zu den USA wuchern kann und vielleicht auch sollte.

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