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Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“ – Teil 3

Von am 5. Februar 2013 – 9.34 Uhr 1 Kommentar

Sissy Raith, 58-fache Nationalspielerin und frühere Erfolgstrainerin des FC Bayern München, schreibt in einer dreiteiligen Serie exklusiv für Womensoccer über ihren Aufenthalt als Nationaltrainerin und Aufbauhelferin für den Frauenfußball in Aserbaidschan. Im abschließenden dritten Teil schreibt Raith über persönliche Eindrücke und neue Herausforderungen.

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Auf das Fundament aufbauen
Man darf nicht vergessen, es gab im Sommer 2010 gar nichts und es ist auch nicht nur so, dass es nichts gab, sondern der Sport respektive der Fußball war bei Mädchen und Frauen nicht vorhanden. Die Basis und die Grundlagen sind nun gelegt, es ist vieles angestoßen worden. In 10, 15, 20 Jahren schaut es, wenn der Verband es will und konsequent verfolgt, ganz anders aus. Allerdings weiß ich derzeit nicht, wie es weitergeht. Es gibt viele Spielerinnen und auch Personen in meinem Trainerteam, die gesagt haben, dass sie aufhören wollen. Einige Spielerinnen haben schon die Sportart gewechselt, eine ist zum Boxen, hat sie mir geschrieben. Eine andere ist zum Ringen. Ich persönlich fände es sehr schade, wenn es nicht mehr weitergeht. Das Wichtigste ist, dass fortgeführt wird, was wir angefangen haben. Dabei wird die Qualität der Trainer eine sehr große Rolle spielen.

Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“ – Teil 1
Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“ – Teil 2

Amina Heydarova

Amina Heydarova, Kapitänin der U17 Aserbaidschans © AFFA

Lebenserfahrung gewonnen
Aserbaidschan war auch für mich eine ganz neue Erfahrung. Bevor ich im Ausland gearbeitet habe, dachte ich mir immer, wie machen die das mit der Sprachbarriere und dachte, wie geht  das, so lange im Hotel zu wohnen. Ich selber habe mir das überhaupt nicht vorstellen können, aber ich habe zwei Jahre und acht Monate im Hotel gelebt und es war super. Ich hätte auch eine Wohnung haben können, aber im Hotel hatte ich viele Vorteile, z. B. dass ich nicht isoliert war und dass ich mich nicht um alltägliche Dinge wie zum Beispiel um irgendwelche Einkäufe kümmern muss. Und egal wann ich zurückkam, es war immer jemand da. In meinem Hotel gab es sehr viele Stammgäste, Leute aus anderen Unternehmen, aus der Schweiz, Deutschland und aus Österreich. Ich habe die österreichische Botschafterin kennengelernt, die für drei Wochen dort gelebt hat. Ich kam mit vielen anderen in Kontakt, nicht nur was den Fußball betrifft, was sehr angenehm ist. Das wäre in der Wohnung nicht der Fall gewesen, dort wäre ich alleine gewesen, isoliert und vielleicht auch manchmal einsam.

Funktionierendes Chaos
„Mein“ Hotel Landmark war zentral gelegen, Dort wohnte ich im 17. Stock mit Blick auf das Kaspische Meer. Zu Fuß konnte ich über die Nizami-Straße – das ist die Prachtstraße – das Zentrum und die Fußgängerzone erreichen. Und mit dem Auto war es keine zehn Minuten bis zur AFFA. Der Verband stellte mir einen Fahrer zur Verfügung, den ich nur anrufen musste, wenn ich irgendwo hinfahren wollte, das ist schon sehr bequem. Teilweise war ich entsetzt, wie man dort Auto fährt. Italien oder die Türkei sind nichts dagegen. Da wo nur zwei Autos Platz haben, stehen sechs nebeneinander und derjenige der ganz links steht, will rechts abbiegen. Und es funktioniert! Oder auf der Autobahn: Zwei Spuren sind gesperrt, auf der dritten wird gearbeitet. Dann fahren sie einfach mit Lichthupe auf der anderen Seite weiter und kommen dir entgegen. Aber nach kürzester Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Überhaupt muss ich sagen, dass dieses Ungeregelte und Chaotische irgendwie funktioniert.

Sissy Raith

Sissy Raith beim Stadtbummel in Baku © AFFA

Ein Stück Heimat in der Fremde
Bei mir muss immer alles gründlich geplant sein und ich muss auf alle Eventualitäten gefasst sein. Ich habe nicht nur einen Plan B, sondern oftmals auch einen Plan C in der Tasche. Einmal sollte ich am Sonntagmorgen nach Istanbul fliegen und hatte am Samstagabend um 22 Uhr immer noch kein Ticket. Als ich das E-Ticket dann zugeschickt bekam, war es falsch ausgestellt. Die Mitarbeiterin aus dem Reisebüro ist dann nachts um 1 Uhr ins Büro zurückgefahren. Das wäre bei uns undenkbar, aber dort geht alles. Ich hatte schon Schweiß auf der Stirn, aber ich habe die Maschine bekommen. Es war sicherlich nicht immer einfach und es gab auch schwierige Momente, und das zu überstehen, hat mich stärker gemacht. Es gab im Hotel diese Kommunikation und diesen Austausch, in der Nähe gibt es eine deutsche Kneipe, das Pauls, die einem Schweizer und einem Deutschen gehört, da haben sich viele Deutschsprachige getroffen, da bin auch ich ab und zu hingegangen, das war auch wichtig für mich.

Emotionaler Abschied
Vor Weihnachten bin ich noch einmal für vier Tage nach Aserbaidschan geflogen, damit ich mich von den Spielerinnen und der Crew verabschieden konnte, das war ganz wichtig für mich und ein großes Bedürfnis. Ich habe viele interessante und liebe Menschen getroffen und meinen Horizont erweitert. Fakt ist, dass ich diese zwei Jahre und acht Monate nie vergessen werden und dass das für mich eine sehr wertvolle und lehrreiche Zeit war. Grundsätzlich bin ich immer für interessante Aufgaben offen, wenn ich mich damit identifizieren kann. Im Moment glaube ich jedoch eher, dass mein Platz hier in Deutschland oder vielleicht in der näheren Umgebung ist. Festlegen möchte ich mich aber nicht.

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1 Kommentar »

  • spocky sagt:

    Liebe Sissy Raith, mit großer Vorfreude habe ich auch den 3. Teil gelesen … Jetzt ist wirklich zu hoffen, dass der Mädchen-/Frauenfussball in Aserbaidschan sich wirklich entwickeln kann… Ich werde auch mit großer Aufmerksamkeit verfolgen, ob und wo Sissy Raith in Zukunft ihr großes Fußballwissen weitergibt – alles Gute dafür … 🙂

    (0)

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