Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“ – Teil 2

Von am 4. Februar 2013 – 9.19 Uhr

Sissy Raith, 58-fache Nationalspielerin und frühere Erfolgstrainerin des FC Bayern München, schreibt in einer dreiteiligen Serie exklusiv für Womensoccer über ihren Aufenthalt als Nationaltrainerin und Aufbauhelferin für den Frauenfußball in Aserbaidschan. In Teil 2 schreibt sie über ein ungewöhnliches Internat, ihren leidenschaftlichen Kampf um eine Liga und die Wiederauferstehung ihres Teams nach der bitteren WM-Niederlage gegen Nigeria.

Für uns gab es zwei Riesenprojekte: Eine Liga zu gründen und die andere große Frage war, wie holen wir diese Mädchen so zusammen, dass wir ein- bis zweimal am Tag trainieren können? Es gab Überlegungen, ein großes Haus anzumieten. Aber hinter der AFFA ist die Akademie, dort kann man 35 Personen unterbringen. Wir haben daraus kurzerhand ein Fußballinternat gemacht, je nach Leistung waren dort immer zwischen 20 und 25 Mädchen. Die ausgewählten Mädchen – ein Unding in Deutschland – nahmen wir aus den Familien heraus und brachten sie in dieser Akademie unter. Die Familien haben das auch schnell als Chance für ihre Kinder begriffen und den Vorteil gesehen. Sie hatten ein Dach über dem Kopf, dreimal am Tag Essen und sie haben in unterschiedlichen Klassen alle dieselbe Schule besucht. Das hat funktioniert, als ob es noch nie etwas anderes gegeben hätte – ein Riesenkompliment geht an dieser Stelle an den Generalsekretär Elkhan Mammadov.

Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“ – Teil 1

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„Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit waren von Anfang an groß geschrieben.“

Geregelter Ablauf
Jeden Morgen um 7.30 Uhr kam ein Bus, hat die Mädchen abgeholt und in die Schule gebracht. Ich bin jeden Vormittag in die Schule gefahren und habe sie dort eineinhalb Stunden trainiert, dann sind sie wieder in den Unterricht. Mittags wurden die Spielerinnen abgeholt, in die Akademie gebracht und es gab Mittagessen, Ruhepause und am Nachmittag wieder Training. Dieser geregelte Ablauf war für sie fremd und ungewohnt, aber ich habe gemerkt, dass die Mädchen das als sehr angenehm empfunden haben. Sie wussten genau, wann sie wo zu sein hatten, das fanden sie gut. Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit waren von Anfang an groß geschrieben. Wenn etwa der Bus um 10 Uhr gefahren ist, hatte derjenige Pech, der zu spät kam. Es ist dann auch schon mal passiert, dass einige mit dem Taxi zum Training nachfahren durften. Glücklicherweise war es keine Spielerin :).

Sissy Raith

Voller Energie und Leidenschaft bei der Arbeit: Sissy Raith © AFFA

Kampf um die Liga
Ich habe mich sehr für eine Liga stark gemacht. Wir saßen in der AFFA an einem riesengroßen, sogenannten Grünen Tisch, meine Übersetzerin neben mir. Es ging dreieinhalb Stunden immer hin und her, ich habe immer wieder Gegenargumente bekommen, die sicherlich ihre Berechtigung hatten. Ich habe aber über meine Übersetzerin sagen lassen: Beschäftigen Sie sich mit dem Gedanken, dass ich hier nicht eher aufstehe, bevor wir eine Liga haben. Nach fünf Stunden hatte ich diese Liga und im Nachhinein hat Elkhan Mammadov mir mehrmals bestätigt, dass das eine sehr wichtige und richtige Entscheidung war. Die komplette Liga wird von der AFFA finanziert, egal ob Bälle, Trikots, Trainingsplätze oder Trainer. Wir haben eine zweigeteilte Bundesliga eingeführt, eine im Westen, eine im Osten mit zwei zentralen Standorten für die Spiele. Die Mannschaften trainieren in ihren Regionen. Sie kamen dann zusammen und haben von morgens um 10 bis abends um 5 ihre Spiele gemacht und ich konnte an einem Tag viele Spielerinnen sichten und deren Entwicklung beobachten.

Elitetraining mit den Jungs
Um an einem Tag viele Spielerinnen sichten zu können, haben sich meine Trainerkollegen und ich aufgeteilt. Es waren acht Mannschaften pro Liga. Zunächst gab es eine U15-Liga und bereits im zweiten Jahr starteten wir mit einer U17-Liga. Am Ende der Saison wurde in den Ligen über Playoffs dann der jeweilige Landesmeister ermittelt. Es wurde auch ein  Pokal ausgespielt. Wie bei uns den DFB-Pokal. Wir haben dort nicht nur Talente für die Nationalmannschaft rekrutiert, sondern innerhalb kürzester Zeit haben sich immer mehr talentierte Mädchen der Liga angeschlossen. Die Besten unter ihnen habe ich zweimal pro Woche in das Elitetraining mit den Jungs gesteckt. Sie haben miteinander trainiert, Technik, Standards und Zweikampfverhalten, das war für die Mädchen toll. Bei Bernhard Lippert bin ich auf offene Ohren gestoßen, er hat mit den Trainern der Jungen-Teams geredet. Was bei uns jahrelang gedauert hat, Mädchen und Jungs zusammen trainieren zu lassen, ging dort ruckzuck.

„Ich wollte schon viel früher mit meiner Mannschaft ins Ausland, aber keines der Mädchen hatte einen Reisepass oder ein Visum.“

Reisen ins Ausland
Bereits Ende 2010 haben wir dann schon unsere ersten Länderspiele bestritten. Gegen Georgien bestritten wir zwei Spiele. Das erste haben wir leider 0:1 verloren. Jedoch im zweiten Match gelang uns ein hochverdientes 0:0. Ich wollte schon viel früher mit meiner Mannschaft ins Ausland, aber keines der Mädchen hatte einen Reisepass oder ein Visum. Das hat wochenlang gedauert, bis wir alle Papiere beisammen hatten. Dabei habe ich die tollsten Sachen erlebt, die Familien waren vollkommen unvorbereitet. Hier geht ein großes Kompliment an unseren Teammanager Nariman Akhundov. Hut ab, was er in dieser Zeit geleistet hat. Ohne ihn hätte das in dieser Art und Weise gar nicht funktioniert. Dann haben wir angefangen zu reisen. Ende 2010 waren wir schon in Regensburg, da waren wir dreimal. Ebenso bereisten wir Berlin und Österreich. In den Wintermonaten wählten wir Zypern, Malta und Spanien für unsere Camps aus. Bei unserem dreimaligen Aufenthalt in Ungarn konnten wir auch gute Ergebnisse gegen die Slowakei und Ungarn sowie ungarische Vereinsmannschaften erzielen. Wir sind unglaublich viel rumgekommen, das hätten die Mädchen ohne den Fußball nie machen können.

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Werte fürs Leben
Durch diese Auslandsreisen lernten die Spielerinnen eine andere Kultur kennen, mitunter ein komplett anderes Leben. Sie hatten Kontakt mit anderen Teams und haben gesehen, wie der Sport auch verbindet, unabhängig von Geschlecht, Sprache, Herkunft und Religion. Mir war auch immer wichtig, den Mädchen nicht nur fußballerisch etwas beizubringen, sondern auch Werte für das Leben zu vermitteln. Alle haben unglaublich viel fürs Leben gelernt. Auch das war mir wichtig. Verantwortungsbewusstsein zu übernehmen und seine Mitspielerinnen nicht im Regen stehen zu lassen. Als wir auf Einladung der UEFA in Nyon waren, hat sich das schon abgezeichnet. Von allen Seiten erhielten wir gutes Feedback. Trotz der 0:2-Niederlage gegen die Schweiz zeigten wir ein tolles Spiel. Das Allgemeinbild war äußerst positiv. Das hat mich gefreut und mich gleichzeitig sehr stolz gemacht. Den Verantwortlichen war ja im Großen und Ganzen bewusst, dass man nicht über Nacht aus einem Fiat einen Ferrari machen kann.

Teamfoto Aserbaidschan

Die U17-Nationalelf Aserbaidschans vor dem WM-Spiel gegen Kanada © AFFA

Auf dem Boden der Realität
Als wir aber gegen die Türkei 2:0 gewonnen oder gegen Russland 1:1 gespielt haben, träumten die Verantwortlichen dann doch schon einmal davon, dass wir es bei der WM bis ins Halbfinale schaffen könnten (Kopfschütteln). Ich musste dann erst mal auf die Euphoriebremse drücken. Bei der WM spielen wir gegen die 15 weltbesten Mannschaften und ich habe ihnen gesagt, nur die zwei besten aus Europa sind qualifiziert. Unsere U-17-Mannschaft hat gegen die deutsche U15 0:8 verloren. Die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit war dennoch, dass wir das Halbfinale erreichen und so war die Enttäuschung nach der WM riesengroß. Wir trainieren natürlich auch nicht zweieinhalb Jahre, um dann dreimal zu verlieren, das ist doch klar. Mindestens ein Tor zu schießen oder ein Remis zu erzielen und gegen Nigeria nicht 0:11 zu verlieren.

„Es gibt Tage, da geht gar nichts und beim Gegner geht alles.“

Bittere Niederlage gegen Nigeria, Wiederauferstehung gegen Kanada
Aber es gibt Tage, da geht gar nichts und beim Gegner geht alles. Dass das in einem Spiel passiert, als die ganze Welt auf uns schaut, ist natürlich bitter. Denn das Spiel hat nicht die wirkliche Leistungsstärke unserer Mannschaft widergespiegelt. Die haben wir dann gegen Kanada gezeigt, da waren die Spielerinnen richtig gut drauf. Das gebührt allergrößten Respekt nach einer 0:11-Niederlage, wo alle am Boden liegen und die Zuschauer jedes Tor der Nigerianerinnen beklatscht haben. Tiefer kann man nicht fallen. Das war eine ganz bittere Pille, die wir da schlucken mussten. Aber wir sind gemeinsam aufgestanden, wir haben viele Gespräche geführt und ich habe ihnen gesagt und gezeigt, dass ich immer hinter ihnen stehe und ihnen den Rücken stärke. In diesem Moment zeigten wir Moral und Charakter, das gelingt den meisten Erwachsenen nicht. Ich weiß, auch bei den Verantwortlichen war die Enttäuschung groß. Wir haben viel gearbeitet, häufig 14 oder 16 Stunden, Wochenende gab es bei uns nicht und es gab viele Entbehrungen. Der Verband hat uns alles gegeben, um aus dieser Mannschaft das Optimum herauszuholen und dann verlierst Du dreimal, da haben wir uns schon etwas anderes gewünscht. Aber realistisch betrachtet, waren es die 15 besten Mannschaften und gegen die hatten wir nicht den Hauch einer Chance.

Teil 3 folgt am Dienstag

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