Sissy Raith: „Mein Abenteuer Aserbaidschan“

Von am 1. Februar 2013 – 8.30 Uhr 2 Kommentare

Sissy Raith, 58-fache Nationalspielerin und frühere Erfolgstrainerin des FC Bayern München, schreibt in einer dreiteiligen Serie exklusiv für Womensoccer über ihren fast dreijährigen spannenden Aufenthalt als Nationaltrainerin und Aufbauhelferin für den Frauenfußball in Aserbaidschan.

Alles begann mit einem Anruf von Berti Vogts. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, es war Anfang März 2010. Ich kam gerade vom Skifahren aus Österreich zurück und hatte mich dort schon gewundert, dass ich sieben Nachrichten auf meiner Mailbox hatte. Ich konnte sie aber nicht abhören, weil ich den Code, den man im Ausland dafür braucht, nicht dabei hatte. Später hat sich dann herausgestellt, dass die Anrufe abwechselnd von Berti Vogts, der seit 2008 Trainer der Männer-Nationalelf Aserbaidschans ist, und Markus Weidner, dem DFB-Abteilungsleiter für Trainerwesen und Internationale Kooperationen, waren, dazwischen auch noch einmal von Bernhard Lippert, dem Trainer der U21-Nationalelf Aserbaidschans. Das hat mich stutzig gemacht.

Unbekanntes Land
Berti Vogts hat mir dann erzählt, worum es geht: Aserbaidschan. Das war für mich ein unbekanntes Land, fast schon ein schwarzer Fleck auf der Landkarte. Ich habe dann erst einmal den Atlas herausgeholt und nachgeschaut, wo das Land genau liegt und mich ein bisschen über Land, Leute, Kultur und Religion informiert. Dann fiel mir erst wieder ein, dass Tina Theune mir schon im Januar etwas darüber erzählt hatte, dass in Aserbaidschan eine Nationaltrainerin gesucht würde und mich gefragt hatte, ob ich mir das vorstellen könne. Ich bin mir fast sicher, dass Tina das eingefädelt hat. Der DFB hatte im März 2008 eine Zusammenarbeit mit dem Fußball-Verband Aserbaidschans (AFFA) beschlossen. Dann ging alles ganz schnell.

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Sissy Raith

Sissy Raith schreibt exklusiv für Womensoccer über ihre Zeit in Aserbaidschan © AFFA

Von Null anfangen
Am Flughafen in München traf ich mich Ende März mit AFFA-Generalsekretär Elkhan Mammadov und seinem Stellvertreter Elkhan Asadov. Schon bei diesem Treffen habe ich gemerkt, wie wichtig ihnen das Projekt war. Sie wollten, dass ich schon am 1. April anfange. Ich war ziemlich perplex und habe gesagt, das geht frühestens am 1. Mai. Dann haben sie mir von ihrer Vision erzählt und ich saß mit großen Augen da. Ich hatte Fragen: Wie viele Ligen gibt es bei Euch? Wie viele Mannschaften? Wie viele Mädchen spielen Fußball? Ihre ernüchternde Antwort war: Wir haben keine Liga, keine Mannschaft und auch keine Mädchen, die Fußball spielen. Ich habe immer wieder ungläubig nachgefragt: Ihr bewerbt Euch für eine WM und habt keinen organisierten Fußball für Mädchen bzw. Frauen? Tausend Fragezeichen über meinem Kopf!

„Diese Verrücktheit hat mich sehr angesprochen und gelockt.“

Die Realität vor Augen
Doch, eine Mannschaft hatten sie – in der 18 bis 20 Frauen bunt zusammengewürfelt waren, die halbwegs spielen konnten und gleichzeitig die Frauen-Nationalelf bildeten. Die war aber ziemlich erfolglos. In der EM-Qualifikation gab es hohe Niederlagen. Im Grunde genommen gab es also gar nichts, so wurde mir die Stelle beschrieben. Ich fand das verrückt, aber genau diese Verrücktheit hat mich sehr angesprochen und gelockt, das passt zu mir, waren meine spontanen Gedanken. Per Handschlag gab ich mein Wort, dass ich mir alles einmal anschaue, Anfang April bin ich dann nach Aserbaidschan geflogen. Ich konnte mich dann vor Ort davon überzeugen, dass die Umstände genauso sind, wie sie mir beschrieben wurden. Es erzählt zu bekommen, ist eine Sache, es mit eigenen Augen zu sehen, eine ganz andere!

Letzte Zweifel zerstreut
Wir haben dann eine Schule in der Hauptstadt Baku besucht, da haben Mädchen und Jungs auf einem Platz gemeinsam trainiert, ungefähr 70 bis 80 Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren. Eine trug sogar ein Messi-Trikot und in den Gesichtern war so viel Freude und Leidenschaft, Begeisterung, Einsatz, Ehrgeiz und Motivation zu sehen, dass – sollte ich noch letzte kleine Zweifel gehabt haben -, sie sich mit einem Schlag in Luft auflösten. Meine Entscheidung hat sich verfestigt. Ich bin zurück nach Deutschland geflogen und habe alles geklärt. Es blieb nicht viel Zeit. Am 2. Mai, einem Sonntag, bin ich dann wieder nach Aserbaidschan zurückgekehrt.

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„Wenn man aus Baku rauskommt, ist es eine andere Welt.“

Mit kaputter Klimaanlage quer durchs Land
Für den 3. Mai hatte der Verband dann schon ein Schulturnier auf einem Mini-Spielfeld außerhalb von Baku organisiert. Jeder wusste, warum ich dort bin. Und jeder, der in diesem Projekt involviert war, war von Beginn an mit großem Engagement bei der Sache. Wir haben dann insgesamt drei Sichtungen in Baku durchgeführt und sechs in den Regionen. Von der Grenze zum Iran im Süden bis hoch zum Kaukasus-Gebiet nach Georgien und Dagestan sind wir quer durchs Land gefahren. Wenn man aus Baku rauskommt, ist es eine andere Welt. Die Kühe laufen auf der Straße herum und das Landschaftsbild ist geprägt von halbfertigen Häusern und hohen Mauern um die Grundstücke herum, weil die Leute Angst vor Einbrechern haben und nicht zeigen wollen, was sie haben. Wir sind bei 40, 45, 50 Grad sechs bis sieben Stunden durchs Land gefahren, die Klimaanlage war kaputt und als wir dann etwa an der iranischen Grenze angekommen sind, haben wir 14 Mädchen vorgefunden, mit denen wir auf verbrannter Erde trainiert haben. Die Hälfte von ihnen war für unser Vorhaben zu alt, von den anderen sieben gab es vielleicht zwei, die man gerne ausgewählt hätte, doch genau diese zwei erhielten dann nicht die Erlaubnis ihrer Familien, weil etwa ein älterer Bruder oder ein Onkel etwas dagegen hatte, obwohl die Eltern keine Einwände hatten.

Sissy Raith beim Training

Sissy Raith gibt Anweisungen beim Training © AFFA

Ergebnis der Sichtungen
Wir haben insgesamt ungefähr 300 Mädchen gesichtet, von denen 54 für dortige Verhältnisse talentiert waren. Zum ersten Lehrgang kamen dann aber nur 32, die anderen durften nicht. Das erste Training mussten wir um zwei Tage verschieben, weil der Großteil der Mädchen zwei Tage zuvor bei 50 Grad im Bus kollabiert war – sie hatten zuvor viel zu viel zu Mittag gegessen. Man darf nicht vergessen, dass die Mädchen oft aus ärmsten Verhältnissen kamen. Sie dachten wohl, dass wäre ihr erstes und letztes Essen, so viel haben sie auf ihre Teller geladen und sich den Bauch vollgeschlagen. Wir haben dann wegen der großen Hitze in der Halle mit den ersten Trainingseinheiten begonnen. Da wir Mädchen der Jahrgänge 1995 bis 2000 hatten, gab es natürlich einen extremen Unterschied in der Entwicklung. Aufgrund der großen körperlichen Unterschiede konnten nicht alle talentierten Mädchen berücksichtigt werden, so dass aus dem ersten Lehrgang und den Nachsichtungen dann am Ende gerade einmal acht Mädchen für die ersten täglichen Trainingseinheiten ausgewählt wurden.

„Aytaj haben wir beim Fußballspielen auf der Straße entdeckt.“

Die positiv verrückte Aytaj
Wir hatten zwei, drei richtig gute Talente, die jetzt auch in der U15-Liga spielen, aber die kann man nicht mit den anderen zusammenspielen lassen, die zwei Jahre später eine Weltmeisterschaft spielen, in dem Alter ist der Unterschied zu groß. Wir sind dann weiter in die Schulen und haben versucht die Lehrer anzuhalten, die Mädchen in den Sportunterricht einzubinden. Und auch das Schicksal meinte es gut mit uns und half bei der Sichtung bzw. Talentfindung. Unsere Torhüterin Aytaj [Sharifova] haben wir beim Fußballspielen auf der Straße entdeckt. Sie ist überragend. Aytaj ist eine dieser Torhüterinnen, die im positiven Sinne einen an der Klatsche hat. Über Mund-Propaganda hat sich dann herumgesprochen, dass wir wegen der WM eine Nationalelf aufbauen und so stießen auch noch einige Mädchen vom Hockey oder Ringen zu uns.

Teil 2 folgt am Montag

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2 Kommentare »

  • intersoccer sagt:

    Danke für die tolle Serie! Wirklich unglaublich interessant!

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  • spocky sagt:

    Ja auch ich sage Danke für diese tolle Reportage … Danke Sissy Raith und meinen allergrößten Respekt … Ich glaube, dass nur wirklich „fußballverrückte“ so ein Abenteuer wagen… Sissy Raith war nicht nur als aktive Spielerin eine der Besten – sie ist auch eine tolle Persönlichkeit… Es wäre schön, wenn sie – irgendwo auf der Welt – ihr Fußballwissen weitergeben kann – alles Gute 🙂

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