U20-WM: Mit Last-Minute-Sieg ins Viertelfinale

Von am 23. August 2012 – 13.50 Uhr 53 Kommentare

Die deutsche U20-Nationalelf hat bei der WM in Japan ihren zweiten Sieg geholt. Doch gegen Ghana musste sich die DFB-Elf lange gedulden, erst in der Nachspielzeit gelang einer Einwechselspielerin der Siegtreffer, der aufgrund des Ergebnisses zwischen den USA und China den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale bedeutete.

Beim 1:0 (0:0)-Sieg gegen Ghana erzielte die erst in der Schlussphase ins Spiel gekommene Lina Magull den Siegtreffer (90.+1). Matchwinnerin Magull erklärte: „Ich war heiß auf ein Tor. Wir haben immer an den Sieg geglaubt und haben ihn verdient. Ich bin froh, dass mir der Treffer gelungen ist.“

DFB-Elf im Viertelfinale
Im zweiten Gruppenspiel trennten sich die USA und China mit 1:1 (1:1). Somit ist der DFB-Elf bereits nach dem zweiten Gruppenspieltag die Teilnahme am Viertelfinale sicher.

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Kompakter Gegner
Zuvor hatte sich die deutsche Mannschaft trotz Überlegenheit an dem athletischen und in der Defensive kompakt stehenden Gegner die Zähne ausgebissen und zudem einige gute Torgelegenheiten ausgelassen.

Wensing mit früher Chance
So hatte Luisa Wensing bereits früh die Chance zur Führung, doch ihren Kopfball nach Freistoß von Dzsenifer Marozsan lenkte Ghanas Torhüterin Patricia Mantey mit den Fingerspitzen um den Pfosten (4.).

Rolser im Pech
Auch in der Folge hatte Deutschland deutlich mehr Spielanteile und Ballbesitz, doch die Überlegenheit konnte nicht in Zählbares umgemünzt werden. So scheiterte etwa Nicole Rolser ebenfalls knapp mit einem Kopfball (26.).

Benkarth verhindert Rückstand
Und die DFB-Elf musste gar froh sein, nicht in Rückstand zu geraten, denn nach einer Nachlässigkeit auf der linken Abwehrseite erreichte eine Flanke Florence Dadson, doch Laura Benkarth verhinderte reaktionsschnell den Rückstand (38.).

Lina Magull

Joker Lina Magull erlöste die DFB-Elf in der Nachspielzeit © Nora Kruse / ff-archiv.de

Maier trifft Latte
Auch in der zweiten Halbzeit bestimmt Deutschland das Tempo, doch wieder war Mantey auf der Hut, als sie einen 20-Meter-Schuss von Leonie Maier an die Latte lenkte (52.). Auch Ramona Petzelbergers Versuch war nicht von Erfolg beschieden (73.).

Joker Magull sticht
Und als das Spiel einem torlosen Remis entgegenzusteuern schien, durfte die DFB-Elf doch noch jubeln. In der ersten Minute der dreiminütigen Nachspielzeit spitzelte Marozsan einen Ball in den Lauf der erst in der 83. Minute für Lena Lotzen eingewechselten Lina Magull. Die setzte sich gegen ihre Gegenspielerin durch und traf mit einem platzierten Flachschuss zum viel umjubelten Siegtreffer, der die Tür zum Viertelfinaleinzug weit aufgestoßen hat.

Unentschieden zwischen USA und China
Deutschlands Gruppengegner USA und China trennten sich 1:1. Durch Shen Lili (19.) waren die Chinesinnen zunächst in Führung gegangen, doch der Ausgleich zum 1:1-Endstand gelang Maya Hayes noch vor der Pause. Damit nehmen die US-Amerikanerinnen mit vier Punkten den zweiten Platz hinter Deutschland ein.

Nordkorea schießt Argentinien ab
Der höchste Sieg des Tages gelang den Nordkoreanerinnen, die Argentinien mit 9:0 besiegten und mit sechs Punkten Tabellenführer in Gruppe C sind. Aufgrund des Torverhältnisses von 13:0 ist den Asiatinnen der Einzug ins Viertelfinale kaum noch zu nehmen.

Im zweiten Spiel der Gruppe gewann Norwegen gegen Kanada mit 2:1. Die Kanadierinnen waren durch Jenna Richardson kurz vor der Halbzeit mit 1:0 in Führung gegangen. Nach dem Seitenwechsel gelang Ada Hegerberg (52.) aber zunächst der Ausgleich; später legte Andrine Hegerberg (79.) das 2:1 nach. Vor dem abschließenden Spiel gegen Tabellenschlusslicht Argentinien stehen damit auch die Chancen der Skandinavierinnen gut, das Viertelfinale zu erreichen.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

53 Kommentare »

  • Sheldon sagt:

    @Maximus: Ghana sollte für die deutsche N11 eigentlich keine Hürde darstellen. Sie sind zwar zum Teil ziemlich stark in den technischen Belangen, gegen die USA haben sie den Ball häufiger sehr gut laufen lassen. Dennoch sind sie für den U20-Weltmeister kein Maßstab. Da fehlt einfach noch viel Substanz bei den Spielerinnen.

    Aber Ghana hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Sie haben es verstanden, das Spiel der Deutschen im Griff zu haben und auch mit rustikalem Einsteigen gewusst, Schlimmeres zu verhindern.

    Das Schlimme daran ist, dass unsere so hochgehandelten Mädels über 90 Minuten offensiv kein echtes Mittel dagegen gefunden haben. Da waren, gerade in der Zweiten Hälfte kaum herausgespielte Chancen, man bekam überhaupt keinen Zugriff auf den gegnerischen Strafraum.
    Und das muss man von einer derart talentierten Mannschaft erwarten dürfen.
    Was wäre gewesen, wenn es keine Lina Magull gegeben hätte, die in dieser Situation genau richtig steht? Dann wäre aus dem „FAST“ ein „IST“ geworden.
    Aber man erwartet in einem solchen Spiel, dass man sich diese Frage überhaupt nicht stellen muss, ob aus dem „FAST“ ein „IST“ wird.

    Deine These, dass an einem Sieg wirklich alle gleichermaßen beteiligt sind, kann ich nicht so halten. Genauso wie bei einer Niederlage trägt auch zu einem Sieg jeder unterschiedlich viel bei.

    Beispielsweise hat hier niemand die Abwehr kritisiert. Die stand sehr gut und hat Impulse nach vorne gesetzt. Leonie Maier (Distanzschüsse) und Carolin Simon (Freistöße) dürften in der zweiten Halbzeit zusammen mehr Torschüsse haben als die gesammte Offensivabteilung. Und trotzdem standen sie danach hinten immer wieder sicher.
    Keiner hat hier auch Lina Magull kritisiert, die das Siegtor geschossen hat. Keiner hat auch Nicole Rolser kritisiert, die in der ersten Halbzeit einige gute Chancen hatte.

    Doch es muss auch Kritik angebracht werden. Wenn Lena Lotzen in der 2. Halbzeit nahezu keinen einzigen, verwertbaren Ball in die Sturmspitze bekommt, so liegt das entweder an der Zuspielerin (Mittelfeld) oder an ihr selbst. Kopfbälle gut und schön, aber wie soll sie die machen können, wenn keine Flanken von den außen kommen?
    Manche Spielerinnen in der Offensive sind nahezu komplett abgetaucht, zum Beispiel Anja Hegenauer.

    Es wurden hier aber auch die Aktionen der Offensive, die gelungen sind, gelobt. Da wurde z.B. nicht auf Chojnowski herumgehackt, weil sie den Ball nicht ins Tor gemacht hat, sondern die schöne Doppelpass-Kombi mit Marozsan gelobt.

    Wir sind schon immens gnädig mit den Mädels gewesen. Bei der deutschen A-N11 wäre die Kritik noch weitaus größer ausgefallen. Doch ich denke, vieles von dem, was wir hier erwähnt haben, werden die Mädels selbst auch bemerkt haben, denn man selbst ist normalerweise immer sein schärfster Kritiker. Und es dürfte ihnen ein Ansporn sein, noch stärker an ihren Eigenschaften zu arbeiten.

    Denn Fans wollen nicht nur Siege. Fans wollen Spektakel. Ich wette, kein deutscher Fan im WM-Halbfinale 1970 hätte dieses Spiel gegen einen langweiligen 1:0-Sieg der Deutschen eingetauscht. Ich wette, kein deutscher Fan hätte in der Vorrunde von 1954 das 3:8 gegen ein gequältes 1:0 oder sogar ein solides 2:0 eingetauscht, denn dann hätte es kein Wunder von Bern gegeben.
    Der souveränste Europameistertitel der Männer, das 3:0 gegen die UdSSR 1972, an das erinnert sich heute kaum noch einer, aber an das Spiel gegen Holland 1974 oder gegen die DDR.
    Insbesondere mir geht es so. Als Werder-Fan bin ich nahezu süchtig nach diesen Spektakeln geworden. Kein 4:0-Sieg ist so schön, wie der, wenn man das Hinspiel 3:0 verloren hat.
    Oder denkt an die Spiele der Türkei 2008 zurück. Jeder Türke wird diese Spiele immer im Gedächtnis behalten, während der 3. Platz von 2002, eigentlich ein viel größerer Erfolg, verblassen werden. Gegen Schweiz ein 0:1 in ein 2:1 gedreht, gegen Tschechien ein 0:2 in den letzten 15 Minuten in ein 3:2 gedreht. Und gegen Kroatien dieses legendäre Spiel, 0:1 in der 118., 1:1 in der 119., dann Elfmeterschießen mit Rüstü als Held.

    Das sind alles Geschichten, die der Fußball schreibt und die ewig in den Köpfen bleiben werden.
    Es wäre schön, wenn solche Spektakel auch wieder bei den Frauen möglich wären, auch bei unseren. Spektakel wie USA-Brasilien oder USA-Japan bei der WM.

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  • qwert sagt:

    @schentschina, bin ich etwa ein Troll, nur weil mir keine Kritik für die Deutsche Mannschaft einfällt?.

    Unser Mannschaft ist nicht nur die körperlich größten und stärksten, sie spielen auch noch den schönsten und effektivsten Fussball bei diesen Tunier. Aus diesem Grund, werden sie jeden vom platz Fegen der ihnen in den Weg kommt. Das ist nun mal meine Meinung zür Deutsche Mannschaft.

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  • laasee sagt:

    @Jan

    „die U20-Weltmeisterinnen:

    2002: USA
    2004: Deutschland
    2006: Nordkorea

    2008: USA
    2010: Deutschland
    2012: Nordkorea ?“

    Symmetrical……..and very possible, the North Koreans look good.

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  • Detlef sagt:

    Maximus schrieb;
    „Ihr seid Zuschauer, $*# nochmal, nicht Trainer“

    Was soll ich von so einem Satz anderes halten als „haltet die Fresse und schaut nur brav zu“???

    Maximus schrieb;
    „Da werden junge Spielerinnen niedergemacht, aber was leisten die “Kritiker” ?“

    Hier ist keiner „niedergemacht“ worden!!!
    Kritisiert ja, aber das ist etwas völlig anderes!!!

    Als ehemaliger Energie Cottbus Fan habe ich oft miterleben müssen, wie die sogenannten Fans über die eigenen Spieler hergezogen sind!!!
    Die wurden persönlich beschimpft und auf das wiederwärtigste beleidigt!!!
    So etwas verstehe ich unter „niedermachen“!!!

    Konstruktive Kritik ist dagegen positiv, denn sie bietet auch gleich Lösungsvorschläge für bestehende Probleme an!!!
    Ob diese Lösungen praktikabel sind, steht dabei auf einem anderen Blatt, aber der Kritiker sondert nicht nur tumbe Beschimpfungen ab, sondern überlegt sich wie es besser laufen könnte!!!
    Das ist wenn Du so willst die „Leistung“ des Kritikers, ein Lösungsansatz!!!
    Aber das darf ja hier keiner, weil er/sie ja keine Bundestrainerin ist!!!

    Maximus schrieb;
    „Eure Analysen sind für die Katz und bestehen meistens nur aus Spekulationen“

    Sorry, das klingt für mich nicht danach, daß Du auf Augenhöhe diskutieren willst!!!
    Benenne bitte die Deiner Meinung nach fehlerhaften Analysen, und gib Deine eigene Sicht wieder!!!

    Äußerungen wie;
    „Die Deutschen aber haben Ghana BESIEGT – wann das Tor fällt, ist doch völlig schnuppe“
    „Und die haben bisher als einzige keine Punkte und Tore verloren !!!“
    „Was kümmert mich heute, wie sie im Viertelfinale oder Halbfinale aussehen ?“
    „DIE HABEN BEIDE SPIELE GEWONNEN“
    mögen für Dich ausreichen, aber anderen Usern (wie mir) fällt so ein Fazit zu simpel aus!!!

    Und wenn man sich einzelne Spielerinnen „rauspickt“, dann doch wohl deshalb, weil bei ihr besonders viele Defizite auftraten!!!
    Wäre Lena Lotzen die Einzige gewesen, bei der es nicht richtig rund lief, hätte dies das Kollektiv sicher auffangen können!!!
    Aber wie ich und andere schrieben, war Lena nur die Spitze des Eisberges, denn auch andere Spielerinnen standen ziemlich neben sich!!!

    Die ständigen Lobhudeleien bringen uns nicht weiter!!!
    Es wirkt auf mich schon beinahe schizo, wenn der Kommentator ständig Maro über den grünen Klee lobt, und der aufmerksame Zuschauer aber einen Fehlpass nach dem anderen sieht!!!
    Da denke ich immer ich habe den falschen Ton zum Bild!!!

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  • KarlMai sagt:

    @Detlef:

    Es ist bedauerlich, dass Du dir mit deiner Zeichensetzung so viele Sympathien verbaust. Du schreibst ja oft Sachen, die nicht falsch oder sogar richtig sind.

    Trotzdem habe ich oft den Impuls, jemandem, der hinter wirklich JEDE seiner Aussagen mindestens 3 Ausrufezeichen setzt, rein aus Prinzip zu widersprechen.

    Weil ich dann automatisch denke, wer das macht, der findet sich offenbar so furchtbar toll und seine Meinung so wichtig, dass jeder Satz eine Unterstreichung verdient… so jemand kann nicht ernstzunehmen sein.

    Und damit würde ich Dir natürlich Unrecht tun, denn a) glaube ich eigentlich nicht, dass Du das machst, um deine eigene Wichtigkeit zu betonen (aber wie gesagt, gefühlsmäßig wirkt es auf mich so, auch wenn mein Verstand dann wieder zu deinen Gunsten plädiert) und b) wie schon gesagt, ist ja für die Richtigkeit von Aussagen völlig egal, ob sie einfach nur gesagt oder im Furor der Ausrifezeichen in den Raum geschmettert werden.

    Maximus hat natürlich ebenso einen… hm, etwas apodiktischen Tonfall gewählt für die Debatte. Da versteh ich auch, warum die

    @Diskussion:

    Die Diskussion wird mir zu hoch gehängt und am falschen Beispiel geführt. Maximus ist hier mal der Kragen geplatzt, und das kann ich zwar etwas verstehn, nach dem, was ich sonst so kenne hier, aber hier geschah es am falschen Objekt.

    Die meiste Kritik an diesem Spiel hier war noch im Rahmen und nicht jenseits des Angemessenen. Auch Einzelspieler darf man generell ruhig nennen.

    Die Hauptfrage ist doch immer, wenn man nicht sein ganzes Potential umsetzt: Lag es an der Tagesform? Damit zusammenhängend: dem starken Gegner? Oder ist grundsätzlich etwas nicht in Ordnung (Spielanlage, System etc.)?

    Je nachdem fallen die Antworten dann aus. Wer der Meinung ist, grundliegende Probleme seien die Ursache, wird härter kritisieren, als derjenige, der die nicht sieht und eher die Tagesform verantwortlich macht.

    Das sollte der Gesprächspartner dann mitbedenken und zunächst mal anerkennen. Dieser Unterschied in der grundsätzlichen Einschätzung kann schon viel erklären davon, worin der Rest der Detailkritik besteht.

    (Über eine starke Defensivleistung des Gegners sind wir uns ja einig)

    – Ich kann viele dieser Dinge nicht entscheiden. Deshalb äußere ich mich nicht im Detail.

    Kaderbesetzung? Sorry… ihr seht die Spielerinnen oft live und kennt die Form von Alternativen wie Rudelic, Jäger etc., ich nicht.

    – Sheldon hat, denke ich, eine recht sachliche Gesamt-Analyse gebracht. Über Details kann man streiten, aber es ist Grundlage für eine sinnvolle Debatte. Die vom Ton her entsprechend geführt werden kann und wo es nicht um Andeutungen von persönlichen „Mundverboten“ geht.

    – Man sollte aber Spielerinnen auch nicht die Fehler des TV-Kommentars büßen lassen (also z.B. Maroszan besonders kritisch beobachten, nur weil sie im ersten Spiel zu viel gelobt wurde). Für die Leistungsbewertung muss uns der Kommentar anderer egal sein. Wir wollen ja zu unserer eigenen Meinung finden.

    – Wir sollten uns manchmal überprüfen, ob wir selbst auch gedanklichen Ballast mitschleppen und an das Spiel herantragen. Z.B. hat Schentschina IIRC beim ersten Spiel bei der Kritik an der Chancenauswertung gleich wieder das Viertelfinale der U17-WM heraufbeschworen. Liegt es dann an den Spielerinnen, wenn diese Erinnerungen kommen und wir ihnen deshalb das Ganze vielleicht noch einen Tick übler nehmen? Oder bringen wir das mit, indem wir zum Teil durch die Brille dieses Negativerlebnisses auf das heutige Spiel gucken?

    Oder wie sehen wir die Lage des deutschen Frauenfußballs insgesamt? Wenn wir diese (oder einzelne handelnde Personen, z.B. Maren Meinert) kritischer sehen, kann das abfärben auf unsere Haltung auch zu einzelnen Spielen.

    Ich will nicht sagen, dass das vermeidbar ist. Vermutlich nicht. Aber darüber nachdenken kann man mal.

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  • KarlMai sagt:

    @Sheldon:

    Ein Punkt verdient nochmal grundsätzliche Entgegnung, denn er betrifft den Fußball an sich:

    ——————————————————-
    Denn Fans wollen nicht nur Siege. Fans wollen Spektakel.
    ——————————————————

    Ja und Nein. ^^

    Die Alternative ist falsch gestellt. Natürlich wollen Fans (da sie gierige kleine Biester sind, oder positiver formuliert: wie kleine Kinder, die von ihrer Mannschaft Weihnachtsgeschenke erhoffen) am liebsten Spektakel UND Siege zugleich.

    Ich formuliere es gern so: Das Wertvolle am Fußball für uns sind die schönen Erinnerungen. Und Titel (Siege) sind kein Selbstzweck, sondern deshalb so toll, weil sie tolle Erinnerungen schaffen. Insofern sind herausragende Spiele (auch Niederlagen) genauso wertvoll. Mit dieser Haltung distanziere ich mich ebenfalls von den reinen Titelfetischisten, für die alle guten Spiele während eines Turniers sofort vergessen sind, sobald man im Halbfinale ausscheidet (s. WM 2010, EM 2012).

    Richtig ist: Die Qualität des Spiels und von Erfolgen ist nicht immer äquivalent zum Erinnerungswert im Nachhinein.

    Man sollte das nicht gegeneinander aufrechnen. Denn das bringt nichts.

    ——————————
    Ich wette, kein deutscher Fan im WM-Halbfinale 1970 hätte dieses Spiel gegen einen langweiligen 1:0-Sieg der Deutschen eingetauscht. Ich wette, kein deutscher Fan hätte in der Vorrunde von 1954 das 3:8 gegen ein gequältes 1:0 oder sogar ein solides 2:0 eingetauscht, denn dann hätte es kein Wunder von Bern gegeben.
    ——————————————–

    Da wette ich dagegen.

    Das ist eine Perspektive im Nachhinein. Wir wissen, wie es letztlich ausging, aber im Moment des Spiels ist die Enttäuschung und der Schmerz auch nach einem 3:4 mit großer Leistung riesig, bin ich sicher. Wenn Deutschland nach einem langweiligen 1:0 im Finale von Brasilien abgefiedelt worden wäre, dann hätten trotzdem nur wenige gedacht „Wären wir doch lieber im Halbfinale raus“.
    Das 3:8 von Bern ist ein Musterbeispiel, dass sich nachher die Strategie des Trainers als erfolgreich gezeigt hat. Aber das weiß man hinterher.

    Das Turnier U20-WM 2012 läuft jetzt, in der Gegenwart. Hier und jetzt haben wir ein etwas gequältes 1:0. Wie lautet also die Frage? Ob wir es lieber gegen ein 5:0 eintauschen sollten? Ja, klar, gerne. Sollen wir es jetzt lieber gegen ein 3:8 eintauschen? Spektakulär wäre es natürlich auch… ^^ Und wer bietet uns überhaupt diesen Tausch an? Was soll ich sagen, es ist obsolet, derlei Fragen stellen sich erst im Nachhinein. Da können wir dann z.B. sagen „Hm, hätten wir doch gegen Ghana 5:0 gewonnen, dann hätten wir jetzt viel schöne Erinnerungen, auch wenn wir glanzloser Weltmeister sind“. Oder eben „Glanzlos raus, nicht mal Ghana überzeugend geschlagen, war alles nicht so doll“. Oder was auch immer.

    Ich versuche nochmal, konsensfähig zu formulieren:

    „Spektakel“ (im Sinn von: kreatives, phantasievolles Spiel) hilft einem oft zu „Siegen“. Deswegen ist Spektakel wichtig. Und deswegen sollten auch unsere Ansprüche so sein, dass wir nach Siegen ohne Spektakel sehen und als Ziel definieren, was wir beim nächsten Mal besser machen können.

    Aber wenn meine Mannschaft das nicht schafft, dann halte ich trotzdem zu ihr. Auch wenn sie andere mögliche Wege zum Erfolg gehen muss (z.B. Standardsituationen; völlig legitim, gefährliche Freistöße durch Abwehrspieler (Simon) zu schießen – oder durch starke Abwehrarbeit und vorne halt etwas weniger gute Effizienz)

    ——————————————
    Der souveränste Europameistertitel der Männer, das 3:0 gegen die UdSSR 1972, an das erinnert sich heute kaum noch einer, aber an das Spiel gegen Holland 1974 oder gegen die DDR.
    —————————————-

    Das bezweifele ich. Oder wenn, hat es mehr mit äußeren Faktoren zu tun, die das mediale Erinnern beeinflussen. Eine WM hat z.B. 7 Spiele für eine Mannschaft, man kann also eine deutlich bessere, kompaktere und dramatischere Geschichte darüber erzählen (1974 besonders schön: Tiefpunkt am Anfang, Krise, Triumph am Ende, insofern leuchtet ein, warum das DDR-Spiel als Kontrapunkt quasi eine Einheit mit dem Finale bildet) als über das Endturnier einer EM, das damals ja nur aus Semi- und Finale bestand, und die Viertelfinals etc. waren halt Monate entfernt.

    Dennoch hat auch das EM-Team von 1972 seinen festen Platz in der Erinnerungskultur des deutschen Fußballs. Das Klischee vom „besten deutschen Team aller Zeiten“ wird immer wieder hervorgeholt, bei allen Jubiläen und in entsprechenden Artikeln diskutiert.

    ————————————————–
    Es wäre schön, wenn solche Spektakel auch wieder bei den Frauen möglich wären, auch bei unseren. Spektakel wie USA-Brasilien oder USA-Japan bei der WM.
    —————————————————

    Das wäre schön, ja. Aber es ist nicht vorher zu garantieren oder vorauszusagen.

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  • Sheldon sagt:

    @Karl: Du hast ja recht mit deinen Aussagen. Die Gedanken sind mir die letzten Tage durch die Armstrong-Affäre gekommen. Er ist mit 99,99%-iger Wahrscheinlichkeit überführt, dennoch ist die Unterstützung für seine Stiftung rasant gestiegen (von 3200€ am Tag auf 78000€), seine Sponsoren halten zu ihm und viele Prominente halten zu ihm und die Fanunterstützung ist ungebrochen!

    Wieso? Meine Theorie: Den Leuten ist es vollkommen egal, mit welchen Mitteln Armstrong und all die anderen diese Leistungen erreicht haben, solange sie ihnen nur dieses Spektakel bieten. Radfahrer sind also keine Sportler, sondern im Grunde Schauspieler. Sie schreiben jeden Tag Drehbücher.

    Im Fußball denke ich, wird es ähnlich sein. Den Leuten ist es nicht so wichtig, dass ihr Team mal einen Titel holt. Aber Legenden sind wichtig, selbst Zeuge sein zu dürfen, wie Geschichte geschrieben wird.
    Natürlich ist es immer schön, wenn das Ganze auch nen Happy End hat. Aber im Zweifelsfall gilt: Lieber ne Tragödie als gar keine Geschichte!
    Wembley war ne Tragödie und dennoch bewegt sie die Herzen jedes Deutschen bis heute.
    Die Breslau-Elf hat nie einen Titel gewonnen, aber ihr Name steht bis heute für eine grandiose Geschichte.
    Ulli Hoeneß hat sich mit einem verschossenen Elfmeter verewigt. Das sind alles Geschichten für die Ewigkeit.

    Ich würde mir manchmal wünschen, die Spielerinnen würden sich bewusst machen, dass sie mit jedem Spiel die Chance haben, Geschichte zu schreiben und dementsprechend auch antreten. Kein Ergebnisfußball, sondern immer Vollgas, sich daraus motivierend, sich ein für allemal in die Geschichtsbücher des Frauenfußballs eintragen zu können.

    Selbst als Amateurspieler empfindet man diesen geschichtlichen Flair, wenn man in der D-Jugend Kreisklasse im vorletzten Spiel die letzte Chance hat, Meister zu werden und zur Halbzeit 3:1 hinten liegt. Du weißt in der Halbzeit: Du kannst jetzt da rausgehen und das Spiel deines Lebens abliefern. Ich erinnere mich an dieses Spiel, als wäre es gestern gewesen, wir haben es 4:3 gedreht. Das sind Momente, egal in welcher Liga, egal in welchem Alter, ob Frau oder Mann, selbst egal in welcher Sportart, davon zerrt man sein ganzes Leben, denn auf einmal wird dir klar: Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst!

    Wenn unsere Spielerinnen ein bisschen mehr davon zeigen würden, wenn die Kommentatoren jedes Spiel so kommentieren würden, dann würde sich der Fußball komplett wandeln. Dann würde er wieder packend sein, wieder mehr von der Dramatik spüren lassen, die er mal besaß, es würde wieder ein kämpferischer Sport, voller Emotionen. Das, was die Zuschauer fesselt, was Fußball zur Sportart Nummer 1 in Deutschland gemacht hat!

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  • Jochen-or sagt:

    @karlmai
    Das ist wirklich interessant, was Du schreibst:
    „Das Wertvolle am Fußball für uns sind die schönen Erinnerungen.“
    Da hat mein Bauch sofort zugestimmt, weil es genau so bei mir ist.
    Die (zusammengefassten) Spiele der Männer Deutschland – England u. Deutschland – Argentinien bei der WM 2010 habe ich mir auf YouTube mit BBC-Kommentar u. Analyse rd. 20 mal angesehen.
    Ähnliches gilt für das Halbfinale der Frauen 2003 gegen die USA ´(mehr noch als das Endspiel) sowie das Finale 2007.
    Und wenn ich an den Frauenfußball, bei dem ich vor Ort war, denke, dann bleiben mir – bei vielen Spielen, die ich live erlebt – in besonderer Erinnerung das CL-Finale in Madrid 2010 mit all der verrückten Elfmeterdramatik, das WM-Finale 2011, aber jetzt auch das Halbfinale bei Olympia USA – Kanada.
    Dies belegt, dass die Frage nach Spektakel und Erfolg nicht so eindeutig zu beantworten ist. Vielleicht ist Erfolg „oder“ Spektakel richtig.
    Bei den Männern sind es eher die tollen Spiele, bei den Frauen die überraschende Erfolge der eigenen Mannschaft, aber eben auch spektakuläre Spiele anderer Mannschaften mit all der Stimmung, die sich natürlich auch aus der Bedeutung der Spiele ableitet.
    Richtig ist jedenfalls, dass es die positiven und damit schönen Erinnerungen sind, die den Spaß am Zuschauen ausmachen.
    Als Turbine in Madrid eigentlich hoffnungslos im Elfmeterschießen zurück lag, ging mir durch den Kopf, dass die Niederlage mir den ganzen 4-Tagetrip nach Madrid kaputt machen würde.
    Mit dieser unerwarteten Wende wurde dies aber eine Reise und ein Event, an das ich mich bis zu meinem Lebensende erinnern werde.

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