Beharrlichkeit und Energie – Honey Talijeh über den Frauenfußball in Palästina

Von am 16. Juni 2012 – 20.30 Uhr 1 Kommentar

„Meine Oma ist ein richtiger Frauenfußball-Fan. Sie findet Frauenfußball gut“, erzählt Honey Talijeh aus Palästina. Sie war dort seit der Gründung der Nationalelf deren Spielführerin, bis sie 2009 nach mehreren Knieverletzungen kürzer treten musste. Heute fungiert sie als Spielertrainerin im Verein Diyar, der in ihrer Heimat Jerusalem beheimatet ist. Kürzlich war sie zu Besuch in Berlin, um im Rahmen der Veranstaltungen von „discover football“ über den arabischen Frauenfußball und insbesondere die Situation in Palästina zu berichten.

Als Augenzeugin, als Protagonistin, als Christin und nicht zuletzt als Frauenrechtlerin. Interessante Eindrücke in einer Kreuzberger Kneipe.

Sportmanagement-Studentin
Über verschiedene Sport-, Friedens- und Gleichberechtigungsorganisationen schaffte es Honey Talijeh in den Frauen- und Mädchenausschuss des palästinensischen Fußballverbandes. Derzeit studiert die  Fußball-Ikone, die in Palästina von 2003 bis 2009 nicht nur Fußballerin, sondern Sportlerin des Jahres war, in Magglingen in der Schweiz an der FIFA-nahen Universität Sportmanagement.

Anzeige

Deutschland spielt eine durchaus nicht untergeordnete Rolle in ihrem Leben. Vor ein paar Jahren war Talijeh mit dem Nationalteam beim Kirchentag in Köln und im Schwarzwald. Zur WM war sie in Berlin – jetzt wieder. Apropos Kirchentag: Jonathan Schaller, ein kirchen- und frauenfußballaffiner Student aus dem Süden Deutschlands, war Motor für diese Reise, nachdem er zuvor beim palästinensischen Nationalteam mehrere Jahre ehrenamtlicher Torwarttrainer war und in Beit Sahor als Lehrer mitgeholfen hatte, den Frauenfußball aufzubauen und zu etablieren.

Kein Kontakt zum Gaza-Streifen
Damals wie heute bestimmen Checkpoints und andere Alltagsrestriktionen das Leben, und damit  das Leben der Fußballerinnen insbesondere. Ohne Flughafen. Der Katzensprung ins benachbarte Jordanien kann viele Stunden dauern. Kein Kontakt zum Gaza-Streifen. Dort gibt es auch noch keine Teams. Während in der Westbank mittlerweile Liga-Alltag mit sechs Teams in der ersten und zehn Teams in der zweiten Liga herrscht. Die müssen ohne große Unterstützung existieren. Verband und FIFA tun einiges, aber in der heimischen Wirtschaft gibt es fast keine Sponsoren. Privatinitiative ist gefragt.

„Immerhin ist Frauen- und Mädchenfußball inzwischen weitgehend anerkannt und wird zumindest akzeptiert. Das war bei meinen Anfängen damals noch nicht so“, sagt Honey Talijeh. Als Mädchen mit den Jungs auf der Straße das war okay aber nicht gerne gesehen. Meine Eltern haben es akzeptiert, weil sie dachten, irgendwann legt sich das wieder mit fortschreitendem Alter.“

althaus-lenz-talijeh

Im Podium (von links): Judith Althaus, Expertin für Genderfragen in Palästina der Friedrich-Ebert-Stiftung, Moderatorin und Sporthistorikerin Britta Lenz und Honey Talijeh. © Rainer Hennies

Unterstützung trotz anfänglicher Zweifel
Doch da hatten die Eltern ihre Tochter völlig falsch eingeschätzt. Weil sie gut spielte, verschwanden die Zweifel und wandelten sich zur Unterstützung, die längst vorbehaltlos ist. An der Uni geriet Honey Talijeh zielstrebig an die Dozentin Samar Mussa, die zahlreiche Talente um sich versammelte und 2003 das Nationalteam gründete.

Schlagwörter:

„Aufgrund der Energie von Samar Moussa wurde alles möglich. Mit ihrer Beharrlichkeit fand sie irgendwann auch die Unterstützung der Verbandsoberen. Unser Präsident ist ein Freund des Frauenfußballs. Nur so ist es möglich, dass sich das Nationalteam entwickelt. Dank dieser Anerkennung entstehen Vorbilder und Ziele für die Mädchen. Das ist besonders wichtig, denn wir benötigen starken Nachwuchs, wenn die Gründergeneration abtritt.“

Ausbildung von Trainerinnen anschieben
Deshalb sei auch die Liga als Basis so wichtig. „Unser Fokus liegt jetzt auf der Stärkung in den Klubs und ganz besonders in den Schulen. Außerdem ist es bedeutsam, die Ausbildung von Trainerinnen anzuschieben“, benennt die ehemalige Ausnahmespielerin die dringlichen Aufgaben im Fußballverband. Auch politisch müsse der Sport mehr gefördert werden.

So gibt es keine Kontakte in den Gazastreifen. Honey Talijeh berichtet von einem einschneidenden Erlebnis aus 2006, als Palästina an den Arabischen Meisterschaften in Alexandria in Ägypten teilnahm und erstmals Gaza-Girls zum Nationalkader stießen. „Wir hatten uns vorher noch nie gesehen und wurden schnell zu einem gemeinsamen Team. Als das Turnier in Alexandria beendet war und wir vor der Heimreise standen, lagen wir uns mit Tränen in den Augen in den Armen. Die anderen Teams konnten uns zunächst nicht verstehen. Wir haben es ihnen dann erklärt“, erzählt Honey Talijeh, und fügt an: „Seitdem haben wir unsere Mitspielerinnen nie wieder gesehen.“

Tags:

1 Kommentar »

  • sitac sagt:

    Danke für diesen sehr interessanten und lesenswerten und auch bedrückenden Bericht. Unglaublich, unter welchen Beeinträchtigungen die Menschen dort leben. Und doch ist – wie die Überschrift schon aussagt- die Energie, die Beharrlichkeit und auch das persönliche Format der Frauenfussballerinnen von Palästina beeindruckend.
    Gerade auch wegen solcher Beiträge finde ich Womensoccer ganz prima!

    (0)