Eli Landsem: „Wir müssen ganz neu anfangen“

Von am 30. März 2012 – 5.00 Uhr 5 Kommentare

In der EM-Qualifikation trifft die norwegische Nationalmannschaft am Samstag auf Bulgarien, am Mittwoch auf Ungarn. Einen erneuten Ausrutscher darf sich das Team nicht leisten, denn mittlerweile ist die EM-Teilnahme in Gefahr. Der Weltmeister von 1995 steckt in der Krise, Nationaltrainerin Eli Landsem spricht gar von einem Neuanfang. Wie der aussieht und wie sie ihre Mannschaft zurück in die Weltspitze führen will, erzählt sie im Gespräch mit Womensoccer.

Die Lage in Ihrer Qualifikationsgruppe ist überraschend schwierig. Wie schätzen Sie sie ein?
Wir sind mit unserer Leistung bislang nicht zufrieden. Und die Partie gegen Nordirland (1:3) gehört zu diesen Spielen, von denen du neun aus zehn gewinnst – nur war dies das zehnte. Island zu Beginn war besser als wir. Wir mussten kämpfen, aber haben einen neuen Weg eingeschlagen.

Bei der WM ist Ihre Mannschaft erstmals in der Gruppenphase ausgeschieden, dann die Niederlagen in der EM-Qualifikation. Wie sieht es da mit dem Selbstbewusstsein aus?
Das ist natürlich nicht so gut, wie es sein sollte. Aber wir haben auch mit Verletzungen zu kämpfen – vor, während und nach der WM. Und wenn man in Norwegen nicht aus allen Spielerinnen wählen kann, hat man keine Chance.

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Reflektieren die Verletzungen nicht in gewisser Weise die Lage der Mannschaft?
Ja, und sie reflektieren die Situation des Frauenfußballs in Norwegen. Die Spielerinnen arbeiten oder studieren Vollzeit. Dann rennen sie zum Training und rennen zum nächsten Termin. Ich denke, das ist ein Grund, warum wir so viele Verletzungen haben: die Köpfe sind immer voll. Und wenn man trainiert, aber nur 80 Prozent geben kann, verletzt man sich. Die Spielerinnen sind zu beschäftigt.

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Ingvild Stensland ist eine von sieben Spielerinnen, die mit einem Stipendium unterstützt werden. © Nora Kruse, ff-archiv.de

Sind die Stipendien, die seit einigen Monaten ausgegeben werden, eine Reaktion darauf?
Ja. Um die zu bekommen, müssen die Spielerinnen weniger arbeiten oder ihr Studium verlängern, damit sie mehr Zeit für Fußball haben.

Wie viele Spielerinnen werden derzeit gefördert und nach welchen Kriterien?
Die Spielerinnen müssen mir zeigen, dass sie dem Fußball höchste Priorität einräumen. Ich habe sieben Spielerinnen nominiert, die mehrere Tage in der Woche zusammenarbeiten und auch Training vom norwegischen Sportverband (Anm.: Pendant zum DOSB) bekommen. Außerdem haben wir regionale Trainingszentren in Oslo, Bergen und Trondheim. So ziehen wir die besten Spielerinnen zwei- oder dreimal wöchentlich zusammen.

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Wo genau liegt die Verbesserung im Vergleich zu vorher?
Es ist individuelleres Training. Wir testen die Spielerinnen und sehen so, welche Art von Training sie benötigen – egal, ob athletisch, technisch, taktisch oder mental. Vorher war das Training etwas allgemeiner: von allem etwas. Jetzt gehen wir auf jede individuell ein. Außerdem hoffe ich, dass wir bald Videoanalysen im Internet haben, sodass Spielerinnen und Trainer online alle Spiele sehen und die Leistung analysieren können, um stärker auf jede einzelne Spielerin eingehen zu können.

Ist die Zahl der Stipendien beschränkt?
Ja, vom Norwegischen Sportverband und dem Fußballverband bekommen haben wir insgesamt 15 zur Verfügung. Ich kann also noch weitere acht ausgeben, aber es auch stoppen, wenn die Spielerinnen die Anforderungen nicht erfüllen.

Welche Anforderungen sind das?
Sie müssen wie Spitzensportlerinnen leben; den anderen zeigen, wie sie leben, wie sie trainieren, was sie essen und das regelmäßig dokumentieren.

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Es werde einige Zeit dauern, aber Eli Landsem ist überzeugt, dass Norwegen in die Spitze zurückkehren wird. © Nora Kruse, ff-archiv.de

Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Aufgrund der Auswertung der letzten Saison. Wir mussten herausstellen, wo unsere Defizite zu den Spitzenmannschaften liegen: Verletzungen, Fitness, Technik, Taktik, möglicherweise eine andere Teamstruktur. Das haben wir evaluiert und wissen nun, woran wir arbeiten müssen. Und wir haben die Spielerinnen gefragt, ob sie bereit sind, den Weg mit uns zu gehen. Sie müssen härter arbeiten, denn wir müssen ganz neu anfangen.

Gibt es denn auch Veränderungen im Trainerstab?
Ja, wir haben fast den ganzen Stab ausgetauscht. Ich habe einen neuen Assistenten, und wir arbeiten jetzt mit einem Athletiktrainer. Außerdem besteht eine sehr gute Kooperation mit dem Norwegischen Sportverband. Sie helfen uns mit Trainern und wir können alles bekommen, was wir brauchen – auch Mentaltraining. Aber am Ende geht es immer ums Geld, daher müssen wir aus jeder Krone alles rausholen.

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5 Kommentare »

  • FFFan sagt:

    Es wundert mich, dass die Evaluation erst jetzt erfolgt. Hätte das nicht schon gleich nach der WM gemacht werden können?

    Dass gegen Bulgarien und Ungarn etwas schiefgeht, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen. Beim Algarve-Cup hat Norwegen trotz Platz 7 keinen so schlechten Eindruck hinterlassen (nur knappe Niederlagen gegen Japan und USA), während Ungarn dort den letzten Platz belegte und auch im Herbst schon das Hinspiel in Norwegen mit 0-6 verlor. Bulgarien scheint noch schwächer zu sein, hat in der EM-Quali noch keinen einzigen Punkt geholt.

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  • Nora Kruse sagt:

    @FFFan:
    Das wurde gemacht: die letzte Saison analysiert. Was wir jetzt sehen, sind die Reaktionen darauf, mit denen man in Norwegen hofft, wieder in die Spitze zu kommen – u.a. Stipendien für Spielerinnen (das sind momentan übrigens Emilie Haavi, Elise Thorsnes, Lene Mykjåland, Ingrid Hjelmseth, Ingvild Stensland, Isabell Herlovsen und Marita Skammelsrud Lund).

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  • Krissi sagt:

    @Nora Kruse: Das sind alles hervorragende Spielerinnen, die Sie da augezählt haben – es wundert mich wirklich, dass man da keine (halbwegs) konkurenzfähige Mannshchaft zusammen kriegt. Meine armen Norwegerinnen, ich fürchte der Weg zurück in die Spitze wird noch sehr lang un steinig werden 🙁 Viel Glück – auf das Norwegen die EM-Quali schaffen möge (kann mir eine EM ohne Norwegen wirklich nicht vorstellen…)

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  • jochen or sagt:

    @krissi
    Hei, noch ein Fan. Ich habe sie 2x bei der WM gesehen und fand, dass sie recht unstrukturiert gespielt haben. Die Schwierigkeiten selbst gegen schwache Teams wundern mich nicht. Ich glaube nicht, dass Eli Landsem ihre Potenzen voll entwickeln kann (nicht nur nicht hat). Sie ist ja auch stark umstritten und ein Scheitern in der Quali wuerde ihr Ende als Trainerin bedeuten, was die Fans ausweislich der Kommentare in http://www.fotballmagasinet.no ja auch schon fordern.

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  • Sheldon sagt:

    Leider hat man es nach der WM versäumt, den Laden da mal richtig aufzuräumen. Es ist schade um das fantastische Team, das Norwegen eigentlich hat.

    Allerdings sollte man die Spiele schaffen, obwohl: Selbst Dänemark, erst in der Verlängerung der Playoffs an Schweden gescheitert, hat bei der WM-Quali in Bulgarien nur 0:0 gespielt, auch wenn man dann zuhause 8:0 gewonnen hat. Bulgarien wird mauern ohne Ende und versuchen, in irgendner Weise auch nur das 0:0 zu halten!
    Und dann ist Norwegen schon fast draußen!

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