Jürgen Brauße: „Es wäre mehr drin gewesen“

Von am 2. Dezember 2011 – 1.59 Uhr

Mit einem 2:1-Sieg beim FC Bayern München sorgte Aufsteiger 1. FC Lok Leipzig am vorigen Wochenende für Furore. Vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale beim Hamburger SV zieht Trainer Jürgen Brauße im Gespräch mit Womensoccer Zwischenbilanz, spricht über seinen Traum vom DFB-Pokal-Finale, die Perspektiven des Frauenfußballs in Leipzig und Vorgängerin Claudia von Lanken.

Womensoccer: Herr Brauße, Glückwunsch zum Sieg in München. Das muss eine schöne Überraschung gewesen sein.

Jürgen Brauße: Das war ein tolles Geschenk zum 57. Geburtstag und wir hatten auf der Heimfahrt richtig Spaß. Aber es war vor allem ein ganz wichtiger Erfolg für uns, ein echtes Sechs-Punkte-Spiel. Wir haben auch schon beim Sieg in Jena gut gespielt, aber in München haben wir noch mal eins drauf gesetzt. Jede Spielerin wollte, wir haben als Mannschaft funktioniert und uns wunderbar präsentiert. Das hat uns einen Schub gegeben.

Anzeige

Womensoccer: Dabei haben Ihnen ja sogar sechs Spielerinnen gefehlt.

Jürgen Brauße: Erstaunlich! Das war auch für mich eine positive Überraschung, wie die Mannschaft etwa das Fehlen von Anne van Bonn kompensiert hat. Ich habe schon immer gesagt, dass wir nur über den Kampf und die Leidenschaft bestehen können, das hat uns bereits im Aufstiegsjahr ausgezeichnet. Wenn wir das im Spiel umsetzen können, sind wir auch gegen starke Gegner eine Macht. Das zu vervollkommnen und noch mehr aus dem Team herauszuholen, ist auch die wichtigste Aufgabe für uns in der Zukunft.

Jobina Lahr

Jobina Lahr nimmt Instruktionen von Trainer Jürgen Brauße entgegen © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Womensoccer: Die nächste Chance auf eine Überraschung besteht bereits am Samstag im DFB-Pokal-Viertelfinale beim Hamburger SV, oder?

Jürgen Brauße: Der Hamburger SV ist auf Augenhöhe mit uns, wenn man sich die Tabellensituation anschaut. Das ist auch eine Mannschaft, die gegen den Abstieg spielt und wir müssen uns in Hamburg nicht verstecken. Als wir in der Liga das Heimspiel gegen den HSV verloren haben, hatten wir wohl einfach zu viel Respekt. Dennoch ist es eine lösbare Aufgabe, gerade mit dem Selbstvertrauen des Sieges in München.

Womensoccer: Welchen Stellenwert hat denn der DFB-Pokal für Sie?

Jürgen Brauße: Wir haben jetzt schon im Pokal so viel erreicht, wie noch nie zuvor. Da kann man ja versuchen, den nächsten Schritt zu gehen. Man denkt sich schon: „Noch einmal gewinnen, dann steht man im Halbfinale und bei einem glücklichen Los ist vielleicht noch mehr drin.“ Jena hat vor zwei Jahren auch gegen den Abstieg gekämpft und stand plötzlich im Endspiel. Es ist alles möglich, so wie meine Spielerinnen jetzt motiviert sind. Warum sollen wir also nicht versuchen, den Weg weiterzugehen?

Womensoccer: In der Liga können Sie mit drei gewonnenen Spielen sicherlich eine ordentliche Zwischenbilanz ziehen.

Jürgen Brauße: Es wäre sogar noch mehr drin gewesen, wenn man an die Spiele gegen den HSV und Freiburg denkt. Aber am Ende kann man zufrieden sein, wir sind im grünen Bereich. Es geht darum, sich in der Liga zu behaupten und sich als Mannschaft zu finden, alles andere spielt keine Rolle.

Womensoccer: In der Liga geht es in diesem Jahr noch gegen Potsdam und Duisburg, da gibt es wohl wenig zu ernten.

Jürgen Brauße: Wenn ich an das Auftaktspiel in Duisburg denke, das wir nur knapp mit 1:2 verloren haben, würde ich das gar nicht so sehen. Sicherlich wollen wir in diesen Partien hauptsächlich lernen und Selbstvertrauen tanken, indem wir solchen Teams Paroli bieten und das Bestmöglich daraus machen. Für meine Spielerinnen ist es gegen solche Teams schon eine besondere Motivation, da spielt es sich ganz anders von der Spielanlage, da ergeben sich auch für uns Räume, in die man die Spielerinnen schicken kann, um den Gegner zu ärgern.

Jürgen Brauße

Leipzigs Trainer Jürgen Brauße setzt auf Kontinuität © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Womensoccer: Das klingt alles sehr positiv. Wie steht es denn um die Zukunftsperspektiven?

Jürgen Brauße: Wir wollen uns etablieren und Kontinuität erreichen. Aber das geht natürlich nur, wenn wir die Ligazugehörigkeit erhalten, ansonsten wird es schwierig. Es gibt bereits Strategien für die Zukunft, in denen das Landesleistungszentrum für Mädchen- und Frauenfußball ein wichtiger Baustein ist. Wir wollen mittelfristig Talente nach Leipzig holen und ein Pendant zu Potsdam bilden. Das setzt Kontinuität an der Basis voraus und man braucht die entsprechende Qualität in der ersten Mannschaft. Planungssicherheit haben wir durch unseren Hauptsponsor KTOW, deren Geschäftsführer Bernd Wickfelder auch Vizepräsident in unserem Verein ist und ein sensationelles Engagement zeigt. Und mit Siegen wie bei Bayern München lässt sich vielleicht sogar das Interesse neuer Sponsoren wecken.

Womensoccer: Gibt es denn schon jetzt genügend Talente in Leipzig, die nachrücken?

Jürgen Brauße: Wir haben bereits viel versprechende Spielerinnen, die momentan noch in der zweiten Mannschaft spielen. Es gibt durchaus vier, fünf interessante Spielerinnen, zum Beispiel Lisa Reichenbach oder Florin Wagner, die beide in München eingewechselt wurden. Sie haben durchaus den Biss, den Willen und die Einstellung, sich auch in der Bundesliga zu etablieren.

Womensoccer: Zum Abschluss vielleicht noch ein Wort zu ihrer Vorgängerin Claudia von Lanken.

Jürgen Brauße: Sie hatte mich ja zu Saisonbeginn abgelöst, da der Vorstand neue Kräfte haben wollte. Als dann aber der Erfolg ausblieb und es in der Mannschaftsstruktur Anzeichen gab, dass etwas geändert werden muss, ist dann von Sponsor- und Vereinsseite entschieden worden, dass man so nicht weitermachen und noch einmal einen anderen Weg gehen will. Für mich war es keine Frage, diesen Weg fortzuführen, wenn man mir das Vertrauen wieder gibt. Aber der Fußball ist kurzlebig und Bekundungen von heute können sich morgen ändern.

Tags: ,

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.