Ana-Maria Crnogorcevic: „Platz 2 ist unser Minimalziel“

Von am 16. September 2011 – 12.50 Uhr

Am Samstag, 17. September, 15.45 Uhr (live in der ARD), trifft Ana-Maria Crnogorcevic in Augsburg mit der Schweizer Nationalmannschaft auf Deutschland. Im Interview mit Womensoccer spricht die Stürmerin über die EM-Qualifikation, die Ziele mit dem 1. FFC Frankfurt und die Vorfreude auf die Champions League.

Ihre Trainerin Béatrice von Siebenthal hat bei der Auslosung in Nyon die Hände vor das Gesicht geschlagen, als der Schweiz Deutschland als Gegner für die EM-Qualifikation zugelost wurde. Wie haben Sie reagiert?
Ich saß gerade im Auto, als mich Kim (Kulig) angerufen und mir erzählt hat, dass wir in einer Gruppe sind. Zwei Tage vorher hatten wir noch darüber geredet, dass wir gerne mal mit unserer A-Nationalmannschaft gegeneinander spielen würden, bisher sind wir nur in der U17 einmal aufeinandergetroffen. Schade, dass sich Kim das Kreuzband gerissen hat und daraus nichts wird. Aber ich habe mich riesig gefreut, als wir Deutschland zugelost bekommen haben, auch wenn es sicherlich einfachere Gegner gibt.  Aber ich freue mich, gegen meine Teamkolleginnen zu spielen.

Ist Deutschland nicht eine zu hohe Hürde?
Deutschland ist und bleibt eine der besten Mannschaften auf der Welt – ob sie eine gute WM gespielt haben, oder nicht. Auch wenn einige Spielerinnen zurückgetreten sind, ist das Gerüst der DFB-Elf erhalten geblieben, das wird eine gute Mannschaft sein und ich freue mich auf das Spiel. Denn nur an solchen Spielen kann man wachsen, nicht daran, dass man 8:0 gegen Kasachstan gewinnt. Platz 2 in der Gruppe ist das Mindeste, was wir erreichen wollen, denn es wird Zeit, dass wir uns einmal für ein großes Turnier qualifizieren.

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Die Schweizer Nationalmannschaft ist aber eine Wundertüte. Nach einer starken WM-Qualifikation gab es Anfang des Jahres beim Cyprus Cup ein 0:6 gegen die Niederlande und zuletzt ein 0:5 in Schottland.
Solche Spiele gibt es nicht oft. In Schottland haben uns auch zentrale Spielerinnen gefehlt, wie Lara Dickenmann, die im Mittelfeld Dreh- und Angelpunkt ist oder Marisa Brunner, die hinten viel Ausstrahlung hat. Dort haben alle schlecht gespielt, aber besser in so einem Spiel, als wenn es um etwas geht.  Aber wir wissen, dass wir es besser können.

Verfolgen Sie denn mit einem Auge auch noch die Schweizer Nationalliga?
Ab und zu, ja. Die Liga hat sich entwickelt, aber es gibt einen kleinen Rückschritt dadurch, dass viele Spielerinnen ins Ausland wechseln und wir in der Schweiz noch nicht die Breite haben, um das Niveau hochzuhalten. Vieles muss noch professioneller werden, selbst viele gute Spielerinnen sagen, der Beruf geht vor, da müsste man sicherlich weiter daran arbeiten. Der Wechsel von Inka Grings und Sonja Fuss ist für die Aufmerksamkeit der Liga nicht schlecht, ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird.

Ana Maria Crnogorcevic

Ana Maria Crnogorcevic (re.) ist in Frankfurt angekommen. © Tom Schlimme / girlsplay.de

Sie sind vom Hamburger SV zum 1. FFC Frankfurt gewechselt, wie sind Ihre ersten Eindrücke nach ein paar Monaten?
Es war schon eine Umstellung und ein Sprung, vor allem als die internationalen Spielerinnen ins Training eingestiegen sind. Die Trainingsintensität ist höher, das Tempo schneller, auch im technischen und taktischen Bereich gibt es Unterschiede. Ich bin zwar Schweizer A-Nationalspielerin, aber es ist schon etwas anderes, mit internationalen Nationalspielerinnen im Team zusammenzuspielen. Es ist total cool, eine super Mannschaft und ich komme mit dem Trainer und den Teamkolleginnen gut klar.

Sie treten in Frankfurt in große Fußstapfen. Conny Pohlers ist als Torschützenkönigin zum VfL Wolfsburg gewechselt, Birgit Prinz hat ihre Karriere beendet. Hat Sie das nie belastet?
Darüber habe ich mir keine großen Gedanken gemacht, zumal zu dem Zeitpunkt, als ich in Frankfurt zugesagt habe, noch gar nicht klar war, wer bleiben oder gehen würde. Und es gibt ja auch andere namhafte Zugänge, zumal sich jeder Vergleich mit Birgit Prinz sowieso verbietet, das wäre vermessen.

Der Druck macht Ihnen also gar nichts aus?
Der Druck ist da, aber ich finde ihn eher positiv. Ich setze mir lieber das Ziel, Meister zu werden, den DFB-Pokal und die Champions League zu gewinnen, als Vierter oder Fünfter zu werden. Was sind das für Ziele? Ob man Vierter, Fünfter oder Sechster wird, ist egal, solange es um keine Europapokalplätze geht.

In Frankfurt ist das gesamte Umfeld erfolgsorientiert. Wächst man daran auch als Spielerin?
Es macht sehr viel aus, wenn der Traum und die Ziele von außen vorgelebt werden. Dann ist es einfacher, weil man weiß, dass jeder das gleiche Ziel verfolgt.

Die ersten Ergebnisse waren positiv, aber das Spiel lief noch nicht immer rund.
Ich denke, wir brauchen noch etwas Zeit. Wir haben ein paar Tore geschossen, keine Gegentreffer kassiert und beim Blick auf die Tabelle kann man zufrieden sein, auch wenn wir spielerisch sicherlich noch nicht dort sind, wo wir hin wollen. Da werden wir uns aber schnell finden, das wird vielleicht noch zwei oder drei Spiele dauern, aber mit Sicherheit besser werden. Es war klar, dass wir am Anfang nicht bei 100 Prozent sind, wir hatten ja in der Vorbereitung wegen der WM nicht viel Zeit mit dem gesamten Kader. Wir haben noch Potenzial nach oben.

Ana Maria Crnogorcevic

Ana Maria Crnogorcevic (re.) mit ihrer Teamkollegin Melanie Behringer © Lutz Kollmann / girlsplay.de

Eine Steigerung wird auch nötig sein im Hinblick auf die Champions League. Kribbelt es denn schon?
Das wird anstrengend und intensiv, aber Ich freue mich schon riesig darauf. Dienstag hinfliegen, Mittwoch spielen, Donnerstag zurückfliegen, Spiele im Mittwoch-Sonntag-Rhythmus. Stabæk wird schon eine echte Messlatte werden, es gibt sicherlich schlechtere Gegner. Da können wir sehen, wo wir stehen. Aber wenn wir unsere Leistung hundertprozentig abrufen können, müsste es machbar sein.

Das Finale der Champions League wird in dieser Saison auf deutschem Boden ausgetragen, ist das eine zusätzliche Motivation?
Es warten starke Gegner, aber es ist unser Ziel, das Finale zu erreichen und den Titel zu holen. Augsburg wäre schön, das alte Olympiastadion in München wäre noch schöner. Ich als Bayern-Fan würde natürlich am liebsten in der Allianz-Arena spielen (lacht).

Die Zielsetzung lautet also, alle Titel zu holen?
Natürlich will ich alle Titel gewinnen, das muss die Zielsetzung sein. Man macht es sich zu leicht, wenn man sagt, wir schauen mal, wie weit wir kommen. In Frankfurt werden die Ziele klar formuliert, das ist anders als bei anderen Teams. Das birgt natürlich eine gewisse Gefahr, wenn man seine Ziele dann nicht erreicht. Aber es gehört dazu, dass man sich dann der Kritik aussetzt.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.