Homare Sawa, bescheidenes Herz der Nadeshiko

Von am 17. Juli 2011 – 13.32 Uhr 4 Kommentare

Frankfurt – Für Japans Kapitänin Homare Sawa steht in wenigen Stunden im Finale der Frauenfußball-WM gegen die USA (ab 20.45 Uhr live in der ARD) das Highlight der Karriere an, die Krönung einer außergewöhnlichen Laufbahn der 32-jährigen Ausnahmefußballerin.

Homare Sawa ist keine Frau der lauten Töne. Am Tag vor dem großen Finale sitzt sie in den Katakomben des Frankfurter WM-Stadion bei der Abschlusspressekonferenz auf dem Podium. Das dunkle Haar ist akkurat zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihr Stuhl ein wenig zurückgezogen. Ihre Arme liegen eng am Körper an, ihre Mimik gibt keinen Aufschluss über ihren Seelenzustand. Wer sie nicht kennt, würde kaum vermuten, dass diese zierliche, nur 1,64 Meter große unscheinbare Persönlichkeit das Herzstück der japanischen Nationalmannschaft ist und sich anschickt, bei ihrer fünften WM-Teilnahme den Titel zu erobern.

Taktgeberin und Schaltzentrale
Sawa ist die Schalt- und Kommandozentrale im japanischen Spiel, das etwa Schwedens Trainer Thomas Dennerby mit dem des FC Barcelona vergleicht. Sawa ist die Taktgeberin, die das Spiel ihres Teams nach Belieben schneller oder langsamer macht, eine Art weiblicher Xavi. Sie gab den entscheidenden Pass zum Treffer von Karina Maruyama beim 1:0-Sieg gegen Deutschland, gegen Schweden erzielte sie ihren bereits vierten WM-Treffer und sie gilt zu Recht als eine heiße Anwärterin auf den Titel zur besten Spielerin des Turniers.

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Homare Sawa

Homare Sawa (li.) in Aktion gegen Schweden © Zetbo / Framba.de

Riesenchance auf einer Riesenbühne
„Bis vor ein paar Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir einmal ein WM-Finale erreichen würden“, sagt Sawa und wirkt dabei, als könne sie es selbst noch gar nicht richtig fassen, was ihr Team bei der Frauenfußball-WM in Deutschland geleistet hat „Das wird das wichtigste Spiel meiner Karriere und das wichtigste Spiel, das die Nationalelf je bestritten hat.“ Ohne jegliche Nervosität erklärt sie: „Wir haben die Riesenchance und eine Riesenbühne. Wir genießen das und empfinden keinen Druck. Wir müssen das körperliche Spiel der Amerikanerinnen mit unserem Kombinationsspiel unterbinden, vor allem Carli Lloyd ist groß und stark.“

Ligadebüt mit 12
Im zarten Alter von sechs Jahren beobachtete die kleine Homare ihren älteren Bruder beim Training, und durfte dann selbst einmal gegen den Ball treten. Ihr erster Schuss landete vor den Augen des verdutzten Trainers und Torhüters im Tor – der Anfang für eine Weltkarriere war gelegt. In einer Jungenmannschaft ihrer Umgebung lernte sie schnell, sich durchzusetzen. Im unglaublichen Alter von 12 Jahren debütierte sie 1991 in der japanischen Liga und erzielte für ihren damaligen Verein Yomiuri Beleza fünf Tore in 13 Spielen.

Mit 15 in die Nationalmannschaft
1993 kam sie im Dezember als 15-Jährige gegen die Philippinen zu ihrem ersten Nationalmannschaftseinsatz und bedankte sich für das Vertrauen mit vier Toren beim 15:0-Sieg. Bei der WM 1995 in Schweden und Olympia 1996 in Atlanta wurde die Fachwelt erstmals auf sie aufmerksam. Dabei führte der Frauenfußball in Japan lange Zeit ein Schattendasein. Erst Ende der 80er-Jahre wurde eine Frauenfußball-Liga gegründet. Mitte der 90er-Jahre galt die Liga als eine der stärksten der Welt, doch mit dem Konjunkturrückgang kam der tiefe Fall. Sponsoren zogen sich zurück und der Frauenfußball ging einer ungewissen Zukunft entgegen.

Zweite Heimat USA
Sawa fand damals eine neue Herausforderung in der US-Profiliga WUSA. Zunächst spielte sie für Colorado Rush, später ging sie in die WUSA-Historie ein, als sie für Atlanta Beat das erste Tor der Vereinsgeschichte erzielte. Trotz ihrer geringen Körpergröße bot sie den athletischen US-Fußballerinnen schon damals Paroli. Nach dem Zusammenbruch der WUSA kehrte sie nach Japan zurück, später gab sie ein erneutes zweijähriges Gastspiel bei Washington Freedom in der neuen US-Profiliga WPS.

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Homare Sawa

Krönt Homare Sawa ihre fünfte WM-Teilnahme mit dem Titel? © Zetbo / Framba.de

Mit Erfahrung zum WM-Titel?
Bei den Weltmeisterschaften 2003 in den USA und 2007 in China scheiterte das Team noch an seiner körperlichen Unterlegenheit, doch inzwischen hat die technisch versierte Mannschaft gelernt, mit athletischen Gegnern umzugehen, ist noch ausgeglichener besetzt und hat vor allem am Zweikampfverhalten und an den Standards gearbeitet, so dass vor allem das Tore schießen kein einfaches Unterfangen ist gegen die seit 2004 Nadeshiko genannte Nationalelf, deren Name sich von einer wild wachsenden rosafarbenen Nelke ableitet, die das japanische Frauenfußballideal verkörpert.

Sawa: „Werden Chancen erhalten“
Sawa ist sich sicher: „Auch die USA haben Schwächen und wir werden Chancen erhalten, Tore zu schießen.“ Und sollte Sawa und ihren Teamkolleginnen am Abend der ganz große Coup gelingen, darf man sich sicher sein, dass die Japanerinnen und dann auch Sawa ungewohnt lautstark ihrer Freude Ausdruck verleihen werden.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

4 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Heute Abend bin ich Japaner!

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  • Uwe sagt:

    Die heutige Nacht muss Homare Sawa wie ein süßer Traum vorkommen. Sie bringt Japan mit ihrem Tor ins Elfmeterschießen, bekommt eine Auszeichnung nach der anderen und zu guter Letzt noch den WM-Pokal. Aber selten hat jemand das alles so verdient wie sie. Eine große Spielerin, Spielführerin und Persönlichkeit. Man muss sich verneigen vor ihr.

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  • jeanwood sagt:

    Uwe, unterschreib. Da sind wir absolut einer Meinung.

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Das fantastische Ausgleichstor zum 2:2 hätte ich gar zu gern von vorn gesehen; aus dem spitzen Winkel und in der Schärfe macht ihr das so leicht keiner nach. Besser kann man seine einzigartige techn. Veranlagung nicht zur Geltung bringen und die Belohnung völlig zu recht vor einem Millionenpublikum in Empfang nehmen!

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