Die Tops und Flops der WM-Vorrunde

Von am 9. Juli 2011 – 13.10 Uhr 5 Kommentare

24 der 32 WM-Spiele sind vorbei, Anlass für uns die zehn Tops und Flops der WM-Vorrunde herauszupicken, darunter volle Stadien und gigantische Einschaltquoten, aber auch kolossale Fehlentscheidungen und sportliche Enttäuschungen.

Tops

Volle Stadien, hohe Einschaltquoten
597 644 Zuschauer haben die 24 Vorrundenspiele verfolgt, was einem Durchschnitt von 24 902 Besuchern pro Partie entspricht. 774 480 Eintrittskarten wurden bis heute verkauft. „Theoretisch können wir insgesamt 800 000 Karten absetzen. Das ist eine Weltsensation, das ist eine gewaltige Leistung“, so DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. Und auch an den TV-Schirmen hat sich die Frauen-WM zu einem Quotenrenner gemausert. So verfolgten 16,39 Millionen Zuschauer die Partie Deutschland gegen Nigeria, doch auch Partien ohne deutsche Beteiligung bringen es auf millionenstarke Werte, wie etwa 5,65 Mio. beim Duell USA gegen Schweden. Die Erwartungen von ARD und ZDF wurden damit um ein Vielfaches übertroffen.

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Begeisterte Fans

Begeisterte Fans beim WM-Eröffnungsspiel in Berlin © Zetbo / Framba.de

Schöne Tore, grandiose Assists
60 Treffer haben die 16 Mannschaften in den 24 Spielen erzielt – im Schnitt 2,50 Tore pro Spiel. Das sind deutlich weniger als 2007 in China (85/3,54), 2003 (81/3,38) und 1999 (98/4,08) in den USA. Ein Zeichen für die wachsende Ausgeglichenheit und verbesserte Abwehrarbeit aller Teams. Einige der Treffer waren sehenswert: So wird Ellen Whites Lob gegen Japan genauso in Erinnerung bleiben, wie Monica Ocampos Tor für Mexiko gegen England oder der Dreierpack von Japans Kapitänin Homare Sawa gegen Mexiko. Inka Grings zeigte gegen Frankreich, dass sie es auch mit dem Kopf kann und Marta erzielte gegen Norwegen nicht nur zwei Treffer, sondern bereitete in unnachahmlicher Manier einen weiteren vor. Prädikat: Weltklasse.

Denkwürdige Pressekonferenz mit Birgit Prinz
Es muss die medienscheue deutsche Rekordnationalspielerin Birgit Prinz eine ganze Menge Überwindung gekostet haben, nach zwei Auswechslungen und dem Verzicht auf eine Aufstellung im Spiel gegen Frankreich vor die versammelte Medienschar zu treten und die eigene Formkrise einzuräumen. Dazu zeigte sie Größe, als sie erklärte, es gebe wohl derzeit keinen Grund, einen Wechsel in der deutschen Offensive vorzunehmen. Menschlich stark, doch ungewöhnlich, dass die Kapitänin von Bord geht, während das Schiff noch auf hoher See ist.

Tanz- und Gesangseinlagen
Ob vor dem Spiel, nach dem Spiel oder nach einem Tor – Schwedens Nationalelf verzückte das Publikum mit einer ganz besonderen Tanzeinlage „Das ist einfach ein Tanz und ein Lied, das uns glücklich macht. Es kommt aus Frankreich, den Text kenne ich nicht so genau“, so Jessica Landström. US-Spielerin Megan Rapinoe zeigte nach ihrem Treffer zum 2:0 gegen Kolumbien, dass sie auch stimmlich einiges drauf hat. Sie schnappte sich am Spielfeldrand ein Mikrofon und schmetterte zur Erheiterung ihrer Mitspielerinnen den Bruce-Springsteen-Klassiker „Born in the USA“.

Erste WM-Punkte für Neuseeland und Kolumbien
Die neuseeländische Nationalmannschaft zeigte bei der WM in Deutschland eine beherzte Leistung. Gegen Japan und England setzte es knappe 1:2-Niederlagen, gegen Mexiko schien das Team erneut auf der Verliererstraße. Doch Rebecca Smith (90.) und Hannah Wilkinson (90.+4) sorgten für ein Remis und den ersten neuseeländischen Punkt bei einer WM. Den ergatterte auch WM-Neuling Kolumbien durch ein 0:0 im letzten Gruppenspiel gegen Nordkorea.

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Flops

Handspiel schreibt WM-Geschichte
Die 16. Minute im Spiel Australien gegen Äquatorialguinea hat unrühmliche WM-Geschichte geschrieben. Die ungarische Schiedsrichterin Gyoengyi Gaal  übersah, dass die afrikanische Abwehrspielerin Bruna den Ball sekundenlang im eigenen Strafraum mit beiden Händen festhielt. 15 640 Zuschauer in Bochum hatten die Aktion wahrgenommen, doch sowohl Gaal als auch ihren beiden Assistentinnen Cristina Cini und Natalie Aspinall fehlte der nötige Durchblick, das Spiel lief weiter. Die FIFA sah sich nach dem Spiel genötigt, eine offizielle Entschuldigung auszusprechen. Auch andere Schiedsrichterinnen gaben Anlass zur Kritik: Die Finnin Kirsi Heikkinen verteilte in der fairen Partie Deutschland gegen Frankreich übertriebene fünf Gelben Karten und einen Platzverweis, die Südkoreanerin Cha Sung Mi schien sie beim ruppigen Aufeinandertreffen zwischen Deutschland gegen Nigeria hingegen zuhause vergessen zu haben.

Äquatorialguinea

Äquatorialguinea sorgte für viel Wirbel © Marion Kehren / girlsplay.de

Äquatorialguinea sorgt für Negativschlagzeilen
Erst die Diskussion um angebliche Männer im Team, dann die Suspendierung von Jade Boho und der Ausschluss von den Olympischen Spielen 2012 in London – Afrikas Vizemeister war das Team, das für die meisten negativen Schlagzeilen sorgte. Und nach der dritten Niederlage im dritten Spiel erhob Brasiliens Trainer Kleiton Lima den nächsten schweren Vorwurf. Carol Carioca genannt „Carolina“ und Vania seien für Äquatorialguinea nicht spielberechtigt gewesen, weil sie unter Limas Amtszeit bereits für Brasilien gespielt hätten und damit laut FIFA-Statuten nicht hätten spielen dürfen.

Patzer und Peinlichkeiten
Bereits vor vier Jahren bei der Frauenfußball-WM in China standen die Torhüterinnen im Zentrum der Kritik und auch diesmal gab es einige krasse Patzer. Ob die Kolumbianerin Sandra Sepulveda, die Engländerin Karen Bardsley, Norwegens Ingrid Hjelmseth oder die Brasilianerin Andreia – die Qualität auf der Torhüterinnnen-Position lässt weiter zu wünschen übrig. Hauptproblem: Es gibt nach wie vor zu wenig spezialisiertes Torhüterinnen-Training und auch der Speedcell-Ball begünstigt nicht die Frauen auf der Nummer-Eins-Position: „Seitdem es diesen Ball gibt, sind alle Torhüterinnen um eine Klasse schlechter“, sagt Schwedens Torhüterin Hedvig Lindahl.

Blitzeinschlag und Dopingverdacht
Sportlich konnte das Team Nordkoreas bei der Frauen-WM nur eine Halbzeit lang gegen die USA überzeugen, dann begann die Talfahrt. Erst machte Trainer Kim Kwang Min einen Blitzunfall vor der WM für den Formeinbruch seiner Elf verantwortlich, dann wurde bei zwei seiner Spielerinnen eine verbotene Substanz entdeckt. Nordkorea verzichtete auf die Öffnung der „B-Probe“, was nahezu einem Schuldeingeständnis gleich kommt. Das Team reiste lieber schnell zurück in die Heimat, die FIFA wird über Sanktionen beraten.

Vorzeitiges WM-Aus für Norwegen und Kanada
Es ist bisher nicht gerade eine WM der Überraschungen, das vorzeitige WM-Aus Norwegens hatten zumindest nicht alle erwartet. Nach einem 1:0-Sieg gegen Äquatorialguinea und einer 0:3-Niederlage gegen Brasilien hatte es das Team von Trainerin Eli Landsem gegen Australien selbst in der Hand und ging durch Elise Thorsnes sogar in Führung, doch zwei Treffer von Kyah Simon besiegelten das Schicksal der Skandinavierinnen, die erstmals bei einer WM bereits nach der Vorrunde die Heimreise antreten müssen. Mit vollmundigen Ankündigungen war Team Kanada nach Deutschland gereist, nicht weniger als der WM-Titel sollte her. Doch nach drei Niederlagen (1:2 gegen Deutschland, 0:4 gegen Frankreich und 0:1 gegen Nigeria) reiste das Team ohne einen einzigen Punktgewinn zurück in die Heimat.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

5 Kommentare »

  • Rainer sagt:

    Zu den Torwartleistungen: Spontan denke ich, ob nicht manchmal die Kritiker Recht haben, die dafür sind, dass das Tor ein bisserl kleiner wird, weil 2,44 m Höhe und 7,32 m Breite halt für Männerfußball konzipiert worden sind. Manchmal scheint die Körpergröße und Sprungstärke eine Rolle zu spielen, wenn eine Torhüterin „schlecht aussieht“ bei einem Gegentreffer. Manuel Neuer hätte vermutlich den Freistoß von Sinclair gehalten oder weggeboxt, weil er halt schlichtweg 18 cm größer ist als Nadine und auch noch ein paar Kilo mehr Muskelmasse hat, mit Hilfe derer er weiter und höher springen kann. Bei einem kleineren Tor aber wäre die Entfernung geringer gewesen… Ist ein schwieriges Thema.

    Kanada, Norwegen und Nordkorea haben bitter enttäuscht, da hatte man wesentlich mehr erwartet.

    Die Schwedinnen überzeugen nicht nur durch ihre wirklich fantastische Tanzeinlage (bei der sich Josefine Öqvist offenbar nicht so ganz wohl fühlt…) sondern bislang auch durch eine so nicht erwartete starke Leistung. Für Bernd Schröder waren sie vor der WM (Fokus) einer der Topfavoriten. Der Mann kennt sich aus.

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  • Detlef sagt:

    Die Kritik an den Schiris teile ich zwar, aber bei Kirsi Heikinnen muß man dann auch zugeben, daß sie konsequent hart entschieden hat, gegen beide Teams!!!
    Über die Leistung der Südkoreanerin muß man glaube ich nichts mehr sagen!!!
    Aber vergleicht man zB die mM sehr gute Leistung einer Kari Seitz vom (inoffiziellen) Eröffnungsspiel (Frankreich-Nigeria), mit der vom Spiel Brasilien-Norwegen, wo sie keinen guten Tag hatte, so kann man die internationale Leistungsdichte auch nur schwer beschreiben!!!

    Die Torhüterposition ist nM nach der beste Indikator für den Leistungsstand einer FF-Mannschaft!!!
    Hier sind wohl in der Zukunft die größten Anstrengungen zu unternehmen, um den FF insgesamt noch leistungsfähiger zu machen!!!
    Viele Teams setzen hauptsächlich auf ihre Offensive, und vernachlässigen so die Abwehr und vor allem die Goaly-Position!!!
    Eine Verkleinerung der Tore, würde mM nach nur die jetzige Vorherrschaft der „Riesen“ betonieren!!!
    Torhüterinnen mit weit unter 1,70m, hätte dann zwar mehr Chancen, aber ihre „Riesenkolleginnen“ um so mehr, da dann auch die Offensive der „Zwerge“, es viel schwerer hätte ein Tor zu erzielen!!!

    Frage an Rainer,
    ist es wahr, daß die schwedische Nationalmannschaft nur 10 Tage Vorbereitung hatte???
    Dann wäre es um so bemerkenswerter, daß sie in der kurzen Zeit, noch einen „Lehrgang Jubeltänze“ mit unterbringen konnten!!!

    Zu den größten Enttäuschungen dieser WM, zählen bei mir Nordkorea und vor allem Kanada!!!
    Von Norwegen hatte ich nicht mehr erwartet!!!

    Überraschungsteam waren für mich die Spielerinnen aus Äquatorial-Guinea!!!
    Auch wenn sie erwartungsgemäß nur Gruppenletzte wurden, so hat mir ihr erfrischendes Spiel gefallen!!!

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  • Camulos sagt:

    Man hätte auch die Spielleistung von Prinz als Flop erwähnen könnten, wenn man schon glaubt ihren Aufritt bei der Pressekonferenz hätte so enorme bedeutung, dass er als Top erwähnt werden muss. (von sportliche Bedeutung ist er ja mal nicht)

    Aber dazu ist man halt doch ein wenig zu parteiisch, deshalb werden ja auch die Nordkoreanerinnen so abgewatscht. Das liegt ja nicht allein daran, dass sie unerlaubte Hilfsmittel benutzen, sondern daran, dass das dortige Regime einem missfällt.

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  • Jan sagt:

    Nach sehr gutem Abschneiden bei Turnieren in Mexiko, Brasilien, China u. Zypern war das sang- u. klanglose Ausscheiden Kanadas wohl ein Warnschuss vor den Bug für deren Heim-WM 2015. Möglicherweise hätten sie in einer anderen Gruppe das VF erreichen können.

    Positive Überraschung war Neuseeland mit insgesamt 4:6 Toren!

    Die Schiedsrichter-Fehlleistungen beschränkten sich übrigens nur auf den 2. Spieltag. Bei sehr engen Abseits-„Fehl“-Entscheidungen trifft die Schiris eigtl. keinerlei Schuld, weil nur das Video das entscheiden kann, nicht immer aber die menschliche Natur.

    zu Kirsi Heikkinen (3.Spieltag) stimme ich Detlef zu:
    – Ellenbogenstoß gegen den Kopf (egal ob Absicht od. nicht) = Gelb f. Goeßling
    – takt. Foul, von der Seite in die Beine gegrätscht = Gelb f. Bussaglia
    – zwar auch Ball getroffen, aber von der Seite in die Beine gegrätscht = Gelb f. Renard
    – mit 2 gestreckten Beinen voll in die entgegenkommende Spielerin = Rot f. Sapowicz
    – gut, dass Foul von Bajramaj (Gelb) sah im 1. Moment vllt. schlimmer aus als es war
    – zunächst zwar Ball getroffen, aber Tackling zuu riskant + anschl. Beinschere = Gelb f. Georges

    Lob also an Frau Heikkinen! Und außer dass sich Abily u. Peter nicht sonderlich zu mögen schienen, war’s ansonsten ein recht faires Spiel. Eigtl. sollte das Frankreich Zuversicht geben, denn die schwerste Prüfung haben sie hinter sich.

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  • Erich Lienhart sagt:

    Leserbrief

    Meine Freunde über dem großen Teich finden es amüsant und respektlos zugleich, daß wir die Übertragung von Großereignissen auf Großbildleinwänden als Public Viewing ( öffentliche Leichenschau ) feiern. Erfreulich, daß die Verballhornung nicht auf Dauer sein muß: Nachdem selbst die Redakteure des Hörfunksenders 1live ( Westdeutscher Rundfunk ) der unsinnigen Anglizismen überdrüssig waren, schritten sie zur Tat. 2008 riefen sie ihre Hörer auf, für Public Viewing einen deutschen Begriff zu finden. Aus einer Vielzahl von interessanten Vorschlägen machte die Wortschöpfung „ Rudelgucken“ von Kirstin Schieß aus Alfter das Rennen. Auch im Nachhinein findet sie ihren Beitrag noch immer großartig: „ Das Wort drückt ein Zusammengehörigkeitsgefühl aus, bezeichnet die Tätigkeit, die die Menschen ausüben und es klingt einfach süß.“
    Selbst die obersten deutschen Sprachhüter vom Duden waren begeistert: „Das Wort wird ab sofort im Deutschen Universalwörterbuch und bei Duden online geführt“, sagt Dr. Werner Scholze – Stubenrecht, Leiter der Duden – Redaktion. Das Wort hat laut Scholze – Stubenrecht eine lockere Art und entspricht der Sprache des Alltags: „Alle anderen Eindeutschungsversuche hatten bisher keinen messbaren Erfolg“.
    Mag der Begriff vielleicht noch ungewohnt über die Lippen kommen oder zum Schmunzeln verleiten : Nur Mut (liebe Redakteure ) zum Wort Rudelgucken, bei welchem es aber nicht bleiben muß, wenn uns mit dem regionalen Spürsinn noch Besseres einfällt.

    Mit der Bitte um Wiedergabe in Ihrer Zeitung.

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