Frauen-WM 2011: Wer holt sich den Titel?

Von am 26. Juni 2011 – 15.35 Uhr

„Es gibt ganz viele Gegner, die in der Lage sind, diesen Weltmeistertitel zu gewinnen“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid. „Es war noch nie so schwer, Weltmeister zu werden“, sagt US-Stürmerin Abby Wambach. Womensoccer wirft einen Blick auf die Ausgangssituation im Turnier und hat einige prominente Opfer ausgemacht.

In einem scheinen sich viele Beobachter vor Frauen-WM in Deutschland einig zu sein: Deutschland ist Topfavorit auf den Titel. „Deutschland und Deutschland“, antwortete Frankreichs Trainer Bruno Bini auf die Frage nach seinen Favoriten für die Titelkämpfe in Deutschland. Der Respekt vor der DFB-Elf ist in den anderen Ländern enorm. Mit Recht, denn die deutsche Auswahl ist in der Breite stärker, als die, die vor vier Jahren in China ohne einen Gegentreffer den Titel gewann.

Zwar unterscheidet sich die Stammelf nicht allzu sehr von der beim EM-Titelgewinn vor zwei Jahren in Finnland, doch vor allem auf der Ersatzbank hat das Niveau kräftig angezogen, wohl keine andere WM-Elf verfügt über einen derart ausgeglichenen Kader auf allen Positionen. Ob Alexandra Popp, Célia Okoyino da Mbabi, Lena Goeßling oder Ariane Hingst – die Alternativen auf der Bank sind schier unerschöpflich. Zwar ist die DFB-Elf in ihrem Abwehrverhalten nicht immer sattelfest, doch die Stärke im defensiven wie offensiven Mittelfeld sowie Angriff dürfte die Gegner über weite Strecken einer Partie beschäftigen.

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Weiterführende Links:

Gruppe A: Deutschland, Kanada, Frankreich, Nigeria
Gruppe B: England, Japan, Mexiko, Neuseeland
Gruppe C: USA, Schweden, Nordkorea, Kolumbien
Gruppe D: Brasilien, Australien, Norwegen, Äquatorialguinea

Hinzu kommt eine eiserne Fitness, die in der dreimonatigen Vorbereitung genauso gestählt wurde, wie die Feinarbeit zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Das deutsche Team kann über 90 Minuten Tempo machen und nur wenige Gegner werden in der Lage sein, diesem Druck über die gesamte Dauer der Spielzeit stand zu halten bzw. in der Lage sein, eigene Akzente zu setzen. Hinzu kommen der Heimvorteil und ausverkaufte Stadien, in denen die Spielerinnen beflügelt von den Zuschauern das letzte aus sich herausholen werden.

Womensoccer-Tipp: Deutschland wird Weltmeister

Ein Fragezeichen steht hinter dem Leistungsvermögen des Weltranglistenersten USA. Nach der Niederlage gegen Mexiko im Halbfinale der CONCACAF-Meisterschaft qualifizierte sich das Team von Trainerin Pia Sundhage erst über die Play-offs für die WM. Die Amerikanerinnen stellen mit 27,09 Jahren die im Durchschnitt älteste Mannschaft, die zweitälteste die je an einer Frauen-WM teilgenommen hat. Doch können Christie Rampone, die am Freitag ihren 36. Geburtstag feiern wird, Shannon Boxx (34) und Abby Wambach (31) noch ein ganzes Turnier auf hohem Niveau durchspielen, gegen jüngere Spielerinnen, die fitter und antrittsschneller sind und zwischen den Spielen schneller regenerieren? Abwehrchefin Rampone wird im Turnier mehr zu tun bekommen, als ihr lieb ist. Mit purer Athletik werden die USA kein Turnier mehr gewinnen, die Leistung von Boxx war im vergangenen Jahr schwankend. Und auch die Durchschlagskraft von Wambach ließ zu wünschen übrig. Ab der K.-o.-Runde dürfte das US-Team zunehmend Probleme bekommen.

Womensoccer-Tipp: Die USA erreichen das Halbfinale

Wie vor jedem großen Turnier in der Vergangenheit zählt Brasilien auch diesmal wieder zum Favoritenkreis. Angeführt von Marta will sich das Team endlich den Traum vom ersten großen Titel erfüllen. „Es ist an der Zeit“, so die fünffache Weltfußballerin. Doch die Brasilianerinnen haben das Problem, nur selten gegen die Topnationen Spiele zu bestreiten. Seit dem Finale des Olympischen Fußballturniers 2008 in Peking gegen die USA hat das Team von Trainer Kleiton Lima kaum noch eine Partie auf höchstem Niveau bestreiten müssen. In diesem Jahr stehen nur ein 3:0-Sieg gegen Chile zu Buche und ein 4:1 gegen eine Regionalauswahl Pernambucos, nachdem das ursprünglich geplante Testspiel gegen Argentinien wegen des Vulkanausbruchs in Chile abgesagt werden musste, da die argentinische Mannschaft nicht anreisen konnte. Erst fünf Tage vor dem WM-Auftakt gegen Australien reiste das Team nach Deutschland an. An der individuellen Klasse der Spielerinnen gibt es keinen Zweifel, doch reicht die, um gegen eingespielte Teams auf höchstem Niveau bestehen zu können?

Womensoccer-Tipp: Brasilien erreicht das Halbfinale

Heimlich, still und leise hat sich die französische Nationalmannschaft in den vergangenen zwei Jahren nach oben gearbeitet. In der WM-Qualifikation schossen die Französinnen 50 Treffer und mussten keinen einzigen Gegentreffer hinnehmen. Erst in den Play-off-Spielen gegen Italien (0:0 und 3:2) musste die französische Torhüterin erstmals hinter sich greifen. Mit zehn Spielerinnen von Champions-League-Sieger Olympique Lyonnais und fünf von Vizemeister Paris Saint-Germain setzt Trainer Bruno Bini ganz auf die beiden Topteams der Liga. Spielerinnen wie Camille Abily oder Sonia Bompastor stehen am Glanzpunkt ihrer Karriere, im Sturm haben die Französinnen in der pfeilschnellen Elodie Thomis und den beiden jungen Eugenie Le Sommer und Marie-Laure Delie echte Trümpfe in der Hand. Der Kader ist in allen Mannschaftsteilen ausgeglichen gut besetzt und die Elf hat das Potenzial, in Deutschland zu einer echten Überraschung zu werden.

Teamfoto der deutschen Nationalelf

Die DFB-Elf ist Topfavorit auf den WM-Titel © Frank Scheuring

Womensoccer-Tipp: Frankreich wird Vize-Weltmeister

Vize-Europameister England hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt und sind in ihrer Vorrundengruppe favorisiert. Ab der K.-o.-Runde wird aber ein andere Wind wehen, im Viertelfinale würde auf das Team von Trainerin Hope Powell ein Gegner aus der starken deutschen Gruppe A warten. In der Vorwärtsbewegung haben die Engländerinnen angeführt von der überragenden Kelly Smith eine ihrer großen Stärken, doch die Abwehr dürfte gegen starke Teams Probleme bekommen.

Womensoccer-Tipp: England erreicht das Viertelfinale

In der WM-Qualifikation ließ Mexiko mit dem 2:1-Sieg gegen die USA aufhorchen, der das WM-Ticket sicherte. Bekannteste Spielerin im Team ist Stürmerin Maribel Dominguez, die in ihrem letzten großen Turnier noch einmal glänzen will. Gegen die Mexikanerinnen spricht die mangelnde Erfahrung, für sie, dass sie in Leonardo Cuéllar wohl einen der besten Trainer bei dieser WM haben. Die Vorrunde kann Mexiko überstehen, doch danach ist Schluss.

Womensoccer-Tipp: Mexiko erreicht das Viertelfinale

Asiens Vizemeister Nordkorea deutete in Ingolstadt bei der 0:2-Niederlage gegen Deutschland an, wozu das Team in der Lage ist. Das gepflegte Kurzpassspiel gepaart mit Athletik dürfte in der Vorrunde so manchem Gegner zu schaffen machen. Allerdings ist das nordkoreanische Spiel auch wenig variabel und berechenbar, ein Top-Team mit offensiven Möglichkeiten sollte die Asiatinnen in Schach halten können.

Womensoccer-Tipp: Nordkorea erreicht das Viertelfinale

Norwegen verlor in der Vorbereitung gegen Deutschland, gewann danach gegen die USA. Viel wird davon abhängen, wie schnell Ingvild Stensland wieder zu ihrer alten Form finden kann. Das kompakte Team von Eli Landsem sollte dazu in der Lage sein, die Vorrunde zu überstehen, doch wir haben Zweifel, dass das Team ein ernsthafter Konkurrent für mehr ist.

Womensoccer-Tipp: Norwegen erreicht das Viertelfinale

Acht andere Teams werden bereits nach der Vorrunde die  Heimreise antreten müssen, unserer Meinung nach auch namhafte Teams wie Japan, Schweden und Kanada. Spielerisch verfügen die Japanerinnen über eine große individuelle Klasse, doch die Vorbereitung war aufgrund der Vorfälle in Japan von schwierigen Trainingsbedingungen überschattet, so dass manche Trainingseinheit wegen Strom- und Flutlichtmangels ausfallen. Auch in puncto Kondition und Ausdauer hatten die Japanerinnen in der Vergangenheit Probleme, so dass sie eines der prominenten WM-Opfer werden könnten.

Auch den hoch gelobten Teams aus Kanada und Schweden droht ein frühes Aus. Die Kanadierinnen dürften in ihrer Gruppe den starken Gegnern Tribut zollen müssen, denn offensiv ist der CONCACAF-Meister deutlich stärker als defensiv, gegen schnelle Spielerinnen wird es das Team schwer haben. Auch für Schweden stellt sich die Situation nicht leicht dar. Bis kurz vor Turnierbeginn mangelte es noch an der Feinabstimmung, Stina Segerström dürfte in der Defensive schmerzlich vermisst werden. Das Spiel gegen Nordkorea dürfte zum Schüsselspiel werden, doch für uns haben die kombinationssicheren Nordkoreanerinnen die Nase vorn. Die WM-Neulinge Kolumbien und Äquatorialguinea werden aufgrund ihrer mangelnde Erfahrung keine Chance auf die K.-o.-Runde haben, auch Nigeria, Neuseeland und Australien werden es schwer haben, wobei wir letzteren mit etwas Glück auch den Sprung unter die letzten Acht zutrauen.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.