Linienrichterin für zwei Minuten

Von am 24. Juni 2011 – 6.00 Uhr 7 Kommentare

„Und, Nora, willst du es versuchen?“ Ich gucke Alex Stone von der FIFA etwas skeptisch an, aber drücken möchte man sich ja auch nicht. Also gehe ich mutigen Schrittes in Richtung einiger WM-Schiedsrichterassistentinnen, die gerade das Erkennen von Abseitssituationen üben. Ich bekomme eine Fahne überreicht und darf zeigen, was ich drauf habe.

Sonia Denoncourt, zuständig für die Schiedsrichterinnen bei der FIFA, strahlt mich an – und ich denke  zunächst noch, im letzten Augenblick dieser Übung entkommen zu können, schließlich ist Tempa Ndah Francois gerade voll in Aktion. „Kein Problem“, sagt Sonia und weist die Beninerin an, mir ihre Fahne zu geben. Gesagt, getan.

Zeichensprache
Chefin der Übungseinheit ins Ingrid Jonsson. Die Schwedin ist die oberste Instanz und sagt, ob Abseits oder nicht bzw. „Daumen runter“ für „Du liegst falsch“ und „Daumen hoch“ für „richtig erkannt.“ Mit einer Gruppe von etwa zehn FIFA-Schiedsrichterassistentinnen im Rücken stehe ich nun am Spielfeldrand, und drei männliche Jugendspieler vollziehen ihre Spielzüge.

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Auftakt nach Maß
Nummer eins… kein Abseits, oder doch? Ich lasse meine Fahne erstmal unten und schaue zweifelnd zu Ingrid. Die Daumen gehen nach oben. Puh, wenigstens nicht gleich beim ersten Versuch versagt. Nummer zwei… Abseits! Meine Fahne geht hoch – und Ingrids Daumen auch. Das ist ja alles gar nicht so schwer. Ich hab‘ Talent! Nummer drei… Abseits! Ich hebe die Fahne – und Ingrids senkt die Daumen. „What?!“ Niemals… Gelächter. Nummer vier… der ist gut, kein Abseits… Doch, sagen die Daumen. Gibt’s doch gar nicht… Mein wunderbarer Vorsprung ist dahin, in meinem Rücken höre ich Sonia lachen.

Ingrid Jonsson gibt unmissverständliche Signale - aber immer mit einem Lächeln. © Nora Kruse, ff-archiv.de

Aufhören, wenn’s am schönsten ist
Aber ich bin ja froh, dass sie nur lacht. Bei einem Training in der Algarve hat sie eine Schiedsrichterassistentin, die mehrfach das Abseits falsch angezeigt hatte, mal zu 20 Liegestütze verdonnert. Ganz offensichtlich ist sie mit mir nachsichtiger. Danke. Also Versuch Nummer fünf. Abseits! Ich schaue fragend zu Ingrid. Puh, die Daumen gehen nach oben… 3:2. Positive Bilanz. „Wenn man gewinnt, soll man aufhören“, sage ich zu Tempa Ndah Francois und gebe ihr die Fahne nach dieser spaßigen Einheit zurück. Und ja, natürlich haben die Schiris erreicht, was sie wollten: Zeigen, dass der Job ziemlich anspruchsvoll ist, wenn man man keine fünf Zeitlupenwiederholungen zur Verfügung hat.

1.000 Entscheidungen pro Spiel
„Die Schiedsrichterinnen müssen pro Spiel etwa 1.000 Entscheidungen treffen“, erklärt Sonia. „Nicht zu pfeifen ist auch eine Entscheidung.“ Die Ex-Schiedsrichterin, die unter anderem das legendäre Halbfinale zwischen Deutschland und den USA bei der Weltmeisterschaft 2003 leitete, erklärt weiter, dass eine Unparteiische pro Partie etwa 10 bis 15 Kilometer zurücklegt, ihre Assistentinnen zwischen sechs und neun.

In Frankfurt herrscht schönster Sonnenschein, und die Franko-Kanadierin nimmt sich Zeit. Sie ist nicht einsilbig, sondern gibt auf jede Frage noch Zusatzinformationen – das kommt an, eine Runde von etwa zwölf Journalisten fragt sie ungefähr 25 Minuten aus.

Viele Trainer für die Unparteiischen
15 Leute hat sie in ihrem Team. „Die Schiedsrichterinnen haben die gleichen Bedürfnisse wie Spielerinnen. Wir brauchen Technik- und Fitnesstrainer, Psychologen, Masseure und Spieler, die Situationen simulieren und so weiter.“ Ich blicke über das Feld, auf dem 51 Schiedsrichterinnen mit ihren Trainern arbeiten, und frage, wie sie diese Möglichkeiten heute im Vergleich mit ihrer eigenen aktiven Zeit sieht.

Gefragte Gesprächspartnerin: Sonia Denoncourt. © Nora Kruse, ff-archiv.de

Früher auf sich allein gestellt
„Ein Unterschied wie Tag und Nacht“, antwortet Sonia. „Wir kamen früher natürlich so fit wie möglich zu den Turnieren. Aber es gab kein Training, keine Unterstützung, kein Feedback. Heute ist das ganz anders.“ Ich möchte mehr wissen; „Wie sieht ein Tag während des Turniers aus?“ Dies richte sich nach dem Schiedsrichtergespann und dem jeweiligen Zeitpunkt eines Einsatzes, „aber morgens sind wir immer zwei bis drei Stunden hier auf dem Platz, nachmittags ist Videoanalyse.“

Harmonie in der Gruppe
Auf dem Platz herrscht beste Laune, es ist Gelächter zu hören – wie eigentlich immer, wenn man die Gruppe der Unparteiischen zusammen sieht, die überall wie ein Team auftritt. „Das ist die beste Gruppe, die wir je hatten“, schwärmt Sonia, und die Harmonie in der Mannschaft sei mit ein Grund dafür. „Natürlich wollen alle das Eröffnungsspiel oder das Finale leiten, aber es herrscht keine Eifersucht – und was immer passiert, sie würden sich gegenseitig unterstützen.“

Von 550 auf 51
Mit dem Ende der Weltmeisterschaft 2007 hat das Team um Sonia Denoncourt angefangen, an der Auswahl für 2011 zu arbeiten. „Es gibt 550 Schiedsrichterinnen und Assistentinnen, die wir zu Turnieren eingeladen haben. Von Jahr zu Jahr wurde die Gruppe kleiner. 2009 waren es noch 100 Leute, beim Algarve Cup in diesem Jahr 62. Sie mussten mehrfach im Jahr Fitnesstests absolvieren, Englischtests, letzte Woche einen medizinischen Check. Alles in allem hat uns das eine Menge Daten gegeben, um die 51 besten auszuwählen.“

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7 Kommentare »

  • ballander sagt:

    die übungseinheit wäre mal was für alle fans 😉

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  • Jennifer sagt:

    HAHA, ich habe gerade genau das gleiche gedacht. Besonders für die, die hier nach jedem Spiel am Rumjammern sind … Danke, Nora für diesen mal etwas anderen Bericht.

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  • Schnappa sagt:

    Ich hab auch mal das zweifelhafte Vergnügen gehabt, bei einem Trainingsspiel(!) zwischen unserer 2. Mannschaft und den Alt-Herren eine (!!!) Halbzeit lang als Schiedsrichter zu fungieren. Danach hat sich meine Sichtweise sehr geändert, ich hatte nach 45 Minuten den Kaffee auf. War zwar nur ein Trainingsspiel, aber gerade die alten Herren machen da keinen Unterschied und reklamieren pausenlos.
    Als Jugendbetreuer hab ich es immer vermeiden können, einzuspringen, wenn kein Schiedsrichter angesetzt war. Nach dieser traumatischen Erfahrung war das Thema für mich erledigt. 😉
    Von daher erst mal grundsätzlich RESPEKT vor jedem, der sich für den Schiri-Job entscheidet!!!

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  • labrys sagt:

    Danke für diesen Artikel. Den Job der Schiedsrichterin würd ich nie im Leben übernehmen, man kann es ja nie allen Recht machen 😉 Deshalb Respekt 🙂

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  • Garrincha sagt:

    @ ballander

    … und für alle Trainer….

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  • berggruen1 sagt:

    Und dennoch werden wir uns alle beim nächsten Spiel wieder über den schlechten Schiri aufregen 😉 und das ist – bei allem Respekt vor der großartigen Leistung der Unparteiischen – auch gut so, denn sonst gäbe es viel weniger Emotionen im Spiel (was natürlich in keiner Weise Attacken, verbaler oder physischer Art, rechtfertigt).
    Wir haben früher im Sportunterricht alle einmal die Pfeife in der Hand gehabt, sei es beim Basketball, beim Fußball oder beim Hockey. Da merkt man ganz schnell, worauf es ankommt und wie schwer es ist, blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen…

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  • Detlef sagt:

    Schiedsrichter ist eben ein Job, den nicht jeder „Dahergelaufene“ machen kann!!!
    Und deshalb müssen sie besonders gut ausgebildet werden!!!
    Auch sie müssen Kritik vertragen und annehmen, genau wie jede Spielerin oder jede/r TrainerIn!!!
    Und die Schiedsrichterinnen müssen für ihren verantwortungsvollen Job endlich vernünftig bezahlt werden!!!
    So gäb es auch genügend Nachwuchs!!!

    Auch wenn ich mich da wiederhole, öftere und bessere TV-Übertragungen würden auch die Schiedsrichterleistungen in der BuLi enorm verbessern!!!

    Dafür wird diese WM ein ganz guter Prüfstein werden, da ja sehr viele Kameraperspektiven darüber Auskunft geben werden, wie gut die Schiri-Frauen wirklich leiten!!!

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