Schaulaufen statt Erkenntnisgewinn

Von am 26. November 2010 – 12.19 Uhr 12 Kommentare

„Nigeria wird uns in allen Belangen fordern“, so die Einschätzung von Bundestrainerin Silvia Neid vor dem Duell gegen den Afrikameister. Doch es kam alles ganz anders. Der Gegner taugte gerade mal als Sparringspartner und lieferte nur wenige Aufschlüsse über Schwachstellen im deutschen Team.

„Die haben doch nur geblufft“, so die erste ungläubige Einschätzung von Torhüterin Nadine Angerer nach dem unerwartet hohen 8:0-Erfolg gegen die Nigerianerinnen, gegen die man sich in der Vergangenheit zumeist schwer tat. „Die haben nicht geblufft, sonst hätten sie sich auf dem Feld nicht so angeschrien“, meinte hingegen Fatmire Bajramaj. Ob Bluff oder nicht, die Bundestrainerin konnte mit der Leistung ihres Teams hoch zufrieden sein, wusste aber das Ergebnis richtig einzuschätzen. „Nigeria wird sich hier im Sommer anders präsentieren.“

Nigeria als Sparringspartner
Der erst vor gut zwei Wochen frisch gekürte Afrikameister wirkte von Beginn an wie ein Boxer, der nur gekommen ist, um sich die Antrittsprämie abzuholen. „Wir haben früh drei Tore gemacht, so dass ich das Gefühl hatte, dass Nigeria keine große Lust mehr hatte“, so Neid. Und Kerstin Garefrekes fügte an: „Die hatten massive Probleme mit dem Untergrund, sind viel gerutscht und hatten kein gutes Schuhwerk, das hat es für uns einfacher gemacht.“

Anzeige

Müdigkeit und Kälte
Nigerias ernüchterte Trainerin Eucharia Uche schien das Desaster schon vorher geahnt zu haben: „Es war ein einseitiges Spiel, vieles ist gegen uns gelaufen. Ich hätte diese Einladung nicht angenommen, denn nach der Afrika-Meisterschaft waren wir ziemlich müde. Außerdem hatten wir Probleme mit dem Wetter. Aber wir wollten dieser Einladung unsere Ehre erweisen und Deutschland nicht enttäuschen.“ Dies taten sie dann allerdings mit ihrer Spielweise, denn schon nach wenigen Minuten war die Partie entschieden.

Konsequente Chancenverwertung
Die deutsche Elf präsentierte sich im Vergleich zum Länderspiel gegen Australien verbessert, nahm früh das Heft in die Hand, bestach durch Zweikampfstärke und verwertete die sich bietenden Torchancen konsequent. „Wir haben heute viel besser gespielt und als Team hervorragend zusammengearbeitet“, erklärte Neid. Und so kann die deutsche Elf nach den Erfolgen gegen Kanada, Australien und Nigeria zufrieden ins neue Jahr gehen. „Unser Ziel war es, die Länderspiel in diesem Jahr alle zu gewinnen, das ist uns gelungen“, so das positive Fazit von Garefrekes. Dennoch weiß auch sie, dass noch viel Luft nach oben ist.

Verena Faißt

Verena Faißt bestritt ihr erstes Länderspiel über 90 Minuten © Sven-E. Hafft /girlsplay.de

Lob für Faißt, Hingst und Goeßling
Ein besonderes Lob von der Bundestrainerin erhielt Verena Faißt, die ihr erstes Spiel über 90 Minuten in der Nationalmannschaft bestritt. „Sie hat mir schon im Training gut gefallen, deswegen durfte sie auch beginnen. Sie hat alle Vorgaben umgesetzt und sie ist eine Spielerin mit sehr vielen Perspektiven.“ Auch Ariane Hingst und Lena Goeßling hob Neid hervor: „Hingst war besonders stark auf der Sechserposition und hat gut mit Laudehr gearbeitet, gut in die Tiefe gespielt und ihre Mitspielerinnen gecoacht. Goeßling war sehr aufmerksam und hat die langen Bälle gut erkannt.“

Schlagwörter:

Leicht und locker
Die starke Inka Grings musste wegen Leistenproblemen, die sie sich bei ihrem Weitschusstor zuzog, früh das Feld räumen, ihr Einsatz im Bundesligaspiel gegen Bayern München am Sonntag ist in Gefahr. Die Frankfurterinnen konnten hingegen nahezu über die gesamte Spielzeit zeigen, dass sie die gute Form auch mit in die DFB-Elf genommen haben. „Natürlich ist es einfacher, als Tabellenführer zur Nationalmannschaft zu kommen. Spaß am Fußball hatte ich immer, aber wenn es mit Siegen belohnt wird, ist es natürlich noch mit einer anderen Lockerheit und Leichtigkeit verbunden.“

Halbes Jahr Länderspielpause
Fast ein halbes Jahr lang wird es nun dauern, bis am 21. Mai 2011 das nächste Länderspiel auf dem Programm steht, da man sich dazu entschlossen hat, nicht am Algarve Cup teilzunehmen. „Wir nehmen daran nicht teil, weil wir im April mit der Vorbereitung beginnen. Wir mussten uns entscheiden, wir hätten nur vier Wochen Vorbereitungszeit gehabt, aber es ist besser, wenn die Saison früher endet“, so Neid. Die Testspielgegner fürs kommende Jahr stehen noch nicht fest. „Wir wollten erst einmal abwarten, wer in unserer Gruppe ist, und uns dann um entsprechende Gegner kümmern.“

Kampf um den Platz im Kader
Im kommenden Jahr wird man mit 22 Feldspielerinnen und 4 Torhüterinnen in die WM-Vorbereitung gehen, ehe später der 21 Spielerinnen umfassende WM-Kader aus 18 Feldspielerinnen und 3 Torhüterinnen benannt werden wird. Auch wenn der überwiegende WM-Kader in Neids Hinterkopf schon feststeht, werden die letzten zu vergebenden Plätze heiß umkämpft sein. „Es liegt an den Spielerinnen, wir werden sie weiterhin beobachten, es gibt viele, die noch gute Chancen haben.“

Auch Zweitligaspielerinnen haben Chance
Sogar die Nominierung von Zweitligaspielerinnen ist offenbar nicht ausgeschlossen, wie die Nachnominierung von Torhüterin Almuth Schult vom Magdeburger FFC gezeigt hat. „Schult ist nicht umsonst U20-Weltmeisterin geworden, deswegen haben wir sie nachnominiert. Für uns ist primär die Leistung wichtig, und wie sie sich weiterentwickeln könnte. Für uns hat sie Perspektive, wenn sie weiter hart an sich arbeitet“, erklärt Neid.

Tags:

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

12 Kommentare »

  • Christiane Osterhaus sagt:

    Dass jetzt ein halbes Jahr Länderspiel-Pause herrscht, hat einen guten Neben-Effekt: Man kann bei der Orga üben. Misstände waren offensichtlich:
    Die Werbung für das Spiel war wenig erfolgreich: Die (angeblich) 8.000 Zuschauer kamen sich in der schönen Arena ziemlich verloren vor. Stimmung kam da wenig auf. Die Welle am Ende der zweiten Halbzeit war eine Aufwärm-Übung.
    Wer mit dem Auto anreiste, hatte riesige Probleme: Die Autobahnen – rund um den Feierabend natürlich vollkommen verstopft. Leverkusen-City ebenso.
    Wer dann in den Shuttle-Bus umstieg brauchte erneut viel Geduld: Der brauchte nämlich mehr als 30 Minuten, bis er endlich am Stadion eintraf – Eine unsinnig lange Stadtrundfahrt (einmal alle Stadtteile besuchen) inclusive!
    Wer dann (natürlich erheblich verspätet) am Stadion eintraf, hatte Probleme, noch Tickets zu bekommen bzw. bekam nur noch teure angeboten, weil das Verkaufspersonal schon größtenteils dicht gemacht hatte. Man sollte allen Ernstes €35 für eine Halbzeit zahlen! Das Wachpersonal hingegen war zahlreich vertreten und nahm den Kindern auch noch die letzte Mini-Flasche binoade weg.
    Es gäbe noch viel mehr zu erzählen…
    Ergo: Dringend die kommenden sechs Monate zum Üben nutzen, sonst macht sich statt Sommerfieber der Orgafrust auch bei der WM breit!

    (0)
  • laasee sagt:

    8:0 is nice for the record books but that is all. Playing Nigeria in the cold of November was not intelligent.
    Neid has learned nothing about Nigeria and nothing about her team and therefore it was a waste of time playing the game.
    If Germany and Nigeria meet in WM2011 then the motivation will be with the African players.

    (0)
  • Dirk sagt:

    es wäre schön, wenn Frau Neid aufhören würde, ständig davon zu reden, dass die Leistung primär über eine Nominierung entscheiden würde… Dummerweise ist es nur zu offensichtlich, dass Leistung die geringste Rolle beim Damen-DFB spielt…

    (0)
  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Ich würde mir für das Geld auch die Bude vollhauen lassen; bin für Angebote offen! 😀

    (0)
  • wfm sagt:

    Ich finde S. Neid sollte zurücktreten und Dirk dann ihr Nachfolger werden, damit endlich nicht mehr so eine Gurkentruppe auf dem Platz steht.

    (0)
  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Da mein Vorschreiber keinen Smiley gesetzt hat, stimme ich dem mal zu und gebe gleichzeitig meine Bewerbung für den Co-Trainerjob ab, damit wenigstens eine Frau in der Führungsriege vorkommt. Anstelle der Frau, deren Ball immer weg ist… 😉

    (0)
  • Pele sagt:

    @Dirk
    Welche Spielerinnen fehlen Deiner Ansicht nach im Kader,
    die SN aufgrund der Leistungsstärke berücksichtigen müsste?
    Für mich (und ggf. für andere auch) ist dies nicht ganz so offensichtlich.

    (0)
  • wfm sagt:

    @Schenschtschina Futbolista
    Ich weiß ja nicht, ob man die Unsitte des Fernsehens übernehmen muss, vor jeder Satiresendung anzudrohen: Achtung Satire!
    Ob es mit Deiner Bewerbung was werden kann? Quote is nich! Jetzt zählt nur noch Leistung, Leistung Leistung! Darüber entscheidet dann Dirk.

    (0)
  • Jan sagt:

    Das Positive überwiegt dennoch bei weitem:
    – eine überlegene Spielanlage (Sollen USA od. Brasilien erstmal 8 Tore schießen.)
    – Es wurden Chancen herausgespielt und meist verwertet.
    – Man konnte gut Selbstvertrauen tanken.

    Ob’s bei L.Goeßling in Hz.1 nur ein mentales Problem war? In Hz. 2 spielte sie ja locker auf.
    Ecken waren allerdings recht harmlos. Aber die kann man ja zuletzt trainieren – reicht ja, wenn sie in den letzten 5 Minuten vom Finale klappen. 😉

    (0)
  • Dirk sagt:

    Liebe Vorschreiber,

    danke, aber das ist mir doch zu viel der Ehre 🙂 Schaut mal nach, in welchem der Absätze des Artikels das „Leistungsprinzip“ erwähnt wird und dann könnte es passieren, dass Ihr heraus finden werdet, wen ich meine 🙂

    Und dann überlegen wir mal gemeinsam, ob es keine Spielerin mit höherer Qualität in der Bundesliga gibt, als Almuth Schult… Bei der (mittlerweile nahezu unstrittig) talentiertesten unseres Landes wird ja lieber Macht und Stärke des DFB demonstriert als das Leistungsprinzip zu wahren. Aber das kennen wir ja auch schon aus älteren Fällen…

    Das gegen Nigeria eine Gurkentruppe auf dem Platz stand, habe ich nirgendwo behauptet. Und wenn ich dann doch den Job bekommen sollte, wäre leider auch die Nationalmannschaftskarriere von Saskia Bartusiak beendet.

    Also, nun werfet weiter mit Steinen 😀

    (0)
  • FFFan sagt:

    @ Dirk:

    Das Leistungsprinzip hochzuhalten ist sicherlich nicht verkehrt, aber man sollte es auch nicht verabsolutieren. Im Mannschaftssport sind auch Dinge wie Teamfähigkeit und Verlässlichkeit wichtig.

    (0)
  • Dirk sagt:

    ach so, Danke 🙂

    (0)

1 Pingbacks »

  • […] Die Nationalelf überrollte in Leverkusen den frisch gebackenen Afrikameister Nigeria mit 8:0, Erkenntnisse ließen sich aus dem Erfolg nur in bescheidener Größenordnung ziehen. […]