Malmö souveräner Meister, Aufsteiger überrascht

Von am 22. Oktober 2010 – 8.32 Uhr 1 Kommentar

Was schon seit gut einem Monat mathematisch feststand, wurde am vorigen Samstag nun auch offiziell: Schwedens neuer Meister heißt nach einem klassischen Durchmarsch LdB FC Malmö. Während in der schwedischen Liga einige namhafte Teams für negative Schlagzeilen sorgten, setzte ein Aufsteiger zum Höhenflug an – auch dank einer deutschen Spielerin.

3 500 Zuschauer waren gekommen, um das letzte Heimspiel Malmös in dieser Saison und die anschließende Meisterfeier mitzuerleben. Nur Nebensache eigentlich, dass man den Rekordmeister Umeå IK mit 5:0 locker besiegte. Wobei die zweifache Torschützin, die Niederländerin Manon Melis, auch gleich noch den Titel der Torschützenkönigin errang – mit immerhin 25 Treffern in 22 Partien. Verbandspräsident Lars-Åke Lagrell und seine für Frauenfußball zuständige Stellvertreterin Susanne Erlandsson überreichten den nach Kronprinzessin Viktoria benannten Pokal an Mannschaftskapitänin Malin Levenstad.

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Manon Melis

Manon Melis, treffsichere Stürmerin aus den Niederlanden ©Rainer Fussgänger

Malmö deklassiert Konkurrenz
Mit elf Punkten Vorsprung auf den Zweiten aus Göteborg und gar 19 Punkten auf Titelverteidiger Linköping distanzierte die Mannschaft von Trainer Martin Sjögren die Konkurrenz. Und bewies, dass man in der Lage ist, seine Nerven im Zaum zu halten. Im Vorjahr war man noch mit dem klar stärksten Kader im entscheidenden Moment gescheitert. Da gab es dann die Vertragsauflösung mit Coach Jörgen Pettersson, der einen Vertrag in Linköping unterschrieb und dort wieder ”nur” Dritter wurde. Aber Linköping hatte es personell nicht einfach – die überragende Caroline Seger wurde als Nummer 1 in die US-Profiliga WPS nach Philadelphia gedraftet und Kosovare Asllani sowie Jessica Landström folgten. Man bekam zwar die pfeilschnelle Finnin Linda Sällström und Josefine Öqvist feierte ein gelungenes Comeback nach Verletzungen und Schicksalsschlägen, aber das reichte nicht.

Emporkömmling Tyresö
Linköping ging als Dritter geschlagen ins Ziel und rettete sich im Fotofinish vor der neuen Hoffnung des schwedischen Frauenfußballs – Tyresö FF. Sportchef Hans Löfgren hat hier Wunder vollbracht. In fünf Jahren von der vierten in die erste Liga und auf Anhieb Platz vier. Mit elf Neuzugängen, zuletzt kamen im Sommer die US-Heimkehrerinnen Elaine Moura und Madelaine Edlund (früher Umeå IK) vom in den Konkurs gegangenen St. Louis Athletica aus der kränkelnden WPS. Bei Tyresö ist die Deutsche Katrin Schmidt Stammspielerin.In Deutschland kennt man sie vielleicht noch vom FFC Brauweiler Pulheim, wo sie vor gut fünf Jahren von der Florida State University weggelockt wurde.

Katrin Schmidt

Deutscher Exportschlager in Tyresö: Katrin Schmidt ©Rainer Fussgänger

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Katrin Schmidt setzt Akzente
Schmidt spielte ihre zweite Saison in Schweden und sie hat sich wie das Team kontinuierlich gesteigert. Eine Stammspielerin im zentralen Mittelfeld, die zu den Besten in Schweden gehört, aber in Deutschland wohl nur eingefleischten Experten bekannt ist. Dabei wäre die 24-Jährige sicher auch bei dem einen oder anderen Bundesligaclub eine Verstärkung. Doch Katrin gefällt es in Tyresö und das Ziel von Sportchef Löfgren, übernächstes Jahr Meister zu werden, würde sie gerne erreichen.

EM 2013 soll für neue Impulse sorgen
Während in Umeå die Herrlichkeit nach einem enttäuschenden, aber nicht unerwarteten siebten Platz, endgültig vorbei ist und der einstige Europapokalfinalgegner Potsdams, der Stockholmer Traditionsverein Djurgården, dank einer isländischen Torhüterin (Gudbjörg Gunnarsdottir) und einer nigerianischen Stürmerin (Sarah Michael) mit etwas Glück und viel Kampfgeist die Klasse erhielt, rüstet man südlich von Stockholm gewaltig auf. Das Modell Tyresö ist von entscheidender Bedeutung. Gelingt es dem Club, sportlichen Erfolg gepaart mit Zuschauerinteresse (über 1 000 Zuschauer im Schnitt) und schwarzen Zahlen zu schreiben, dann hat der Frauenfußball in Schweden wieder alle Chancen. Nicht zuletzt nach der Vergabe der EM 2013 ins Dreikronenland.

Spannung gab es wenig in dieser Saison. Lediglich der Kampf um den zweiten Abstiegsplatz gestaltete sich dramatisch. Es erwischte am letzten Spieltag Sunnanå SK, den ehemaligen Verein von Bianca Rech und Rebecca Smith. Im Fernduell hatte Hammarby die Nase vorn. Hammarby, das siebzehn Spieltage in Folge auf dem Abstiegsplatz gestanden hatte und sich dann in der letzten Runde rettete.

AIK verzockt sich
Zweiter Absteiger ist AIK aus Solna, das vor zwei Jahren noch mit einem Sieg über Linköping die Meisterschaft zugunsten Umeås entschied. Hier hat man sich sukzessive von seiner Frauenabteilung verabschiedet. Zu teuer. Zu aufwändig. Vor zwei Jahren spielten hier noch Finnlands Legenden Anne Mäkinen und Laura Kalmari sowie die nicht einfache, aber unglaublich erfolgreiche Australierin Lisa De Vanna. Dieses Jahr sollte ein 24-jähriger Trainer mit einem Haufen talentierter, aber vor allem auch preiswerter Spielerinnen das Wunder Klassenerhalt schaffen – oder auch nicht. Essi Sainio muss das erkannt haben und sie zog im Sommer die richtige Konsequenz und bewegte sich ins sonnige Freiburg.

Spielszene Djurgården gegen Hammarby

Spielszene aus der Partie Djurgården gegen Hammarby ©Rainer Fussgänger

Negative Schlagzeilen
Es gibt viele Negativbeispiele. AIK. Djurgården. Umeå. Auch Kristianstad, das in den ersten neun Spielen 17 Punkte holte und danach in 13 Spielen nur noch drei. Das in einer Finanzkrise steckt und das beinahe von Ex-Spielerinnen verklagt worden wäre, weil die auf ihre bescheidenen Vorjahresgehälter immer noch warteten. In Stockholm spielte alles (bis auf Tyresö) gegen den Abstieg und in der sportverwöhnten Hauptstadt liefen die ohnehin nicht zahlreichen Zuschauer weg.

Mangelnde Professionalität
Die Organisation in vielen Vereinen lässt zu wünschen übrig. Es geht nicht an, dass Spielerinnen Trikots waschen oder dass sie nicht wissen, wo sie in vierzehn Tagen wohnen werden. Das ist unprofessionell. Das ist sogar amateurhaft und beinahe schon skandalös. Öffentlichkeitsarbeit beherrschen ebenfalls nicht alle. Das fängt bei den Internetseiten an. Über manche möchte man den Mantel des Schweigens ausbreiten. Am besten ist das bei den Spitzenclubs. Von Malmö lernen heißt siegen lernen. Aber nicht jeder hat das Glück, das ein Kosmetikkonzern mit einem gut gefüllten Safe einsteigt. Die Hoffnung heißt jedoch nicht, wie etwa Linköpings Präsident Anders Mäki fordert, eine zweigeteilte Liga. Das wäre fatal. Die Hoffnung ist, dass die Schweden die EM 2013 als Chance begreifen und schon heute, hier und jetzt anfangen. Die Vereine systematisch entwickeln und professionalisieren. Nicht alles muss Geld kosten. Vieles ist mit durchdachter, freiwilliger Arbeit möglich.

Aufbruchstimmung in Tyresö
Umeås ehemalige Torfrau Sofia Lundgren erzählte mir einmal: ”Vor einem Heimspiel, nach dem Training drückte man uns Spielerinnen vorm Nachhausegehen jeweils acht Plakate in die Hand, die wir aufhängen mussten. Eine Stunde später war die Stadt mit 160 Plakaten gepflastert.” Und Madelaine Edlund, die von Umeå über St. Louis nach Tyresö kam, sagte mir erst zuletzt, dass die entscheidende Rolle bei ihrer Entscheidung für Tyresö war, dass ”sich das irgendwie wie Umeå damals” anfühlte. Die deutschen Frauenfußballfans sollten schon mal nachschauen, wo Tyresö liegt…

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1 Kommentar »

  • Thomas sagt:

    Vielen Dank für den informativen Artikel! Man bekommt hierzulande ja nicht so viel vom schwedischen Frauenfussball mit. Aber diese Zusammenfassung der Saison in Schweden, wirklich top!

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