Klassiker voller Emotionen, Duisburgs Kader zu schwach?

Von am 30. August 2010 – 19.27 Uhr 32 Kommentare

Erst drei Spieltage ist die neue Saison in der Frauenfußball-Bundesliga alt, doch in Potsdam kochten beim Klassiker die Emotionen bereits gewaltig hoch. Beim FCR 2001 Duisburg verschenkte man wie in den vergangenen Spielzeiten überraschend Punkte und sparte hinterher nicht mit öffentlicher Kritik. In Wolfsburg schickte Martina Müller in Sachen Torjägerkanone eine Kampfansage in Richtung Inka Grings, und bei Bayern München machten zwei zuletzt Verschmähte von sich reden.

Zum Spitzenspiel im Karl-Liebknecht-Stadion hatten sich nur enttäuschende 1 707 Zuschauer eingefunden (in der Saison 2009/10 waren es bei diesem Topspiel noch 2 379), doch die sollten ihr Kommen nicht bereuen, sahen sie doch alles, was ein Fußballspiel so packend macht: Emotionen pur, zwei Rote Karten, schöne Tore und für den Gastgeber eine gelungene Aufholjagd in Unterzahl.

Frankfurt bestimmt Anfangsphase
In den ersten 20 Minuten bestimmte der 1. FFC Frankfurt wie schon in Wolfsburg das Geschehen, Turbines Torhüterin Anna Felicitas Sarholz verhinderte gegen Kerstin Garefrekes einen frühen Rückstand und hatte Glück, dass Ariane Hingst einen Schuss nicht richtig traf, nachdem Birgit Prinz mit einem kraftvollen Solo die Turbine-Abwehr hatte schlecht aussehen lassen. In der 24. Minute ereignete sich dann eine Szene, die die Gemüter auch am Tag nach dem Spiel noch erhitzte.

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Kemme und Kahlert sehen Rot
U20-Weltmeisterin Tabea Kemme stand an der Seitenlinie beim Einwurf, Kerstin Garefrekes baute sich nah vor ihr auf, um eine schnelle Ausführung zu verhindern, und die 18-Jährige schleuderte der Frankfurterin den Ball aus kurzer Distanz ins Gesicht. Garefrekes ging zu Boden, Frankfurts Trainer Sven Kahlert ließ sich zu einem Schubser gegen die Potsdamerin hinreißen. Kemme sah von Schiedsrichterin Miriam Dietz für ihre absichtliche unsportliche Aktion genauso folgerichtig die Rote Karte, wie Kahlert, der für seine Unbeherrschtheit auf der Tribüne Platz nehmen musste.

Yuki Nagasato sichert Potsdam den Sieg im Klassiker. (c) Nora Kruse, ff-archiv.de

Entschuldigung von Kahlert
Turbine-Trainer Bernd Schröder nahm seine Spielerin in Schutz: „Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich glaube nicht, dass das eine absichtlich gehässige Aktion war.“ Kahlert meinte nach dem Spiel: „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, in diesem Moment sind meine Emotionen mit mir durchgegangen. Ich möchte mich beim Verein, der Mannschaft und vor allem gegenüber der Spielerin Tabea Kemme für mein Verhalten entschuldigen, das hätte mir nicht passieren dürfen.“ Das DFB-Sportgericht wird in beiden Fällen über die unschöne Szene, die von einer Nachrichtenagentur unangemessen reißerisch zum Skandal aufgebauscht wurde, ein Urteil mit Augenmaß fällen.

Frankfurt verspielt Führung
Als Garefrekes nach Flanke von Sara Thunebro die Frankfurterinnen kurz nach der Pause in Führung brachte, schienen die Karten für den Gast gut zu stehen, doch Frankfurt wusste trotz der Führung im Rücken mit der personellen Überlegenheit nur wenig anzufangen. Im Gegenteil: Turbine ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und agierte kompakt und geschickt. Der sonst an diesem Tag eher blassen Anja Mittag gelang mit einem Traumtor nach starker Vorarbeit von Fatmire Bajramaj der Ausgleich, die eingewechselte Yuki Nagasato ließ die gestandene schwedische Nationalspielerin Thunebro beim Siegtreffer per Kopf wie eine Anfängerin aussehen.

Gelungener Saisonstart für Potsdam
Am Ende stand Frankfurt einmal mehr mit leeren Händen da, Potsdam durfte sich über einen perfekten Start in die neue Saison freuen. „Es ist nur eine Momentaufnahme“, trat Schröder sofort auf die Euphoriebremse, während für Kahlerts Schützlinge nach der bereits zweiten Saisonniederlage nun jedes Spiel Endspielcharakter haben wird. „Die Leistung war aber so, wie wir uns das vorgestellt haben, wir müssen diese aber über 90 Minuten abrufen“, so Kahlerts Fazit. Von der Selbstverständlichkeit, mit der das Team in der Vergangenheit auch Spiele gegen starke Gegner gewann, ist das Team aber noch ein ganzes Stück weit entfernt.

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Duisburg beklagt fehlende Qualität
In der vergangenen Saison patzte der FCR 2001 Duisburg beim 1:1 im Heimspiel gegen den 1. FC Saarbrücken bereits früh, und auch diesmal widerfuhr dem Team ein ähnliches Schicksal. Gegen den Hamburger SV kam das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg nur zu einem glücklichen 2:2, das Inka Grings zwei Minuten vor Schluss per Foulelfmeter sicherstellte. Weder die vereinseigene Pressemitteilung („enttäuschende Leistung“, „sehr schwache Vorstellung“, „ungewohnte Fehler im Spielaufbau“, „eklatante Probleme in der Abwehr“), noch die Trainerin selbst hielten sich mit Kritik zurück. So kritisierte Voss-Tecklenburg „die fehlende Qualität im Kader“. Noch vor wenigen Tagen hatte es geheißen, es werde eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die stark genug sein sollte, die Hanseatinnen zu besiegen. Doch geschwächt durch die Verletzungen von Annike Krahn, Marina Hegering, Alexandra Popp, Stefanie Weichelt und Mandy Islacker sowie die Abstellung von Luisa Wensing zur U17-WM scheinen dem Team gleichwertige Alternativen auszugehen.

Martina lässt es müllern
„Zwei mit links, zwei mit rechts und eins mit dem Kopf“, freute sich Martina Müller über sagenhafte fünf Treffer beim 6:3-Erfolg des VfL Wolfsburg gegen den Herforder SV. Im Spiel gegen den unerfahrenen Aufsteiger konnte die routinierte Stürmerin ihre ganze Cleverness gekonnt ausspielen. Mit ihren Saisontreffern 3 bis 7 katapultierte sie sich an die Spitze der Torschützinnenliste, mit einem Treffer Vorsprung vor Nationalmannschaftskollegin Grings. Es zeichnet sich ab, dass der Duisburgerin in diesem Jahr die Torjägerkanone nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden dürfte. Der durch Leni Larsen Kaurin und Martina Moser belebte Konkurrenzkampf in Wolfsburg setzt auch bei der 30-jährigen Müller noch einmal neue Kräfte frei: „Jede muss im Training 100 Prozent geben, um ihre Aufstellung zu rechtfertigen.“

1:0 für Schlemmer und Mirlach
Für die ersten beiden Saisonspiele beim Herforder SV und gegen den 1. FFC Turbine Potsdam war Bayern Münchens Torhüterin Andrea Schlemmer bei Trainer Thomas Wörle nicht erste Wahl. Eine erfahrene Torhüterin sollte der neu formierten Mannschaft in den ersten Spielen mehr Sicherheit verleihen, Kathrin Lehmann wurde für zwei Spiele als Stand-by-Torhüterin verpflichtet. Doch weil Nr. 1 Kathrin Längert nicht rechtzeitig fit wurde, musste Schlemmer nun doch ran. In ihrem erst vierten Bundesligaspiel zeigte sie beim 1:0-Auswärtssieg gegen den SC 07 Bad Neuenahr eine fehlerfreie Leistung. Die Bayern-Website lobte überschwänglich: „Sie zeigte eine Klasseleistung und parierte einige Male hervorragend.“ Und auch Wörle gestand ein: „Andi Schlemmer machte ihre Sache ruhig und richtig gut!“ Auch U20-Weltmeisterin Steffi Mirlach, gegen Potsdam noch als zu schwach für einen Einsatz eingestuft, ließ Taten sprechen. In der 52. Minute erzielte sie per Kopf den Treffer des Tages.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

32 Kommentare »

  • Webcam sagt:

    „Anne van Bonn war gefrustet. „Die wollen den Ball doch gar nicht“, schimpfte die Abwehrspielerin, als sich wieder einmal keine Mittelfeldspielerin anbot.“ (aus: Der Westen)

    So sieht’s aus, keinen Bock, es läuft sich keine frei – zu satte Nationalspielerinnen, von denen immer noch reichlich auf dem Platz stehen – die aber zudem sofort aufstecken, wenn es nicht direkt fluppt. M.E. auch eine Charakterfrage, kein Kämpferherz, leicht zu frustrieren.

    Und dass der Kader zu dünn ist, das hat sich MVT selbst zuzuschreiben, die den in die Stammelf aufstrebenden Mädels keinen echten Einsatz gibt und sie in die Ferne (oder Nähe, SGE / LEV etc.) vergrault.

    Aber beim FCR merkt ja keiner, was da los ist …

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  • expert1 sagt:

    Beim 2001 macht man in schönen Hotels rumm, Traningslager wie die Weltmeister, der Frauschaftsgeist fehlt, Frau Trainerinn empfehlen wir um den Geist 2001 zu stärken 14 Tage Jugendherberge, und schon sind wieder die Wunden geheilt., Achtung der 1. FFC ist in Lauerstellung.

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