U20-WM: Verschläft Europa die Entwicklung?

Von am 27. Juli 2010 – 8.50 Uhr 21 Kommentare

Deutschland, Kolumbien, Nigeria, Südkorea – Teams von vier verschiedenen Kontinenten haben das Halbfinale der U20-Frauenfußball-WM in Deutschland erreicht. „Toll, dass das so hingehauen hat! Das nenn ich eine echte WM!“, freut sich Womensoccer-Leser „Jan“ und auch Steffi Jones und Franz Beckenbauer zogen nach dem Viertelfinale ein positives Zwischenfazit der Titelkämpfe. Doch die Zusammensetzung des Halbfinales ist auch ein Warnsignal für Europas Frauenfußball.

Gleich drei Außenseiter haben erstmals das Halbfinale eines FIFA-Frauenfußball-Turniers erreicht. Kolumbien, Nigeria und Südkorea wirbeln die Weltkarte des Frauenfußballs in diesen Tagen gehörig durcheinander. Favorisierte Teams wie die USA, Nordkorea, Japan oder Brasilien mussten genauso vorzeitig die Segel streichen wie die europäischen Schwergewicht aus England, Frankreich und Schweden. Und auch die Schweiz, immerhin Halbfinalist der U19-EM 2009 in Weißrussland, verabschiedete sich sang- und klanglos aus dem Turnier. Gastgeber Deutschland ist der letzte verbliebene europäische Vertreter.

Jones: „Feld ist zusammengerückt“
„Bei dieser U20-WM wird sichtbar, wie dicht das Feld zusammengerückt ist“, erklärt  Steffi Jones, OK-Präsidentin der Frauenfußball-WM 2011. „Die Mannschaften haben sich verbessert, sie bekommen mehr Förderung als früher. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass wir noch attraktiveren Fußball sehen“, so Jones über die positiven Aspekte. Doch was für den Frauenfußball im Allgemeinen gut ist, dürfte Europas Frauenfußball-Nationen nicht besonders gefallen. „Wir in Europa müssen aufpassen, dass wir nicht stagnieren, sondern dass wir uns auch weiterentwickeln“, warnt Jones.

Anzeige

Europäisches Trio enttäuscht
Die Teams aus England und Frankreich enttäuschten bei der U20-WM, die Spielerinnen wirkten überspielt, saft- und kraftlos. Englands Trainerin Mo Marley machte den Druck auf ihr Team für das schlechte Abschneiden verantwortlich, Frankreichs Trainer Jean Michel Degrange erklärte, wegen der Belastung aus Liga, U19-EM in Mazedonien und beruflichen Verpflichtungen habe seinen Spielerinnen die körperliche und mentale Frische gefehlt. Und in Schweden hat man sich im Juniorinnenbereich in den vergangenen Jahren einen Rückstand eingefangen, durch verpasste Teilnahmen an großen Turnieren und wegen der Vielzahl von Ausländerinnen in der Liga, die junge Talente reihenweise zu Bankdrückerinnen verkommen ließen. Darüber können auch die beiden knappen Siege gegen Neuseeland und Nordkorea nicht hinwegtäuschen.

2011 noch einmal mit 16 Teams
Doch für die öffentliche Wahrnehmung des Frauenfußballs kann die aktuelle Entwicklung nur gut sein. Wehmut, dass man bei der Frauenfußball-WM 2011 noch mit 16 und nicht wie ab 2015 mit 24 Teams spielen wird, kommt bei Jones dennoch nicht auf. „Bei den Frauen sind die Unterschiede doch noch etwas größer. Ich finde es gut, dass man noch einmal vier oder sechs Jahre Zeit hat, sich weiterzuentwickeln. Die jetzigen U20-Spielerinnen werden dann im besten Alter sein. Ich denke, es war die richtige Entscheidung, noch einmal mit 16 Mannschaften zu spielen.“

Steffi Jones und Franz Beckenbauer

Steffi Jones und Franz Beckenbauer bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Augsburg ©Frank Scheuring/Girlsplay.de

Beckenbauer: „Der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch“
Franz Beckenbauer, Vorsitzender der FIFA-Kommission für die U17- und U20-Frauenfußball-Weltmeisterschaften, ist ebenfalls von den Darbietungen der U20-Teilnehmer angetan: „Die Organisation ist perfekt und die Zuschauerzahlen sind sehr gelungen. Ich denke, dass die FIFA mit dem Wettbewerb und den gezeigten Leistungen sehr zufrieden sein kann. Man sieht, mit welchem Einsatz und welcher Begeisterung die jungen Damen zu Werke gehen. Ich glaube, der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch und es wird in Zukunft immer weniger Unterschiede zwischen den Teams geben.“

Wertschätzung für U20-Teams
Zum Turnier merkt Beckenbauer allerdings auch kritisch an: „Es ist etwas unglücklich, dass zwei Weltmeisterschaften direkt aufeinander ausgetragen werden und vielleicht  ist auch deswegen nach meiner Einschätzung die Berichterstattung über die U20-WM etwas zu gering.“ Doch das schmälert den Gesamteindruck von Jones nur wenig. „Wir sind superzufrieden und haben tolle Zuschauerzahlen. Die Mannschaften haben die Wertschätzung spüren können, wir haben jetzt schon 160 000 Eintrittskarten verkauft. Das zeigt, dass die U20-WM angenommen wurde.“

Tags: ,

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

21 Kommentare »

  • Manne sagt:

    Also, meiner Meinung nach sollte man den Ball mal flach halten. Ich kann nicht erkennen, warum der europ. FF hinter der Entwicklung zurückbleiben sollte oder angeblich geblieben ist. Nur weil von 5 (!) europ. Teams nur zwei das Viertelfinale erreicht haben? Das ist doch nun wirklich kein Anzeichen. Ein schlechtes Turnier (wie von Frankreich und England) sagt doch noch generell nichts aus. Zumal – hallo – wir hier U20-Teams haben, nicht die A-Natios. Da sind die Leistungsschwankungen von Haus aus immer noch grösser.
    Was die deutsche Mannschaft angeht, kann ich ein Gerede von Stagnation schon überhaupt nicht nachvollziehen – als ob es in den letzten 20 Jahren nicht eine rasante Entwicklung gegeben hätte hin zur absoluten Weltspitze, zu einem Niveau, das man sich vor eben 20 Jahren noch nicht hat träumen lassen. Also für Deutschland muß man m.M. nach eindeutig sagen: hier wurde die Entwicklung absolut nicht verschlafen.

    Und für Europa als ganzes? Kann ich auch nicht sehen. Im Gegenteil, überall sind deutliche Fortschritte beim FF zu erkennen. Das kann man doch nicht an einem „Durchhänger“ in der Entwicklung Schwedens oder vielleicht auch Norwegens festmachen, schon garnicht an einem U20-Tief der Engländerinnen und Französinnen. Die Akzeptanz und die Entwicklung des FF zeigt überall nach oben und das spielerische Niveau en gros auch.

    Die Süd- und Mittelamerikanerinnen (die übrigens in ihren Ländern mit viel, viel grösseren Problemen, was v.a. die Akzeptanz angeht, zu kämpfen haben) haben aufgeholt, d.h. heisst aber nicht, dass in Europa die Stagnation ausgebrochen ist. Und balltechnisch waren sie so oder so schon immer gut.

    Also: die anderen haben aufgeholt, nicht mehr und nicht weniger.

    @Jarmusch
    Deine Meinung zur finanziellen Ausstattung und Förderung, da wäre ich zurückhaltender. Da habe ich doch meine ernsthaften Zweifel, ob in Nigeria, Süd-, Mittelamerika von echter Förderung gesprochen werden kann, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Einzig Nordkorea wird mit Sicherheit jegliche staatliche Förderung bekommen haben, die man sich denken kann.

    (0)
  • Detlef sagt:

    Ich halte auch nix von der Behauptung, daß Europa generell die Entwicklung verschlafen hat!!!
    Hier muß man schon innerhalb von Europa distanzieren!!!
    Skandinavien hat ganz klar an Bedeutung eingebüßt!!!
    Das betrifft sowohl Schweden, als auch Norwegen und Dänemark!!!
    Wo dort das Problem im Einzelnen liegt, kann ich nicht nachvollziehen, Fakt ist nur, daß Länder wie England, Frankreich, Holland, Island und die Schweiz mächtig aufgeholt haben!!!
    Auch Spanien und Italien werden in Zukunft sicher eine größere Rolle spielen!!!
    In Europa ist lediglich Deutschland die große Konstante, seit vielen Jahren!!!

    Und wenn man ganz ehrlich ist, so kamen doch die ganz großen Favoriten vor dieser WM, nicht hauptsächlich aus Europa (außer Deutschland natürlich)
    Ganz oben standen die USA, Nordkorea, Brasilien, und vielleicht noch Japan!!!
    Es gab ein generelles Favoritensterben!!!
    Für Länder wie Brasilien und Japan, war das Ausscheiden in der Vorrunde mindestens genauso frustrierend, wie für England und Frankreich!!!
    Und das dann die USA bereits im Viertelfinale ausgeschieden ist, kam schon einer nationalen Katastrophe gleich.
    Für Schweden war das nicht ganz so dramatisch!!!

    Auch bei den Favoriten ist Deutschland die einzige Konstante!!!

    Es bleibt also generell festzuhalten, daß viele frühere Underdogs, jetzt zu den großen Teams aufgeschlossen haben!!!

    (0)
  • laasee sagt:

    @Detlef

    Also, USA failed to qualify for WM U17 in September. Another major setback for them.

    (0)
  • Jan sagt:

    Huch, da werd ich ja zitiert. Mit den Achtelfinals bestand dieser Wunsch bei mir – also 4 Kontinente unter den letzten 4. Bloß äußern darf man ja sowas vorher nicht, sonst wird’s nix. Die Chance dafür war also gegeben, schien jedoch nicht allzu wahrscheinlich. Die 2. solche Konstellation wäre gewesen: N-Korea, Schweden, Mexiko, Nigeria – die aber gleich nach dem 1.VF nicht mehr möglich war – und die wir sicher wenig prickelnd empfunden hätten, gell.

    Und: Kolumbien oder Nigeria im Finale! – wirklich schön für das Eine Team, aber auch absolut schade um das Andere.

    (0)
  • pinkpanther sagt:

    @laasee: Jepp! 2010 ist fussballerisch sicher nicht das Jahr der USA.

    (0)
  • pinkpanther sagt:

    @Markus: Danke für diesen Diskussionsthread! Die verschiedenen Beiträge haben sehr deutlich gezeigt, dass es zu diesem Thema keine Monokausale Erklärung gibt.
    Es wurden viele Argumente bereits aufgeführt, deshalb hier nur die Argumente, die mir am wichtigsten erscheinen:

    1. Europa ist nicht schlechter geworden, sondern andere Nationen holen -insbesondere im taktischen und athletischen Bereich- auf.
    Nicht nur die Europäerinnen, sondern auch die USA mussten das schmerzlich erfahren – ganz zu schweigen davon, dass sie bei der kommenden U17-WM gleich gar nicht vertreten sind.

    2. Bei U-Mannschaften herrscht naturgemäß eine viel höhere Fluktuation als bei den Erwachsenen, d.h. ein einmalig schlechtes Abschneiden (England, Frankreich, Brasilien, Japan – 2008 alle im VF) ist eher eine Momentaufnahme.

    3. England und Frankreich wirkten müde, u.a. da viele der Spielerinnen vorher noch U19-WM gespielt hatten. Hier kommt wohl zum Tragen, dass die U-Wettbewerbe in Europa jedes Jahr ausgespielt werden und -wie bereits oben erwähnt- von deutscher Seite wurde der diesjährigen U19-EM ein niedriger Stellenwert zugewiesen, indem einige Spielerinnen geschont wurden. Vor der EM habe ich mich geärgert, dass Spielerinnen wie Maroszan, Popp oder Svenja Huth nicht aufgeboten wurden, obwohl noch spielberechtigt. Im Nachhinein halte ich dies für eine gute Entscheidung. Mit Ausnahme von Turid Knaak spielen diejenigen Spielerinnen, die schon bei der U19-EM dabei waren, nur eine untergeordnete Rolle bei der WM (Wesely, Kleiner, Bagehorn).

    3. Unterm Strich denke ich, dass die etablierten europäischen Mannschaften ebenso wie die USA aufpassen müssen, weil die anderen Nationen sichtlich aufgeholt haben, aber dass Europa insgesamt die Entwicklung verschlafen hat denke ich nicht.

    @Manne, Detlef: Schließe mich desweiteren eurer Meinung (Argumenten) im Wesentlichen an.

    (0)