U20-WM: Tag der strauchelnden Favoriten

Von am 14. Juli 2010 – 22.21 Uhr 1 Kommentar

Der zweite Spieltag der U20-Frauenfußball-WM in Deutschland brachte nicht nur das erste Eigentor des Turniers, sondern auch gleich mehrere überraschende Ergebnisse. Denn keiner der Favoriten konnte einen Dreier einfahren.

Die Schweiz, im vergangenen Jahr im Halbfinale der U19-EM und damals in der Vorrunde stolzer 3:0-Sieger gegen Deutschland, kam gegen das erst zum zweiten Mal an einer U20-WM teilnehmende Südkorea mächtig unter die Räder. Am Ende war das Team von Trainer Yannick Schwery, das als aussichtsreicher Kandidat ins Turnier ging, mit dem 0:4 (0:2) noch gut bedient. Die Schweizerinnen machten sich das Leben durch zahlreiche individuelle Fehler selber schwer, mussten an diesem Tag aber auch die Klasse der überlegenen und erstaunlich ballsicheren Asiatinnen anerkennen.

Überragende Ji So Yun
Ji So Yun, die bereits als 15-Jährige in der A-Nationalmannschaft ihres Landes debütierte, lieferte eine nachhaltige Kostprobe ihres Könnens. Die 19-jährige Stürmerin mit der Mireille-Matthieu-Gedächtnisfrisur hatte in der Anfangsviertelstunde noch Pech mit einem Pfostenschuss, doch dann erzielte sie drei Treffer (34., 52., 64.), und beeindruckte vor allem mit ihrer Schnelligkeit, Übersicht und ihren technischen Fähigkeiten. Kann sie diese Form im weiteren Turnierverlauf beibehalten, ist sie eine potenzielle Anwärterin auf den Titel „Beste Spielerin des Turniers“. Den vierten Treffer der Asiatinnen steuerte Lee Hyun Young bei (42.).

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Individuelle Fehler
Nur in der Anfangsphase konnten die Schweizerinnen die Partie offen gestalten, doch mit dem ersten Gegentreffer, begünstigt durch eine Unaufmerksamkeit von Bundesligaspielerin Danique Stein, brachen alle Dämme. Es folgten zahlreiche weitere individuelle Fehler, wie der von Torhüterin Nathalie Schwery beim vierten Gegentreffer, als sie den Ball bei einem direkten Freistoß durch die Finger gleiten ließ. Auch vom hoch gepriesenen Sturmduo Ramona Bachmann und Ana Maria Crnogorcevic war trotz aller Bemühungen nur wenig zu sehen, die kompakte Defensive der Südkoreanerinnen ließ nur wenig Spielraum. Trainer Schwery war mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden, wollte aber dennoch eine gute Leistung seiner Mannschaft gesehen haben. Eine Meinung, die ich nicht teile, denn zu fehlerhaft und phasenweise leblos war das Schweizer Spiel, ein echtes Aufbäumen war nach keinem der Gegentreffer zu spüren.

WM-Neuling Ghana ärgert Favoriten
Die USA, einer der heißen Titelanwärter auf den Titel, kamen im zweiten Spiel der Gruppe C gegen das leidenschaftlich kämpfende Team aus Ghana nicht über ein 1:1 (0:1) hinaus. Zum ersten Mal bei der fünften Teilnahme konnten die Amerikanerinnen somit ihr WM-Auftaktspiel nicht gewinnen. Elizabeth Cudjoe brachte den WM-Debütanten mit einem präzisen 30-Meter-Schuss an den Innenpfosten früh in Führung (7.), das US-Team von Trainerin Jill Ellis lief lange dem Rückstand hinterher. Das Kombinationsspiel hakte, Ghana verteidigte geschickt und ließ nur wenige echte Torchancen zu und vermochte sogar, angetrieben von rund 200 lautstarken Fans,  mit gefälligen Kombinationen eigene Akzente zu setzen. Ein Augen- und Ohrenschmaus nach vier Wochen südafrikanischen Vuvuzela-Radaus.

Doch einmal war das US-Team dann doch noch erfolgreich: Sydney Leroux glich aus leicht abseitsverdächtiger Position aus, nachdem sie ausgehend von  Teresa Noyola perfekt von Einwechselspielerin Maya Hayes bedient wurde (70.). Den aufopferungsvoll kämpfenden Westafrikanerinnen gingen am Ende zwar etwas die Kräfte aus, doch sie überstanden auch die fünfminütige Nachspielzeit schadlos und durften sich über einen überraschenden Punktgewinn freuen, gegen ein Team, bei dem noch ein wenig Sand im Getriebe war.

Zwei Remis in Gruppe D
Im ersten Spiel des Tages der Gruppe D zwischen England und Nigeria kam es zum Déjà-vu für beide Teams, denn am Ende hieß es 1:1 (0:1), ein Ergebnis, mit dem man sich auch vor zwei Jahren bei der U20-Frauenfußball-WM in Chile im bisher einzigen Duell beider Länder getrennt hatte. Der U19-Europameister des Vorjahres ging zwar durch einen Kopfball von Kerys Harrop kurz vor der Pause glücklich in Führung (45.), doch in der zweiten Halbzeit wurde Afrikameister Nigeria für seine Überlegenheit belohnt, die sich schon in den ersten 45 Minuten manifestiert hatte.

Druckvolle Nigerianerinnen
Desire Oparanozie gelang nach einer Stunde aus kurzer Distanz der Ausgleich (60.). Mit der athletischen und schnellen Spielweise sowie dem konstanten Druck der Afrikanerinnen hatte das Team von Mo Marley mächtig Mühe, nur selten vermochte man eigene Akzente zu setzen. 13:4-Schüsse zugunsten Nigerias sprechen für einen glücklichen Punktgewinn der Engländerinnen. Marley war deswegen zufrieden, nicht verloren zu haben, Nigerias Trainer Ndem Egan ist überzeugt, dass sein Team in dieser Form ein langer Aufenthalt bei der WM in Deutschland beschert sein wird.

Effiziente Mexikanerinnen
Sechs Treffer und ein Eigentor: In Augsburg durften sich die Zuschauer der Partie Mexiko gegen Japan unter der Leitung von Bibiana Steinhaus nicht über mangelnde Unterhaltung beklagen. Eine halbe Stunde lang waren die Japanerinnen überlegen und führten angetrieben von der starken Mana Iwabuchi verdient mit 1:0, weil Mekumi Takase (19.) nach schöner Vorarbeit von Iwabuchi die Führung erzielt hatte – das Tor erinnerte stark an den Treffer Kolumbiens am Tag zuvor. Doch weitere beste Chancen blieben zunächst ungenutzt, weil die erst 15-jährige mexikanische Torhüterin Cecilia Santiago ihr Talent aufblitzen ließ. Und als Renae Cuellar aus heiterem Himmel den Ausgleich der Mexikanerinnen erzielte (31.), begünstigt durch einen Fehler von Japans Kapitänin Saki Kumagai, waren die Japanerinnen vollends aus dem Konzept.

Iwabuchi rettet Japan Punkt
Charlyn Corral tanzte kurze Zeit später vier Japanerinnen aus, um per Flachschuss zur 2:1-Führung einzunetzen (41.), Nayeli Rangel machte per Kopf die überraschende 3:1-Pausenführung perfekt (45.), nach starkem Antritt und Maßflanke von Stephany Mayor. Der Spielverlauf der ersten Halbzeit war ein wenig auf den Kopf gestellt. Doch Japan fand durch ein Eigentor von Torschützin Cuellar zurück in die Partie (64.), Iwabuchi gelang mit einem Distanzschuss spät, aber verdient der Ausgleich (88.). Das freute auch die von Tokio über München angereisten Eltern Megumi und Daisuke Iwabuchi, die sich bei einem Vertreter des FC Bayern München bedanken durften, dass sie, anders als geplant, nicht zum altehrwürdigen Rosenaustadion fuhren und so den überzeugenden Auftritt ihrer Tochter im WM-Stadion Augsburg nicht verpassten.

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

1 Kommentar »

  • laasee sagt:

    Ji Sun Yun is class.

    (0)