Algarve Cup: Gelungenes Experiment mit kleinen Kratzern

Von am 4. März 2010 – 17.29 Uhr 7 Kommentare

Der 17. Algarve Cup ist vorbei, die von Spiel zu Spiel bunt durcheinander gewürfelte deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft hat mit dem zweiten Platz das beste Ergebnis seit 2006 erzielt und in der Gruppenphase mehr Tore geschossen als jedes andere Team zuvor. Doch die erneute Niederlage gegen die USA dämpfte den positiven Gesamteindruck.

Die Art und Weise, wie sich die DFB-Elf auf dem matschigen Boden des Estádio Algarve in Faro in der ersten halben Stunde wie ein Stier an den Hörnern von den Amerikanerinnen vorführen ließ, enttäuschte und dokumentierte, dass sie gegen offensivstarke Gegner, denen man nicht von Beginn an das eigene Spiel aufzwingen kann, Probleme im Defensivverhalten hat.

Konkurrenzkampf geschürt
„Es wäre doch schlecht, wenn wir nichts mehr hätten, woran wir arbeiten können“, gewann Bundestrainerin Silvia Neid der verdienten Niederlage dennoch Positives ab. „Wir haben viel probiert und wir haben viel gesehen. Wir wissen auch, dass wir noch viel zu tun haben. Aber wir haben viele Alternativen, der Konkurrenzkampf ist eröffnet.“ Flexibilität heißt das Zauberwort, mit dem Neid bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land erfolgreich sein will.

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Positionsspiele
Ein Kader, bei dem die Spielerinnen ohne Leistungseinbußen auf unterschiedlichsten Positionen einsetzbar sind, soll die DFB-Elf unberechenbar und somit nur schwer bezwingbar machen. Und so durfte man Birgit Prinz auf der Sechserposition bewundern, Kerstin Garefrekes mal als linke, mal als rechte Außenverteidigerin, Babett Peter kam hingegen sowohl in der Außen- als auch in der Innenverteidigung zum Einsatz. Kaum eine Spielerin, die sich nicht zumindest einmal auf ungewohntem Terrain bewegen musste.

Alexandra Popp und Nadine Keßler beim Aufwärmen

Die Nachwuchshoffnungen Alexandra Popp (li.) und Nadine Keßler erzielten beim Algarve Cup ihre ersten Tore (FF-Archiv, Nora Kruse)

Jugend forscht
Nadine Keßler von Meister 1. FFC Turbine Potsdam kam zu ihrem Debüt in der Nationalmannschaft und bedankte sich mit einem Tor, auch Alexandra Popp vom FCR 2001 Duisburg konnte ihre Torgefährlichkeit unter Beweis stellen und erhielt ein Sonderlob der Bundestrainerin für ihre proaktive Spielweise. Inka Grings wurde mit sieben Treffern beste Torschützin des Turniers und auch zur besten Spielerin gekürt, auch ohne Prinz als Vorbereiterin trifft die EM-Torschützenkönigin offenbar nach Belieben ins Schwarze, flankiert von den starken Flügelspielerinnen Melanie Behringer und Fatmire Bajramaj oder auch dank der Unterstützung der quirligen Célia Okoyino da Mbabi.

Birgit Prinz in neuer Rolle
Eine der wesentlichen Erkenntnisse im Süden Portugals dürfte für den DFB-Trainerstab gewesen sein, dass Prinz zum Ausklang ihrer Karriere auf der Sechserposition eine neue Heimat gefunden haben könnte. Recht unverblümt schreibt die DFB-Website, dass die deutsche Mannschaft mittlerweile „nicht einmal mehr auf die stürmenden Birgit Prinz angewiesen ist.“ Und Neid urteilte über die Leistung der deutschen Rekordnationalspielerin auf der ungewohnten Position: „Birgit war sehr präsent. Was sie gemacht hat, hatte Hand und Fuß. An Birgit müssen die anderen erst einmal vorbeikommen.“

Defensivprobleme
Erwartungsgemäß erwiesen sich 16 Monate vor der WM nicht alle Experimente als erfolgreich. So fand etwa die umformierte Viererkette mit Kerstin Garefrekes und Bianca Schmidt auf der Außenbahn sowie Sonja Fuss und Babett Peter in der Innenverteidigung kein Mittel, um der Durchschlagskraft des brandgefährlichen US-Duos Abby Wambach und Lauren Cheney und einer wieder erstarkten Carli Lloyd Einhalt zu gebieten. In dieser Formation dürfte man die DFB-Abwehr kaum wiedersehen.

Überlegenes US-Team
Im Finale rächte es sich, dass die Mannschaft in den ersten drei Spielen defensiv nicht gefordert worden war und zudem in Annike Krahn und Ariane Hingst das angestammte Duo in der Innnenverteidigung fehlte. Die schwierigen Platzverhältnisse schienen zudem den deutschen Spielerinnen größere Probleme zu bereiten als ihren US-Kontrahentinnen. „Wir waren in der ersten Halbzeit klar überlegen. Der Sieg gibt uns einen gewaltigen Schub Selbstvertrauen“, freute sich Wambach nach dem diesmal, anders als beim 1:0-Sieg in Augsburg Ende Oktober 2009, verdienten Sieg über den Erzrivalen, der sogar höher hätte ausfallen können, wäre man nicht zu nachlässig mit der Chancenverwertung umgegangen.

Nächste Länderspiele
Nach den nun anstrengenden Wochen im Vereinsfußball mit einem geballten Programm an Bundesligaspielen und den Champions-League-Viertelfinalspielen für Duisburg und Potsdam stehen auch mit der Nationalmannschaft bald die nächsten Highlights auf dem Programm. Am 22. April empfängt die DFB-Elf in Dresden den Weltranglistenvierten Schweden, am 22. Mai geht es über den Atlantik zu einem weiteren Duell mit dem Weltranglistenersten USA. Nicht unwahrscheinlich allerdings, dass dann nicht der beste Kader zur Verfügung stehen wird. Denn am 20. Mai findet in Getafe, einem Vorort Madrids, das Finale der UEFA Champions League statt, ein deutscher Finalteilnehmer wäre keine große Überraschung.

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Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @Markus
    Wo kann ich mit meiner Unterschrift zumindest die beiden ersten Absätze ohne Zaudern + Zucken unterschreiben? 😉
    (Soll aber nicht heißen, dass der Rest nicht zutrifft!)

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  • Brandy74 sagt:

    Bis auf einen Punkt kann ich dem ganzen zustimmen: Ein großes Problem, warum die Abwehr gegen die USA so gewackelt hat ist für mich die Tatsache,dass sie in dieser Form nicht eingespielt ist und die bisherige Einsatzzeit von einer B. Schmidt in der Natio bisher auch nicht so groß war. Schade das man die Spiele dieses Jahr nicht im TV bewundern konnte.

    Die Erkenntnis von Frau Neid,dass B. Prinz nicht mehr die Superstürmerin ist,kommt 1-2 Jahre zu spät.Ich denke auf der 6er ist sie mit ihrer Übersicht und Erfahrenheit gut aufgehoben

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  • Detlef sagt:

    Zitat:“In dieser Formation dürfte man die DFB-Abwehr kaum wiedersehen.“
    Also dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen!!!
    Es war ein Test, und den haben die Spielerinnen zumindest jetzt noch nicht bestanden!!!
    Aber es ist noch über ein Jahr Zeit, dass sich diese Abwehr einspielen kann!!!
    Bei den Chancen der Amis konnte man klare Abstimmungsprobleme in der Deutschen Abwehr sehen!!!
    Das wird sich aber geben, wenn man öfter zusammen spielt!!!
    Es bleibt natürlich zu befürchten, dass SN trotz fleißigem Testen, an ihren „verdienten Spielerinnen“ festhält, wenn es wirklich drauf ankommt!!!

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  • Steffen sagt:

    Wenn sie es besser können, warum nicht!

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  • Mini sagt:

    aber es bringt auch nichts immer an den gleichen festzuhalten..schließlich sieht man ja dass mal ein paar spielerinnen verletzungsbedingt ausfallen…und dann steht man da mit einer abwehr die nicht eingespielt ist..

    und bis zur WM ist noch einige Zeit..die spielerinnen werden auch nicht jünger..also sollte man noch ein paar jüngere ranziehen und testen was das zeug hält..wir haben schließlich nen titel zu verteidigen 😉

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  • Detlef sagt:

    @mini,
    es ist leider zu befürchten, dass die vielen englischen Wochen, die uns im nächsten Winter bevor stehen werden, auch einige Stammspielerinnen der Natio zum Opfer fallen!!!
    Schon deswegen ist es unabdingbar, dass wir genügend Auswahl haben werden!!!

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  • Mini sagt:

    @detlef…

    da hast du vollkommen recht..Frau Neid sollte sich die nächsten Wochen gut und viel umschauen..und noch einige spielerinnen zumindest auf abruf bereithalten..

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