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Da simmer dabei, dat is prima

Von am 9. Dezember 2009 – 15.18 Uhr 4 Kommentare

Musikalische Untermalung und eine eingängige Melodie für das erste eigenständige DFB-Pokalfinale der Frauen in Köln – die Grundidee war sicherlich aller Ehren wert. Dass ausgerechnet ein Karnevalssong zur Pokalhymne erkoren wurde, dürfte nicht bei allen Anklang finden, doch er passt perfekt in die Gesamtstrategie.

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„Viva Colonia“ und die „Höhner“ haben ihren festen Platz in der Karnevalshochburg Köln. Und da lag es offenbar nahe, die Allzweckmelodie, die sich in den vergangenen Jahren auch in den Zelten des Münchner Oktoberfests als stimmungsmachender Gröhlsong in alkoholgeschwängerter Umgebung etabliert hat, mit einem eigenen Text auch für den Frauenfußball kompatibel zu machen.

Interessant ist die Songauswahl in zweierlei Hinsicht: Einerseits zementiert sie Köln latent bereits als festen Austragungsort für das DFB-Pokalfinale, obwohl das Endspiel dort ja erst einmal nur testweise stattfinden sollte. „Die Entscheidung über die Vergabe für die Frauen-Endspiele ab 2011 fällt erst nach der Auswertung des Finales 2010“, hieß es noch im Frühjahr in einer Pressemitteilung des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Warum also nicht ein Lied, dass unabhängig von geographischen Festlegungen den Frauenfußball ins rechte Licht rückt?

Frauenfußball als Familienevent
Doch „Viva Colonia“ passt umso besser in die zunehmenden Bestrebungen, Frauenfußballspiele nicht mehr als Sportveranstaltungen, sondern als spaßige Familienevents zu vermarkten. „Jene Klientel eben, die im Männerfußball allmählich fernbleibt, weil sie durch die extreme Entwicklung der Finanzen distanziert und durch die wachsende Hooligankultur verunsichert ist“, schrieb die Süddeutsche Zeitung bereits im Oktober 2007, als Deutschland in Zürich zum WM-Gastgeber 2011 ernannt wurde. Und so gibt es etwa rund um die Länderspiele inzwischen neben Torwandschießen, Schussgeschwindigkeitsmessung und Fanbussen auch Kinderschminken und Face-Painting. Ein erster Vorgeschmack auf die Frauenfußball-WM 2011 im eigenen Land.

„Die Frauen-WM 2011 soll ein Event für die ganze Familie sein. Also ist auch unsere gesamte Ticket-Konzeption überaus familienfreundlich“, sagt OK-Präsidentin Steffi Jones. Und so gibt es Familien-Ermäßigungen mit Rabatten bis zu 50 Prozent auf allen Plätzen, Tickets sind nicht personalisiert und können weitergegeben werden. Denn über die niedrigen Ticketpreise lassen sich zwar kaum Gewinne erzielen, doch die Auslastung der Stadien wird erhöht. Und je größer das Angebot neben dem Platz, desto größer die Wahrscheinlichkeit, auch Zuschauer ins Stadion zu locken, die dem Frauenfußball bisher den Rücken zugekehrt haben.

Zunehmende Kommerzialisierung
Je länger die Verweildauer der Familien in den Stadien, desto mehr Euros bleiben dank konsumfreudiger Kundschaft in den Kassen von Verband und/oder Stadionbetreiber hängen. „Das Marktpotenzial bei den Männern ist im Fußball fast vollständig ausgeschöpft, bei den Frauen liegt es bis jetzt noch fast vollständig brach“, sagt Marianne Meier, Projektleiterin und Geschlechterforscherin bei der Swiss Academy for Development (SAD) im Zentrum für Sport und Entwicklung. „Deshalb unternimmt die Sportindustrie alles, um die weibliche Fußball-Leidenschaft zu wecken.“ Denn der kommerziell unterentwickelte Frauenfußball soll auch in der Vermarktung neue Wege gehen.

Er soll in Zukunft frische Einnahmen generieren, da im Männerfußball eine Sättigungsgrenze erreicht zu sein scheint. Volle Stadien sollen die TV-Anstalten zu mehr Übertragungen animieren. Bei Länderspielen geht dieses Konzept inzwischen hervorragend auf, und auch beim Großereignis Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 sollte es nur wenige Probleme geben. Auch der europäische Fußball-Verband (UEFA) hat seinem höchsten Vereinswettbewerb für Frauen vor der Saison ein neues Image und eine neue Identität verpasst. Die UEFA Women’s Champions League soll sich in den kommenden Jahren als Marke etablieren. „Wir glauben, dass durch die Änderung des Formats sowie des Namens und der Markenidentität – als Teil der Neupositionierung des Wettbewerbs – die Anziehungskraft und rechtmäßige Position neben dem Top-Wettbewerb der UEFA für Männer, die UEFA Champions League, gesteigert wird“, so UEFA-Wettbewerbsdirektor Giorgio Marchetti.

Fokus auf Familien nicht unproblematisch
Im Zuge der generell familienfreundlichen Entwicklung haben sich im vergangenen Jahrzehnt viele Stadien zu modernen Event-Arenen entwickelt, mit bequemen Sitzen, einer großen Anzahl Toiletten (vor allem für Frauen) und reserviertem Stellplatz im Parkhaus. Denn je mehr Frauen und Kinder im Stadion, desto aggressionsloser ist die Stimmung, wie Studien ergaben. Den Frauenfußball-Gegnern spielt das familienfreundliche Konzept ebenfalls in die Karten, denn so lässt sich der wachsende Frauenfußball auch weiterhin gut vom (echten) Männerfußball abgrenzen. Und so lästerte so mancher Besucher beim Länderspiel Deutschland gegen die USA in Augsburgs ausverkaufter Impuls-Arena darüber, dass nur „quietschende Schulkinder“ für ein volles Stadion gesorgt hätten.

Ein negativer und bisher nur wenig beleuchteter Aspekt: Fußball als Familienevent führt weitere strukturell homo- und transphobe Motive in den Stadien ein. „Die explizite Ansprache von Familien schließt jede andere mögliche Form des Zusammenlebens aus bzw. macht sie zumindest unsichtbar. Homo- und Transsexualität haben im Stadion ebenso wie auf den Fanmeilen weiterhin nichts zu suchen.“

Markus Juchem (49) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

4 Kommentare »

  • Christian sagt:

    Zitat: >>Ein negativer und bisher nur wenig beleuchteter Aspekt: Fußball als Familienevent führt weitere strukturell homo- und transphobe Motive in den Stadien ein. „Die explizite Ansprache von Familien schließt jede andere mögliche Form des Zusammenlebens aus bzw. macht sie zumindest unsichtbar. Homo- und Transsexualität haben im Stadion ebenso wie auf den Fanmeilen weiterhin nichts zu suchen.“>>
    Zum im Beitrag zitierten Artikel fehlen leider Verfasser- und Datumsangabe.
    @Markus: Teilst du die Meinung mit dem von dir verlinkten Artikel?
    Ich finde diesen Blickwinkel zwar durchaus interessant, empfinde die darin gegebene Sachverhaltsbeschreibung aber doch recht klischeehaft und platt.

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  • Markus Juchem sagt:

    @Christian: Ich finde es grundsätzlich einen interessanten Aspekt, der mir bisher in der Familien-fokussierten Ausrichtung fehlt. Aber ich gebe Dir Recht, dass die Argumentation im verlinkten Beitrag an einigen Stellen etwas kurz greift.

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  • Tom Schlimme sagt:

    Zitat:
    „Die explizite Ansprache von Familien schließt jede andere mögliche Form des Zusammenlebens aus bzw. macht sie zumindest unsichtbar. Homo- und Transsexualität haben im Stadion ebenso wie auf den Fanmeilen weiterhin nichts zu suchen.“

    Also mit dem Satz habe ich auch große Probleme. Aus einigen Gründen. Erstens mal frage ich mich, wieso sich Homosexualität und Familie überhaupt ausschließen sollen. Sind homosexuelle Menschen nicht auch Bestandteil von Familien? Oder werden Homosexuelle so stark ausgegrenzt, dass sie in den Familien unserer Gesellschaft nicht mehr vorkommen?

    Und können homosexuelle Menschen wirklich nicht selber genauso Familien gründen wie die anderen auch? Beispiel aus dem Frauenfußball: Vor kurzem war zu lesen, dass die schwedische Nationalspielerin Victoria Svensson, jetzt Sandell-Svensson, ihre Lebensgefährtin geheiratet hat und Mama wird, weil nämlich eben diese Lebensgefährtin nach künstlicher Befruchtung ein Kind erwartet. Was ist das denn dann anderes als eine Familie?

    Und wenn diese Familie Svensson-Sandell dann mit Kind auf dem Arm im Publikum eines Frauenfußballspiels erscheint, wer sollte dann damit ein Problem haben?

    Wer heute seine Augen nicht ganz zu macht, sieht im Stadion, dass dort auch Lesben unterwegs sind. Dazwischen springen auch heute schon Kinder umher, Frauenfußball ist nämlich heute schon eine familienfreundliche Sportart, und niemand hat da irgend ein Problem mit. Ich finde es klasse, wenn die Kinder, soweit sie das überhaupt mitkriegen, einen unbefangenen Umgang mit unterschiedlichen Lebensentwürfen ganz locker mitbekommen.
    Von daher sehe ich auch keinen Grund, wieso man die Stärke des Frauenfußballs, dass er familienfreundlich ist, nicht weiter herausarbeiten sollte.
    Jedenfalls keinen, der mit Homophobie zu tun hätte.

    Auf was wollen die Autoren des fraglichen Satzes denn hinaus? Wünschen sie sich den Frauenfußball als abgeschottetes Terrain für Homosexuelle – Familien unerwünscht? (Lesbenpaare mit Kindern werden als Ausnahme geduldet)???

    Also, mein Senf zum Thema: Homosexualität und Familie schließen sich nicht aus. Unterschiedliche Lebensentwürfe sollten positiv gesehen werden, sich gegenseitig als Berreicherung der Möglichkeiten verstehen und deswegen sollte man die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen nicht scheuen, sondern fördern.

    Was mich eher stört am familienorientierten Konzept ist, dass ich die Gefahr sehe, dass der Sport in den Hintergrund tritt, die sportliche Leistung in Abrede gestellt wird.
    Aber damit wird man umgehen können, einfach durch Leistung.

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  • Fuxi sagt:

    Tom, beim letzten Absatz bin ich voll bei Dir. Mein erster Gedanke beim Jones-Zitat („Die Frauen-WM 2011 soll ein Event für die ganze Familie sein.“) war: Sie darf halt nur nix mit Fußball zu tun haben, das kost‘ ja wieder Geld…

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